Chaos und Komplexität

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Teil 2 aus dem Zyklus „Wirksam Führen wie ein Samurai“

Der Krieger klagte nicht über die Unsicherheit und das Chaos auf dem Schlachtfeld, sondern begrüßte sie als Quell der Inspiration.

Ein Samurai auf dem Schlachtfeld war ebenso mit chaotischen und komplexen Situationen konfrontiert wie die Führungskräfte von heute. Unsicherheit und damit Chaos war für ihn keine beiläufige Störung, sondern die Folge der Unbestimmbarkeit der Ereignisse auf dem Schlachtfeld.

In der Dynamik des Gefechtes musste er immer wieder zwischen einer Vielzahl von gegensätzlichen Optionen hin- und herwechseln und die potenziellen Vorteile abschätzen. Es war ein ewiges Wechselspiel gegensätzlicher Vorstellungen von der Wirklichkeit.

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Wenn in einer gegebenen Situation weder Verteidigung noch Angriff unzweifelhaft richtig waren oder weder Überraschung noch Beharrlichkeit unter bestimmten Bedingungen eindeutig zu empfehlen waren, so hätte ein Festhalten an vorgefassten Handlungs- oder Denkweisen keine vernünftige Entscheidung ermöglicht.

Dieser begrenzten Sichtweise trat der Samurai entschieden entgegen, schulte intensiv seine Intuition, sein Bewusstsein über die Wirkungsmechanismen des Lebens und versuchte die quantenphysikalischen Lebensspielereien ganzheitlich zu erfassen – geistig, emotional und körperlich. Der Krieger klagte daher nicht über die Unsicherheit und das Chaos auf dem Schlachtfeld, sondern begrüßte sie als Quell der Inspiration.

Der Samurai hat intuitiv einen Aspekt der modernen Physik verstanden:[1]

Die Welt funktioniert nicht nur nach Ursache und Wirkung. Das Leben mit all dem was das Leben ausmacht ist ständig in Veränderung – mit und ohne Ursache auf allen Ebenen.

So gibt es genau genommen auch keine streng nach Plan, Richtlinien und Regeln ausgeführte Wirtschaft. Immer wird es unzählige Ausnahmen, Unvorhersehbarkeiten, Schwarzen Schwäne, äußere und innere Beweggründe geben, wodurch die Wirtschaft und Wirtschaftsprognosen wackeln, und das Chaos in unterschiedlichsten Ausprägungen die Unternehmen herausfordert.

Vielleicht werden sie jetzt skeptisch den Kopf schütteln und sagen, dass Vorgaben sehr wohl eine Wirkung haben. Ja, das auch, und gleichzeitig auch nicht. Aber genau dieses „auch nicht“ vergessen wir Menschen gerne, bzw. schauen darüber hinweg und tun so, als ob es funktioniert. Doch jetzt stehen wir vor einem Punkt, wo wir nicht mehr so tun können, als ob alles weiterhin in alter Weise zu managen wäre.

Für den Samurai war es daher nicht hilfreich, sich starr an genaue Handlungsanweisungen zu halten, sondern das Quantenfeld mit den unzähligen Möglichkeiten zu begrüßen, seine Intuition, die Verbindung von sich selbst und dem Quantenfeld, zu entwickeln.

Ein Samurai war sich der Vielzahl von unvorhersehbaren äußeren und inneren Beeinflussungen bewusst, hat das äußere und innere Chaos und seine Komplexität als gegeben hingenommen und versucht, die potenziellen Vorteile einiger Optionen abzuschätzen. Der Samurai bewegte sich im Wechselspiel unterschiedlichster Möglichkeiten von Wirklichkeiten. Ganz so, wie es die Quantenphysik nach meinem aktuellen Wissensstand zu beschreiben versucht. 

Mag sein, dass diese Ansicht von mir bei manchen von Ihnen jetzt Irritation oder gar Ablehnung auslöst. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Mag sein, dass Sie sich auch die Frage stellen, was die Quantenphysik und Intuition mit Ihrer Führung und der Überwindung von Chaos zu tun hat? Eine auch mich persönlich ansprechende Frage, insbesondere dahingehend, mit diesem Wissen neue Wege und neue Führungsmöglichkeiten für die Wirtschaft zu finden.

Der leider zu früh verstorbene Prof. Peter Kruse hat in einem Interview sehr gut herausgearbeitet, dass ein Paradigmenwechsel, ein Quantensprung im Denken und Handeln ansteht.

 

Chaos und Komplexität in der Wirtschaft

Neben dem Vordenker Prof. Peter Kruse beschäftigen sich auch andere Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen mit dem Thema, wie wir der Komplexität Herr werden, und im Wirtschaftsleben weiterhin handlungsfähig bleiben bzw. wieder werden. Auf „Neulands Campus 2016 – Vom klugen? Umgang mit Komplexität“ , an dem ich teilnehmen durfte, gab es u.a. einen Vortrag von Prof. Theo Wehner mit dem bezeichnenden Titel:

Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln in komplexen Situationen – Reicht da wirklich Klugheit?“

  • Die Antwort lautet: NEIN !

