Aschermittwoch der Wirtschaft

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Aschermittwoch der Wirtschaft

Der politische Aschermittwoch wird medienwirksam inszeniert. In manchen Kreisen ist auch der Aschermittwoch der Künstler bekannt. Und der Aschermittwoch der Kabarettisten gewinnt ebenfalls an Bedeutung, als Gegenprogramm zum politischen Aschermittwoch.[1]

Aus irgendeinem Grund scheint dieser Tag eine Symbolkraft zu haben, obgleich dieser nicht explizit als Feiertag angeführt wird.

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Wie jeder weiß, ist der Aschermittwoch ursprünglich ein religiös ambitionierter Tag. Trotz Säkularisierung hat dieser Tag – das Ende der Narrenzeit und der Beginn der Fastenzeit – noch immer eine starke Symbolkraft, der in abgewandelten Formen die Aufmerksamkeit erregt.

Bitte jetzt keine Beweihräucherung!

Der Aschermittwoch ist eine private Angelegenheit, das hat keinen Platz im Job und schon gar nicht im Unternehmen!

So werden vielleicht einige von Ihnen nun denken. So habe ich auch lange gedacht. Aber jedes Jahr werde ich aufs Neue mit dem Aschermittwoch konfrontiert. Dieser Tag ist einfach noch immer präsent, und so kam ich zu dem Entschluss, dass ich mir diesen Aschermittwoch einmal genauer ansehe. Vielleicht finde ich etwas, was ich persönlich wie auch beruflich in positiver Weise nutzen kann.

Wenn Sie sich davon jetzt ebenfalls angesprochen fühlen, dann lade ich Sie dazu ein, mit mir gemeinsam dem Aschermittwoch und seinen Intentionen offen entgegenzutreten.

  • Was steckt dahinter?

  • Könnte die Wirtschaft aus einem Aschermittwoch auch etwas profitieren?

Ursprünglich war und ist der Aschermittwoch der Tag, an dem die Gläubigen von einem Priester mit Asche ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet bekommen – als Symbol der Buße und Sterblichkeit. Die Asche steht für das Bewusstsein der Endlichkeit allen Lebens, und der Aktivierung der persönlichen Fehlerreflexion. Aus dieser Einsicht heraus kann in Folge wieder neues Leben entstehen.[2]

So gesehen ist dieser Tag, und die damit zusammenhängende Fastenzeit, doch eine spannende Möglichkeit, das eigenen Leben und Handeln etwas genauer zu betrachten, Fehler einzugestehen und daraus zu lernen, um es in der Zukunft besser zu machen.

 

Die zwei Seiten einer Medaille

Die Narrenzeit mit dem Überschreiten von Grenzen brauchen wir genauso wie auch das Innehalten und prüfen, ob das was wir machen uns selbst und auch anderen guttut – beruflich wie auch privat. In der Narrenzeit sind wir angeheitert und vieles verschwimmt im Rausch. Das fördert die Kreativität und den Mut, anderes und neues zu wagen. Auf längere Sicht ist das für den Organismus jedoch sehr anstrengend und erschöpfend.

Wir können nicht auf Dauer im Rausch leben. Es braucht auch Zeiten der Erholung und Besinnung. Vermutlich weiß jeder von Ihnen, dass man sich mit einem Rausch mächtig und unwiderstehlich fühlt, doch die Ernüchterung und die entsprechenden Nebenwirkungen folgen – oft sehr zeitversetzt, aber irgendwann gibt es einen Bruch. Einige Studien belegen sehr deutlich, dass die Art und Weise wie aktuell in der Wirtschaft agiert und gearbeitet wird, die Fehlzeiten am Arbeitsplatz eindeutig erhöht.[3] Die Ausbeutung und Erschöpfung der Menschen und unserer Umwelt lässt sich nicht mehr so leicht verheimlichen und ausklammern.

Die Ausbeutung und Erschöpfung der Menschen und unserer Umwelt lässt sich nicht mehr so leicht verheimlichen und ausklammern.

Eine Studie im Auftrag der Stratix Gruppe zeigt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von allen Unternehmen aus Japan und Europa, unabhängig von ihrer Größe, nur 12,5 Jahre beträgt. Das Erschreckende: Die Lebenszeit der Unternehmen reduziert sich noch weiter.[4] Das böse Erwachen erfolgt, unweigerlich. Doch dann tut man so, als ob das nicht vorhersehbar war, man nichts dafürkönne anstatt einzugestehen, dass man vielleicht doch einen Fehler gemacht, und zu berauscht und egozentrisch die Sache betrachtet hat. Die Wirtschaft scheint im Rausch festzustecken, vielleicht sogar süchtig zu sein, und die Zeiten der Besinnung und die Todesfälle als nicht Existent betrachten zu wollen.

So gesehen ist der Anstoß vom Aschermittwoch ein guter Tipp, wieder einmal innezuhalten, auszuruhen und zu prüfen, ob das was man in Rauschzeiten so tut auf Dauer auch gesund ist.

Nichts auf dieser Welt währt ewig, das sollten wir uns hie und da ins Bewusstsein rufen. Wir alle sind sterblich, die Welt in der wir leben ist endlich. Im Angesicht des Todes würden wir vermutlich einiges anders sehen als in unseren Rauschzeiten. Ich will niemanden zu nahetreten und den Tod als Ratgeber glorifizieren. Der Tod gehört aber zum Leben, und so gesehen auch zur Wirtschaft. Doch wir tun noch immer so, als ob die Wirtschaft ein grenzenloses, ewig lebendes Wunderwerk ist. In der Fastenzeit, mit dem Start am Aschermittwoch, geht es deshalb um weit mehr als bloß um den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel. Das ist sicher jedem von Ihnen klar.

