Die Bedrohung für das Wirtschaftswachstum

System Change, not Climate Change!

Was wir brauchen ist ein echter Systemwandel. Eine andere Wirtschaft, die den Menschen dient und den Planeten schont.

Das waren die Worte von Lucia Steinwender, die am Klimagipfel „R20 Austrian World Summitwährend der Rede vom österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz gegen die katastrophale Klimapolitik interveniert hat. Der Protest der Klimagerechtigkeitsbewegung „System Change, not Climate Change!“ richtet sich an all jene, die von Klimaschutz reden, aber das Gegenteil machen. Die Bewegung meint, wenn EntscheiderInnen ihre schönen Worte ernst meinen, dann müsste ab morgen ein echter Kurswechsel in Politik und Wirtschaft stattfinden.[1]

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  • Vielleicht meinen Sie, das betrifft Sie nicht, hier seien die Regierungen gefordert etwas zu tun.

  • Sie als Manager tun ohnehin genug in Ihrem Unternehmen, um umweltbewusster zu agieren. 

  • Ihr Engagement in Sachen Umweltbewusstsein im Unternehmen möchte ich Ihnen nicht abstreiten.

Lassen Sie mich jedoch noch drei weitere Informationen anführen. Insbesondere der 3. Punkt mag Ihnen vielleicht am deutlichsten zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Klima- bzw. Umweltschutz für Sie relevant sein könnte – nicht bloß, um einen guten Ruf in der Öffentlichkeit zu verteidigen, sondern auch deshalb, um die Zukunft Ihres Unternehmens sicherzustellen. 

Punkt 1

90 Prozent aller Menschen weltweit sind verschmutzter Luft ausgesetzt und rund 7 Millionen Menschen sterben jährlich daran. Es gibt bereits mehr Tote durch Luftverschmutzung als durch Aids, Tuberkulose und Kriege.[2] 

Das mag auf den ersten Blick für die Wirtschaft nicht relevant sein. Aber auf den zweiten und dritten Blick hat das auch für Unternehmen gravierende Folgen. Die Kosten müssen durch die Sozialsysteme getragen werden. Die bisher stark subventionierten fossilen Energieträger könnten diese Unterstützung dann verlieren, weil das Sozial- und Gesundheitssystem mehr Geld benötigt. Das hat wiederum Folgen für Unternehmen – was uns gleich zum nächsten Punkt führt.

Punkt 2

Fossile Energieträger werden weltweit mit 5,3 Billionen Dollar subventioniert. Das ist mehr als für den Gesundheitssektor ausgegeben wird. Der Weltwährungsfond (IWF) hat aufgerufen, endlich den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas nicht mehr weiter zu fördern.[3] 

Mag sein, dass Sie als Manager davon ausgehen, dass es nie dazu kommt, dass die Subventionen fossiler Energieträger wirklich radikal gekürzt werden. Doch können Sie wirklich sicher gehen, dass Ihre Annahme stimmt?! 

  • Wie könnten sich die Kosten für Ihr Unternehmen und Ihre Produkte entwickeln, wenn tatsächlich fossile Energieträger nicht mehr subventioniert werden, bzw. nur noch in eingeschränktem Maß Förderungen erhalten? 

  • Welche Folgen hätte das für Ihr Unternehmen? 

  • Und was würden Sie in einem solchen Fall tun? 

Mag sein, dass Ihr Unternehmen davon nicht betroffen ist. Für andere, selbst für mögliche Betroffene mag dieses Szenario, die deutliche Kürzung der Subventionierungen von fossilen Energieträgern, an den Haaren herbeigezogen sein. Das mag in gewisser Weise stimmen. Doch man sollte dieses Szenario auch nicht ganz aus dem Blick streichen. China macht in Bezug auf Umweltschutz einen deutlichen Schwenk. Das ist zwar für viele ein Augen auswischen. Aber es zeigt, dass selbst beim Wachstumstreiber China der Umweltaspekt mehr in den Fokus rückt – nicht, weil China so umweltfreundlich ist, sondern mehr aus Angst, durch Umweltprobleme das angestrebte Wachstum nicht erreichen zu können. Das führt uns gleich zu Punkt 3.