Um in komplexen Situationen besser Entscheiden und besser Führen zu können, führte Wehner aus, muss man:[2]

  • Informationen ignorieren

  • Mut zur Einfachheit und Transparenz aufbringen

  • Eine positive Fehlerkultur etablieren – eine Kultur des Scheiterns statt defensiven Absicherns

  • Bauchentscheidungen zulassen und

  • Seiner Intuition vertrauen

 

Intuition entwickeln 

Intuition entwickelt sich durch das Zulassen von Bewusstsein über die Einheit und Wechselwirkung von Körper, Gehirn und Psyche. Im Unternehmensalltag wird jedoch diese Art von Wissen bzw. Intelligenz fast vollständig ignoriert und ausgeblendet. Es wird so getan, als ob die Wirtschaft bloß nach rationalen Aspekten funktioniert, und entsprechend geplant und ausgeführt werden kann. Ja, das auch, wie wir wissen. Aber oft auch nicht, und jetzt spüren wir sehr konkret die Grenzen dieser beschränkten Sichtweise. So schlägt Gerhard Roth einen Dreischritt vor:[3]

  1. Die Sachlage rational überdenken

  2. Den Entschluss aufschieben und

  3. Am Ende dem Gefühl folgen

Für die Wirtschaft gilt es endlich auch einmal, sich mit der Dualität des Denkens zu beschäftigen und diese aufzubrechen – ein Vorgehen, dass in der Quantenphysik schon lange passiert ist.

Wenn wir das Leben in unseren Organisationen und die Entscheidungsfindung in diesen verändern wollen, müssen sich zuerst unsere starren Denkweisen ändern. Doch dieses eingeschränkte Denken ist sehr bequem, und enthebt uns von der oft quälenden Auseinandersetzung mit der vieldeutigen Wirklichkeit.

Wir sind es nicht gewohnt, uns intuitiv auf dem Unvorhersehbaren, auf Zufällen, auf Quantenfeldern zu bewegen. Wir sind ungeübt im Umgang mit Polaritäten. Wir sehen die Polaritäten als einander widersprechend an, und entscheiden uns dafür, alle Möglichkeiten bis auf eine einzige „auszuschalten“. Bei dieser Art zu denken muss immer etwas negiert werden. Diese eingeschränkte Art zu denken wird uns Menschen irgendwann in den Wahnsinn und Burnout treiben. In meiner täglichen Arbeit höre und erlebe ich immer öfter Beispiele wie:

  • Sei kreativ, aber überschreite nicht die Grenzen der Norm.

  • Entscheide selbst, aber stimme dich vorher mit den anderen ab.

  • Arbeite mit Teamgeist, aber sei der Beste.

  • Geh Risiken ein, aber mach nichts falsch.

  • Sag deinem Chef die Wahrheit, aber nichts Schlechtes.

Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht mit der Bequemlichkeit des Entweder-Oder-Denkens unserer Kultur lösen, sondern nur mit den Geheimnissen der Paradoxie. Im Paradox negieren sich die Gegensätze nicht – sie verbinden sich zu einem kohärenten Ganzen. Das Paradox bricht die Polarität zwischen Logischem und Geheimnisvollem.

Die Lösung liegt in der Akzeptanz der Paradoxie, mit der die Intuition bestens umgehen kann.

Quantenphysiker und Kampfkünstler wie der Samurai wissen längst, dass Veränderung dann stattfindet, wenn Polaritäten integriert werden. Denn es gibt immer einen dritten Weg, und der ist keine Kombination der anderen beiden Wege. Es ist ein anderer Weg.

Von den Samurai können wir lernen, diese Spannung zwischen den Gegensätzen als kreative Dehnung zu erfahren. Diese Dehnung kann aufbrechend wirken, so dass Geistesgröße und -flexibilität als eine geschmeidige Kraft aufspringen kann.

  • Der Weg des Samurai ist gekennzeichnet von pragmatischem Handeln und körperlicher Übung unter Einbeziehung des Unbewussten.

  • Der Weg der Kampfkunst zeigt sehr klar, wie relevant das leibliche Bewusstsein im Lebensalltag und im Bewältigen von Veränderungsprozessen und den damit oft zusammenhängenden Konflikten ist.

  • Es ist vergleichbar mit einem Kapitän eines Segelschiffes, der das Boot trotz Stürme, Flauten, u.a. durch das Meer zu steuern vermag. Es geht darum ein Gespür zu entwickeln für sich selbst, für das Boot, für die Mannschaft und für die Natur, für das Umfeld, in dem man sich gerade befindet.

Der Leib dient eben nicht nur als Transportmittel für den Kopf, sondern spielt beim Lernen, Denken, Entscheiden, im Selbstmanagement und Management, eine maßgebliche Rolle. Resilienz, Stress-, Widerstands- und Konfliktfähigkeit ist ohne leibhaftiges Wissen nicht möglich. Diese Arbeit mit der leibhaftigen Vernunft bezeichnen wir Embodiment.

Die Quantenphysik hat sich der Welt der Paradoxien geöffnet, die Wirtschaft hält die Türen noch geschlossen. Mal sehen, wann es Führungskräfte wagen, ihre Intuition zu nutzen und neue Wege zu gehen? Ich freue mich auf dieses Abenteuer, und versuche selbst täglich aufs Neue das Leben in seiner Ganzheit leibhaftig und nicht nur verkopft wahrzunehmen. 

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] Freie Interpretation der Aussage von Stephen Hawking.
[2] Theo Wehner: Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln in komplexen Situationen – Reicht da Klugheit?  Neulands Campus 2016.
[3] Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten; Klett-Cotta.

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