Unsere Sicht auf das Geschehen ist immer wieder getrübt, und es braucht Zeiten der Rückbesinnung, des Fastens, um die Sicht wieder klarer werden zu lassen. Im Rausch, mit einer getrübten Optik vergessen wir, dass der Luxus und die Sicherheit in der wir beispielsweise in den mitteleuropäischen Ländern leben nicht selbstverständlich ist. Das grenzenlose Wachstum, die scheinbare Sicherheit und der damit verbundene grenzenlos ansteigende Luxus ist mehr eine Ausnahme als Norm.

  • Sind wir uns bewusst, dass wir vielleicht häufiger im Rauschzustand entscheiden, und weniger aus der Besinnung heraus?

  • Wie geht es uns, wenn wir uns ausnüchtern und nicht mehr im Rausch sind – beruflich wie auch privat?

  • Vielleicht haben wir dann einen Kater, oder spüren sogar einen Entzug?

Wenn dem so ist, dann sollte uns das zu denken geben. Dann ist der Aschermittwoch ein guter Anstoß, die eigenen Verhaltensmuster und Rauschzustände einmal etwas genauer zu betrachten – sozusagen hinter die Masken zu blicken[5],[6], möglicherweise auszunüchtern und ein gesundes Maß zu finden. Beim Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel wird leichter spürbar, ob man Schwierigkeiten bei der Entsagung hat oder nicht. Beim Verzicht auf bestimmte Handlungsweisen sieht das schon ganz anders aus. Hierfür braucht es einen etwas genaueren Blick, den wir jedoch gerne meiden und dem wir so gut es geht auch auszuweichen versuchen. Die eigene Komfortzone zu verlassen braucht Disziplin und ungewohnte Inputs.[7]

Die Narrenzeit und Fastenzeit sind ein wenig mit den zwei Seiten einer Medaille zu vergleichen. Wenn man sich nur auf eine Seite konzentriert und die andere Seite vergisst, dann führt das in eine maßlos überschätzte Einseitigkeit. Dann kippt die Münze und die zweite, nicht beachtete Seite rollt über uns hinweg und zerstört einiges unwiederbringlich. Das fatale daran ist, dass dieses Ungleichgewicht oft erst in den Zusammenbruchphasen zu spüren ist, wo ein Balancefinden kaum noch möglich ist. Und wie ich schon in meinem Beitrag „Die Lernkurve im Risikomanagement“ geschrieben habe, scheint die Einsicht und Erkenntnis aus Fehlern der Vergangenheit relativ schlecht auszufallen. In der Ernüchterungsphase bereut man zwar, aber relativ bald verfällt man wieder dem Rauschzustand. Von Kindern wünschen bzw. erwarten wir, Kekse und Spielsachen miteinander zu teilen, dass sie lernen auf etwas zu verzichten, nicht alles bekommen zu können, dass es Grenzen gibt. Und wie handeln wir Erwachsene?

Mag sein, dass ich mit dem Thema Aschermittwoch einigen zu nahetrete. Vielleicht gehören Sie zu jenen, die den Aschermittwoch wirklich achten und sehr religiös sind. Oder Sie gehören zu der Gegengruppe, die diesen Tag und die damit zusammenhängenden Rituale gar nicht hören möchten und sogar sehr kritisch betrachten. Wie dem auch sei, ich achte Ihre Vorbehalte in Bezug auf diesen Beitrag von mir. Der Aschermittwoch ist kein unbeschriebenes Blatt, und ich versuche mit einer etwas offeneren Sichtweise diesen Tag, und das darin vorhandene Potential zu betrachten – das eigene Verhalten selbstkritischer wahrzunehmen, ein wenig auszunüchtern, Fehltritte einzugestehen und Korrekturen vorzunehmen.

Auch wenn es scheinbar in Rauschzuständen leichter, beschwingter und machtvoller zu arbeiten und leben scheint, es ist auf Dauer ermüdend und der anregende Reiz braucht immer mehr Berauschung. Das rechte Maß, die Balance bringen jedoch beide Seiten, die Närrische und die Nachdenkliche zur vollen Wirkung ohne unangenehme Nebenwirkungen. So sehe ich das, so nehme ich das persönlich wahr und so beobachte ich das auch bei anderen. Und genau das bestärkt mich jetzt Ihnen zu schreiben, dass ein Aschermittwoch der Wirtschaft gesunde Umgestaltungen und Veränderungen anzuregen vermag.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.brauchwiki.de/Aschermittwoch. Gelesen am 2017-02-25.
[2] http://www.religionen-entdecken.de/lexikon/a/aschermittwoch. Gelesen am 2017-02-27.
[3] http://blog-wagner-consulting.eu/erschoepfung/. 2012-02.
[4] http://leadership-dojo.eu/wp-content/uploads/2016/05/Digital-Leadership.pdf. 2016.
[5] http://blog-wagner-consulting.eu/das-spiel-mit-masken/. 2016-12.
[6] http://blog-wagner-consulting.eu/bewusstseinsschaerfung/. 2015-02.
[7] http://blog-wagner-consulting.eu/leading-yourself-oder-die-fuehrung-von-veraenderungsprozessen/. 2015-02.

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