Theorien unter Beschuss

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Die Grundlage der modernen Wirtschaftswissenschaften beruht auf den Werten des im 18. Jahrhundert wirkenden, schottischen Moralphilosophen Adam Smith fest. Der Neoliberalismus, welcher als wirtschaftspolitische Form einer Wirtschaftstheorie heute nahezu weltweit akzeptiert wird, basiert auf seinen Arbeiten.  

 

Theorie und Grundwerte der modernen Wirtschaftswissenschaften

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Im 19. Jahrhundert wurde seine Theorie bloß durch die Lehre vom Nutzen ergänzt, und im Namen der neoklassischen Theorie bis in die Gegenwart nur noch verfeinert und mathematisiert. [1] Die Wirtschaft wird analog zur klassischen Naturwissenschaft durch objektive Gesetze gesteuert, naturwissenschaftlich analysiert und kalkuliert. R.M. Solow spricht diesbezüglich zynisch davon, dass es bloß einer gewissen Klugheit und Ausdauer bedarf, um jedes gewünschte Resultat zu erhalten. [2] Und Paul Krugman äußert herausfordernd, dass die Ökonomen sich vom beeindruckenden Outfit der Mathematik blenden lassen und die Wahrheit aus dem Blickfeld verlieren. [3] 

An Pierre Bourdieus Worten angelehnt kann man sagen, dass das erdachte Modell der Realität zur Realität des Modells wird, ohne über andere Werte und Normen nachzudenken. [4] Ebenso kritisch sehen es die Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Samuelson und Franco Modigliani, beide fordern einen offeneren Geist in den Wirtschaftswissenschaften. [5] Nicht bloß um über die Werte und Normen in der Ökonomie zu reflektieren, sondern um die Lebendigkeit des Lebens nicht zu vergessen, das Unplanbare und Unerwartete anzuerkennen. Das zeigt sich deutlich an der Atomkatastrophe in Fukushima, ausgelöst durch das Beben- und Tsunamiunglück in Japan, und den unvorhersehbaren Auswirkungen. Dieses Ereignis hat vermutlich im Frühjahr 2011 die politische Landschaft in Baden-Württemberg deutlich verändert und eine Kehrtwende in der Energiepolitik eingeleitet. [6]

Eine auf mechanische Naturauslegung hin konzipierte Theorie verfehlt einfach die lebendige Einheit einer jeden Situation. Es mangle in der klassischen Ökonomie an Kreativität, und der Aspekt der Freiheit menschlichen Handelns findet ebenfalls wenig Beachtung. [7] Im Verständnis von J. M. Keynes sollte die Ökonomie sogar eine Moralwissenschaft sein. Keynes wünschte sich bereits vor mehr als hundert Jahren eine Rückbindung an religiöse Lebensanschauungen in der Ökonomie.(8) Christoph Gran fordert ebenfalls mehr Bewusstsein und Verantwortungsgefühl in den Wirtschaftswissenschaften. Wirtschaftsethik sollte sogar für alle angehenden Ökonomen in der Ausbildung ein Pflichtfach sein.(9) Doch all diese kritischen Denkansätze, gepaart mit dem Wissen der Studien über die stressbelastenden Arbeitssituationen und den entsprechenden Folgen scheinen in der Ökonomie noch keine erheblichen Entwicklungsprozesse eingeleitet zu haben.

Da stellt sich die Frage, was das mechanistische System noch immer so stark macht das andere Sicht- und Lebensweisen zurückgedrängt werden? Ist es die scheinbare Kontrollierbarkeit und Vertrautheit, die durch die neoklassische Sichtweise der Ökonomie gewährleistet scheint? Ist es das Machtstreben der einflussreichen und am gegenwärtigen Wirtschaftssystem gewinnenden Wirtschaftstreibenden, die ähnlich wie Diktatoren ihre Position mit allen Mitteln zu sichern versuchen? Ist es die (un)bewusste Ohnmacht vor diesen (scheinbar) Mächtigen, die Menschen dazu bringt sich gegen ein kreativ schöpferisches, verantwortungsbewusstes, kooperativ ausgerichtetes Leben zu entscheiden? Ist es vielleicht die (un)bewusste Ohnmacht vor der unerschöpflichen und unkontrollierbaren Kraft der Natur? Oder einfach nur Unwissenheit?

 

 

(1) Brodbeck, Karl-Heinz: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009, Vorwort.
(2) Brodbeck, Karl-Heinz: ebenda, S. 43f.
(3) Gran, Christoph: Warum wir eine postautistische Wirtschaftswissenschaft brauchen. In: Handelsblatt. Wissenschaft & Debatte. Nr. 201. 2009-10-19, S. 9.
(4) Kröll, Tobias: Neoliberalismuskritik mit Pierre Bourdieu. AK Neue Kritik/Tübingen. Vortrag auf der ATTAC-Sommerakademie. Marburg: 2002, S. 5.

(5) Gran, Christoph: ebenda, S. 9.
(6) Schnabel, Ulrich: Die Zeit Nr. 16 vom 14. April 2011. Wissen. Das Überraschende erwarten. S. 33.
(7) Brodbeck, Karl-Heinz: ebenda, S. 244ff. (8) Brodbeck, Karl-Heinz: ebenda, S. 123.
(9) Gran, Christoph: ebenda, S. 9.

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