Es wird zum „Mut am Montag“ aufgerufen

Es wird zum „Mut am Montag“ aufgerufen

Uns fehlen Schnelligkeit und Mut zum radikalen Umsteuern – gesteht VW-Chef Diess 

Das laufende Jahr erhob Herbert Diess zum Maßstab für seine Erfolge: 2020 werde sich erweisen, wie wetterfest, agil und reaktionsfähig der Konzern geworden sei. Es soll nicht mehr der Absatz, sondern die Qualität des Ertrags dominieren.[1]

Mein Motto für 2020 heißt ebenfalls Mut. Mein allererster Artikel im neuen Jahr 2020, wer erfolgreich sein will braucht Mut – mehr denn je, hat viele LeserInnen sehr berührt. Selten bekomme ich derart viele und ausführliche Kommentare. Mut ist gefragt, Mut erregt, Mut motiviert, Mut fordert heraus fehlenden Mut zuzugestehen, aber auch Missverständnisse im Mut klarzustellen, …

Es braucht Mut, um erfolgreich zu sein – mehr denn je

  • Aber was ist konkret damit gemeint?

  • Welchen Erfolg will man eigentlich mutig ankurbeln – den Erfolg der Vergangenheit mit altbekannten Kennzahlen, oder eine neue Art von Erfolg mit neuen Entscheidungen und neuen Wertigkeiten?

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Das frage ich mich, weil aktuell die Entscheidung von Siemens, sich in Australien am Bau des größten Kohlebergwerks der Welt trotz Protesten von Klimaschützern zu beteiligen, irgendwie irritiert – dahingehend, sich ernsthaft die Frage zu stellen angesichts der weltweiten Lage: Wie mutig ist es von Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser, …

  1. dem gesellschaftlichen Druck der KlimaschutzaktivistInnen NICHT nachzugeben, und die Beteiligung am Bau des größten Kohlekraftwerkes NICHT zu stornieren, sondern Gewinne und Arbeitsplätze zu sichern und die Stakeholder zu befriedigen, …

  2. damit gegen die eigenen Unternehmensziele zu argumentieren, gegen die Position von Siemens zum Klimawandel, wo es konkret heißt: Der Klimawandel ist Wirklichkeit. Es ist unsere Aufgabe, eine führende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel einzunehmen – zu demonstrieren, dass es technologisch und wirtschaftlich lohnenswert ist, in klimafreundliche Technologien zu investieren – mit intelligenten und nachhaltigen Lösungen. Als eines der ersten großen Industrieunternehmen haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Mit diesem ambitionierten Vorhaben sowie mit Technologien und Lösungen aus unserem Umweltportfolio unterstützen wir unsere Kunden bei der Steigerung von Energieeffizienz und der Dekarbonisierung.[2]

Mit diesem vorbildhaften couragierten Bild möchte sich Siemens der Öffentlichkeit präsentieren und Verantwortung zeigen. Doch ich frage mich, ob die letzte Entscheidung, den Bau des Kohlekraftbergwerks in Australien zu unterstützen, wirklich mutig war – insbesondere ausgehend von der Annahme, dass sich Siemens der Klimaproblematik bewusst zu sein scheint, weil sich Siemens doch rühmt, eine führende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel einzunehmen.

Selbst das Weltwirtschaftsforum WEF in Davos sieht in der Klimakrise aktuell das höchste Risiko für die Weltwirtschaft. Wetterextreme, Versagen beim Klimaschutz, Naturkatastrophen, Verlust der Artenvielfalt und Menschen gemachte Umweltkatastrophen sollen im Mittelpunkt aller Diskussionen beim WEF stehen, welches am 21. Jänner beginnt.[3] Dahingehend hätte Siemens in Bezug auf seine Entscheidung, den Bau eines Kohlekraftwerks nicht zu unterstützen, eine Vorbildrolle einnehmen können – hat es aber nicht getan aus Gründen, die zwar nachvollziehbar sind, doch einen Beigeschmack hinterlassen, der angesichts der Lage der Welt nicht mehr so leicht wegzubekommen ist.

