Korrupt – bestechlich – egoistisch

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korrupt-bestechlich-egoistisch

Haben wir eine Krise des Managements – eine Orientierungs- und Wertekrise?

Ein aktueller Beitrag im „manager magazin“ über den Ruf der Wirtschaftsbosse in Deutschland war Anlass, mich näher mit dem Thema Werte zu beschäftigen. „Ein Drittel der Deutschen hält Wirtschaftsbosse für korrupt.“[1] Aber auch die Politik bekommt schlechte Noten.[2]

 

Woher kommt dieses schlechte Image, was nährt den Unmut der Bevölkerung?

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Machen wir einen Blick auf die Skandale der letzten Jahre. Dieselgate, Libor, Fußball-WM, NSA, Plagiate und Lustreisen – womit die Aufzählung noch lange nicht am Ende ist. Die einen manipulieren die Software, andere die Börsenkurse, und die nächsten die Vergabe von internationalen Sportereignissen durch dubiose Zahlungsströme, usw … Die in der Kritik stehenden Personen zeigen oft wenig bis keine Reue. So titelt die Süddeutsche Zeitungam 17. November 2016, dass Josef Ackermann nicht auf seine umstrittenen Boni verzichten will.[3]

Das löst Unmut aus!

 

Wo liegen die Ursachen?

Der als ultimative Weisheit verbreitet Neoliberalismus, der im guardian als Wurzel all unserer Probleme benannt wurde, [4] sowie der Shareholder Value Ansatz der letzten Jahrzehnte hat zu einem korrumpierten Führungsverhalten geführt.

  • Deregulierung: Es begann mit der Deregulierung der Finanzmärkte Mitte der 80er Jahre unter Reagan und Thatcher, und endete vorübergehend mit der Zerschlagung großer Investmentbanken in der Finanzkrise in 2008. Dazwischen lag eine Periode, in der die Kapitalmärkte immer stärker das Primat übernommen hatten, was zuvor bei der Realwirtschaft lag. Jeder, vom Baby bis zum Greis, sollte Aktionär werden. Ein Traum schien nahe: „Einkommen ohne Arbeit“.

  • Verblendung: Die Aktienkurse stiegen unaufhaltsam. Viele Manager gaben sich der Illusion hin, das es ihre Arbeitsleistung sei, welche diese Steigerung ermöglichte.

  • Falsche Rückschlüsse: Der Shareholder Value Gedanke war damit das Maß des Führungshandelns. Der „Quarterly Report“ war zum absolutistischen Führungsinstrument geworden. Mit der Absolutsetzung des Shareholder Value Prinzips wurde aber auch die Führungsarbeit unpersönlicher. Das dominierende Paradigma erlaubte es der Führungskraft, Persönliches so weit wie möglich auszublenden. Elementare Führungsarbeit, wie aktives Zuhören, Wertschätzung, Kritik, Überzeugen, Motivieren, etc. wurde immer nebensächlicher.

  • Zielbesessenheit z.b. Dieselgate: Zielbesessenheit verbiegt das Empfinden für Recht und Unrecht. Als Folge von Zielbesessenheit wird gute Erziehung beiseite geschoben, alles und jeden aus dem Weg gestoßen, was als nicht nützlich scheint. Das Unternehmen als Wertegemeinschaft, als Schicksalsgruppe von Menschen, welche die gleichen Ziele verfolgen, verliert an Bedeutung.

 

Was sind die Folgen?

Deregulierung, Verblendung, falsche Rückschlüsse und Zielbesessenheit haben die Gesellschaft auf Wirtschaft, und diese auf die Kategorie des Geldes reduziert. Einkommensexzesse, Egomanie, Verschuldungsexzesse und der Verlust von Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind die sichtbaren Ruinen.