Punkt 3

Klimawandel kostet Wachstum – genau das, was jedoch die Wirtschaft braucht um Erfolge generieren zu können.[4] 

Das Kieler Institut für Wirtschaftsforschung (IfW) hat ausgerechnet, dass durch den Klimawandel das Wirtschaftswachstum gebremst wird.[5] Das hat wiederum zur Folge, dass Arbeitsplätze verloren gehen. Unternehmen schließen und die Staatseinnahmen sinken – mit den weiteren Konsequenzen: der Sozialstaat, das Gesundheits- und das Bildungswesen lassen sich nicht mehr finanzieren.[6] Das hat wiederum Nachwehen auf die Wirtschaft und Folgen auf Ihre Verantwortlichkeit, Erfolge zu generieren.

Nach Hartmut Rosa, Zeitforscher, Direktor des Max-Weber Kollegs, Professor an der Universität Erfurt und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist unsere moderne Gesellschaft dadurch gekennzeichnet, dass sich diese nur noch dynamisch zu stabilisieren vermag.[7] Das Ausreizen von Ressourcen ist hierfür eine notwendige Konsequenz. Beschleunigung lässt jedoch keine Zeit, auf Ressourcen zu achten bzw. Ressourcen die nötige Zeit zu geben, sich entsprechend dem jeweiligem Tempo zu erneuern, nachzuwachsen, neu zu bilden und neu auszurichten. Nach Rosa steuern wir so nach allen Ecken auf eine Krise zu.[8]

Rosa meint: Rechne damit, dass morgen alles anders sein wird.[9]

Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und Gründungsdirektor des Potsdamer-Instituts für Klimafolgenforschung, spricht davon, dass die Folgen sich veränderter Umwelten durch ein Übermaß an Nutzung fossiler Brennstoffe heruntergespielt werden. Kaum jemand in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft scheint aktuell das tatsächliche Ausmaß der Folgen eines Klimawandels ernst zu nehmen. Und so kommt es, dass scheinbar auch niemand die Notwendigkeit anerkennt, dass der Klimawandel nur noch dann halbwegs bewältigt werden kann, wenn man die komplette Dekarbonisierung der Weltwirtschaft in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten vollzieht. Ein Weltbankbericht geht davon aus, dass bis 2050 140 Millionen Klimaflüchtlinge zu zählen sein werden.[10]

Schellnhuber reflektiert, u.a. auch selbstkritisch, dass sich alle zusammen viel zu lange aus der Verantwortung gestohlen haben.[11]

Gleichzeitig muss er gemeinsam mit seinen KollegInnen erdulden, dass die Mails von GegnerInnen gehackt werden, und eine regelrechte Treibjagd auf KlimaforscherInnen abgehalten wird. Schellnhuber erklärt sich diese Reaktion durch eine kognitive Dissonanz. Er meint, der Klimawandel stellt für die Menschen ein derart großes Problem dar, bei dem eigentlich niemand weiß, wie man es in den Griff bekommen kann, sodass dieses Problem verdrängt wird, oder man mit Fehlerverhalten reagiert.[12]

Die Geschichte zeigt deutlich, dass Systeme in dem Moment, in dem sie in die Krise geraten, oft genau den fatalen Fehler noch zusätzlich verstärkt haben, durch den sie erst in den Schlamassel geraten sind. Das heißt übertragen auf die Situation der Wirtschaft heute: Die Weltwirtschaft muss weiter wachsen, auch wenn genau das die Weltwirtschaft zerstören wird.[13]

Diese Aussage sollte doch zu denken geben?!

Aber, wie Schellnhuber schreibt, scheint die Thematik Umweltschutz und Umweltbewusstsein für viele wirklich äußerst schwierig zu fassen sein, sogar eine Art Ohnmacht auslösen, was wiederum Angst macht, wodurch innovative, neue Ideen in der Produktions- und Wirtschaftsweise bereits im Keim ersticken. