Lügen im Management – das ist die Regel

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Lügen im Management - das ist die Regel

In diesem Artikel möchte ich mich einmal mit der Thematik „Lüge“ auseinandersetzen. Ich vermute, dass dieses Thema nicht ganz unumstritten sein wird. Das Image der ManagerInnen droht national wie international immer tiefer im moralischen Morast zu versinken: Finanz- und Bankkrisen, Baulügen allerorts, Korruption in der Fifa wie auch der VW-Abgas-Skandal, um nur einige Beispiele zu nennen.[1]

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Die Wahrheit des Lügens ist allgegenwärtig

Der Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer meint, dass alle lügen, und dies die Regel sei. Im Durchschnitt lügen die Menschen zweimal am Tag. Pfeffer meint, er könnte Topmanager für Topmanager durchgehen und ihre Lügen aufzeigen, angefangen bei Steve Jobs. In der Softwarebranche lügen einfach alle, dafür wurde sogar eigens ein Begriff „Vaporware“ geschaffen.[2] Die meisten Menschen lügen aus Höflichkeit, aus Scham, Angst, Unsicherheit oder Not. Aus einer kleinen Schwindelei oder einer zurecht gebogenen Wahrheit kann eine handfeste Lüge werden, bis hin zum kaltblütigen Betrug – die Übergänge sind fließend. Kleine Flunkereien bleiben oft lange verborgen, können in ihren Auswirkungen jedoch genauso desaströs sein wie ein Betrug.[3]

Das spannende am Lügen ist, dass für das Lügen selbst niemand bestraft wird. Solange Lügen keine Sanktionen zur Folge haben, wird das Lügen akzeptiert. Die CEOs in der Finanzbranche logen in der Krise über ihre Bilanzen und darüber, ob sie neues Kapital benötigen.[4] Die Glaubwürdigkeit von CEOs ist in der Gesellschaft entsprechend niedrig bei etwa 37%. Nur Regierungschefs haben einen noch schlechteren Glaubwürdigkeitswert mit bloß 29%.[5] Doch niemand der Verantwortlichen, der die Finanzunternehmen an die Wand gefahren hat, hat persönlich Schaden davon genommen.[6]

Mehr noch, nach Meinung von Pfeffer wollen Menschen bis zu einem gewissen Grad sogar belogen werden. So heißt es in einem Lied von Fleetwood Mac: „Tell me sweet little lies“. Zum Lügen gehören zwei Personen. Die einen, die lügen, und die anderen die die Lügen glauben wollen. Pfeffer stellt die Annahme in den Raum, dass Lügen vielleicht bestraft werden sollten, damit das Bewusstsein für das Lügen und die entsprechenden Folgen geschärft werden?[7] Niccoló Machiavelli, der Philosoph der Macht, schreibt:

Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so leicht dem Zwang des Augenblicks, dass der, welcher betrügen will, stets einen finden wird, der sich betrügen lässt.[8]

Das ist meiner Meinung nach eine starke Aussage. Beim Lügen geht es um Macht, um Machterhalt und Machtsicherung. Mit dem entsprechenden Handwerkzeug zum Lügen kann jeder versuchen seine/ihre Macht zu sichern – und das scheint sozial scheinbar voll akzeptiert zu sein. Den Glaubwürdigen wird dabei unterstellt, dass sie sich betrügen lassen wollen bzw. nicht fähig sind, die Täuschungen und die Betrügereien zu erkennen.[9] Sicher entgeht niemanden, dass mit der Ära Donald Trump das Lügen als Machtinstrument so deutlich und offen wie selten zuvor genutzt wird. Fact-Checker wiesen alleine in einer einzigen seiner Wahlkampfreden 71 Lügen nach.[10] Trump nutzt gerne die Social Medias, um seine Offenbarungen zu veröffentlichen. Aber gerade die Medien, die Trump gebraucht, sind gleichzeitig auch die Aufdecker der Lügen. Irgendwann kommt die Lüge im Netz ans Tageslicht und verbreitet sich in ungeahnter Weise. Doch selbst das scheint sozial akzeptiert zu sein. Es wird zwar geschimpft, aber mehr scheint auch nicht zu passieren.

Dabei geht es nicht nur um die kaum zu erfassenden verbalen Lügen, sondern auch um die Täuschungen durch Bilder oder dramatische Inszenierungen, wie den Auftritt von Colin Powell am 5. Februar 2003 vor den Vereinten Nationen, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen.  Wenn ich lese, dass man im Vietnam-Krieg nicht „gut“ genug im Fälschen war und Nixon deshalb die Wahl verloren hat, dann hat das Lügen meiner Meinung nach eine Dimension erreicht, die man doch ernsthaft und couragiert hinterfragen sollte. Interessant daran ist, dass gerade in Amerika, wo Glaube und Kirchentreue noch relativ tief verwurzelt sind und Wahrheit ein hochmoralischer Begriff ist, dennoch und vielleicht gerade auch deshalb die Wirklichkeit verfälscht wird, um möglicherweise den hohen moralischen Anforderungen irgendwie Gerecht zu werden. In Europa, in dem Säkularisierung und damit die Aufbürdung kirchlicher Normen sukzessive abnimmt, ist Lügen keine Gebotsverletzung.[11]