Die Menschen schlagen über die Stränge, weil andere Wertmaßstäbe fehlen bzw. verdrängt wurden. Die Wertevorstellungen diffundieren. Moral ist eine schwindende Kategorie. Das richtete nicht nur einen immensen wirtschaftlichen und sozialen Schaden an, sondern hat auch eine tiefe Verachtung und Feindseligkeit der Menschen gegenüber der Wirtschaft, Politik und ihren Repräsentanten hervorgerufen.

In meiner Praxis, bei der Begleitung von Führungskräften begegne ich häufig einer Störung, einer starken Abweichung zwischen den in Hochglanzbroschüren ausformulierten Unternehmenswerten und Führungsleitlinien und dem realen praktizierten Führungsverhalten. Dort höre ich dann Sätze wie: „Meine Kinder erziehe ich ja so, aber wenn ich in die Firma komme muss ich solche Werte draußen lassen. Hier gibt es nur noch zwei Werte: Umsatz und Profit.“

Man spürt, dass etwas falsch ist, aber man weiß noch nicht, was richtig ist.

Die Menschen erwarten eine neue Werthaltung, so die Meinung von Herbert Walter. [5] Werte-Fehlverhalten, Werte-Missbrauch, Werte-Ignoranz von Unternehmen, ebenso von Politik und Gesellschaft, lässt sich in Zeiten von Medien-Sensations-Nachrichten-Druck, Facebook und Co. nicht mehr verheimlichen. Fehlverhalten, direkt wie auch indirekt, wird öffentlich und hat Folgen.

In Teilen der Gesellschaft zeigt sich ein wachsendes Werte-Interesse, ein Aufflammen für ein Werte-Bewusstsein. Es ist eine moralische Krise, die wir heute erleben, sagt Heiner Geißler, die die Hirne der Menschen in der Gier nach Geld regelrecht zerfressen hat. Die Menschen haben das Vertrauen in das ökonomische System verloren. [6]

Reinhold Messner spricht von einer Krise des Sattseins. [7] Und ich spreche von einer Sinnkrise, davon, dass Menschen die Bedeutsamkeit von dem was sie tun in der leibhaftigen Form des Erlebens und den positiven Gewinn ihrer Handlungen für sich und andere verloren haben.

Was fehlt, ist die Einbettung der Werte in eine neue Unternehmessteuerung, einschließlich der Anreiz- und Steuerungssysteme (Zielvereinbarungen, etc.) der Führungskräfte. Diese sollten sich u.a. an Kant’s kategorischen Imperativ orientieren. Dieser besagt: „Handle so, dass die Maxime deines Willes jederzeit zugleich das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“ 

Menschen werden nur dann etwas tun, einschließlich einer Veränderung ihres Verhaltens, wenn ihnen nachgewiesen wird, das diese Aktivität in ihrem eigenen besten Interesse ist, was wiederum von ihren eigen Werten definiert wird. Denn wenn ich die eigenen Motivationskräfte aus dieser Gleichung herausnehme, ist jede Entscheidung eine Risiko-Belohnungs-Entscheidung, die auf dem zentralen Gedanken gründet:

 

What is in for me?

Kern des Themas ist nicht ein moralischer Imperativ, sondern die Erkenntnis, dass Unternehmen nur dann langfristig von Bestand sind und sich innovativ weiterentwickeln können, wenn sie auch soziale, ökologische Faktoren und die Regeln von Good Governance beachten.

 

Was kann man aktuell tun?

Reflektieren

Wir Menschen, und damit auch all die Führungskräfte, sollten reflektieren. Wir alle sollten uns mit den unproduktiven Wahrheiten unserer Überzeugungen und Verhaltensmuster auseinandersetzen. Wir sollten uns dazu motivieren, unsere Komfortzone zu verlassen und den Konflikt zu managen, der unvermeidbar entsteht, wenn wir Menschen neue Gewohnheiten entwickeln möchten.

