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Leadership in VUCA Zeiten

Machtspiele fördern den Intellekt

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Machtspiele fördern den Intellekt?!

Macht macht die Mächtigen klüger, ehrgeiziger, konzentrierter und mutiger.

Ian Robertson, Neurowissenschaftler und Klinischer Psychologe am Trinity College in Dublin hat erforscht, dass Macht den Testosteronspiegel erhöht, was in Folge die Laune, die Innovationskraft, den Mut, aber auch die Selbstbezogenheit und den Egoismus steigen lässt.[1] Niccolò Machiavelli, einer der großen Menschen- und Politikkenner, schreibt vor 500 Jahren in seinem Buch „Der Fürst“:[2]

„Man sieht, dass die Menschen verschieden vorgehen, um zu dem Ziel zu kommen, das ihnen vorschwebt, nämlich zu Ruhm und Reichtum: Der eine geht mit Zurückhaltung vor, der andere feurig, ein dritter braucht Gewalt, wieder ein anderer List, ein weiterer wendet Geduld an, ein anderer das Gegenteil davon.“

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In meinem Artikel „Macht verändert das Verhalten – von jedem“ habe ich mich dem Themenfeld Macht schon einmal anzunähern versucht. Heute möchte ich mich von einem anderen Blickwinkel aus erneut der Macht zuwenden, den …

Strategien der Macht

  • 40 Prozent der Zeit verbringt man damit, aufzupassen, wer am Stuhl sägt.

  • 30 Prozent sägt man an anderer Leute Stühle,

  • und 30 Prozent arbeitet man im Sinne der Sache.[3]

Das gibt doch zu denken. Und es passt geradezu perfekt zu dem, was ich aktuell vor meiner Haustür in Salzburg miterleben darf – die Salzburger Festspiele. Dieses weltweit bedeutendste Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst steht in diesem Jahr unter dem Motto: Strategien der Macht.

Vielleicht denken jetzt manche von Ihnen, dass Sie neben ihrem Beruf absolut nicht die Zeit haben auch noch Business ferne Gebiete, wie beispielsweise das Treiben von Festspielen, zu beleuchten. Sie brauchen schnell Lösungen und keine philosophisch, künstlerischen Reflexionseinheiten.

Ich möchte Ihren Arbeitsalltag bereichern und Ihnen zeigen, dass ein Perspektivwechsel gut tut. Ich verspreche Ihnen, dass Sie beispielsweise durch einen Ausflug zu den Salzburger Festspielen nicht nur persönlich berührt werden, sondern möglicherweise auch ihre beruflichen Kompetenzen erweitern. Die Trennung zwischen Beruf und Privat, zwischen beruflichen und persönlichen Interessen, mag zum einen sehr wichtig und richtig sein, aber zum anderen geht damit auch manches an wichtigen Einsichten verloren. Kleiner Nebenhinweis: Die Generation Y, die „Neuen Götter im Management[4]“, geht hier schon anders vor. Und die Kunst ohnehin.

So möchte ich Sie jetzt einladen, trotz Zeitnot, unangenehmer Herausforderungen und drängender, möglicherweise nicht vorhandener Lösungen, Ihren beruflichen Blick, Ihre beruflichen Strategien mit Hintergrundinformationen zu den Salzburger Festspielen zu verbinden – „Design Thinking for Leadership[5]“ zu betreiben.

Macht und Ohnmacht sind ein unzertrennliches Paar

Bettina Herring, Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele, sieht aktuell in Bezug auf das Treiben der Macht den Schatten, die Ohnmacht, immer stärker wirken. Das löst selbstverständlich Ängste aus und aktiviert Strategien, die ohne dem Druck, Macht zu verlieren, vielleicht so in der Heftigkeit gar nicht zum Zug kommen würden. Mag sein, dass der Dieselskandal ein Strategieversuch war, gewisser Machtverluste zu entrinnen.[6]

Bettina Herring spricht von ohnmächtigen Zeiten, die das Aggressionspotential in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhöhen.

Im Programm der Salzburger Festspiele 2017 werden die Schatten der Macht überall sichtbar. In der Oper Lady Macbeth von Mzensk wirkt der Schatten, Fremdbestimmtheit und Ohnmacht, in dramatischer Weise. In Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ findet man das Arbeiten der Macht durch Religion und Moral. Auch wenn heute in Zeiten der Säkularisierung Religion und Moral im althergebrachten Sinn nicht mehr wirken, so werden neue Werte auf das Podest gesetzt, entsprechend angehimmelt und nachgeeifert. Diese neuen Werte wirken dann ähnlich wie die Alten, sie bekommen Macht und irgendwann Übermacht. Auf dem Programm steht auch Mozarts letzte Oper „La clemenza di Tio“ in einer spannenden Inszenierung. In dieser wird nichts weniger verhandelt als die Macht der Demokratie, die Auseinandersetzung mit Strategien, Zumutungen, Grausamkeiten der Macht und die große Chance der Vergebung. Peter Sellars, der Regisseur, findet die Auseinandersetzung von Mozart mit Demokratie äußerst bewegend. Denn zu Mozarts Zeit gab es Demokratie noch gar nicht, es war ein Wunsch, eine Idee, eine Vision, der Mozart damals gefolgt ist.[7]

Heute leben wir hier in Europa und in manchen anderen Ländern der Welt angeblich demokratisch organisiert. Wir setzen uns angeblich mit den komplexen, demokratischen Grundsätzen auseinander. Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer öfter, dass die Demokratie missbraucht und untergraben wird. Hans Herbert von Arnim schreibt in seinem Buch „Die Hebel der Macht und wer sie bedient“, welcher Mittel und Methoden sich die politische Klasse bedient, um die Regeln zu ihrem Vorteil umzugestalten. So kommt es, dass eine Ein-Mann-Herrschaft unter dem Deckmantel der Demokratie installiert werden kann– siehe Beispiel Türkei.[8],[9]

Die Mächtigen sind einsam und müssen ständig Sorge tragen, ihre Macht zu verlieren. Das macht die Mächtigen schwach, verwundbar und damit gefährlich und aggressiv.[10]

Das ist die Aussage von Wolfgang Müller-Funk. Und auch im Stück „Lear“, das am Ende der Salzburger Festspiele am Programm steht, geht es um die Einsamkeit der Macht, an dem Irre werden an der Macht. Die Mächtigen sind im Argwohn, Sie wissen, dass die anderen auch die Macht haben wollen, die sie selbst jetzt gerade besitzen. Hier beginnt die Figur des Machthabers, der Machthaberin unangenehm zu wirken. Diese fühlen sich bedrängt und beginnen alle, die ihre Macht bedrohen könnten, auszuschalten.[11] Clemens Sedmak, Theologe und Philosoph, hat in Interviews für sein Buch „Mensch bleiben in der Politik“ festgestellt:[12]

Die befragten Mächtigen gaben zu, dass Macht einen verändert. Doch sie sahen die Gefahr der Korruption durch Macht immer nur bei den anderen, nicht bei ihnen selbst als Mächtige.

Hier zeigt sich sehr deutlich, dass die Selbstwahrnehmung verzerrt bzw. vernebelt ist. Das mag jetzt keine Anschuldigung sein. Es ist normal, dass man sich selbst anders sieht als andere. Aber gerade deshalb ist es so wichtig als Person mit Verantwortung, gerade auch in der Wirtschaft, diese Verzerrungen und Verneblungen von sich selbst zu kennen bzw. zu erkennen.

Die chronische Überforderung und die große Verantwortung der Mächtigen, dass diese oft so tun müssen, sie wissen alles, was aber gar nicht möglich ist, treibt das Machtspiel an.[13]

Die Verwundbarkeit der Macht muss kaschiert werden. Macht und Schwäche lassen sich nur schwer vereinbaren, und so bedarf es entsprechender Inszenierungen. Das wusste auch schon der im 17. Jhdt. lebende französische Denker, Blaise Pascal.[14] So verwundert es vielleicht nicht, dass die Mächtigen durch entsprechenden Status, große Dienstwagen, viel Besitz, … ihre Macht und den damit verbundenen Erfolg bestmöglich zu untermauern versuchen. Aber sich der Macht verwehren, ist auch nicht die Antwort, so die Meinung von Doron Rabinovici, Historiker und Autor. Wer nichts tut, mit dem wird was getan. Die ZuschauerInnen stimmen mit Ihrer Zurückhaltung dem Tun und Wirken der Macht zu, und sind damit streng genommen mitschuldig.[15]

So gesehen kann man einem machtbesessenen Management nicht ganz alleine die Schuld zuschieben. Fehler oder Missstände entstehen gemeinsam. Aus dieser Sichtweise heraus ist es vielleicht für MachthaberInnen etwas leichter, ihre Fehler, Schwächen oder Ängste zuzugeben, um daraus gemeinsam bessere Lösungen für alle zu finden. Es zeigt sich sogar eine Art Verlockung, sich Mächtigen anzuschließen, um selbst nicht die Bürde der Macht zu tragen. So darf man vielleicht wirklich nicht immer nur mit dem Finger auf die Mächtigen zeigen, sondern auch jene etwas rütteln, die die Macht auf andere abschieben bzw. meinen, sie hätten keine Macht.

Die VertuscherInnen, MitläuferInnen und Ja-SagerInnen geben Ausschweifungen der Macht freien Raum zur Entfaltung, wie beispielsweise im Dieselskandal.[16]

Das habe ich vor längerer Zeit in meinem Artikel „Goethes Faust besucht die Wirtschaft“ angesprochen. Die Spiele der Macht sind unglaublich stark – für die gerade in Machtposition Sitzenden, wie auch für die ZuschauerInnen bzw. MitläuferInnen. Deshalb braucht es in Bezug auf das Verständnis und Wirken der Macht, sehr viel Menschenverständnis wie auch Selbsterkenntnis. Das fordert die Übernahme von Verantwortung, für sich selbst und für andere. Das heißt mit den Worten von Elisabeth Bronfen, Kulturwissenschaftlerin, sich selbst beschneiden können und das eigene Begehren zügeln. Das braucht schon sehr viel Selbstdisziplin und Überwindung von Verführungen, u.a. Boni widerstehen. Es braucht darüber hinaus Mut, den persönlichen Einfluss durch Macht neu zu verhandeln und die persönliche Macht damit zu beschränken.[17] Etwas, was gerade jetzt in der deutschen Politik und der Politik nahstehenden Wirtschaft lt. Meinung von Hans Herbert von Arnim nicht mehr gegeben ist.

Wer Macht hat bzw. wer mit Macht verantwortungsbewusst umgehen möchte, der braucht mit den Worten von Edzard Reuter eine Art Wächter.[18]

Festspiele könnten u.a. eine solche Aufgabe übernehmen. Festspiele überprüfen die gesellschaftliche Situation.[19] Im Fall der Salzburger Festspiele 2017 heißt das, die Strategien der Macht für eine breite Öffentlichkeit sichtbar und spürbar werden zu lassen. Festspiele bzw. die Inszenierungen der Festspiele werden zum Spiegel, indem man sich selbst erkennen kann. Das Bild der starken Mächtigen bröselt ohnehin, aber gerade deshalb werden die Mächtigen auch wieder menschlich.

Über schwächelnde Mächtige wird jedoch in Managementkreisen kaum bzw. nur sehr ungern gesprochen. Und genau das macht die Mächtigen gefährlich: Verdrängte Ängste führen zu unkontrolliertem Aktionismus, zu Aggression und Arroganz.[20]

Selbst in der Forschung findet man bisweilen nur wenige repräsentative oder verlässliche Aussagen zu den Entwicklungen oder zur Verbreitung der Ängste von Führungskräften. Gabi Harding, Arbeits- und Organisationspsychologin, meint, es gäbe eine Art wissenschaftliche Ignoranz dem Thema gegenüber. Lange Recherchen brachten ihr jedoch das Ergebnis, dass Führungskräfte sich mit drei Hauptformen von Ängsten konfrontiert sehen: die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Versagen und die Existenzangst. Ein Interviewter brachte das, was die ManagerInnen bewegt, auf den Punkt: 40 Prozent der Zeit verbringe ich damit, aufzupassen, wer an meinem Stuhl sägt. 30 Prozent säge ich an anderer Leute Stühle, und 30 Prozent arbeite ich im Sinne der Sache. Diese Aussage haben Sie bereits zu Beginn dieses Artikels gelesen. Diese Aussage finde ich persönlich ziemlich drastisch, und sollte auch nach der Meinung von Harding weit mehr öffentliche Beachtung finden.[21]

Harding findet es dringend notwendig über die Tabus, Angst im Management, zu sprechen.