Ich möchte jedoch die Entscheidung von Siemens, den Kohlekraftwerkbau weiterhin zu unterstützen, nicht länger in diesem Artikel in den Mittelpunkt stellen, sondern diesen Fall viel mehr als Sprungbrett zur Reflexion anderer Entscheidungen anderer Unternehmen bzw. EntscheiderInnen nehmen. Die Vorgehensweise von Siemens zeigt meiner Meinung nach klar, wie groß die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist, wieviel Mut tatsächlich zum Einsatz kommt – in diese oder jene Richtung. 

Dahingehen ist es auch nicht verwunderlich, in einem Kommentar zu meinem Kurzbeitrag zur Entscheidung von Siemens zu lesen, dass ich selbst als Günther Wagner mutig sei, die Entscheidung von Joe Kaeser in Frage zu stellen. Es wäre zwar sinnvoll, Veränderungen anzustreben, aber das muss auch machbar sein, schreibt Michael Schmid [4] – umgelegt auf die Entscheidung von Kaeser könnte das heißen, Kaeser hat scheinbar richtig entschieden, es ist für Siemens nicht sinnvoll, aktuell in Bezug auf die Mitbeteiligung des Baus eines Kohlekraftwerks in Australien anders zu handeln. Dahingehend frage ich mich:

Wo konkret beginnt die Machbarkeit in Bezug auf Veränderungen, und wo endet diese …

Diese Frage bzw. Reflexion ist meiner Meinung nach deshalb so relevant, weil genau das der Punkt ist, wo Mut zum Wirken kommt oder eben nicht. Christoph Zacher, Co-Vorspringer bei VORSPRUNGatwork, sieht es ähnlich und reflektiert, ob Machbarkeit der Veränderung wirklich vorausgehen muss, oder ob erst durch mutiges Verändern die Machbarkeit folgt?! Dieser Thematik muss bzw. will sich VW lt. Forderung von Diess wie es scheint 2020 stellen. Siemens hat dahingehend schon eine weitrechende Entscheidung getroffen.

Wenn man sich Entscheidungen stellt, und dann auch wirklich ins Tun kommen will, dann muss man sich jedoch auch der Diskrepanz stellen, was als machbar eingestuft wird, was jedoch mutig wäre zu ändern und über die Machbarkeit hinauszugehen scheint – sprich mehr wagen als machbar scheint. An dem Punkt scheitern die meisten, an der Einstufung der Machbarkeit. Das zeigt konkret, wie schwer es fällt, Veränderungen mit entsprechend neuen, anderen Entscheidungen wirklich mutig anzugehen.

Einerseits sind immer mehr Menschen ehrlich entsetzt über das Ausmaß der Umweltzerstörung, über weltweite Hungersnöte und die Brutalität von Kriegen, und andererseits arbeiten viele diese Menschen täglich in komplexen Zusammenhängen, die direkt oder mittelbar mit diesen Ungerechtigkeiten umwelttechnisch oder auch sozial einhergehen.[5]

Wir stecken alle in einem Dilemma, in einem Widerspruch, agieren fast schon schizophren, rechtfertigen etwas, was auf Dauer nicht guttut und das über den gesamten Erdball hinweg – aus dem Antrieb heraus, das, was man selbst dabei gewinnt, sicherzustellen. Das tun wir fast alle, einschließlich ich selbst, auch wenn es auf Kosten anderer geht. Und all jene, die es sichtlich, hörbar, lesbar wagen, den Widerspruch, das Dilemma anzusprechen, werden trotz dem Entsetzen über das, was da alles im Unreinen ist, verurteilt, einem Gegenwind ausgesetzt – obgleich man doch dasselbe Entsetzen teilt.

Ich weiß, jetzt sprenge ich vermutlich für viele den fachlichen Rahmen und die scheinbar relevante Lösungsebene der Wirtschaft. Obgleich, ich bekomme indirekt Rückenwind von dem WEF in Davos, aber vor allem direkt Bestätigung in den vielen Kommentare zu meinem Artikel, wer erfolgreich sein will braucht Mut – mehr denn je. Ich war wirklich berührt über so viel Offenheit in den Kommentaren, über die vielen Hinweise und Ergänzungen, über die zahlreichen Lösungsansätze, mutiger zu werden, sich den Dilemmata Mut und Angst, Macht und Ohnmacht, …, zu stellen.

