Ökonomische Unwissenheit …

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… und Manager-Demenz

Zugfahren bildet, so einhellig fällt heute meine Meinung aus. Bei 7 Stunden im Zug bleibt genügend Zeit, um sich mit den Inhalten der aktuellen Presse vertraut zu machen, und deren Inhalt zu reflektieren. Zu lesen war, dass das ökonomische Grundwissen ungenügend sei.  

Der Deutsche Lehrerverband (DL) fordert auf Grund eklatanter Mängel im ökonomischen Grundwissen, 200 Stunden Ökonomie-Unterricht für alle die Schulabgänger oder Schüler, welche in Oberstufe eines Gymnasiums eintreten. Denn die Mehrzahl der Schüler scheitert bereits  an simplen Zinseszins Rechnungen, um z.B. Kreditverträge zu verstehen. 

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Auf Grund dieser schlechten ökonomischen Grundbildung besteht die Forderung an ein Umdenken in der Bildungspolitik: „Der praktische Umgang mit Handyrechnungen, Konsumentenkrediten und Geldanlagen müsse dringend zum Lehrplan gehören, so die Forscher.“[1] Dies ist notwendiger denn je, da die SchülerInnen immer stärker als Zielkunden in den Fokus der Werbewirtschaft rücken, welche mit allen Raffinessen der Psychologie arbeitet. Diese Herausforderung darf aber nicht nur auf die Schulen abgewälzt werden. Auch das Elternhaus hat hier einen aktiven Beitrag zu leisten.

   

Demenz im Management

Dieses Grundwissen, welches der Lehrerverband für die Schüler einfordert, ist für die Manager der Finanzdienstleistungsindustrie als Nachholstoff anscheinend genauso notwendig, wenn nicht noch dringender. Wie anders erklärt sich „Der Null-Prozent-Wahn“ an Konsumentenkrediten für Handy-Verträge, Flachbildschirme, Möbel, Autos, etc.  

  

Diese Absatzkredite sind ein Milliardenmarkt für Banken und Hersteller an Kunden, welche es sich eigentlich gar nicht leisten können. So  gehen in Deutschland nach Schätzungen des Branchenverbandes, ohne Autofinanzierungen, jährlich ca. 4,3 Milliarden Euro über die Ladentheke.[2]  Dies ist auf der einen Seite die Folge der lockeren Geldpolitik der EZB, auf der anderen Seite aber der Wahn nach einem ungebremsten Wachstum. Eine Wirtschaft ist nach Ansicht unser führenden Politiker, Wirtschaftslobbyisten und -Lenker nur gesund, wenn sie quantitativ wächst. So forderte kürzlich unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel „Europa braucht mehr Wirtschaftswachstum“. Ihr Gegenspieler und SPD-Kanzlerkandidat sagt: „Das Wachstumsraten unserer Volkswirtschaft müssen wieder steigen.“ Und auch aus den anderen Parteien, ob Grün oder Links kommen ähnlich lautende Töne.[3] 

Doch die Realität zeigt ein anderes Bild. Seit Jahren schrumpft das Wachstum in allen hochentwickelten Volkswirtschaften der Welt, egal ob USA, Japan, Frankreich, etc. Lag das Wachstum der deutschen Wirtschaft in den sechziger Jahren noch bei durchschnittlich 5,4 % pro Jahr, freut man sich heute über ein Prozent. Die Wachstumsraten sinken langsam, aber unaufhörlich.[4] Doch die Verantwortlichen leugnen diese Tatsache. Sie können sich aber auch nicht die Folgen ihrer unaufhörlichen Wachstumspredigten vorstellen.

Anscheinend fehlen auch ihnen die Grundlagen der Zinseszinsrechnung. Denn endloses Wachstum ist nicht nur sinnlos, sondern auch nicht möglich. Denn wer kauft sich all die Dinge (3 Autos, 4 Mobiltelefone, etc.) von Geld, das er nicht hat? Da helfen dann nur noch moralische Appelle über die Faulheit der Deutschen und den Fleiß der Chinesen, in der Hoffnung dass der deutsche Michel demnächst wie ein chinesischer Kuli schuftet. Dies könnte aber zumindest den Absatz der Pharmakonzerne von noch mehr Antidepressiva ankurbeln. 

Doch hat nicht genau so die Finanzkrise ihren Lauf genommen? Wurden in den USA  nicht massenweise Immobilienkredite an Kunden verkauft, welche sich diese überhaupt nicht leisten konnten. Anscheinend gibt es bei den Verantwortlichen sowohl in der Real- als auch Finanzindustrie gewisse Demenzerscheinungen. Wie sonst lässt sich erklären, dass diese Manager nicht aus den Fehlern der letzten Finanzkrise, welche noch lange nicht gelöst und vorüber ist, lernen. Warum auch? Denn auch die nächste Blase, wenn sie denn platzt, begleicht der Steuerzahler und die gescheiterten Manager gehen mit einem „Goldenen Handschlag“ nach Hause.

   

Qualitatives Wachstum

Doch statt fortlaufend der Zeit eines quantitativen Wachstums  nachzutrauern, wäre es schön, wenn  die Unternehmen sich stärker auf ein qualitatives Wachstum fokussieren und dabei Aspekte der Nachhaltigkeit sowie Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit rücken. Dies erfordert natürlich einen Paradigmenwechsel in vielen Bereichen unseres Wirtschaftssystems. Eine solche Umsetzung kann natürlich nicht per Anordnung erfolgen. Dies ist ein Prozess, welcher vom Management bewusst eingeleitet, gesteuert und selbst gelebt werden muss.  

Hier ist Leadership gefragt. Dazu bedarf es mutiger und verantwortungsbewusster Männer und Frauen, welche als Vorbild aktiv voranschreiten. Ganz im Sinne des Verbes „to lead“: anleiten, Initiative ergreifen, neue Wege weisen, an der Spitze stehen, mutig voranschreiten, jemanden mit guten Beispiel vorangehen und Verantwortung übernehmen.

 

[1] Verband fordert 200 Stunden Ökonomie-Unterricht http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/studie-zu-wissensluecken-verband-fordert-200-stunden-oekonomie-unterricht/7916502.html 2013-03-12

[2] Der Null-Prozent-Wahn http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/ratenkredite-der-null-prozent-wahn/7909272.html 2013-03-12

[3] Wie viel braucht der Mensch; Die Zeit Nr.10, S.17ff

[4] ebenda

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