Sie beklagt sich, dass sie gegenwärtig keine Initiative kennt, die sich öffentlich der Ängste im Management annimmt. Die ManagerInnen müssen für sich selbst initiativ werden, sofern sie ihre Ängste überhaupt wahrzunehmen bereit sind. Das tun die wenigsten, weil bereits ein kurzer Blick in das Reich möglicher Ängste, die Auseinandersetzung damit blockiert.[22] So kommt es, dass beispielsweise unter dem Deckmantel „Komplexität meistern“ eigentlich die Bewältigung von Ängsten angegangen werden möchte. Das ist meinem Empfinden und meiner Erfahrung nach sehr legitim. Es braucht viel Vertrauen und Mut, Schwächen zuzugeben. Wenn es hilft sich indirekt den heiklen Themen zu nähern, dann ist das ein guter Start für wirksame Gefühlsbewältigungsstrategien, für ein stärkendes „Embodiment Management[23]“.

Strategien im Umgang mit Macht und Ohnmacht

Zum Abschluss von diesem Artikel möchte ich Ihnen kurz 3 Strategien anführen, mit deren Hilfe Sie meiner Erfahrung nach Ihre Konfrontation, möglicherweise Ihren Leidensweg mit Macht und Ohnmacht besser in den Griff bekommen können.

  1. Achtsamkeit und Stressbewältigung in Verbindung mit Einsicht, ist ein wesentlicher Punkt. Mehr dazu finden Sie u.a. in meinen Artikeln „Slowness“, „Die unerwartete Revolution in Unternehmen“ und „Demut – eine neue Managementstrategie?!“.

  2. Mehr Erkenntnis über die limbischen Prägungen und damit verbundenen Verhaltensweisen verbessern ebenfalls den Umgang mit Macht. Nähere Informationen dazu finden Sie auf meiner Webseite Embodiment.

  3. Vergeben ist ein besonders delikater Punkt, und wird im Business kaum angesprochen. Vergeben, so wie es beispielsweise bei den Salzburger Festspiele in Mozarts Oper „La clemenza di Tio“ so eindrucksvoll gezeigt wird. Vergebung hat Macht!

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://blog-wagner-consulting.eu/macht-veraendert-jeden/.
[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/machiavelli-trifft-auf-hoeness-und-die-amigo-bande-a-898388.html. Am 2017-08-07 gelesen.
[3] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[4] http://blog-wagner-consulting.eu/die-neuen-goetter-im-management/.
[5] http://leadership-dojo.eu/design-thinking-for-leadership/.
[6] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[7] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[8] https://www.kopp-verlag.de/Die-Hebel-der-Macht-und-wer-sie-bedient.htm?websale8=kopp-verlag&pi=125045&ci=000401.
[9] http://www.uni-speyer.de/files/de/Lehrst%C3%BChle/ehemalige%20Lehrstuhlinhaber/VonArnim/Fachveroeffentlichungen/NVwZ13_2014.pdf.
[10] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[11] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[12] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[13] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Blaise_Pascal.
[15] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[16] http://blog-wagner-consulting.eu/goethes-faust-besucht-die-wirtschaft/.
[17] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[18] http://blog-wagner-consulting.eu/goethes-faust-besucht-die-wirtschaft/.
[19] http://www.deutschlandfunk.de/salzburger-festspiele-auseinandersetzung-mit-strategien-der.911.de.html?dram:article_id=391197. Am 2017-08-07 gelesen.
[20] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[21] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[22] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[23] http://leadership-dojo.eu/embodiment/.

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Bildungs-Allergien im Management überwinden

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Bildungs-Allergien im Management überwinden

Ein höheres Bildungsniveau ist nicht nur erforderlich, sondern dank der neuen Technologien auch möglich.[1] Unmengen an Lerntipps stehen jedem zur Verfügung.

  • Doch genügt das, um Lernen, Fort- und Weiterbildungen tatsächlich erfolgsversprechend zum Wirken zu bringen?

  • Wann ist es wirklich notwendig, eine Fortbildung anzusetzen?

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Was die Kompetenzen und damit das Wissen der Führungskräfte und CEOs betrifft, da scheiden sich die Geister. Außenstehende würden sagen, dass das Management heute im Jahr 2017 einiges zu Lernen hat. Das Management selbst sieht das vielleicht nicht ganz so. Am Beispiel der Digitalen Kommunikation zeigt sich, dass Deutschlands Management doch einiges zu Lernen hat.

Im Social-Media-Ranking steht Deutschland gemeinsam mit Russland auf dem letzten Platz weltweit.[2]

Den einzigen Dax30-CEO, den man auf Twitter findet, ist Bill McDermott von SAP. Ihm folgen 33.500 Personen, und über sein Linkedin-Profil ist er mit 179.400 Personen verbunden.[3] Der Ökonom Thomas Straubhaar meint, in Kinderzimmern findet sich mehr digitale Kompetenz als in den Chefetagen der Wirtschaft.[4] Das sei bedenklich. So entrinnt den Führungskräften ein großes Potential. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktivität von MitarbeiterInnen durch die Einführung eines Social Internet zwischen 20 und 25 Prozent steigen könnte.[5]

Doch der Einsatz der Social-Media-Tools verlangt zum einen die Kompetenz, richtig damit umzugehen und den Mut, die damit verbundenen Veränderungen und Lernfelder in Angriff zu nehmen.

Heute möchte ich jedoch weniger den Punkt, was gelernt werden sollte, sondern das Lernen als solches betrachten. Am Schluss von diesem Artikel möchte ich 5 Tipps anführen, die meiner Meinung und Erfahrung nach für eine nachhaltig wirksame Fortbildung im Erwachsenenalter notwendig sind.

Überheblichkeit und Angst bremsen Bildungsmaßnahmen

Mit Adorno beginnt Bildung nicht damit, etwas zu wissen, sondern damit, zu wissen, was man nicht weiß.[6]

Arnold Schwarzenegger, Ex-Gouverneur und Filmstar, sagt von sich, dass er während seiner Zeit als Gouverneur sich mit Leuten umgeben hat, die viel klüger waren als er. Donald Trump rät er, mehr zu lesen. Es sei seine Verantwortung, sich besser zu informieren.[7] Das verlangt jedoch die Einsicht, in gewisser Weise sogar Demut, dass man erkennt, dass der eigene Wissensstand und manche Verhaltensweisen, insbesondere in hochkomplexen Zeiten wie heute, überholt sind. Die Arbeitswelt 4.0 verlangt unglaublich viel Fachwissen und ein äußerst breitgefächertes Verhaltens-Know-how in Bezug auf Agilität, Kollaboration und Innovation für einen erfolgsversprechenden Umgang mit den Herausforderungen der VUCA-World.[8]

Wie schon öfter in meinen Artikeln erwähnt, werden die mit den neuen Kompetenzen einhergehenden Fähigkeiten in den Aus- und Weiterbildungen jedoch kaum ausgebildet. Prof. Dr. Gunter Dueck – Philosoph, Mathematiker, Autor und Gewinner des Wirtschaftsbuchpreises 2006 – beleuchtet kritisch die Lehrpläne der Universitäten und fragt sich, wie die Universitäten damit leben, dass StudentInnen in vielen Disziplinen vom gelernten Stoff später im Beruf „nichts“ gebrauchen können.[9]

Lernen beginnt also mit der Einsicht bzw. einer urteilsfähigen Selbstführung. Solange man meint, dass die eigene Kompetenz ausreicht, wird lernen und verändern nicht möglich sein. Microsoft-Gründer Bill Gates, der erfolgreiche Unternehmer Warren Buffett und Paypal-Erfinder Elon Musk – so unterschiedlich drei der erfolgreichsten Menschen unserer Zeit auch sind, sie alle ruhen sich nicht auf Ihrem Wissen aus, sondern lernen täglich neu dazu.[10]

Leider zeigt sich jedoch oft eine Art Lern-Allergie. Viele ergreifen die Flucht, wenn es ums Lernen geht. Zum einen aus einer gewissen Überheblichkeit heraus, zum anderen jedoch aufgrund negativer Erfahrungen in der Schule und darüber hinaus. Bei manchen ist die Überheblichkeit, man wüsste schon alles, eine Not-Strategie, um Lernschwierigkeiten aus früheren Zeiten nicht mehr ausgeliefert sein zu müssen.[11]

Lernen wird heute die wichtigste Arbeit in der Arbeit werden – auch im Management. Davon wird die erfolgreiche Zukunft von einem selbst als Führungskraft und von Unternehmen abhängen.[12]

Es ist also höchste Zeit, die Lern-Traumata aus der Schul- und Studienzeit zu überwinden.

Bildung neu lernen

Das Entscheidende über das Lernen findet sich bereits früh in der Menschheitsgeschichte. So brachte in der Orestie, einer bedeutenden griechischen Tragödie aus dem Jahr 458 v. Christus, erst Zeus die Menschen auf den Weg zum richtigen Denken und zur Einsicht in das Ganze. Die anderen sind daran gescheitert. Das göttliche Gesetz von Zeus beschreibt: Durch leiden lernen.[13] Genau das wollen wir jedoch nicht.

Aber gerade der Leidensaspekt, wenn dieser das Maß des Erträglichen überschreitet, ist der Auslöser, um etwas zu lernen bzw. zu verändern.

Das ist eigentlich ein Paradoxon. Das schlimme daran ist, dass man in Bezug auf das was man erträgt, sehr lange ausharren kann – oft auch zu lange. Es geht aber auch nicht bloß um Spaß. Es geht um die Balance: Tun, leiden, lernen. Der Leidensaspekt gehört dazu und kann, wenn respektvoll behandelt, das Sprungbrett zu neuem Wissen werden. Genau an diesem Punkt spielt die Selbstführung und der Einsatz einer positiven Fehlerkultur eine wesentliche Rolle, wie ich in meinem Artikel „10 Tipps für eine positive Fehlerkultur“ zu vermitteln versuchte. Fehler gehören zum Lernprozess. Doch gerade vor dem Fehlermachen haben viele Angst. So wird das Lernen bereits im Keim erstickt. Oder man wird zum zwanghaften Büffler, aus der Angst heraus, Fehler zu machen.

Das Lernen wird viel zu einseitig und vor allem selbstbezogen betrachtet. Das Lernen ist weit komplexer als das, was man in der Schule und anderen Weiterbildungen unter Lernen versteht. Sicher werden einige von Ihnen das auch so sehen. Manchen anderen ist aber dieses komplexe Lernverständnis abhandengekommen und damit auch die Einsicht, dass Lernen mehr braucht als nur rationale Wissenserweiterung. Informationen bloß aus Büchern und Vorträgen in seinen Kopf zu hämmern, und dann auf Knopfdruck auszuspucken, heißt nicht unbedingt zu wissen. Mag sein, dass viele genau das als Lernen verstehen. Wissen und die darauf begründete Kompetenz braucht mehr.

Lernen ist das Wechselspiel von eigenem Wissen, eigener Visionen und Emotionen in Verbindung mit dem Wissen und den Visionen und Emotionen der anderen.

Der Erfolg von Google, Facebook und Co begründet sich nicht auf deren technisches Super-Know-How, sondern darauf, dass sie ein elementares menschliches Grundbedürfnis stillen, das Bedürfnis nach Information und Kommunikation.[14] Genau das ist auch die Basis für ein erfolgsversprechendes Lernen: Lernen ist die Verbindung von Wissen mit menschlichen Bedürfnissen, wie auch menschlichen Zweifeln. In gewisser Weise nutzen Google und Co die kindliche Art des Lernens, die spielerische Weise sich neues Wissen anzueignen. Kinder lernen aus Leidenschaft, mit Körper und Emotionen.