Dilemmata verstehen lernen

Ein gutes Management kann man daran messen, ob es in der Lage ist, klare und konsistente Werte im Unternehmen zu verankern und mögliche Wertekonflikte auszubalancieren. Oft kommt es zu sich widersprechenden Werten, wodurch auf der oberflächlichen Ebene zwar eine Motivation zum Handeln da ist, aber irgendetwas einem doch daran hindert. Zum einen steht z.B. der Wert, hohe Gewinne zu erzielen, zum anderen wirkt u.a. der Wert sozial ethisch zu wirtschaften.

Oft werden jedoch vorhandene Widerstände nicht wahrgenommen, und erst bei größeren Umstrukturierungsprozessen zeigt sich, dass es irgendwo hackt. Deshalb ist es unumgänglich mit den Dilemmata / Konflikten zu arbeiten, diese bewusst zu machen und Handlungsspielräume zu finden, um bestmöglich mit den Dilemmata umgehen zu können. Auflösen kann man ein Dilemma nicht.

Wenn mit Werten / Tugenden gearbeitet wird, muss man sich der Polarität bzw. der Dilemmata bewusst sein, sprich Werte können langfristig nur als Pol-Paar und darüber hinaus als Dilemma verstanden und entsprechend danach gehandelt werden.

Jede Tugend, auch die Disziplin, gerät zur Untugend, wenn sie zu einseitig gelebt wird. Übertriebene Disziplin macht uns zwanghaft, kalt und traurig. Wir verlieren Herzenswärme, Empathie und Lebenslust. Gleichzeitig stürzt uns ein Mangel an Disziplin ins Chaos.

Wenn Konsequenz (im Sinne von Wirkung) zu einem wichtigen Wert im Unternehmen gemacht wird, dann wird der positive Gegenwert Flexibilität auf das Abstellgleis gestellt. Konsequenz und Flexibilität bilden aber ein polares Wertepaar. Konsequenz ist ohne Flexibilität nicht „wertvoll“ und umgekehrt.

 

Meine Motivation

Es geht mir weder um eine moralische Anklage noch um eine Missionierung von Unternehmen.

  • Es geht um ein angemessenes natürliches Gefühl und einen angemessenen natürlichen Umgang mit Werten und Sinnhaftigkeiten, um die Bewusstwerdung der in Werten ruhenden Intelligenz und die offene und selbstsichere Implementierung von Werten in den Unternehmens-, Lebensalltag.

Das führt zu einem entspannten Verhältnis zwischen individuellem, gesellschaftsbezogenem, politischem Sinn-/Ethikverständnis und erfolgsorientiertem Wirtschaften.

Das sichert Ihnen als Unternehmen langfristig Erfolg, reduziert emotionalen Stress, setzt Ressourcen frei, macht Sie wettbewerbssicher und fördert eine langfristig positive Reputation, Ihr Image.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] „Ein Drittel der Deutschen hält Wirtschaftsbosse für korrupt“16.11.2016 http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/manager-image-jeder-dritte-deutsche-haelt-topmanager-fuer-korrupt-a-1121634.html?xing_share=news
[2] Statistischen Bundesamt http://de.statista.com/statistik/daten/studie/191776/umfrage/vertrauen-in-politiker/
[3] Süddeutsche Zeitung http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/sz-wirtschaftsgipfel-ackermann-will-nicht-auf-umstrittene-boni-verzichten-aus-solidaritaet-1.3255070
[4] Neoliberalism – the ideology at the root of all our problems 15.04.2016 https://www.theguardian.com/books/2016/apr/15/neoliberalism-ideology-problem-george-monbiot?CMP=share_btn_fb
[5] Walter, Herbert, ehemaliger Sprecher der Dresdner Bank, in: ARD, hart aber fair. 24.10.2011 http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2011/1024/index.php5
[6]  Geißler, Heiner in: ARD, , hart aber fair. 24.10.2011. http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2011/1024/index.php5.
[7] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.
62.

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