Was sich über mehrere Kommentare hinweg erschließt ist die Tatsache, dass konservativ hierarchisch geführte Unternehmen weder den Mut der MitarbeiterInnen noch den der Führungskräfte zu fördern vermögen. Solange über Hierarchie Leistungen erzwungen, mit Hierarchie Kontrolle gehalten werden möchte und versucht wird, die eigene Position zu sichern, hat Mut keine Chance. VW fordert mehr Mut von den Führungskräften, aber ist VW als Konzern wirklich bereit, sich so zu entwickeln, dass mehr Mut möglich ist?  

Mut ist nicht bloß eine persönliche Herausforderung in Unternehmen, sondern ein strukturelles hierarchisches Problem

Rüdiger Reinhardt, Professor für Wirtschaftspsychologie, sieht darin einen wesentlichen Aspekt, Mut zu fördern bzw. Mut kleinzuhalten und findet es äußerst bedenklich, dass wir Anpassung statt Mut entwickeln.

Karriere wird durch Anpassung und nicht durch mutige Entscheidungen bzw. mutiges Handeln vorangetrieben. Anpassung wird belohnt – Mut hingegen nicht. Das Milgram-Experiment und ebenso das weniger bekannte, aber äußerst eindrucksvolle Stanford Prison Experiment, „The Lucifer Effect: How Good People Turn Evil“, zeigen erschreckend klar und eindeutig wie Rahmenbedingungen, Strukturen das „Schlechte“ bzw. das Angepasste hervorbringen [6] – die Deutschen müssten das eigentlich aus der Geschichte heraus besonders gut wissen.

Wie viele haben das, was damals um 1935 angerollt ist, rechtzeitig in Frage gestellt und das reflektiert, in Frage gestellt, verneint? Es waren zu wenige – und die, die es gab, wurden verfolgt. Wären es mehr gewesen, die couragiert gegengehalten hätten, wäre es vielleicht ganz anders gekommen?! Ich wage zu bezweifeln, dass so viele wirklich ernsthaft annahmen, dass das was damals als Wahrheit propagiert wurde, von vielen aufrichtig so auch bejaht werden konnte. Es waren die Strukturen, die die Menschen nahezu mundtot gemacht haben – mit wenigen Ausnahmen. Das Milgram- und ebenso das Stanford Prison Experiment veranschaulichen das sehr deutlich, nachzulesen u.a. in dem Artikel, Nur Mut!

Solange man für mutiges Verhalten einen Preis zahlen muss, anstatt belohnt zu werden, ist es widersinnig Mut zu propagieren. So heißt es in einem Kommentar von Karsten vom Bruch. Wir müssen dafür sorgen, dass mutige Menschen und ihre Familien am Ende keinen unbezahlbaren Preis für ihren Mut zahlen müssen. Wer sich innerhalb eines Unternehmens konstruktiv und kritisch zu Wort meldet, wird schnell als Nestbeschmutzer behandelt. Und wer in Folge seinen Job verliert, wird sein Unternehmen kaum mit einem Empfehlungsschreiben für die weitere Zukunft verlassen, welches ihm alle Türen öffnen sollte. Schnell heißt es dann: Selbst dran Schuld – man beißt doch nicht die Hand, die einen füttert.[7]

Das Dilemma, Mut oder doch lieber Still sein und anpassen, durchzieht scheinbar das Verhalten wie die Sonne das Leben auf Erden bewegt. Was einem blüht, wenn man mutig was sagt, zeigt sich auch an den Whistleblowern Julian Assange oder an Edward Snowden, gibt Wolfgang Hubrach zu bedenken. Wie soll das Mut machen? Es braucht dahingehend dringend deutlich mehr mutige Danke-Sager und Schutz-Anbieter.[8]

Niklas Baumann nahm sich das Thema Mut ebenfalls sehr zu Herzen und hat in seinem Poetry SlamSeid mutig“ vor zahlreichen VorstandskollegInnen, GeschäftsführerInnen und DirektorInnen aus der Otto Group angeregt, endlich einmal ernsthaft couragiert …