So braucht es eigentlich LehrerInnen/TrainerInnen/Coches, die keine vorgefertigten Lernschemata abwickeln, sondern rational und emotional erkennen, was jemand noch nicht weiß bzw. nicht wissen möchte und dies ehrlich und respektvoll ansprechen. Die in der Folge das fehlende Wissen rational und emotional anregen, testen und umzusetzen versuchen. Jedes Lernen heißt, dass zunächst einmal etwas Unbekanntes auf einen zukommt. Angelehnt an ein Zitat von Johan Wolfgang von Goethe heißt Lernen:

Wir lernen nur, wenn wir das zu Erlernende nicht beurteilen können. Das was wir von einem Buch/LehrerIn beurteilen können, das bzw. der/die müsste von uns lernen.

Dieser Schritt macht dem einen oder anderen Angst – berechtigterweise. Im Rahmen einer Studie des Thinktanks 2bAhead nannten 52 Prozent der daran teilnehmenden ManagerInnen Angst als den Innovationsverhinderer Nummer eins. 35 Prozent der insgesamt 202 befragten Innovationschefs gaben sogar zu, dass sie selbst schon Innovationen aus Angst verhindert haben.[15]

70 Prozent der Old-School-ManagerInnen verbringen 70 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, ihre bisher erreichte Macht abzusichern anstatt Neues zu Lernen.[16]

Die kommende Wissensgesellschaft erzwingt eine Höherentwicklung des Menschen, der nun in seine professionelle und persönliche Entwicklung sehr viel mehr Energie stecken muss, um in Zukunft mithalten zu können. Das ist die eindringliche Aufforderung von Prof. Dr. Gunter Dueck.[17]

5 Bildungs-Tipps

Zusammenfassend und den Text ergänzend möchte ich Ihnen jetzt 5 Tipps geben, Ihre persönliche Fort- bzw. Weiterbildung sowie die Ihrer MitarbeiterInnen erfolgsversprechend anzugehen.

  1. Ergründen Sie wirklich ehrlich, ob eine Weiterbildung ansteht oder nicht. Wenn Widerstand hochkommt, dann können Sie sicher sein, dass Sie einen Punkt getroffen haben. Wagen Sie es, sich mit Ihren und den von Ihren MitarbeiterInnen aufkommenden Bildungswiderständen auseinanderzusetzen. Das wird vieles klären, und eine vertrauensvolle Lernbasis schaffen. Selbsterkenntnis und ein gutes Stressmanagement gehört zum Lernmanagement dazu.
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  2. Prüfen Sie die Weiterbildung auf Sinnhaftigkeit/Motivation. Lernen ohne Sinn ist bloß wie ein Windhauch. Er kommt und geht, ohne etwas tiefgründig und nachhaltig zu hinterlassen. Im Moment des Windhauchs mag dieser für manche erfrischend sein, aber sobald dieser weg ist, ist alles beim Alten. Der Sinn und die Motivation begründet sich in der emotionalen Berührtheit von dem zu Erlernenden. Dazu gehören nicht bloß die Freude und der Spaß, sondern unter Umständen auch Frust, Ärger oder sogar Traurigkeit. Insbesondere die negativen Aspekte brauchen Verständnis. Aus dem heraus kann in Folge für das zu Erlernende sehr viel an zusätzlichem Wissen und Innovationen gewonnen werden.
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  3. Entwickeln Sie deshalb ein ganzheitlich ausgerichtetes Weiterbildungsprogramm inkl. Ergründung des individuellen Lerntyps gemeinsam mit dem Management und qualifizierten, erfahrenen BeraterInnen. Zum Lernen gehört Leidenschaft, Emotion und Körperlichkeit – der rationale Aspekt wird sich dann fast von selbst manifestieren bzw. im Hirn als Erinnerung abspeichern. Das entwickelte Lernprogramm sollte so individuell wie möglich ausgerichtet bzw. adaptierfähig sein. Man sollte die unterschiedlichen Lerntypen mit dem Fortbildungsprogramm erreichen können.
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  4. Geben Sie sich selbst und Ihren MitarbeiterInnen Zeit zum Üben, und schaffen Sie eine positive Fehlerkultur. Fehlermachen gehört zum Lernen dazu. Reflektieren Sie mit anderen über das zu Erlernende. Das Sprechen hilft, das neue Wissen besser, tiefgründiger und weitreichender zu verstehen, und darüber hinaus auch noch mögliche Blockaden oder gar Sinnfragen zu klären. Ebenso hilft es, ein handschriftliches Weiterbildungs-Tagebuch zu führen. Das Tippen in das Tablet/PC bringt kaum etwas.[18] Das kognitive und emotionale Erfassen der Zusammenhänge sind für das zu Erlernende unglaublich wichtig. Nur dann kann das neue Wissen wirklich greifen und sinnvoll wirken.
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  5. Nutzen Sie Erinnerungshilfen – in Form von Gegenständen, inneren Bildern oder auch durch KollegInnen und MitarbeiterInnen. Das neue Wissen geht in der Hektik vom Arbeitsalltag leicht wieder verloren. Allzu leicht lässt sich das Neue durch negative Gedanken wieder einschüchtern und verschwindet im Hintergrund. Gleichzeitig dient die Erinnerungshilfe auch unserer Gedankenkontrolle.
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Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[2] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[3] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[4] https://christinaboesenberg.de/2016/10/29/aufsichtsrat-4-0/. Am 2017-08-01 gelesen.
[5] https://de.linkedin.com/pulse/deutschlands-chefs-noch-lernen-m%C3%BCssen-von-antje-neubauer-kemper. Am 2017-08-01 gelesen.
[6] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[7] http://www.n-tv.de/politik/Schwarzenegger-raet-Trump-zum-Lesen-article19959644.html. Am 2017-08-02 gelesen.
[8] http://blog-wagner-consulting.eu/foerderliches-management-statt-frust/.
[9] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[10] http://www.focus.de/finanzen/videos/fuenf-stunden-regel-rezept-fuer-erfolg-bill-gates-warren-buffett-und-elon-musk-befolgen-eine-gemeinsame-regel_id_5770606.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[11] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[12] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[13] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[14] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5225660/Selbstfuehrung-in-einer-komplexen-Welt. Am 2017-08-01 gelesen.
[15] http://blog.anneschueller.de/warum-die-alten-von-den-jungen-nicht-lernen-und-in-alten-strukturen-verharren/. Am 2017-08-01 gelesen.
[16] http://blog.anneschueller.de/warum-die-alten-von-den-jungen-nicht-lernen-und-in-alten-strukturen-verharren/. Am 2017-08-01 gelesen.
[17] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[18] http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-11/Manfred-Spitzer-Lernmythen. Am 2017-08-02 gelesen
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Achtsamkeit als Weg zum Erfolg?!

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Achtsamkeit als Weg zum Erfolg - oder ein Missbrauch mit unangenehmen Folgen?!

Oder ein Missbrauch mit unangenehmen Folgen?!

Achtsamkeit ist nicht nur in der Gesellschaft „in“, auch im Wirtschaftskontext wird das Thema immer häufiger diskutiert – wie viele von Ihnen sicherlich merken. Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht ebenfalls davon, dass Achtsamkeit in den nächsten 20-30 Jahren in allen Lebensbereichen in der Gesellschaft und ebenso in der Wirtschaft prägend sein wird.[1]

Achtsamkeit reduziert nachweislich Stress, macht resilient und fördert die Empathie, die im 21. Jhdt. von Führungskräften immer ausdrücklicher gefordert wird.

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Die größte Ausbreitung der Achtsamkeit geht auf das von Jon Kabat-Zinn aufgebaute Programm „Mindfulness Based Stressreduction“ (MBSR) zurück. Er hat den Stein ins Rollen gebracht, indem er aus der buddhistischen Achtsamkeitspraxis die grundlegenden Techniken so herausgeschält hat, dass diese für jeden Menschen handhabbar wurden, ohne in eine ethische oder spirituelle Grundsatzdiskussion hineinzurutschen.

Achtsamkeit heißt: Zur Besinnung kommen, sinnlich werden, die Sinnesorgane mit dem Bewusstsein anzusteuern und was dort hineinkommt, in das Bewusstsein zu nehmen. [2]

Darüber hinaus hat Zinn das MBSR-Programm sukzessive durch eine fundierte wissenschaftliche Begleitforschung zu untermauern gesucht.[3] Die Achtsamkeitsbewegung hat eine Modewelle losgetreten, ähnlich wie vor 20 Jahren Wellness. Die ursprüngliche Definition von Wellness, die ganzheitliche Betrachtung und die miteinander verwobene Beziehung von Geist, Körper und Seele, ist heute jedoch in der Art kaum noch zu spüren. So kommt es, dass für ein steigendes Wellnessgefühl es scheinbar genügt, ein Wellness-Wasser zu trinken und Wellness-Socken zu tragen. So gesehen wird das, was Wellness ursprünglich zu bewirken versuchte, missbräulich verwendet.[4]

So stelle ich mir, in Anlehnung an andere, die Fragen:

  • Wird der Trend der Achtsamkeit nur dahingehend gefördert, die Selbstoptimierung noch stärker anzuregen, die eigene Performance noch eindrucksvoller zu verbessern, und den Egoismus noch mehr zu befriedigen?
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  • Besteht die Gefahr, dass der Trend der Achtsamkeit – ähnlich wie der Wellnesstrend – dazu missbraucht wird, einfach nur Umsätze zu steigern und Leistungen zu forcieren, ohne die Sinnhaftigkeit und die Folgen eines Turbo-Kapitalismus auf das Leben von Mensch und Natur in Frage zu stellen?
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  • Wie kann der ursprüngliche Antrieb der Achtsamkeit überleben, dass Achtsamkeit ähnlich wie Wellness dazu dient, den persönlichen Reifungsprozess in Verbindung mit einem nachhaltig ausgerichteten Verantwortungsbewusstsein zu begleiten?
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Bevor ich mich dem Achtsamkeitsboom kritisch annähere, möchte ich sagen, dass ich wie andere auch diesen Trend zuerst einmal erfreulich begrüße. Achtsamkeit ist meiner Erfahrung nach ein sehr guter Türöffner, um Stress zu reduzieren, gelassener und damit auch leistungsfähiger, wie auch konzentrierter zu agieren, und die körperliche wie auch emotionale Resilienz zu stärken.

Achtsamkeit als Leistungsantreiber oder weiser Ratgeber?

Wenn durch das Achtsamkeitstraining nicht nur die Selbstoptimierung im Fokus steht, sondern auch das „Du“, die Eingebundenheit und Unzertrennlichkeit von einem selbst mit anderen Menschen und der Natur zu begreifen versucht wird, dann kann ich Achtsamkeit aus besten Wissen und Gewissen empfehlen. Doch ich selbst weiß aus eigener Erfahrung, wie leicht man das Du, die ganzheitliche Betrachtung ohne ethisches Grundgerüst und ohne persönliche, erfahrende Begleitung in der Praxis aus den Augen verliert.

Achtsamkeit heißt, die Egozentrik des alltäglichen Ich-Bewusstseins zu überwinden, indem die egoistischen, emotionalen Antreiber wahrgenommen werden. [5]

Deshalb möchte ich niemanden verurteilen, der die Achtsamkeit vielleicht in einer missbräuchlichen Weise nutzt. Die im Netz angebotenen Meditations-Apps suggerieren das Bild, dass Achtsamkeitspraxis ganz einfach so mit Hilfe einer einfachen App in den Alltag integriert werden kann.[6] Bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Es war zum einen gut, dass Jon Kabat-Zin die Achtsamkeitspraxis aus dem spirituellen Rahmen gelöst hat. Hätte er es nicht getan, so hätte die Achtsamkeitspraxis vermutlich kaum eine so weitreichende Anerkennung erfahren. Daran ist nichts verwerflich.

