Berge versetzen im Management

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Berge versetzen im Management

Sie wollen als Führungskraft vermutlich Berge versetzen.

Sie wollen mit Ihrem Tun herausragende Leistungen erbringen, über die vielerorts lobend gesprochen wird.

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Jeder, Sie als Führungskraft, wie auch Ihre MitarbeiterInnen wollen mit ihrem Tun Teil eines repräsentativen Erfolges sein, den man gerne nach außen hin zeigt. Genau diese Absicht von Ihnen ist auch meine Absicht und mein Antrieb. Deshalb versuche ich immer wieder aufs Neue zu reflektieren, was wir gemeinsam tun können, um Sie, Ihre MitarbeiterInnen und Ihr Unternehmen zum Erfolg zu führen. Sie stellen sicher hohe Ansprüche an sich selbst und Ihr Team, und genau um das geht es jetzt in diesem Beitrag.

Ob einer seinen Weg geht, verrät sein Gang. Ob einer sein Ziel ist, seine Ausstrahlung. [1]

Stellen Sie sich vor, sie planen gerade eine Erstbesteigung von einem 8000er.

Planung und Vorbereitung

Sie werden vermutlich viel trainieren. Sie werden ein verlässliches Team zusammenstellen. Sie werden Sponsoren suchen, die Ihre Absicht unterstützen. Sie werden sich körperlich und ebenso mental mit allen aktuell zur Verfügung stehenden Mitteln für diese Expedition vorbereiten. Sie arbeiten täglich 5 Jahre lang für dieses Unternehmen.

Der konkrete Start der Expedition

Der Tag der Abreise ist gekommen. Sie können nicht mehr zurück. Sie sitzen im Flieger nach Nepal. Sie erreichen das Basiscamp. Das Wetter scheint gut zu sein. Das Team ist hochmotiviert. Ihrem Ziel, den 8000er zu besteigen steht nichts mehr im Weg. Der Berg zeigt sich von seiner besten Seite. Die Euphorie den Berg zu bezwingen, ist kaum noch zu bremsen. Morgen soll der erste Teil der Besteigung gemeistert werden. Dann wird ein weiteres Camp aufgebaut, von wo aus ein Team von 4 Leuten am weiteren Tag den Gipfel erreichen möchte.

Das Basis-Camp

Die Nacht ist etwas unrund, klar die Aufregung ist groß, der Adrenalinspiegel ebenso. Doch das trübt die Motivation nicht. Die Motivation ist ein dickes Bündel aus vielen kleinen Motivationseinheiten, erfüllt und genährt durch die vielen kleinen Erfolge der letzten 5 Jahre am Weg hin zum Aufbruch dieser Expedition. Am Morgen wird mit dem ganzen Team alles sehr genau noch einmal durchgegangen. Einige bleiben im Basis-Camp, eine absolute Notwendigkeit, ein Anker für die anderen. Die Verabschiedung vom Aufstiegsteam ist emotional!

Mobilisierung der Kräfte

Das Aufstiegsteam kann den ersten Teil der Besteigung auf den 8000er sehr gut meistern. Doch jeder weiß auch, dass der Weg auf den Gipfel noch einiges von ihnen verlangen wird. Das weitere Camp wird aufgebaut. Man ist voller guter Dinge und sieht sich schon auf dem Gipfel. Das glänzen in den Augen ist unübersehbar. Jeder fühlt sich schon so, als ob er am Ziel oben gewesen wäre und es geschafft hätte. Man trinkt gemeinsam heißen Tee. Es ist ziemlich kalt. Das Team versucht die Nacht vor dem Gipfelgang, so gut es geht zur Mobilisierung ihrer Kräfte zu nutzen. Schlafen geht in der Höhe und in dieser Kälte nur noch schwer. Da braucht es sehr viel emotionale Kraft. Die 4 haben sich aber darauf bestens eingestellt, und mental-emotional viel trainiert.