Strukturen schaffen, um Mut zu fördern

  • Das bedeutet jedoch nicht, gutgemeint Mut anzuordnen, wie oft zu sehen ist, sondern Mut spürbar in Taten sichtbar werden zu lassen – sprich endlich machen und nicht bloß nur reden – wie beispielsweise Haier, der größte Gerätehersteller der Welt, der sich von einer konventionellen, bürokratischen und hierarchischen Produktionsfirma zu einem hochflexiblen online basierten Unternehmen mit Null Distanz zum Kunden hin verändert hat. Digitalisierung war der Antreiber, wo es ebenfalls deutlich an Mut fehlt. Umweltschutz hatte bei Haier vermutlich noch keine so große Relevanz – aber wer weiß, genau solche Unternehmen können von einem Tag zum anderen vielleicht auch das besser in den Griff bekommen, und all die anderen in den Schatten stellen?!

  • Das fordert jedoch persönlich heraus. Das führt u.a. dazu, persönliche Komfortzonen zu verlassen, die Macht und Kontrolle zu hinterfragen, den Mut aufzubringen, auch andere in deren Einflussnahme und Entscheidungen zu stärken. Das hat selbstverständlich Rückwirkungen auf die Zusammenarbeit, auf die Entscheidungen und das Selbstverständnis bzw. die Rolle, die man im Unternehmen innehat.

Laut Biswas-Diener beinhaltet Mut 5 Aspekte:[9]

  1. Eine Gefahr oder Bedrohung wirklich bewusst wahrnehmen, nicht bloß so tun als ob bzw. die Bedrohung herunterspielen oder sogar negieren. Das machen doch alle, werden Sie denken, aber gerade an dem Punkt trügt ebenfalls der Schein.

  2. Einen ungewissen Ausgang mit möglichen Folgen annehmen – gerade in Zeiten von Controlling und fixierten Zielen eine ebenfalls nicht leicht zu akzeptierende Angelegenheit.

  3. Der Angst als Begleitung im Prozess die Hand reichen – eine Herausforderung für sich.

  4. Der Höhepunkt: Der entscheidende Entschluss trotz der ersten 3 unangenehmen Umstände aktiv zu werden.

Ein Team um den amerikanischen Psychologen Shane Lopez belegt, dass erst die Möglichkeit zu scheitern oder negative Konsequenzen tragen zu müssen, eine beliebige Haltung zu einer mutigen werden lässt.[10] Im Fall von Siemens würde das bedeuten, Siemens war aktuell in der Entscheidung, in Australien sich am Bau des größten Kohlebergwerks zu beteiligen, trotz Protesten und dem Wissen über Klimaveränderung, nicht mutig genug, die Entscheidung anders zu treffen – oder anders gefragt, was hat Siemens daran gehindert, was hat VW in den Dieselskandal hineingeritten, was bewegt Ihre Entscheidungen, …:

  • die Strukturen, die Rahmenbedingungen,

  • die Negierung der Klimaprobleme, was eigentlich nicht sein dürfte, nachdem Siemens doch so offen sich für den Klimaschutz einzusetzen verpflichtet hat,

  • war es vielleicht einfach nur Machtstreben,

  • fehlende Innovationen, fehlende Visionen, wie es anders gehen könnte,

  • oder Angst?

Nico Czinczoll schreibt in seinem Kommentar, statt Mut zu fordern sollte vielmehr nach Möglichkeiten gesucht werden, die Angst zu reduzieren. Angst in Verbindung zu Mut ist in zahlreichen Kommentaren zu lesen gewesen – und auch ich habe im Artikel Angst als relevanten Punkt gesehen, couragiert Entscheidungen treffen zu können oder eben nicht. Mut und Angst sind zwei untrennbare Seiten derselben Münze. Welche Seite oben liegt, liegt an unseren persönlichen Werten, unserem Selbstverständnis und unseren Erfahrungen – aber entscheidend auch daran, welche Rahmenbedingungen auf uns wirken und wie unser Umfeld reagiert.