Doch ich nehme auch wahr, dass etwas fehlt. Dieser fehlende Teil ist mir, wenn ich ehrlich bin, erst durch meine Verbindung von Achtsamkeit und Kampfkunst so richtig bewusst geworden. Im Aikido-Training, wenn mir ein/e PartnerIn (Gegner) gegenübersteht, wird mir bewusst, wie Achtsamkeit in Verbindung mit dem Du wirkt. Was Achtsamkeit eigentlich heißt. Es bedeutet zu fühlen, geistig und körperlich zu verstehen, dass der Gewinn über einen anderen keinen Fortschritt bedeutet. Es geht nicht darum, besser zu sein, mächtiger zu sein, schneller zu sein, …

Es geht um das Wahrnehmen und Spüren, um die daraus entstehende Erkenntnis, woran man selbst und der andere gerade leidet, welche emotionalen Befindlichkeiten in einem selbst und beim anderen das Miteinander blockieren.

Wenn man das zu fühlen im Stande ist, dann wird aus dem Kampf ein verantwortungsbewusster Tanz. Dann öffnet sich das Feld der Kreativität und der verantwortungsbewussten, nachhaltig orientierten Ausrichtung für die Zukunft.

Es gibt keinen zweiten Planeten Erde

Bei dem Punkt, achtsames, verantwortungsbewusstes Handeln, denke ich an Philipp Blom, Historiker und Bestsellerautor. Er schreibt sehr eindrucksvoll über das Wirken der Menschen auf dem Planeten Erde. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Was auf dem Spiel steht“ fragt er sich sehr eindringlich, wann die Menschen endlich bereit sind bewusst wahrzunehmen, was sie mit dem Leben auf ihrer Erde tun? Seinem Wissen nach steht der Mensch vor radikalen Umbrüchen. Klimawandel, Überbevölkerung sowie Raubbau an der Natur zerstören in einem kaum vorstellbaren Tempo den Lebensraum und das teilweise friedvolle Miteinander auf der Erde.[7]

  • Was hilft ein aktuelles Rekordwachstum, wenn in 30-50ig Jahren der Klimawandel, eine Folge vom Raubbau an der Natur, gespeist durch den Antrieb der Wirtschaft, dramatische Nachwehen für alle Menschen hat – ausnahmslos für alle? Jedes Unternehmen, jede Führungskraft, jede/r MitarbeiterIn wird betroffen sein.
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  • Was hilft ein gewinnträchtiges Wirtschaftsabkommen mit einzelnen afrikanischen Staaten bzw. mit einzelnen afrikanischen Clans, wenn damit in Folge Millionen AfrikanerInnen ihre Lebensgrundlage, die ohnehin mühsam ist, gänzlich verlieren? Ihr Leid wird immer handfester an die Türen Europas klopfen.
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Das sind nur 2 unangenehme Fragen. Es gibt noch weit mehr, die ich, wenn ich ehrlich bin, auch gerne verdränge. Die Gegenwart ist noch ganz gut. Die Zukunft wird es nicht mehr sein, so die klare Aussage von Blom. Deshalb negieren wir die Zukunft. Mag sein, dass ich hier ein wenig Schwarz male. Blom hat sich gleich zu Beginn in seinem Buch selbst zu ermuntern versucht, nicht so pessimistisch zu denken. Doch er ist aus seinem ganzen Wissen heraus zu dem Schluss gekommen, dass die Menschen anscheinend nicht bereit sind umzudenken.[8]

Ich persönlich hoffe, dass Blom mit seiner Hypothese nicht Recht behält. Ich wünsche mir, dass die Achtsamkeit im tiefgründigen Sinn als gesellschaftliche Bewegung wirksam wird. Dann ist es möglich, die Probleme der Welt gemeinsam zu lösen. Ich mag jetzt nicht pathetisch klingen. Ich versuche das Treiben der Wirtschaft faktisch neutral zu betrachten. Doch die Zukunftsprognosen, selbst jene von WirtschaftswissenschaftlerInnen, rühren und rütteln mich. Das lässt mich einfach nicht kalt. Mag sein, dass manche von Ihnen mich jetzt zu rührselig halten. Sie haben vielleicht andere Erfahrungen und Einsichten. Das ist gut so, und gemeinsam aus unterschiedlichen Perspektiven heraus entstehen weitere neue Einsichten. Das ist ebenfalls Achtsamkeit.

Achtsamkeit als Zukunftschance

So wie ich versucht habe, mir das Feld der Achtsamkeit zu erschließen, so verstehe ich Achtsamkeit als Türöffner, die eigenen inneren Dämonen besser kennen und führen zu lernen. Es sind diese inneren Dämonen, die ein Umdenken und neues Handeln verwehren.

Die inneren Dämonen wie Neid, Gier, Hass, Zweifel, Widerwillen, Trägheit, u.a. verzerren den klaren Blick auf das Leben. Diese Dämonen überreden, Dinge zu tun, die eigentlich einem selbst und anderen nicht gut tun.

Die Achtsamkeitspraxis hilft, diese Dämonen aufzuspüren und respektvoll in Schranken zu weisen. Genau genommen steckt hinter jedem Dämon Angst. Das ist meine Einsicht und Empfindung. Achtsamkeit hilft, die Angst liebevoll in den Arm zu nehmen, und den Dämonen zu zeigen, dass sie die Angst nicht mehr beschützen müssen. Die Angst selbst begründet sich darin, die tiefgründige Verbundenheit mit dem Leben verloren zu haben, die Kraft des Herzens nicht mehr zu spüren.

Achtsamkeit heißt zu verstehen, dass die eigene Befindlichkeit in Verbindung mit der Befindlichkeit der anderen gemeinsam agiert.[9] Ich lebe nicht getrennt von den anderen, sondern ich bin Du. Deine Gefühle wirken auf mich und umgekehrt. Wenn ich meine eigenen Gefühle nicht zu verstehen vermag, dann kann ich das noch weniger mit den Gefühlen der anderen, die aber auf mich wirken und mich beeinflussen.

Jeder, der die Achtsamkeitspraxis durchdringend als Weg der Selbsterkenntnis zu gehen versucht, wird jedoch andere Erfahrungen und Einsichten machen. Aber die meisten Praktizierenden werden vermutlich zustimmen, dass der Weg der Achtsamkeit nicht zur Effizienzsteigerung dient, sondern zur Steigerung der Menschlichkeit.[10] So gesehen ist die Herauslösung der Achtsamkeitspraxis aus dem spirituellen Rahmen ein wenig gefährlich. Damit geht eine elementare Einsicht verloren, die Verbundenheit mit der Schöpfung, der darin begründete Respekt vor der Natur, das verantwortungsbewusste gemeinsame Gestalten der Welt und der Gesellschaft.

Ich möchte in diesem Artikel keine ethischen Belehrungen abhalten. Das steht mir absolut nicht zu. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich selbst aus meiner Erfahrung heraus weiß, dass das Achtsamkeitstraining leicht missbräuchlich genutzt werden kann. Die Gefahr ist einfach sehr groß, diesen Missbrauch nicht zu merken. Das kann absolut niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Der Weg der Erkenntnis ist kein leichter Weg, und sollte meiner Meinung nach nicht losgelöst von einem spirituellen oder ethischen Grundgerüst, nur mit entsprechend einsichtiger und erfahrenen Begleitung zur Wirkung kommen. Ich weiß auch, dass gerade in Zeiten der Säkularisierung ein spirituelles Grundgerüst als Wegweiser sicher nicht gerne gesehen wird. Ethische Werte verlieren jedoch auch an Bedeutung.

Wohlstand frisst Werte – wenn die Wächter der Werte schlafen. [11]

So gesehen braucht es zusätzliche Übungen bzw. Reflexionen, die die Einsicht ermöglichen, dass die Selbstbezogenheit und Selbstfokussierung keinen echten Erfolg bringt. Ich persönlich konnte mit Hilfe von Aikido die Achtsamkeitspraxis vertiefen, und den möglichen Missbrauch aufdecken, bevor dieser zu stark zum Wirken kam. Es gibt sicher auch noch andere Wege, solche, wo man selbst mit einem Du in ehrlicher, offener Weise konfrontiert wird. Das ist meiner Erfahrung nach notwendig, ansonsten belügt man sich wieder selbst in dem eigenen, scheinbaren achtsamen Fortschritt.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[2] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[3] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[4] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[5] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[6] https://utopia.de/achtsamkeit-5-empfehlenswerte-meditations-apps-57123/. Am 2017-07-25 gelesen.
[7] https://files.hanser.de/hanser/docs/20170710_21771145219-117_978-3-446-25664-4-Leseprobe.pdf. Am 2017-07-25 gelesen.
[8] https://files.hanser.de/hanser/docs/20170710_21771145219-117_978-3-446-25664-4-Leseprobe.pdf. Am 2017-07-25 gelesen.
[9] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness_im_Alltag_und_in_Organisationen. Am 2017-07-24 gelesen.
[10] http://blog-wagner-consulting.eu/unerwartete-revolution/.
[11] Höhler, Gertrud: Jenseits der Gier. Vom Luxus des Teilens. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin: 2005.

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Visionen zum Leben erwecken statt Ziele setzen

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Visionen zum Leben erwecken statt Ziele setzen

Vor einer Woche habe ich über Ziele im Management bringen keinen Erfolg geschrieben. Zum einen stimmt es, dass heute – in VUCA-Zeiten – das Festhalten an starren Zielevereinbarungen Unternehmen zum Wanken bringt. Doch wie soll ein Unternehmen, das Management ohne Ziele handeln?

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Vision als Realutopie

Es wird heute von relativen und flexiblen Zielvereinbarungen, statt fixer Ziele gesprochen. Doch das genügt meiner Erfahrung nach nicht, um das Unternehmen auf Kurs zu halten, bzw. das Unternehmen erfolgreich durch die Stürme der VUCA-Zeiten zu führen. Meinem Empfinden nach fehlt es an gelebten Visionen. Visionen werden zwar oft von Unternehmen formuliert, aber gelebt werden diese kaum.

  • Das Problem liegt zum einen an der greifbaren Formulierung klarer Visionen. Die meisten wissen streng genommen nicht, was eine Vision eigentlich ist.

  • Zum anderen werden in Verbindung mit den Visionen Zielvereinbarungen, die meinem Wissen und meiner Erfahrung nach den Visionsumsetzungsprozess tatkräftig unterstützen, falsch gesetzt. Visionen werden allzu oft mit Zielen bzw. Unternehmensstrategien verwechselt.

Die Vision wächst aus einer religiösen bzw. philosophischen Erkenntnis heraus. Es ist eine Offenbarung, eine Verkündigung bzw. eine Idee. Es ist eine gedankliche Erscheinung, die die Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten vermag, und damit den Weg in die Zukunft in anderer Weise zu denken im Stande ist.[1] Reinhold Messner, der Grenzgänger und Erfinder einer effizienten Logistik, versteht es so:

Der Wert einer Lebensform und damit auch einer Vision und den darin begründeten Teilzielen ist zu bemessen an ihrer Nachhaltigkeit, an ihrem internen Veränderungspotential, und am Reichtum und Wohlbefinden des Ganzen.[2]

Was macht eine erfolgsversprechende Vision aus

Zum Einstieg kann dazu gesagt werden, dass das Silicon Valley nicht aufgrund des Technologie-Know-Hows europäischen Firmen voraus ist, sondern mehr Mut zu Visionen zeigt.[3]

Visionen tun weh, und wenn Visionen auf ein freundliches Kopfnicken stoßen, dann sind es keine Visionen, sondern Binsenweisheiten.[4]

Eine Vision zu haben, bedeutet genau zu wissen, wie man die Welt verändert haben möchte. Die Vision von Facebook lautet, jeden mit jedem zu vernetzen. Airbnb will die Welt gastfreundlicher gestalten, Google möchte der ganzen Welt alle Informationen zugänglich machen, und Uber will shared rides als Hauptverkehrsmittel etablieren. Eine Vision zu haben, bedeutet jedoch noch nicht, dass das Unternehmen besonders sozial oder idealistisch ausgerichtet sein muss.[5] Aber gerade in Bezug auf soziale Visionen zeigt sich, wie dynamisch und aussichtsreich Visionen sein können, wie beispielsweise bei Nelson Mandela, Martin Luther King oder Mahatma Gandhi.

