Goethes Faust besucht die Wirtschaft

Share this article

 

Goethes Faust besucht die Wirtschaft

Die letzten Bilder von Goethes Faust zeigen eine Riesenbaustelle – Palastbauten, gigantische Damm- und Kanalkonstruktionen. Das Meer soll trockengelegt werden, um Ackerland zu gewinnen. Ein düsteres Bild tut sich auf. So beschreibt es Michael Jaeger in seinem Buch „Global Player Faust“.[1]

Die Menschen sind zu unglaublichen Errungenschaften, aber auch Tollheiten, zu Ausschweifungen eines allgemeinen Wahnsinns wie im 20 Jhdt.[2] – ohne Namen zu nennen – fähig. Finanzkühnheiten machen ebenfalls seit vielen Jahren Furore. So beispielsweise im Cum-Ex-Skandal. Die Finanzbranche in Deutschland konnte durch Gesetzeslücken bei dubiosen Aktiendeals jahrelang ungestört die Staatskasse plündern.[3] Die VertuscherInnen, MitläuferInnen und Ja-SagerInnen geben den Ausschweifungen freien Raum zur Entfaltung, wie u.a. im Dieselskandal. Das sind nur zwei Beispiele einer langen Liste von Tollheiten, die mit aller Kraft der Beteiligten ins rechte, gute Licht gerückt werden wollen. Niemand ist schuld, jeder will doch nur das Beste für alle, …

„Das ist jetzt gar düster“, werden Sie vielleicht denken.

read more

„So ist es bei weitem nicht“, werden Sie dagegenhalten.

Ja, mag sein und doch kann niemand leugnen,

  • dass wir Raubbau am Planeten betreiben,

  • dass die weltweiten psychischen Erkrankungen rapide zunehmen,

  • dass Schulkinder immer häufiger Aufputschmittel in Verbindung mit Beruhigungs- und Schlaftabletten verschrieben bekommen, um mit den Anforderungen und Tollheiten mithalten zu können,

  • uvm ….

Ich schockiere Sie diesmal mit einem äußerst negativen Bild über uns Menschen, über uns Führungskräfte in der Wirtschaft und unsere Zukunft. Mag sein, dass ich etwas übertreibe. Doch ich fühle mich dazu angeregt, weil ich einer von jenen sein möchte, der die Zukunft für uns selbst und unsere Kinder positiv und lebenswert beeinflussen will.

Das heißt, ich will solche Tollheiten anregen, die Unternehmen ermutigen neue Wege zu gehen, ohne dabei die Menschen und Umwelten auszubeuten und einander in Wirtschaftskriegen die letzten Reserven aus der Tasche zu ziehen. Das mag naiv klingen, aber es ist allemal Wert sich dafür einzusetzen.

  • Wenn Sie Kinder haben, wie sehen Sie deren Zukunft?

  • Wollen Sie Ihre Kinder dahingehend erziehen, einen Ressourcen- und Ausbeutungskrieg führen zu können?

 

Wie kommt es, dass wir schon seit Menschen gedenken die Welt und gleichzeitig uns selbst immer wieder aufs Neue, in unterschiedlicher Weise ausbeuten?

Bevor ich diese Frage zu beantworten versuche, möchte ich vorweg auch kurz die große Chance anführen, von der ebenfalls Edzard Reuter, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG spricht. Es gibt Mittel, um im komplexen Tagesgeschehen nicht zu ersticken bzw. um jeden Preis siegen zu wollen. Diese Mittel heißen:

  • sich etwas Ruhe und Muße gönnen,[4]

  • und sich wieder der positiv wirksamen Potentiale des Menschseins, wie Kooperation, gegenseitige Rücksichtnahme, schlussfolgerndes empathisches Denken und Fühlen, … zu besinnen. Diesen Standpunkt teilt Reuter wie auch ich ebenso mit Alberto Alemanno, Professor für Europarecht an der HEC in Paris.

Reuter, Alemanno und ich wollen aber keine Moralapostel sein. Wir wissen, dass wir wie alle anderen auch, immer wieder in die Tretmühle der Ausschweifungen und Angepasstheiten rutschen. Das verbindet uns ebenso, wie die immer stärker werdende Ansicht und innere Haltung:

  • So weitermachen wie bisher ist nicht mehr zukunftstauglich und auch nicht Wert genug, um dafür weiterhin Zeit und Geld zu investieren.

Ich will für mich selbst sagen können, dass ich mit meiner Arbeit die Zukunft für mich und meine Kinder positiv zu gestalten und zu führen versuche. Und ich bin immer wieder aufgefordert, meine Wege und Ansichten zu reflektieren und dahingehend zu prüfen, ob ich nicht selbst auch wieder still und heimlich in einen angepassten Duckmäuser-Stil oder ebenso in einen narzisstisch dominierten „Ich-will-das-Beste-für-mich-aber-tue-so-als-ob-das nicht-so-wäre“ hineingleite.

Edzard Reuter will die positiven Seiten der Verantwortlichen in der Wirtschaft wachrufen. Er spricht von glaubhaften Vorbildern, die eine menschenwürdige Gemeinschaft zu führen im Stande sind. Diese Fähigkeit bedarf einer kompetenten Wachheit und persönlichen Reife.[5] Noch zeigt sich jedoch in den Führungsetagen, mit einigen Ausnahmen, ein Bild von Heuchelei und billiger Gaukelei [6], ausgelöst durch:

  • Ja-Sager-Mentalität und Angepasstheit

  • Narzissmus

Alberto Alemanno hält dem jedoch entgegen, dass verantwortungsvolle Führung möglich ist. Die aktuelle Situation gibt zwar sehr zu denken, doch die Gegenkräfte gewinnen an Bewusstsein und Courage.