Es geht jetzt aber auch nicht darum, keine Angst haben zu dürfen, sondern vielmehr darum, die Ängste bewusst zu machen, damit diese nicht aus dem Schatten, aus Unbewusstheit und Verdrängung heraus zu Kurzschlussentscheidungen führen. Wer sich den unangenehmen Gefühlen nicht stellt, diesen auszuweichen versucht, der hat es schwer, mutig voranzuschreiten. Zum einen, weil man es kaum wagt, etwas zu riskieren, oder aber auch aus unbewusster Abwehr heraus ins andere Extrem verfallen kann – in Lügenkonstrukte und in Tollkühnheit.[11] Doch in der Wirtschaft Angst als eine wahrzunehmende Angelegenheit zu deklarieren wird negiert.

Die Abwehr von Angst bzw. die in der Wirtschaft negierte Haltung zu mehr Selbstreflexion führt dazu, dass immer mehr Führungskräfte ihre emotionale Intelligenz negieren – ein sich selbst verstärkender Selektionsprozess in Unternehmen, der ungesund mutig stimmt, schreibt Fabian Feutlinske in seinem Kommentar, und führt zu guter Letzt zu tollkühnen, unzureichenden Entscheidungen.

Ortwin Renn, Gründungsdirektor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart, spricht bei Tollkühnheit davon, dass es daran fehle die Risiken abzuwägen bzw. man aus purem Wunschdenken und Machtstreben heraus die Risiken einfach ausblendet.[12] In Bezug auf die Entscheidung von Siemens kann man so verstanden nachhaken und untersuchen, ob Siemens die Folgen einer weiteren Kohleabbauförderung durch deren Unterstützung nicht sieht, oder als unzureichend einstuft, oder das Machtstreben stärker ist als die damit verbundenen längerfristigen Risiken, oder Angst vor Verlusten, Angst vor anderen Mächtigen, Angst … die Entscheidung beeinflusst hat. In ähnlicher Weise kann man den Dieselskandal analysieren und sich fragen:

  • Wie ist es möglich und auch akzeptiert, Mut zu zeigen, die Herausforderungen nicht mehr zu negieren bzw. Schönzureden, das Unbehagen der Diskrepanz zwischen der Realität und den Wunschvorstellungen aufzulösen, und mit Vertrauen statt Angst andere, neue Möglichkeiten aufzugreifen und umzusetzen?

Die Beantwortung dieser Frage ist ein weiterer Schlüsselpunkt im Umgang mit Mut. Doch es ist noch deutlich komplexer. Der zurückhaltende Umgang mit Mut liegt u.a. aber auch daran, dass wir es einfach nicht gewohnt sind, in neuen Lösungskategorien zu denken. Wir, wozu ich mich auch ausnahmslos zähle, denken in äußerst festgefahrenen Kategorien, auch was mutiges Verhalten betrifft, und es ist wirklich außerordentlich schwer, diese gewohnten Denkmuster in ein neues Licht zu stellen, und andere Denkweisen und damit auch andere Lösungsansätze zuzulassen.

Mut heißt nicht nur, etwas tun, was andere nicht wagen, sondern auch in ungewohnten Lösungskategorien denken können. Dafür braucht es Neugier. Und Neugier braucht eine offene Arbeitskultur, eine Kultur der Gemeinschaft, einen CEO, der ein Curiosity Enhancing Officer ist, der ein Unternehmen begleitet, in dem es mehr darauf ankommt, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Doch an Neugier mangelt es ebenfalls.[13]

Mut heißt lebenslanges Lernen

Bücher über Mut und in Verbindung damit über innovatives Denken helfen an dieser Stelle aber auch nicht weiter. Niemand kann Verhalten und offen neugieriges Denken ändern, indem er/sie bloß darüber liest oder Vorträge anhört. Mut braucht die leibhaftige Auseinandersetzung, ehrliche Gespräche, das Tun, das Machen. Aber genau davor schrecken viele zurück [14] – in dem Moment wird man berührbar, steht auf derselben Stufe wie die anderen, ist nicht höhergestellt und damit besser oder unantastbar, …