Hier stellt sich mir die Frage, was konkret diesen Persönlichkeiten die Kraft gegeben hat, ihre Visionen zu finden, und daran zu glauben:

  1. Zum einen war es vielleicht die Fähigkeit, die kindliche Energie zu bewahren, der unbeirrbare kindliche Glaube, trotz großer Hindernisse etwas erreichen zu können[6], gepaart mit der kindlichen Experimentierfreudigkeit und Kreativität neue Wege zu finden. Im Management gibt es da und dort Anstöße, dieses in der Kindheit so kraftvolle Tun zu reaktiveren. Neue Denkschulen, wie Design Thinking und Art Thinking, versuchen die mit dem kindlichen Vermögen verbundenen Ressourcen wieder in Aktion zu bringen.

  2. Neben der Kreativität und Experimentierfreudigkeit brauchen Visionen zugleich die Kraft des Nicht-Denkens. Angelehnt an die Worte von Reinhold Messner werden Visionen durch das Vordenken im Nicht-Denken[7], durch die achtsame Aktivierung der nicht-dominanten Gehirnhälfte zum Wirken gebracht, durch die Intuition genährt. Genau genommen ist das ebenfalls eine kindliche Fähigkeit. Die Intuition der Erwachsenen unterscheidet sich jedoch von jener der Kinder. Die Intuition verstärkt sich im Laufe des Lebens durch die täglich anwachsenden Erfahrungen und Eindrücke, und begleitet Erwachsene dadurch in anderer Weise als die Kinder. Leider ist der Zugang bei den Erwachsenen zu ihrer Intuition, zu ihrem Bauchgefühl, aufgrund der Überbewertung der rationalen Fertigkeiten der dominanten Gehirnhälfte, nur selten klar und deutlich zu spüren.

  3. Darüber hinaus verlangen Visionen eine Art Opferbereitschaft, das Verlassen der Komfortzonen. Gerade dieser Punkt, das Verlassen der Komfortzonen macht Eindruck auf andere. Damit gewinnt man Anerkennung, wird Vorbild und lädt zum Nachahmen ein. Entscheidend ist somit auch, in welcher Weise die Vision bzw. die mit der Vision einhergehenden Ziele angeordnet werden. Es macht einen unfassbaren Unterschied, ob die Visionen von den VisionsträgerInnen selbst gelebt und aus tiefer Überzeugung heraus gemeinsam mit den anderen aufgebaut, oder nur rein formal, technisch von „Oben herab“, aus der Komfortzone heraus, ohne Selbstbetroffenheit und Gefühl angeordnet werden.[8]

Mut, so wie dieser im Silicon Valley gerne als Visionsträger propagiert wird, ist in Bezug auf Visionen nur ein Aspekt. Angelehnt an Reinhold Messners Erfahrung als Visionär und Grenzgänger bedarf es für erfolgsversprechende Visionen eines brauchbaren Managements mit Bezug zu einer lebenswerten Welt.

Wer Verantwortung für Menschen und Güter trägt, sollte sich die Zukunft eindringlich vor Auge halten.[9]

Visionen dienen u.a. dazu, die Zukunft im Gesamtblick zu erfassen, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, nicht bloß über den eigenen Erfolg und den Erfolg des Unternehmens, sondern auch über die Umwelt, die Gesellschaft und die Folgen des eigenen Handelns in Bezug auf die Umwelt. Doch zu oft wird bloß in kurzen Zeitintervallen und begrenzt auf Eigenerfolg die Zukunft berechnet. Ressourcen wie Zeit, Energie und Geld werden dabei verschwendet.[10]

Das stößt mich an, daran zu erinnern nicht gleich die Schuldigen zu suchen oder in einen neuen Aktionismus zu verfallen, sprich Ziele abschaffen und Visionen schaffen. Zum einen muss man sagen, dass die Bemühungen im Management, es besser zu machen, ohnehin groß sind. Es mangelt vielmehr an neuen Tools und qualitativ hochwertigen Hilfestellungen, die neuen Tools verantwortungsbewusst zum Einsatz zu bringen. Die neuen Tools, wie beispielsweise Design Thinking, Art Thinking, Achtsamkeit können nicht wie die bisherigen, meist nur rational ausgerichteten Management-Werkzeuge, in einem 1-3 Tages-Workshop erlernt werden. Die neuen Tools, worunter auch die Visionssuche fällt, benötigen eine äußerst erfahrene, ganzheitlich geschulte Begleitung. Die neuen Tools wirken eben nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf der emotionalen Ebene.

Visionssuche wagen

Visionquest als Visionsaufbauinstrument wird kaum in Unternehmen angewandt. Die Visionssuche ist im ethnologischen Sinn eine spirituelle Praxis zur Erlangung tieferer Lebenseinsichten.[11] Der Ablauf ist ziemlich einfach: Es wird ein Ort gesucht, an dem die Suchenden ungestört sein können, dem Himmel in gewisser Weise näherkommen. Man verbringt dann eine gewisse Zeit ganz alleine mit sich und den Fragen für die Zukunft. Die Nahrungsaufnahme wird ebenfalls reduziert. Man übt sich verstärkt in der Achtsamkeit, der Meditation. Man reinigt seine Gedanken, seinen Körper und öffnet sich für das Ganze, für das Leben im umfassenden Sinn. Das ist der Punkt, an dem die Vision bereit ist sich zu zeigen. Das Privatissimum, die Klausur, die ich bei Anfrage maßgeschneidert und diskret begleite, wirkt in sehr ähnlicher Weise.

Mag sein, dass Sie diese Art und Weise neue Ideen zu generieren abschreckt. Das ist durch und durch normal. Denn nur wenige Menschen im Management wagen den Blick über den Tellerrand in das Feld der allzu gerne als esoterisch abgestempelten Wirkungsmechanismen. Das kann niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Das ist die gängige Praxis und alle, die es anders machen, werden vielleicht sogar als Spinner abgestempelt. Doch vielleicht sollte man es wagen, die Vision anzudenken, das Management neben all dem rationalen, technischen Know-How auch in Intuition, u.a. mit Hilfe von spirituellen Erkenntniswegen, zu bilden. Ich wage das kaum so zu formulieren. Doch wenn ich über Visionen schreibe, so sollte ich mir selbst auch eingestehen, inwieweit ich es wage, Visionen auszudrücken. So stelle ich mir selbst und Ihnen die Frage:

Was ist der größtmögliche positive Wandel in der Welt, den wir Kraft unserer Leidenschaft und Ressourcen bewirken können?

Mit dieser Frage möchte ich diesen Artikel beenden. Mir ist bewusst, dass ich heute vielleicht mit meinem Andenken einer intuitiv ausgerichteten Vision für das Management einige unter Ihnen abschrecke. Das nehme ich mit großem Respekt an. In einer rational ausgerichteten Welt verunsichert das Nicht-Rationale enorm. Das Rationale gibt Schutz, das Altbekannte verbindet die Menschen, und jeder der sich auf etwas Neues einlässt, verliert das Vertraute und auch die Anerkennung und den Schutz der Gemeinschaft. Vielleicht muss dieser Punkt, diese Einsicht: Angst davor zu haben, als Outsider abgestempelt zu werden, und damit evtl. Macht, Einfluss und Schutz zu verlieren, vertrauensvoll mit sich selbst geklärt sein, bevor irgendein Tool zur Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Einsatz kommt.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Erscheinung. Am 2017-07-17 gelesen.
[2] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. BLV Buchverlag GmbH & Co. KG. München: 2010.
[3] http://t3n.de/news/vision-744637/. Am 2017-07-17 gelesen.
[4] http://t3n.de/news/vision-744637/. Am 2017-07-17 gelesen.
[5] http://t3n.de/news/vision-744637/. Am 2017-07-17 gelesen.
[6] http://t3n.de/news/vision-744637/. Am 2017-07-17 gelesen.
[7] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. BLV Buchverlag GmbH & Co. KG. München: 2010.
[8] Angelehnt an einen Kommentar aus meinem Artikel: Ziele im Management bringen keinen Erfolg – warum?
[9] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. BLV Buchverlag GmbH & Co. KG. München: 2010.
[10] http://www.christianhaak.de/blog/details/article/strategie-veraenderung-heute-wie-wir-aus-visionen-wirklichkeit-werden-lassen/. Am 2017-07-17 gelesen.
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Visionssuche. Am 2017-07-18 gelesen.

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Ziele im Management bringen keinen Erfolg – warum?

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Ziele im Management bringen keinen Erfolg – warum?

Steuerbarkeit und fixe Jahrespläne sind in der modernen Wirtschaftsgesellschaft eine gefährliche Illusion.[1]

Komplexität, Agilität, flache Hierarchien sind durch das Aufstellen und Verfolgen eines Jahresplanes nicht erfolgreich zu bewältigen. Die meisten ManagerInnen schwören jedoch noch immer auf Zielvorgaben, wie sie von den Managementpionieren zu Beginn des Industriezeitalters erfolgreich angewandt wurden. Aber in VUCA-Zeiten sind Zielvereinbarungen Zeitverschwendung, unproduktiv und erfolgsmindernd, so die Erkenntnis von Niels Pfläging, Managementberater.[2]

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Die meisten Managementsysteme orientieren sich stark an der vermeintlichen Messbarkeit von Wirtschaftlichkeit und Erfolg. Den komplexen Wirkungsmechanismen menschlicher Interaktionen können sie jedoch nur sehr begrenzt gerecht werden.[3]

So paradox es scheint, doch gerade jetzt, in Zeiten der Digitalisierung, sind die menschlichen Wirkungsmechanismen im Business überlebenswichtig und damit erfolgsgebend. Doch das erfordert ein deutliches Umdenken im Management. Das Management hält jedoch verbissen an den veralteten Tools der Zielvereinbarungen fest – vermutlich, weil das Führen nach festen Zielvorgaben offensichtlich noch immer ganz gut funktioniert, aber darüber hinaus auch die persönlichen Ziele der Führungskräfte, Macht, Prestige, Ruhm und Ehre nährt.[4]

Das erklärt, warum eine Veränderung im Management Widerstand auslöst. Das soll jetzt keine Schuldzuweisung sein. Das ist einfach menschlich, so wie ich es versucht habe, in meinem Artikel über Macht verständlich zu machen. Doch sich auf Dauer dem Widerstand beugen, das wird nicht die Lösung sein, um die Herausforderungen und Probleme der VUCA-Zeit in den Griff zu bekommen.

Wir reiten auf einem Pferd, das seit Beginn des Informationszeitalters längst tot ist.[5]

Irgendwann wird die Erfolgsstrategie eines kontrollierten, hierarchisch aufgestellten Management mit fix vorgegebenen Zielvereinbarungen kippen – und dann ist es vielleicht für das Unternehmen zu spät.[6] Die Art, wie sich Märkte entwickelt haben – schnelllebig, komplex, überraschend – kann ohne Implementierung einer neuen Managementkultur, ohne Kollaboration in flachen Hierarchien, mit Demut, ohne starren Zielen und einer positiven Fehlerkultur nicht erfolgsversprechend bewältigt werden. Doch der klassische Managementstil hat lange gut funktioniert, und so ist es für viele schwierig sich vorzustellen, dass es auch Alternativen gibt, die darüber hinaus auch noch gut wirken.[7]

Wir sind für die Wurzeln der Probleme blind, weil die Symptome uns hypnotisieren.[8]

Doch niemanden in den Führungskreisen kann ein Vorwurf gemacht werden. Solange die Aus- und Weiterbildung nur an den Symptombehandlungen arbeitet, wird sich an den Wurzeln der Probleme nicht viel ändern. Wenn Sie meine Beiträge schon länger verfolgt haben, dann wird Ihnen vielleicht jetzt in den Sinn kommen, dass ich in meinen Beiträgen oft die menschliche Komponente erwähne, die leider zu selten bei der Problembewältigung Berücksichtigung findet.