Social-Media setzt neue Maßstäbe

Seiner Auffassung und Beobachtung nach sind die Führungskräfte der Zukunft Führungspersönlichkeiten, die 10 Persönlichkeitsmerkmale positiv in ihren Beruf einzusetzen verstehen.[7] Bevor ich diese 10 Merkmale kurz anreiße, möchte ich einen Aspekt von Alemanno explizit herausziehen, der meinem Empfinden und meiner Erfahrung nach besonders relevant ist, und die positiven Seiten erst so richtig zum Wirken bringt:

 

Ein Drittes Auge, eine Art Wächter, oder mit den Worten von Reuter: Eine kompetente Wachheit

Diese kompetente Wachheit ist eine Instanz, in sich selbst und gleichzeitig außerhalb seiner selbst, die die Gesellschaft und sich selbst vor gesellschaftlichen wie auch vor den eigenen Extremen zu schützen vermag. Erst wenn eine solche Instanz das Tun, die Tollheiten und Ausschweifungen im Auge behält, kann global etwas entstehen, was tatsächlich auch einmal dem Allgemeinwohl dient und nicht bloß einzelnen Menschen.[8] Erst durch eine Art drittes Auge können Eigenschaften wie Mitgefühl, Fairness, Bescheidenheit, … so viel Kraft entwickeln, dass diese das Wirtschaftsgeschehen auch tatsächlich mitbestimmen.

Jetzt möchte ich kurz in 5 Paaren die 10 Merkmale von Alberto Alemanno anführen, die seiner Meinung nach für ein erfolgreiches und verantwortungsvolles Management im 21. Jhdt. stehen sollten.[9]

  • Mitgefühl und emotionale Intelligenz

Die Führungspersönlichkeiten müssen imstande sein, sich in die Lage der Bevölkerung zu versetzen. Das heißt, die Führungskräfte der Zukunft sollten ihre Gefühle in ihre Arbeit miteinbeziehen und es wagen zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn man andere z.B. ausbeutet.

  • Integrität und Offenheit

Führungspersönlichkeiten müssen über jeden Verdacht der Ausnutzung ihrer Machtposition erhaben sein. Die Handlungen der Führungskräfte sollten vollkommen transparent sein, und der Drehtür-Effekt sollte vermieden werden.

  • Fairness und Einbeziehung

Verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten sorgen für faire Bedingungen. Ihr eigenes Agieren und das Agieren ihrer Unternehmen sollte niemanden ausschlachten – direkt wie indirekt.

  • Kompetenz und Berücksichtigung von Daten

Die unbeabsichtigten Konsequenzen müssen minimiert werden, das heißt, die Entscheidungen der Führungskräfte müssen auf verfügbaren Daten basieren statt auf Ideologien. Die Entscheidungen müssen transparent und evidenzbasierend sein.

  • Beständigkeit und Bescheidenheit

Ein moderater Lebensstil sollte die Vorbildkraft der Führungspersönlichkeiten der Zukunft prägen. Die positiv wirksamen Potentiale des Menschseins, wie Kooperation, gegenseitige Rücksichtnahme, schlussfolgerndes empathisches Denken und Fühlen sollte mehr Beachtung erfahren.

„Das klingt naiv. Die Welt ist nicht lieb und nett“, werden jetzt einige von Ihnen denken.

Kompetente Wachheit - ein Merkmal der neuen Führungspersönlichkeiten

„Wenn ich nicht selbst hart durchgreife, dann werden die anderen über mich hinwegrollen“, so die Ängste anderer.

Wie soll Mitgefühl, Fairness, … tatsächlich real umgesetzt werden?

 

Wer ist wirklich bereit auf seine Machtansprüche, Boni und anreizenden Ausschweifungen zu verzichten?

Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten. Jeder kann sich dem Mephisto in sich selbst stellen, und daran reifen. Der Weg der Erkenntnis ist nicht nur ein Weg der künstlerisch-philosophischen und spirituellen Eliten, sondern ein Weg aller Menschen – insbesondere jener Menschen, die andere Menschen führen möchten.

  • Der Weg der Selbsterkenntnis sollte im Handwerkszeug jeder Führungskraft zu finden sein.

Das ist meine Auffassung und Haltung, die sicher nicht jedem gefällt.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] Jaeger, Michael: Global Player Faust oder das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes. 2. Auflage. Berlin: WJS Verlag. 2008
[2] Reuter, Edzard: Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Eine Polemik. Econ Verlag. Berlin: 2010: S.10
[3] Vogel, Hannes: http://www.n-tv.de/wirtschaft/Wie-der-Staat-Banken-Milliarden-schenkte-article19695755.html. Am 2017-02-15 gelesen
[4] Reuter, Edzard: Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Eine Polemik. Econ Verlag. Berlin: 2010: S.11
[5] Reuter, Edzard: Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Eine Polemik. Econ Verlag. Berlin: 2010: S.12
[6] Reuter, Edzard: Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Eine Polemik. Econ Verlag. Berlin: 2010
[7] Alemanno, Alberto: https://www.bilanz.de/management/verantwortungsvolle-fuehrung-in-zeiten-des-populismus. Am 2017-02-15 gelesen
[8] Alemanno, Alberto: https://www.bilanz.de/management/verantwortungsvolle-fuehrung-in-zeiten-des-populismus. Am 2017-02-15 gelesen
[9] Alemanno, Alberto: https://www.bilanz.de/management/verantwortungsvolle-fuehrung-in-zeiten-des-populismus. Am 2017-02-15 gelesen

reduce text