Genau jetzt an dieser Stelle möchte ich den Antarktis-Forscher Sir Ernest Shackleton, Gentleman, Charmeur und Abenteurer, erwähnen mit dem dramatischen Scheitern der Endurance-Expedition, das als außergewöhnliches Beispiel für Mut gesehen wird. Shackleton war mit seiner Expedition ganz knapp davor, greifbar davor, als erster Mensch den Südpol zu erreichen. Aber Shackleton entschied, ganz knapp vor der Erreichung seines Zieles dieses aufzugeben. Anmerkung: Er hat auch andere Ziele nicht erreicht – warum, weil Shackletons Orientierung hieß: Das Leben seiner Leute ist das Wichtigste, auch wenn er dadurch scheiterte.[15] Vielleicht wäre es an dem Punkt spannend, Shackletons Herangehensweise an das Heute anzupassen, sich zu fragen:

  • Wie müssten die Unternehmen heute geführt werden, um das umzusetzen, was Shackleton in Bezug seiner Expeditionen getan hat? Hätte Siemens angesichts der Vermutungen über das Klima anders entschieden, und den Bau des Kohlekraftwerks nicht mitgetragen?

  • Welche Entscheidungen würden Sie, wenn Sie Shackleton wären, in Ihrem Unternehmen anders treffen?

Mag sein, dass die Heldentaten von Sir Shackleton in keiner Weise als Vorbild bzw. Mutmacher für mögliche anstehende Entscheidungen von Ihnen dienen. Vielleicht finden Sie, Sie zeigen ohnehin genug Offenheit, Neugier, Mut und teilen Ihre Macht mit Ihren MitarbeiterInnen, arbeiten mit einem 360 Grad Feedback, mit einer positiven Fehlerkultur und versuchen die Strukturen so zu verändern, dass couragiert Entscheidungen getroffen werden können. Das mag Ihnen niemand abstreiten.

  • Sie, wie auch andere, versuchen sicher das Beste zu tun. Aber könnte das Beste vielleicht noch besser sein?

  • Würden Sie vielleicht anders, mutiger handeln, wenn Sie 100 Prozent sicher sein könnten, dass Sie durch andere Entscheidungen nichts verlieren, Sie nur als GewinnerIn hervorgehen?

  • Wie stark prägt Ihre Angst Ihre Entscheidungen – Ihre Angst vor Verlusten, Ihre Angst Privilegien, Anerkennung, Zustimmung zu verlieren, Ihre Angst Bequemlichkeiten aufgeben zu müssen? Dahingehend möchte ich einen Kommentar zitieren, der vermutlich auf viele von uns zutrifft, ohne das jetzt verurteilen zu wollen: Ich habe keine Lust zu erfrieren, und ich habe auch keine Lust zu einer unnötigen Veränderung. Wissen Sie, bei mir gibt es einen gedanklich mächtigen Unterschied zwischen Mut und Unbedachtem. Es geht darum die Ertragsseite zu sichern und unbegrenzt Energie bereitzustellen. Das ist mit modernen Energiewandelformen nicht machbar …

Dieser Aussage mögen vermutlich noch andere zustimmen – vielleicht eher nur im Stillen. Ich kann diese Meinung und die damit verbundene Haltung auch verstehen – jedoch mehr aus meiner Angst heraus und weniger aus einer selbstbewussten Einstellung dem Leben gegenüber.

Als wichtiger weiterer Einfluss für mutige Entscheidungen erweisen sich die Stärke der eigenen moralischen Überzeugungen, die Sensibilität für Ungerechtigkeit und die Selbstwirksamkeitsüberzeugung.[16]

Über Moral, Werte und Ungerechtigkeiten in wirtschaftlichen Kreisen zu sprechen, ist jedoch wie Angst kein leichtes Thema. Meinem Empfinden nach, beruht wirtschaftlicher Erfolg nicht unbedingt auf ethisch vertretbaren Werten, und das spüren unbewusst auch andere – was dann vielleicht sogar Schuldgefühle auslöst. Diese unangenehmen Gefühle stehen im Widerspruch zum Erfolg und den damit verbundenen liebgewonnen Vorteilen. Dazu kommt dann die Angst, die Annehmlichkeiten zu verlieren, sobald man vielleicht nicht mehr im Sinne der festgelegten Ziele vorgeht, stattdessen Mut zeigt, andere Entscheidungen trifft, möglicherweise Risiken eingeht, die man nicht kontrollieren kann.