Der Erfolg der Expedition ist zum Greifen Nahe

Wie erwartet war die Nacht bzw. der Schlaf kurz. Das Team bereitet sich nun auf die letzte Einheit ihrer Expedition vor. Plötzlich meint einer der 4, dass er glaubt, dass er es heute nicht schaffen wird. Er fühlt sich nicht voll in seiner Kraft. Er weiß genau, wenn er nur mit 2/3 Energie den Aufstieg wagen würde, könnte er die anderen damit in Gefahr bringen. Gleichzeitig gefährdet er aber auch das Ziel der Expedition.

Was jetzt tun?

Er könnte alleine im Camp bleiben. Aber das geht nicht, weil in der Höhe darf niemand alleine in einem Camp bleiben. Insbesondere dann nicht, wenn es demjenigen nicht so gut geht. Es könnte noch ein 2ter vom Team im Camp bleiben und nur 2 den Aufstieg machen. Der Zurückbleibende wird jedoch enttäuscht sein, den letzten Teil vom Weg nicht mehr mitgehen zu können. Eine weitere Möglichkeit ist, einen Tag lang zu warten, um den Aufstieg aller 4 am nächsten Tag zu schaffen. Es ist zwar in dieser Höhe gar nicht gut einen Tag zu verlängern, aber es wäre möglich – sofern das Wetter mitspielt. Sie könnten aber auch alle 4 zurück zum Basis-Camp gehen und dort auf die nächste gute Möglichkeit warten. Oder …

Das Ende dieser Geschichte überlasse ich jetzt Ihnen.

Was würden Sie tun? … 

Vermutlich werden Sie sich jetzt fragen, was diese Geschichte mit Ihren Aufgaben und Ihrem Erfolg als Führungskraft zu tun hat? Sicherlich werden Sie einige Punkte herausfinden, die für Sie als Führungskraft ebenfalls relevant sind, wie beispielsweise ein gutes Team zusammenstellen, bestens vorbereitet die Expedition starten – körperlich und mental, Sicherheitsvorkehrungen treffen, bestes Equipment nutzen, uvm…

Doch es gibt noch einen Faktor, der so relevant ist und alles andere überschattet.

Was es zu erforschen gibt, ist nicht der Berg, sondern der Mensch. [2]

Diese Aussage finde ich persönlich äußerst tiefgreifend und berührend. Wie oft erliegen wir dem Glauben, wir müssen die Fachkompetenz erhöhen, um noch besser zu werden. Wie oft meinen wir, wir müssen die Struktur verändern, um mithalten zu können. Wir nehmen an, dass wir im Unternehmenskontext alles rational perfekt erfassen müssen, um Erfolg zu haben.

Was bringt wirklich den Erfolg?

Beruht dieser tatsächlich zum großen Teil auf genialer Fachkenntnis?

Nur diejenigen, die in ihrem Leben tun, was sie gerne tun, was sie mit Begeisterung tun, was sie aus vollem Herzen tun, werden Erfolg haben. [3]

In meinem Verständnis und meiner Erfahrung als ehemalige Führungskraft und aktuell als Berater bedeutet das, dass ich, ob ich will oder nicht, mein Tun und damit meinen Erfolg durch meine Emotionen beflügle, oder eben nicht beflügle. Sobald beispielsweise Angst hochkommt, und das passiert im Unternehmenskontext vielleicht weit öfter als man meinen könnte, wird das Ziel und der Weg zum Ziel blockiert bzw. in verzerrter Weise geplant. Denn Angst zeigt sich nicht nur in Angst, sondern kann auch ins Gegenteil kippen – hin zum Übermut. Und Übermut ist, wie sich vermutlich jeder von Ihnen vorstellen kann, ein äußerst riskanter Ratgeber und Entscheider.

Instinkte, körperliche Geschicklichkeit, Kraft verlieren in den Industriegesellschaften seit zwei Jahrhunderten an Bedeutung. Unterbewusst löst dieser Verlust beim Einzelnen Ängste aus. [4]

Es wird so unglaublich viel über die Kompetenzen von Führungskräften geschrieben. Die Aus- und Weiterbildungen sind voll mit Fachkenntnissen und Aufstockungen der Fachkompetenzen. Doch die Fachkompetenz als Kraft erblasst neben der Kraft der Emotionen. Immer wieder habe ich versucht, in meinen Artikeln in kleinen Ansätzen das Themenfeld Emotionen im Unternehmenskontext anzusprechen.

