Die Leiden der Leitenden

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In den letzten Jahren wurde im übertragenen Sinne mitunter viel verbrannte Erde hinterlassen, ob an den Finanzmärkten, in der Kultur oder im wahrsten Sinne des Wortes in der Natur, auch der menschlichen Natur.

„Führungsstärke“ beweisend haben die Verantwortlichen oft „druckvoll“ Reformen eingeleitet und tiefgreifende Veränderungen in so gut wie allen gesellschaftlichen Bereichen eingeleitet, auch in ihrem persönlichen Lebensstil.

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So wurde die Arbeitswelt der „Leitenden“ immer mobiler und globaler. Stellenofferte zeigen uns, was gewünscht und erwartet wird: Auslandserfahrung, Mobilität, Führungsstärke, Flexibilität, hohe Belastbarkeit, etc.  „Bodenständigkeit“ hingegen wird kaum noch geschätzt.

So verwundert es nicht, dass in den oberen Chefetagen die „Bodenhaftung“ auch oft verloren gegangen ist. Der kürzlich öffentlich gewordene E-Mail-Verkehr zwischen Dirk Notheis, dem Deutschland-Chef von Morgan Stanley, und Stefan Mappus (CDU), dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, zeigt einmal mehr, wie diesen beiden Personen jeglicher Respekt und Taktgefühl gegenüber anderen Menschen verloren gegangen ist. [1]

Doch wie können Männer und Frauen Verantwortung auf hohem Niveau wahrnehmen, ohne die nötige „Bodenhaftung“ zu verlieren? Wie will eine Führungsperson „Standfestigkeit“ verkörpern, wenn sie ständig auf Achse sein muss? Wie können sie geradlinig bleiben und sich nicht verbiegen, bei dem „Druck“ der auf ihnen selbst lastet?   

  

Höchstleistung durch Druck

Im Organisationsalltag entsteht dieser äußerer Druck z.B. durch Vorgesetzte, durch Strukturen, Kostenvorgaben, Zeitpläne, Normen und vorgeschriebene Verfahren. In den vorherrschenden  Führungs- und Managementmethoden, welche sich viele „Führungskräfte“ auch zu Eigen gemacht haben, soll dieser Druck zu Höchstleistung, Kreativität und Produktivität motivieren und anspornen.

Externer Druck kann sicherlich kurzfristig zu einer Leistungssteigerung führen und auch dabei helfen, die eigenen Ziele zu erreichen. Jedoch ohne Einklang mit den eigenen Werten führt dies zum Burnout.

„Experten zufolge trifft die Diagnose Burnout vor allem ehrgeizige Leistungsträger. Dass für solche Menschen Stress ein großes Thema ist, zeigt eine Umfrage des Wirtschaftsmagazins „Capital“. Demnach schlafen Manager und Politiker zu wenig. Die meisten Top-Entscheider kommen im Schnitt nur auf sechs Stunden und zehn Minuten Schlaf pro Nacht, ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Es wurden 519 Spitzenpolitiker, Unternehmenschefs und Behördenleiter befragt.“ [2]

 

Wer fit ist, macht Karriere

Führungskräfte leben im Vergleich zur deutschen Normalbevölkerung in Bezug auf Rauchen, Alkohol und Bewegung gesünder und weisen in Belastungs-EKG’s im Durchschnitt eine höhere physische Leistungsfähigkeit auf. [3] Auch in Fitness-Studios oder beim Joggen auf öffentlichen Plätzen und Wegen sind sie regelmäßig anzutreffen.

Doch ist dieser Körper- und Fitnessboom wirklich Ausdruck eines gestiegenen Gesundheitsbewusstseins, ein Ausgleich für die sitzende Belastung oder eine zusätzliche Belastung, weil es „in“ ist und Mann/ Frau „in“ sein müssen, um erfolgreich zu sein?

Denn obwohl sich die klassischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Rauchen, Alkohol, Bewegungsarmut) bei Managern nachweislich in Grenzen halten, haben 61% der Führungskräfte auf der zweiten und dritten Führungsebene ein höheres Herzinfarktrisiko. Im Topmanagement liegt der Wert noch höher. [4]

So haben die Führungskräfte zwar oft ein hohes Problembewusstsein über die eigene Belastungssituation und die meisten wissen auch, was ihnen gut tut, doch im Organisationsalltag ist ihr Leben häufig vom Begriff der „Funktionstüchtigkeit“ geprägt. Sie betrachten ihren Körper als „funktionstüchtigen Gegenstand“ und ihre Verhaltensweisen gestalten sich entsprechend.

 

Achtsamkeit im Management

Dieses Muster lässt sich nur durch eine hohe Achtsamkeit für sich selbst und eine hohe Unabhängigkeit gegenüber anderen durchbrechen. Manager sind Entscheider und sollten daher Klarheit und Weitsicht in allen Dingen und Lebenslagen praktizieren.

Es bedarf der eigenen Einsicht in die hintergründigen persönlichen Motive, ein Erkennen der eigenen inneren Antreiber und Stressmuster sowie der Fähigkeit, den äußeren und inneren Handlungsdruck in der Schwebe halten zu können.   

 

 

[1] vgl. General Notheis und sein Befehlsempfänger, Handelsblatt 22.06.2012 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/koepfe/skandal-um-enbw-deal-general-notheis-und-sein-befehlsempfaenger/6781114.html
[2]
Ärzte stellen häufiger Depressionen und Burnout fest, Spiegel-Online http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/krankschreibung-aerzte-stellen-haeufiger-depressionen-und-burnout-fest-a-775256.html
[3]
vgl. Jana Leidenfrost: Kritischer Erfolgsfaktor Körper?; München 2006, S. 36

[4] vgl. ebenda S. 36

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