Das Potential, das uns Menschen gegeben ist, Empathie, Achtsamkeit, Mitgefühl, wird als Managementtool leider kaum explizit angesprochen und vermittelt. Die Führungskräfte können daher dieses Wissen, und die damit verbundenen Erfahrungen kaum entwickeln und weitergegeben – selbstverständlich mit einigen Ausnahmen.

Zu groß ist der Widerstand sich den Veränderungen zu stellen, die tatsächlich gefordert werden. 90 Prozent der PersonalerInnen müssten ihr Instrumentarium abschaffen und die Dinge grundlegend anders anpacken.[9]

Zu gerne beruft man sich auf die Aussage: Es muss funktionieren, denn die anderen machen es auch noch so. Unternehmen, die ohne fixe Ziele, mit flachen Hierarchien, kollaborativ, achtsam und mit einer positiven Fehlerkultur agieren, sind Ausnahmen – darunter fällt die Drogeriekette DM, wie auch Google und Toyota.[10]

Der Sinn der Verwendung von Zielsystemen, die mit individuellen Vergütungen verknüpft sind, werden kaum in Frage gestellt und wenn, dann zeigt sich rasch Widerstand. Dabei kann eindeutig belegt werden, dass selbst bei bester Implementierung und Gestaltung von Zielmanagementsystemen die erwarteten positiven Effekte nicht erreicht werden können, weil diese Systeme auf 4 grundsätzlichen Irrtümern beruhen [11]:

Irrtum 1: Zielmanagement kostet wenig und bringe viel

Irrtum 2: Individuelle Ziele tragen zum Unternehmensziel bei

Irrtum 3: Vergütung individueller Ziele fördert Visionen

Irrtum 4: Zielsysteme können maßgeschneidert werden

Die vor rund vier Jahren herausgebrachte Studie des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF) kann belegen, dass mit Management by Objectives (MbO) die Leistung nicht verbessert wird, sondern sich damit der Stress und Leistungsdruck für MitarbeiterInnen, wie auch Führungskräfte erhöht, was die angeblichen positiven Wirkungen eindeutig in den Hintergrund drängt. Führungskräfte nutzen Ziele vielmehr als Macht- und Kontrollinstrument, verwalten diese wie Soll-Ist-Analysen und entfernen sich damit von der menschlichen Komponente.[12]

Das kann, wie ich schon mehrfach erwähnt habe, keinem/keiner der Führungskräfte vorgeworfen werden. Das Management wie es gelehrt und weitergegeben wird, wagt es noch zu selten die menschlichen Aspekte als Führungs- und Zielerreichungswerkzeug anzuwenden.

Wolfgang Vieweg, Unternehmensberater und Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen und Wirtschaftsethik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, spricht ebenfalls sehr deutlich davon, dass das Setzen von Zielen reichlich unproduktiv sei, und den Anforderungen unserer flexiblen Zeit nicht mehr entspreche. Vieweg sieht im Modell „Management by Options“ die Chance, das Unternehmen erfolgsversprechend durch die schnelllebige Wirtschaft zu lenken.[13]

Die Welt verlangt von uns, dass wir uns weniger darauf fokussieren, wie wir etwas dazu zwingen können, in unsere Pläne zu passen. Stattdessen müssen wir uns darauf fokussieren, miteinander in Beziehung zu sein, und uns in die Erfahrung zu begeben, um zu bemerken, was daraus entsteht. Wir werden also aufgefordert teilzunehmen, statt zu planen.[14]

Doch die meisten Führungskräfte fühlen sich ohne Vorhersagungen und Zielplanungen eher hilflos. Deshalb halten viele am Plan fest, anstatt der Wirklichkeit zu folgen – mit unangenehmen Nebenwirkungen. Man versucht die Planerfüllung mit Kniffen und List entsprechend zu manipulieren. Im Kleinen wie im Großen wird geschoben und paktiert.[15] So wird das Lügen im Management u.a. auch zur Zielerreichungsstrategie.[16]

Doch wie schon mehrfach erwähnt, es macht keinen Sinn die Führungskräfte an den Pranger zu stellen. Es zeigt sich ohnehin, dass ein Umdenkprozess im Laufen ist. Gleichzeitig lösen diese neuen Bewegungen im Management Widerstand aus. Das verlangt respektvolle Einsicht von denen, die ein Umdenken fordern und couragiertes Vertrauen von jenen, die noch im Alten feststecken. Das kann nicht von einer Stunde zur anderen in das Handeln implementiert werden, wie beispielsweise ein Update am PC, das meist rasch ein Problem zu lösen vermag.

Ich sehe den Hype bzw. die neue Erfolgsstory, keine Ziele vorzugeben, um fit zu bleiben und am Erfolg in Zukunft teilhaben zu können, mit geteilter Aufmerksamkeit. Zum einen muss ich Recht geben, dass die Planwirtschaft als solche nicht mehr zeitgemäß ist. Zum anderen kann aber auch nicht von einem Tag zum anderen ein eingespieltes System auf Knopfdruck verändert werden. Für viele Führungskräfte, und auch MitarbeiterInnen haben Ziele eine Art Ankerfunktion, sie geben ihnen Orientierung.[17]

Ich sehe den ersten Schritt hin zur Lösung nicht darin, Ziele einfach aufzugeben und stattdessen Optionen zu setzen, sondern ins Spüren zu gehen. In meinem Artikel „Berge versetzen im Management“[18] habe ich darübergeschrieben, wie oft wir dem Irr-Glauben erliegen, wir müssten alles rational und effektiv mit bestmöglicher Fachkompetenz und genauer Zielfokussierung lösen, und vergessen dabei die stärkste Kraft zu nutzen – unsere Empathie, Mitgefühl, Liebe.

Eine zum Einsatz gebrachte Sinnökonomie, das gemeinsame Miteinander vom Was (Prozesse, Tools), Wie (Haltung, 5R) und Warum (Sinn, Motivation) in Verbindung mit Achtsamkeitsschärfung kann helfen, die vermutlich immer stärker werdenden Zweifel und Unsicherheiten im Management zu reduzieren bzw. den Mut aufzubringen, die menschliche Komponente, die Gefühle, in das Business einfließen zu lassen. Damit kann das krampfhafte Festhalten an Vorgaben gelöst werden, und Herausforderungen mit Offenheit, Flexibilität und Kreativität gemeistert werden. Mit Zielen verhält es sich ähnlich wie mit Veränderungsprozessen: 60-70 Prozent scheitern bzw. gehen am Ziel vorbei – warum[19]?

Es fehlt die Verbindung von Kopf und Herz.

Wir alle erliegen dem menschlichen Bedürfnis, Kontrolle in einer letztlich unkontrollierbaren Welt zu behalten. Angst, Unsicherheit, Widerstand sind unsere täglichen Begleiter und allzu oft auch unsere Entscheider. Doch Achtsamkeit kann den Verführungen und damit verbundenen Fehlhaltungen widerstehen. Achtsamkeit kann eine couragierte Begleitung werden, die im Stande ist uns verantwortungsvoll durch die Stürme des Business, durch die Stürme des Lebens zu führen.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/zielvereinbarungen-ohne-plan-geht-s-auch-11039847.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[2] http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/zielvereinbarungen-ohne-plan-geht-s-auch-11039847.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[3] http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/zielvereinbarungen-ohne-plan-geht-s-auch-11039847.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[4] https://www.lean-knowledge-base.de/falsche-ziele-fuehren-in-die-falsche-richtung/. Am 2017-07-12 gelesen.
[5] https://www.karriere.at/blog/fuehren-ohne-ziele.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[6] http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/zielvereinbarungen-ohne-plan-geht-s-auch-11039847.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[7] https://www.karriere.at/blog/fuehren-ohne-ziele.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[8] https://www.karriere.at/blog/fuehren-ohne-ziele.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[9] https://www.karriere.at/blog/fuehren-ohne-ziele.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[10] https://www.karriere.at/blog/fuehren-ohne-ziele.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[11] http://www.manager-magazin.de/harvard/a-615605.html. Am 2017-07-11 gelesen.
[12] https://www.business-wissen.de/artikel/fuehrungsinstrument-fuehren-mit-optionen-statt-mit-zielen/. Am 2017-07-11 gelesen.
[13] https://www.business-wissen.de/artikel/fuehrungsinstrument-fuehren-mit-optionen-statt-mit-zielen/. Am 2017-07-11 gelesen.
[14] Laloux, Frederic, Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Verlag Franz Vahlen GmbH. München: 2015. S.214.
[15] https://www.lean-knowledge-base.de/falsche-ziele-fuehren-in-die-falsche-richtung/. Am 2017-07-12 gelesen.
[16] http://blog-wagner-consulting.eu/berge-versetzen-im-management/.
[17] https://www.business-wissen.de/artikel/fuehrungsinstrument-fuehren-mit-optionen-statt-mit-zielen/. Am 2017-07-12 gelesen.
[18] http://blog-wagner-consulting.eu/berge-versetzen-im-management/.
[19] http://se.linkedin.com/pulse/unser-immer-schnelleres-leben-schreit-danach-sich-wieder-sara-weber. Am 2017-07-12 gelesen.

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Die unerwartete Revolution in Unternehmen

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Mindfulnesspraxis - die unerwartete Revolution in Unternehmen

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp, das Technologieunternehmen Siemens und die Deutsche Telekom baten Peter Bostelmann, tätig bei SAP, um Unterstützung.[1] Doch was tut Bostelmann konkret, was für diese Konzerne und andere Unternehmen so interessant ist?

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Mindfulnesspraxis

Peter Bostelmann war ein effizienter Zahlenmensch und ist heute „Director of SAP Global Mindfulness Practice“, sprich Achtsamkeitsdirektor. Er ist hauptberuflich dafür zuständig, SAP-MitarbeiterInnen weltweit beizubringen, wie man richtig entspannt – das glatte Gegenteil von dem, was die Silicon-Valley-Kultur nach außen hin ausmacht. Anfangs gab es Skepsis, doch dann hat sich die Achtsamkeitspraxis im Konzern zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Das Programm ist fünf Jahre alt, und 5500 SAP-MitarbeiterInnen stehen auf Wunsch auf der Meditations-Warteliste. Bostelmann wird von 24 TrainerInnen und 50 BotschafterInnen an 20 Standorten unterstützt.[2]

Bei SAP beginnen viele Meetings jetzt mit einer Minute Atmen – Erdung, wie Bostelmann es nennt.[3]

Es muss einen Grund geben, warum dieses Training bei MitarbeiterInnen, wie auch beim Management so gut ankommt. Eine Studie von SAP zeigt sehr transparent, dass die durch das Achtsamkeitstraining geschulten MitarbeiterInnen seltener krank sind, engagierter, fokussierter, kreativer arbeiten und mit ihren Vorgesetzten besser klar kommen, im Vergleich zu jenen, die dieses Achtsamkeitstraining nicht absolviert haben.[4] Auch die Studie des drittgrößten amerikanischen Krankenversicherers Aetna konnte belegen, dass mit Hilfe von Meditation im Arbeitsalltag die Krankheitskosten um 7 Prozent gedrückt werden können.[5]

Bostelmann orientierte sich mit seinem Mindfulnesstraining an Chade-Meng Tan, der bei Google das Achtsamkeits-Programm „Search Inside Yourself“ eingeführt hat. Tan´s Programm besteht aus drei Schritten:[6]

  1. Aufmerksamkeitsschulung

  2. Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung

  3. Nützliche geistige Gewohnheiten

Als kleine Gedankenstütze bzw. als Einstieg zu diesem Thema möchte ich 3 Aspekte der Achtsamkeitspraxis, angelehnt an meinen Artikel „Slowness wird der Trend der Zukunft …“, anführen:[7]

  • Achtsamkeit beginnt im Kleinen. Dabei, bewusst wahrzunehmen, was jetzt gerade in diesem Moment passiert – im Außen und im Inneren. Beispielsweise Sie lesen diesen Artikel. Sie nehmen wahr, dass Sie vielleicht zu schnell lesen, dass Sie vielleicht mit den Gedanken abschweifen und beim nächsten Meeting sind, oder sich über den Artikel ärgern.