Es braucht Mut, dem Druck der Wirtschaft, dem Druck der Konkurrenz, dem sich selbst auferlegten Druck, mit mutiger Haltung entgegenzutreten. Das fordert ein äußerst gutes Selbstmanagement in Verbindung mit einem ehrlichen Angstmanagement. Aber wenn gerade das Selbstmanagement, die Selbstreflexion, die emotionale Intelligenz in Wirtschaftskreisen negiert wird, nicht entsprechend unterstützt und gefördert wird, bleibt man im Hamsterrad Machtstreben und Angst hängen. Nicht ohne Grund erwähnt Reinhardt an mehreren Stellen in den Kommentaren, dass es kompetente Begleitung braucht, um Mut entwickeln zu können.[17]

Die Kompetenz der Selbsterkenntnis hat jedoch in den Aus- und Weiterbildungen keine hohe Relevanz, bzw. wird in Trainingsprogrammen nur „gesellschaftsfähig“ übermittelt und verfehlt damit an Wirkung.[18] Fähigkeiten „gesellschaftsfähig“ übermitteln führt leider dazu, dass die heißen Themen wie Machtstreben, Gier, Egozentriertheit, Verblendung auf der einen Seite, und das umfassende Wirken von Angst und Kontrollwahn auf der anderen Seite stillschweigend unter den Teppich gekehrt werden. Dahingehend gilt es Mut aufzubringen, ehrlich in den Spiegel zu schauen – sofern das gewünscht ist. 

Zu aller erst ist zu klären:

  • Bin ich als Unternehmen, als Führungskraft wirklich bereit, die Herausforderungen in neuer anderer Weise lösen zu wollen – die Probleme im gesamten Kontext zu betrachten und nicht rein kapitalistisch zu beurteilen?
    Das gilt es sich jetzt nicht nur für das unliebsame Thema Klimaschutz zu klären, sondern auch in Bezug auf die Digitalisierung ernsthaft zu hinterfragen. VW fordert jedenfalls Mut, weil dem Konzern bewusst ist, dass die Digitalisierung mehr fordert als das, was man aktuell einzusetzen vermag.

  • Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen und den umfassenden Rechtfertigungsmonologen zu widerstehen [19] – Klima bezogen wie auch was die Digitalisierung betrifft? 

Interessanterweise greifen für beide Themen, selbst wenn diese so unterschiedlich zu sein scheinen wie die Sonne zum Mond, sehr ähnliche Lösungen und Maßnahmenpakete. Der Erfolg bei Digitalisierungsprozessen ist zäh, viele scheitern, u.a. daran, weil die Maßnahmen nur halbmutig entschieden werden. Deshalb ist es vorweg so wichtig wahrzunehmen, ob man wirklich bereit ist, sich den umfassenden Veränderungen zu stellen?

Wenn die Antwort ja lautet, dann ist es möglich:

  • Rahmenbedingungen, Struktur flach hierarchisch mit 360 Grad Feedback aufbauen, hinarbeiten zu mehr WeQ statt IQ,

  • sich mit Macht und Machtverlust, mit Machtverschiebungen auseinandersetzen,

  • sich respektvoll wertschätzend den Ängsten stellen,

  • eine positive Fehlerkultur entwickeln,

  • Neugier und entsprechende Visionen im Unternehmen stärken,

  • persönliche Entfaltung zulassen, u.U. auch eine Gewinnbeteiligung verankern, heißt es im Kommentar von Matthias Hoff. Vertrauen zu sich selbst, zu den MitarbeiterInnen und in das Leben selbst stärken – eine meist nicht geachtete Angelegenheit in Unternehmen.

  • Achtsamkeit praktizieren, heißt es in einem weiteren Kommentar – was ich selbst sogar als eine Art Universalmittel für den Umgang mit Herausforderungen, persönlich wie auch unternehmerisch, erachte.