Vielleicht haben Sie bei der Geschichte über die Bezwingung des 8000er kurz wahrnehmen können, dass Sie diese unter Umständen nicht nur rein rational gelesen haben, sondern auch emotional berührt waren. Vielleicht haben Sie fühlen können, dass Euphorie und Freude da ist beim Gedanken, den Gipfel erklimmen zu können. Vielleicht haben Sie auch Enttäuschung, Wut, Angst und Trauer gespürt, als einer der 4 vom Team sagt, dass er den letzten Teil zum Gipfel nicht mehr mitgehen kann.

Erfolg ist nicht nützlicher als das Scheitern. Er löst nur andere Empfindungen aus, und wirft uns auf ein menschliches Maß zurück. [5]

Wir alle müssen immer wieder in unserem Leben 8000er bewältigen, u.a. in Form von schweren Krankheiten, beruflichen Hürden, familiären Problemen, persönlichen Schicksalsschlägen – beruflich wie auch privat, uvm… Ich gehe davon aus, dass Sie bei all Ihren Besteigungen nicht emotionslos agieren. Also gehe ich auch davon aus, dass im Unternehmenskontext die Menschen emotional ihre Herausforderungen, wie auch freudvollen Seiten, wie Visionen und Ideen zu meistern versuchen. Schade ist, dass dieser emotionale Anteil kaum honoriert wird. Vielleicht ist es an der Zeit, die Emotionen, die uns ohnehin alle täglich anspornen und bewegen, explizit und offen in den Beruf und die beruflichen Aktivitäten miteinzubeziehen?!

Nicht unterdrückte und respektvoll behandelte Emotionen setzen Energien frei.

Mag sein, dass manche von Ihnen jetzt meinen, dass ein Unternehmen keine psychotherapeutische Einrichtung sei, und das Emotionale privat gelöst werden müsse. Ja und Nein. Es geht mir jedoch weniger darum, Unternehmen als Therapieeinrichtungen zu sehen, sondern überhaupt einmal so offen zu sein, um zu akzeptieren, dass Emotionen jede Handlung mit beeinflussen – auch die von Führungskräften. Das wird zu oft vergessen – natürlich nicht absichtlich. Die Struktur der Unternehmen ist so aufgebaut, als ob alles rein mechanisch und rational abzulaufen scheint. Aber das ist ein Schein, der trügt.

Die Berge, die es zu versetzen gilt, sind in unserem Bewusstsein. [6]

Reinhold Messner, Bergsteiger und Grenzgänger, weiß bestens wovon er dabei spricht. Beim Schreiben von diesem Artikel habe ich mich von Messner begleiten lassen. Sein Weg zeigt sehr klar und deutlich, wie wichtig und bedeutsam seine Emotionen für seine Erfolge waren. Ohne seine Emotionen wäre er nicht der Mann mit diesen herausragenden Leistungen, der er jetzt ist.

Erst wenn ich es bei mir selbst aushalte, bin ich den anderen zumutbar. [7]

Mit diesen Worten von Messner möchte ich diesen Artikel beenden, und Ihnen abschließend 3 Fragen stellen:

Wie gut halten Sie es emotional mit sich als Führungskraft aus?

In welcher Weise berühren Sie emotional Ihre Mitarbeiterinnen? 

Und wie fühlen Sie sich als Mensch, eingebunden in dieser Welt, das Glück zu haben in einem sicheren, reichen Land zu leben, und vielleicht sogar Ihren Wunschberuf auszuüben?

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquelle:

[1] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.63.
[2] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.51.
[3] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.8.
[4] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.28.
[5] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.40 u.50.
[6] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. Buchbeginn.
[7] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.129.

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