  • Achtsamkeit kann mit Hilfe Ihres Körpers relativ schnell erfasst werden. Ihr Atem, Ihre Sitzhaltung, Ihre angespannten oder zu schlaffen Muskeln, Ihre gebeugte Haltung, Ihre hochgezogenen Schultern, ein mögliches Bauchzwicken, … zeigen Ihnen sofort in diesem Moment, was jetzt gerade los ist. In diesem Moment entsteht eine Lücke im Denken. Das eröffnet für einen Moment einen erweiterten Denk- und Handlungsraum.

  • Das klingt eigentlich sehr einfach. Doch die Achtsamkeit wird durch 5 Aspekte gehindert bzw. verzerrt, die jeden von uns zu jeder Zeit beeinflussen und begleiten. Deshalb bedarf es einer Schulung, so wie es Tan und Bostelmann erfolgreich bei Google und SAP initiieren.

Auch Apple, BASF, Vodafone oder DM, um nur einige zu nennen, nutzen Meditation, um die Selbstwahrnehmung sowohl der MitarbeiterInnen als auch der Führungskräfte zu stärken, Konflikte besser zu lösen, zielfokussierter zu arbeiten und akzeptable, wertebewusste und nachhaltig wirksame Entscheidungen zu treffen.[8] Der Lebensmittelkonzern General Mills gilt sogar als Musterbeispiel für einen Konzern, der Meditation und Yoga in die Firmenkultur integriert. Die Nachfrage war dort so groß, dass das Unternehmen veranlasst hat, ein eigenes Institut zu gründen. Zu ihren Kunden zählen u.a. Procter & Gamble wie auch die US Airforce.[9]

Doch in der deutschen Firmenwelt ist die Achtsamkeitspraxis noch relativ wenig verbreitet. Es hat einen religiösen Beigeschmack, und schreckt deshalb viele Unternehmen ab. Schade, denn der persönliche und auch unternehmerische Gewinn, und damit meine ich nicht bloß den finanziellen, sondern viel mehr auch den Wohlfühlgewinn und die psychische Gesundheit kann mit Achtsamkeitspraxis im Berufsalltag deutlich verbessert werden. So sagt Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater Associations:

Wenn ich meditiere, dann öffnet sich mein Geist, es entspannt und erdet mich. Meditation war mehr als alles andere in meinem Leben der wichtigste Faktor für jeden Erfolg, den ich hatte.[10]

Kurt Faller, Management-Coach, bewertet die bisher laufenden Achtsamkeits-Programme grundsätzlich positiv, doch von einem „Achtsamen Management“ kann bei vielen noch nicht gesprochen werden. Dafür müssen drei Ebenen der Achtsamkeitspraxis ineinandergreifend wirken:[11]

  • Die Ebene der Selbstführung

  • Die Ebene des achtsamen Führens

  • Die Ebene der organisierten Achtsamkeit

Die Ebene der Selbstführung, und damit insbesondere der persönlichen Stressbewältigung, ist meiner Meinung und Erfahrung nach grundvoraussetzend, damit die beiden anderen Ebenen darauf aufbauend bzw. ineinandergreifend wirken können. Denn ohne Selbsterkenntnis und der damit zusammenhängenden Einsicht über die emotionalen Befindlichkeiten und empathischen, mitfühlenden Empfindungen für andere, ist der Weg hin zu einem achtsamen Führen nicht offen. Tan will mit Achtsamkeit ebenfalls nicht nur die Leistung der MitarbeiterInnen steigern, sondern auch helfen, das Gute in jedem zu finden – ebenso in den Führungskräften. Deshalb lautet Tans Jobbeschreibung: Gemüter erleuchten, Herzen öffnen, Weltfrieden schaffen.[12] Genau dieser Ansatz mag zwar viele im Management abschrecken, aber genau darum geht es eben auch.

Es geht nicht bloß um Effizienzsteigerung mittels Achtsamkeit, sondern auch um Steigerung der Menschlichkeit im Arbeitsprozess. Die beiden Seiten gehören zu ein und derselben Medaille.

So hat laut einer weltweiten Studie von Regus, dem weltweiten Führer von innovativen Arbeitsplatzlösungen, seit Beginn der Wirtschaftskrise der Stress am Arbeitsplatz deutlich zugenommen. Es heißt in dieser Studie, dass die zunehmende Gewinnfixierung der Unternehmen für 35% der ArbeitnehmerInnen in Deutschland einen erheblichen Stressfaktor darstellt. Eine Studie der AOK zeigt die Auswirkungen ebenso deutlich mit den Folgen, dass daraus in Deutschland jährlich ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens acht Milliarden Euro entsteht.[13]

Die Studie des Managementzentrums St. Gallen belegt, dass 82% der Führungskräfte die Notwendigkeit für einen radikalen Richtungswechsel im Management einsehen und für unabwendbar halten. Bostelmann, Tan, u.a. sind vielleicht die VorreiterInnen und Vorbilder einer möglicherweise weltweit anbahnenden Strömung. Auch der Management-Denker Fredmund Malik fordert eindringlich ein Umdenken im Management, um mit der Komplexität und den Herausforderungen menschenwürdiger umzugehen.[14] Lt. Bostelmann ist das der Anfang einer neuen Arbeitsweise. Statt auf dem Smartphone Fotos mit Filtern zu überziehen und auf Likes zu warten, werden die Menschen beispielsweise in der U-Bahn sich in Achtsamkeit üben, die Augen schließen und ruhig atmen.[15]

Zum Abschluss von diesem Artikel möchte ich Sie einladen, 2 geführte Mediationen kennenzulernen, die bei ausreichender Praxiserfahrung helfen in stressigen bzw. unangenehmen Situationen Ruhe und Klarheit zu finden. In diesem Artikel schreibe ich nur ganz kurz, um was es geht. Wenn diese Meditationen mit Hilfe eines erfahrenen Trainers/Trainerin gut verinnerlicht sind, dann genügen bei Bedarf wenige Sekunden um deren Wirkung zum Einsatz zu bringen. Das heißt aber auch nicht, dass bei Verinnerlichung der Praxis, die Wirkung für immer vorhanden ist, und man jederzeit auf Abruf darauf zurückgreifen kann. Es ist mit der Achtsamkeit so wie bei SportlerInnen. Es braucht ein regelmäßiges Training, um die Kondition halten zu können. Am Anfang benötigt jedes Training vielleicht mehr Engagement, aber irgendwann gehört es zum Lebensalltag. Dann kann Achtsamkeit wirklich äußerst kraftvoll wirken.

2 Beispiele geführter Mediationen

Seemeditation

Tan führt seine Achtsamkeits-KursteilnehmerInnen beispielsweise zu der Vision eines klaren Bergsees. Ich kenne diese Vision von Jon Kabat Zin, emeritierter Professor an der University of Massachusetts Medical School in Worcester. Bei der Achtsamkeitsübung „See“ lernt man, die Ruhe in der Tiefe eines Sees wahrzunehmen. Man nimmt wahr, wie beispielsweise die Oberfläche des Sees durch ein Gewitter stark in Unruhe ist. Man merkt, dass man jedoch nicht an der Oberfläche bleiben muss. Der See besteht eben nicht nur aus der Oberfläche, sondern geht auch in die Tiefe. Und in der Tiefe des Sees bleibt es beispielsweise trotz Gewitter ruhig.

Diesen inneren Ort der Stille kann man bei ausreichender Meditationserfahrung in Stresssituationen auf Abruf aktivieren.

Bergmeditation

In ähnlicher Weise wirkt die Bergmeditation von Jon Kabat Zin. Hier geht man in die Vorstellung ein Berg zu sein, fest wie ein Berg in der Umwelt zu stehen, mit einer kraftvollen Mitte. Es mag sein, dass ein starker Sturm um den Berg weht. Es mag sein, dass die Sonne unangenehm auf den Berg brennt. Unerschütterlich mit Ruhe übersteht der Berg jedes Ereignis. Im Gegenteil, der Berg erfreut sich an den Abenteuern, weil er weiß, nichts kann ihn in der Tiefe wirklich erschüttern. Er steht fest verankert im Boden, an seiner Oberfläche mag es Unangenehm sein, aber kein Ereignis währt ewig, und die Tiefe bleibt unantastbar und damit unerschütterlich.

Mit entsprechender Praxis kann man sich jederzeit die Kraft des Berges holen. Aus dieser Haltung heraus können unangenehme Situation mit mehr Geduld und Einsicht wahrgenommen und entsprechend einer entspannten Haltung anders gehandelt werden.

Wir sind nie frei von Bedingungen, wir sind aber immer frei, wie wir uns zu den Bedingungen einstellen.[Viktor E. Frankl]

Diese beiden Beispiele, die See- und die Bergmeditation veranschaulichen nur einen Bruchteil von dem, wie Meditation und Achtsamkeit trainiert werden kann. Das was vermutlich viele von Ihnen kennen, ist die stille Meditation. Das schließen der Augen und wahrnehmen, beispielsweise vom Atem. Das ist ein außerordentlich wichtiger Grundbaustein, der aber mit Hilfe von geführten Meditationen sehr gut ergänzt und erweitert werden kann. William James war ein Verfechter der Achtsamkeit, und erkannte deshalb sehr gut, wo es hacken könnte:

Niemand sei bei klarem Verstand, der nicht das Vermögen besitzt im Zustand der Achtsamkeit zu handeln. Eine Erziehung, die dieses Vermögen ausbildet, wäre die Erziehung par excellence. Doch ist es leichter, dieses Ideal zu definieren, als praktische Anleitungen zu seiner Verwirklichung zu geben.[16]

Mit diesen Worten beende ich diesen Artikel. Möge die Achtsamkeit nicht bloß rational als neues Management-Tool gehypt werden, und von unzureichend geschulten TrainerInnen und Coaches weitergegeben werden, sondern auf hohem Niveau mit entsprechender Achtsamkeit hautnah und emotional erlebt, erfahren und in den Arbeitsalltag integriert werden.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/silicon-valley-ausatmen-1.3562715. Am 2017-07-03 gelesen.
[2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/silicon-valley-ausatmen-1.3562715. Am 2017-07-03 gelesen.
[3] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/silicon-valley-ausatmen-1.3562715. Am 2017-07-03 gelesen.
[4] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/silicon-valley-ausatmen-1.3562715. Am 2017-07-03 gelesen.
[5] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/entspannung-fuer-manager-der-fuer-ruhe-sorgt/9521208.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[6] Aus meinem Artikel: Slowness wird der Trend der Zukunft.
[7] Aus meinem Artikel: Slowness wird der Trend der Zukunft.
[8] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/management-durch-meditation-selbstfuehrung-fuer-alle/14762334.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[9] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/entspannung-fuer-manager-der-fuer-ruhe-sorgt/9521208.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[10] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/entspannung-fuer-manager-der-fuer-ruhe-sorgt/9521208.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[11] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/management-durch-meditation-selbstfuehrung-fuer-alle/14762334.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[12] http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/entspannung-fuer-manager-der-fuer-ruhe-sorgt/9521208.html. Am 2017-07-03 gelesen.
[13] Aus meiner Abhandlung: http://leadership-dojo.eu/wp-content/uploads/2016/05/Verantwortungsbewusstsein-im-Wirtschaftsalltag.pdf.
[14] Aus meiner Abhandlung: http://leadership-dojo.eu/wp-content/uploads/2016/05/Verantwortungsbewusstsein-im-Wirtschaftsalltag.pdf.
[15] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/silicon-valley-ausatmen-1.3562715. Am 2017-07-03 gelesen.
[16] Schreib, Herbert: Cool durch Wirbel und Wandel. Wie Manager souverän bleiben – Dynamic Mindfulness. Linde Verlag GmbH. Wien: 2014
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Macht verändert das Verhalten – von jedem

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Macht verändert das Verhalten – von jedem

Kennen Sie den Roman „Der Herr der Ringe“, die atemberaubende Geschichte um Macht und den Kampf gegen die Verführungen der Macht? Diese Geschichte zeigt erschreckend gut, was die Forschung heute ebenfalls feststellt:[1]

Macht verändert die Psyche und damit die Persönlichkeit.