  • Out of the box denken, startend mit dem vielgeliebten Ja, aber …

Resümee mit Wirkung

Ich möchte die Initiative „Mut am Montag“ ins Leben rufen und als fixe Plattform installieren – wozu mich die Fülle an Kommentaren ermutigt hat. Mit dieser Aktivität möchte ich kommenden Montag spontan beginnen, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie, was, wo …

Eines kann ich jedoch schon vorwegnehmen, diese Initiative wird u.a. durch Gespräche in Podiumsdiskussionen zum Thema Mut Input finden, wie auch durch Interviews, …

Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig. [Seneca]

Ihr Günther Wagner

 

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Informationsquellen: 

[1] https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/volkswagen-vw-konzerchef-herbert-diess-ruettelt-die-fuehrungskraefte-auf-a-1304153.html. Am 2020-01-20 gelesen.
[2] https://new.siemens.com/global/de/unternehmen/nachhaltigkeit/dekarbonisierung.html. Am 2020-01-14 gelesen.

[3] https://www.msn.com/de-at/finanzen/top-stories/klimakrise-höchstes-risiko-für-die-weltwirtschaft/ar-BBZ0gYr?ocid=spartandhp. Am 2020-01-16 gelesen.
[4] https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:6622392712677167104/?commentUrn=urn%3Ali%3Acomment%3A%28activity%3A6622392712677167104%2C6622397371869347840%29&replyUrn=urn%3Ali%3Acomment%3A%28activity%3A6622392712677167104%2C6622432805135667201%29.
[5] http://www.free21.org/wp-content/uploads/2018/01/03-McClean_Nur_Mut.pdf. Am 2020-01-14 gelesen.
[6] https://www.linkedin.com/pulse/wer-erfolgreich-sein-braucht-mut-mehr-denn-je-g%25C3%25BCnther-wagner/.
[7] https://www.linkedin.com/pulse/wer-erfolgreich-sein-braucht-mut-mehr-denn-je-g%25C3%25BCnther-wagner/.
[8] https://www.linkedin.com/pulse/wer-erfolgreich-sein-braucht-mut-mehr-denn-je-g%25C3%25BCnther-wagner/.
[9] https://www.spektrum.de/magazin/was-menschen-mutig-macht-und-warum-das-wichtig-ist/1576108. Am 2018-09-18 gelesen.
[10] https://www.spektrum.de/magazin/was-menschen-mutig-macht-und-warum-das-wichtig-ist/1576108. Am 2018-09-18 gelesen.
[11] https://www.spektrum.de/magazin/was-menschen-mutig-macht-und-warum-das-wichtig-ist/1576108. Am 2018-09-18 gelesen.
[12] https://www.spektrum.de/magazin/was-menschen-mutig-macht-und-warum-das-wichtig-ist/1576108. Am 2018-09-18 gelesen.
[13] Merck Studie https://www.merckgroup.com/content/dam/web/corporate/non-images/company/de/Merck-Neugier-Studie-2018.pdf. Am 2019-11-06 gelesen.
[14] https://zoe-online.owlit.de/document.aspx?docid=ZOE0299852&authentication=none. Am 2018-09-18 gelesen.
[15] Baumgartner, Peter P.; Hornbostel, Rainer: Manager müssen Mut machen. Mythos Shackleton. Führungskunst – Unternehmensphilosophie – Neuausrichtung. Böhlau Verlag Ges.mb.H und Co.KG. Wien, Köln, Weimar: 2008.
[16] https://www.spektrum.de/magazin/was-menschen-mutig-macht-und-warum-das-wichtig-ist/1576108. Am 2018-09-18 gelesen.
[17] https://www.linkedin.com/pulse/wer-erfolgreich-sein-braucht-mut-mehr-denn-je-g%25C3%25BCnther-wagner/.
[18] https://zoe-online.owlit.de/document.aspx?docid=ZOE0299852&authentication=none. Am 2018-09-18 gelesen.
[19] http://www.free21.org/wp-content/uploads/2018/01/03-McClean_Nur_Mut.pdf. Am 2020-01-16 gelesen.

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