Wenn ich das so schreibe, dann blicke ich etwas trocken oder vielleicht auch resigniert auf das Thema. Ich beschäftige mich damit, als ob das Lügen so wie Professor Pfeffer schreibt, ganz normal und in Ordnung sei. Aber das erschüttert mich schon ein wenig! Es gibt vermutlich Lügen, die wirklich zum Schutz von anderen oder einem selbst dienen. Aber ich nehme an, abgeleitet von mir selbst und meinen Beobachtungen von mir selbst, dass viele Lügen eher aus Bequemlichkeit, überzogenem Egoismus bzw. Anerkennungs- und Machtsucht oder blockierter Angst heraus entstehen. Diese Lügen sind zwar akzeptiert, doch ganz gesund würde ich das nicht bezeichnen. Das erscheint mir so, als ob ich es bejahe mit einem übersäuerten Magen zu leben, obgleich das auf längere Sicht hin nicht gut ist und negative Folgen haben wird. Doch das nehme ich in Kauf bzw. verdränge die möglichen Konsequenzen für mich, wie auch für meine Familie und die Gesellschaft. Es zeigt sich bereits, wenn immer mehr Lügen die Wahrheit im Management ersetzen, dass dies zu größeren Vertrauensverlusten, und in der Folge zu ökonomischen Verlusten führt.[12] Eines kann man aus der Geschichte heraus sehr eindeutig ableiten:

Wird das Lügenkonstrukt zu groß, dann bricht das System in sich zusammen.[13]

Das löst in mir die Frage aus, wo die Wirtschaft in Bezug auf Ihr Lügenkonstrukt aktuell steht? Ist das Konstrukt von Lügen und Täuschungen schon so groß, dass es bald zu kippen droht, oder kann das Management noch einiges an Lügen bzw. Täuschungen in die Welt setzen, ohne bald zusammenzubrechen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will in Bezug auf Lügen und Täuschungen wirklich niemanden zu Recht weisen. Das Lügen gehört zu unserem Leben. Ich selbst bin davon nicht ausgeschlossen, und würde mir in keiner Weise anmaßen zu behaupten, nicht zu lügen. Viele ManagerInnen leisten wirklich gute Arbeit. Ich möchte jedoch ein wenig wachrütteln, mich selbst und andere, um Lügen etwas besser in den Griff zu bekommen.

Es geht nicht darum, nicht zu lügen, sondern bewusst abzuschätzen, welche Folgen Lügen mit sich bringen – für einen selbst, für MitarbeiterInnen und die Gesellschaft.

Es geht beim Thema Lügen um Verantwortungsbewusstsein, Selbsterkenntnis und Weitblick. So gesehen möchte ich jetzt weniger vom Lügen sprechen, sondern viel mehr von meinem und Ihrem Verantwortungsgefühl.

  • Kann ich mir, ohne mich gleich selbst zu verurteilen, die Frage stellen, ob ich in Bezug auf eine Entscheidung in Bedrängnis komme und damit ein Lügenkonstrukt als Abwehr aufbaue?

  • Möchte ich gerne als ein strahlender Erfolgsheld im Unternehmen gesehen werden, der alles gut im Griff hat und versuche mit entsprechenden Worten dieses Erfolgsbild zu untermauern – ähnlich wie der Lügenbaron Münchhausen in seinen Geschichten?

  • Ich kann dann noch einen Schritt weitergehen und mich zusätzlich fragen, ob ich mir der Folgen einer durch ein Lügenkonstrukt getroffenen Selbstdarstellung und den entsprechenden Entscheidungen bewusst bin?

Es war von mir nicht geplant, diesen Artikel in der jetzt vorliegenden Version zu schreiben. Die Auseinandersetzung mit dem Themenfeld „Lüge“ hat sich im Laufe des Schreibens für mich als so sensibel, mehrschichtig und tiefgreifend herausgestellt, dass ich selbst ins Wanken geriet. Sicher fehlen dem einen oder anderen von Ihnen konkretere wissenschaftliche Grundlagen, das ist mir bewusst. Ich kann Ihnen heute auch kein greifbares Rezept, keine Tipps und keine Werkzeuge im Umgang mit der Herausforderung Lüge in die Hand geben. Ich kann Sie vielleicht nur dazu motivieren, Ihr Verhalten in Bezug auf Lügen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Lüge ist nicht nur eine Lüge nach außen, sondern auch eine Lüge nach innen.

Nach Emanuel Kant ist die Selbsttäuschung fast noch schlimmer als die Täuschung gegen andere.[14]

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquellen:

[1] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[2] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[3] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[4] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[5] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[6] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[7] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[8] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[9] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[10] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[11] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[12] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[13] Küng, Hans: Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. Piper Verlag GmbH. München: 2010.
[14] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.

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