Als Einstieg in dieses Thema möchte ich Ihnen in wenigen Sätzen die Erzählung über Macht, und die Wirkung von Macht widergeben:

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Im Roman „Herr der Ringe“ hat Frodo, der Hobbit die negativ wirksamen Verführungen der Macht durch den Ring am eigenen Leib erfahren. Sein ursprünglich sozial positives Verhalten, seine Tugenden haben sich mit dem Besitz des Ringes verändert. Er selbst hat dies gar nicht gemerkt. Fesselnd erzählt Reuel Tolkien, wie Frodo durch den Ring der Macht beeinflusst wurde, wie die Macht in seinen Händen seine Gedanken, seine Gefühle, seine Ziele verdreht hat. Nur mit Hilfe und viel Courage seiner Freunde und anderer Wesen konnte Frodo der Macht widerstehen.

Michael Schmitz, langjähriger politischer Journalist und heute Managementberater, hat ähnliche Erfahrungen gemacht, als er mächtige Personen aus nächster Nähe erlebte:[2]

Je länger Mächtige Macht ausüben, umso selbstverständlicher erscheint sie ihnen und umso gedankenloser nutzen sie die Vorteile und Privilegien, die ihnen Macht gewährt.

Schmitz und viele Forscherinnen, wie u.a. Fast und Robertson, können das ebenfalls belegen.

Wenn es tatsächlich stimmt, dass Macht die Psyche und die Persönlichkeit verändert, dann sollte das doch jedem, der in irgendeiner Weise andere führt, sprich Macht über andere hat, aufhorchen lassen?

Dacher Keltner, Psychologe an der University of California in Berkley, sagt: Wir alle sind Opfer des Macht-Paradoxes.[3] Niemand ist davon verschont. Es kann selbst jene treffen, die ursprünglich mit besten Wissen und Gewissen ihre Machtposition nutzen wollten.

Macht und Machtmissbrauch liegen eng beieinander.[4]

Im Folgenden möchte ich Sie einladen die Wirkungsmechanismen der Macht unter die Lupe zu nehmen. Wie gesagt, es wird viel von Macht gesprochen und viel geurteilt. Doch Verurteilungen ändern nichts an der Tatsache, dass Macht alle Beteiligten verändert. Es braucht ein tieferes Verständnis für die Wirkungsmechanismen der Macht, um die Verführungen und Fallen der Macht leichter zu erkennen. Wir müssen neue Wege finden, um die positiven Aspekte besser zu nutzen, und die Negativen besser im Griff zu haben.

Die positive Wirkung von Macht für die Mächtigen

Macht hat zuerst einmal positive Aspekte. Beispielsweise nehmen mit einem Ansteigen von Macht strategisches und abstraktes Denken zu. Die Motivation und die allgemeine Stimmung erhöht sich und die Angst reduziert sich. Macht hat damit eine antidepressive Wirkung für die Mächtigen. Zusammenfassend zu den positiven Seiten der Macht kann gesagt werden:[5]

Macht macht die Mächtigen klüger, ehrgeiziger, konzentrierter und mutiger.

Macht aktiviert ähnliche Hirnareale wie Drogen und Sex. Ian Robertson, Neurowissenschaftler und Klinischer Psychologe am Trinity College in Dublin hat erforscht, wie Macht die Hirnbiologie verändert. Beispielsweise erhöht Macht den Testosteronspiegel, was zu einer vermehrten Aufnahme des Neurotransmitters Dopamin führt, was u.a. das Belohnungszentrum aktiviert. Als Folge steigt die Laune, die Innovationskraft, der Mut, aber auch die Selbstbezogenheit und andere nicht immer nur vorteilhafte Persönlichkeitsaspekte.[6]

An diesem Punkt kann vermutlich jeder und jede zugeben, dass die mit der Macht einhergehenden positiven Aspekte und die steigende Motivation willkommen sind. Gleichzeitig, mit dem Anstieg der Lust und Laune, greifen schleichend und kaum wahrnehmbar die negativen Aspekte der Macht. Niemand kann sich davon freihalten. Nur mit viel Reflexion, viel Wissen über die Wirkungsmechanismen der Macht und der Annahme von Feedback von außen können die positiven Aspekte der Macht weiterhin genutzt, und die negativen Seiten in Schach gehalten werden.

Die negative Wirkung von Macht

Die Schattenseite der Macht nimmt schleichend Besitz von den Mächtigen. Irgendwann wird die mit der steigenden Macht einhergehenden Verhaltensänderung jedoch deutlicher, zeigt sich beispielsweise in Willkür, Unterdrückung, Gewalt, Erniedrigung. Zahlreiche Studien belegen das leider so, u.a. ein Experiment an der Universität Oxford 2012. Die Studienleiterin Riam Kanso vom Oxforder Brain & Cognition Laboratory konnte zeigen:[7]

Macht untergräbt die ausbalancierte Zusammenarbeit mit den Untergebenen.

Das belegen darüber hinaus zahllose Fälle von Selbstbereicherung und Korruption in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Eine frühere Studie von dem Psychologen Adam Galinsky musste feststellen:[8]

Macht reduziert die Fähigkeit zur Empathie, die Fähigkeit sich in andere Menschen und ihre Perspektiven hineinversetzen zu können.

Abgesehen davon kümmert es viele Mächtige erschreckend wenig, was ihre Mitmenschen über sie denken. Eine erhöhte Machtposition verleitet die Mächtigen zum Danebenbenehmen, wovon es ebenfalls genügend Beispiele gibt. Doch man kann nicht davon ausgehen, dass die negativen Aspekte nur bei bereits auffallenden oder schwachen Persönlichkeiten vorzufinden sind. Leider zeigen Studien, u.a. die von Oxford 2012, dass selbst Menschen mit normalen Persönlichkeitsmerkmalen bei Anstieg ihrer Machtkompetenz zu negativen Veränderungen in ihrem Verhalten neigten. So scheint es, dass ein Zuwachs von Macht das Gehirn aus dem Gleichgewicht zu bringen scheint. Ein Team um Nathanael Fast von der University of Southern California hat festgestellt:[9]

Mächtige, die sich ihrer Macht sehr bewusst waren und sich gleichzeitig kompetent fühlten, neigten auffallend oft zu übertriebenen selbstsicheren Entscheidungen – selbst dann, wenn diese falsch und mit finanziellen Einbußen verbunden waren.

In Bezug auf Macht konnte Fast noch einen entscheidenden Aspekt aufdecken, nämlich dass der Status in Zusammenhang mit Machtmissbrauch ebenfalls eine Rolle spielt. Es zeigte sich, dass jene, denen man Macht gab, ohne sie mit einem hohen sozialen Status zu verbinden, deutlich stärker dazu neigten, andere zu erniedrigen, als Mächtige, die einen hohen Status genießen durften. Doch der bedrohlichste Aspekt von Macht ist die Aggression. Damit hat sich ebenfalls Fast, gemeinsam mit Serena Chen von der University of California in Berkeley auseinandergesetzt:[10]

Am aggressivsten agieren die inkompetenten Mächtigen.

Chefs scheinen vor allem dann zum Tyrannen zu werden, wenn sie sich ihrer Position nicht gewachsen fühlen. Sie spüren, dass sie unter Beobachtung stehen, und der daraus erwachsene Stress kippt die Macht ins Destruktive. Leidensgeschichten von Angestellten unter solcher Art überforderter Führungskräfte gibt es unzählige.[11]

An diesem Punkt möchte ich ganz konkret eine kurze Denk- und Reflexionspause machen.

Ich gehe davon aus, dass die bisherigen Aussagen über Macht, und die Wirkungsmechanismen von Macht, nicht ohne Spur an Ihnen vorübergegangen sind. Mag sein, dass Sie das auch schon sehr gut kennen. Wagen Sie nun einen Blick auf sich selbst als Führungspersönlichkeit.

  • Wie sehen Sie sich aktuell in Ihrer Arbeitsweise als Führungskraft und Ihren damit verbundenen Machtmöglichkeiten?

  • Ist Ihnen wirklich bewusst, was die Macht mit Ihnen zu machen im Stande ist?

  • Welche Veränderungen Ihrer Gedanken, Gefühle, Ziele und Ihres Verhaltens haben Sie bereits selbst wahrgenommen, oder wurden Ihnen zurück gespiegelt?

Ab wann verändert Macht das Verhalten in negativer Weise

Im Zusammenhang mit den Wirkungsweisen der Macht stellt sich natürlich auch die Frage, wie schnell sich das Funktionieren des Gehirns durch Macht verändert. Robertson musste dabei feststellen, dass selbst eine kleine Machtfülle schon ausreicht, um einen Rückgang der Empathie auszulösen. Abgesehen davon ist der positive Aspekt der Macht, eine erhöhte Dopaminausschüttung und der damit einhergehende Motivations-, Innovations- und Mutanstieg eben nicht nur positiv zu sehen, sondern kann suchtartiges Verhalten hervorrufen.[12]

Die Suchtqualität der Macht und ihre verzerrenden Wirkungen auf den menschlichen Geist haben in der Menschheitsgeschichte Hunderten Millionen Menschen das Leben gekostet.

Auswirkungen der Macht auf die Untergebenen

Ich gehe davon aus, dass jeder/jede, der/die diesen Artikel liest, die negative Seite der Macht und die Folgen davon vor Augen hat. Einen Gedanken möchte ich jedoch speziell ausformulieren. Wenn beispielsweise Macht im positiven Sinn die Mächtigen klüger, ehrgeiziger, konzentrierter und mutiger werden lässt, dann heißt das im Umkehrschluss, dass die Untergebenen dümmer, fauler, unkonzentrierter und apathischer agieren. Eine Studie um Maarten Boksem von der Erasmus-Universität Rotterdam belegt:[13]

Das Erleben eigener und fremder Macht beeinflusst unmittelbar das Motivationssystem des Gehirns.

Das führt dazu, dass die Untergeordneten beispielsweise Verlusten eine deutlich höhere Beachtung schenken als die Mächtigen. Die Untergeordneten zeigen jedoch mehr Sensibilität für gemeinsame Ziele, lassen sich aber leicht von Informationen ablenken und verlieren schnell ihre Ziele aus den Augen.[14] Aus diesem Wissen heraus kann MitarbeiterInnen eigentlich kein Vorwurf bezüglich schlechter Arbeitsleistungen gemacht werden.

Resümee

Ich habe mich in diesem Artikel nur einigen wenigen Aspekten der Macht gewidmet – jenen, von denen ich meine, sie können zum Nachdenken bewegen ohne sofort Schuldzuweisungen in den Raum zu stellen. Ich möchte den Machtmissbrauch nicht anklagen, das steht mir auch nicht zu, sondern ich möchte mit Hilfe des bewussten Erkennens der Verführungsmuster achtsamer mit Macht umgehen und die Verführungen besser zügeln. Die Hauptthese im Buch von Dacher Kaltner „Das Machtparadox, wie wir Einfluss gewinnen oder verlieren“ bringt es deutlich auf den Punkt:[15]

Die Machthaber müssten eine Persönlichkeitsentwicklung zulassen. Aber viele Mächtige bleiben lieber ihren Grundsätzen treu, und nur wenige lernen, ihre Macht weise zu nutzen.

Spannend ist jedoch zu beobachten, dass die Digitalisierung und die Arbeitswelt 4.0 mit ihren Arbeitsansätzen wie Kollaboration, positive Fehlerkultur und Sinnökonomie dem Machtmissbrauch entgegenzuwirken im Stande ist. Doch wenn man die Wirkungsmechanismen der Macht wirklich versteht, dann sollten wir alle auf der Hut sein, damit die neuen Helden der VUCA-World den Verführungen durch den Machtanstieg widerstehen.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[2] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[3] Keltner, Dacher: Das Machtpardox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main: 2016.
[4] http://www.blog.michael-ehlers.de/business-club-talk-macht-und-machtmissbrauch-liegen-eng-beieinander/. Am 2017-06-27 gelesen.
[5] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[6] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[7] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[8] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[9] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[10] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[11] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[12] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[13] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[14] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[15] Keltner, Dacher: Das Machtpardox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main: 2016
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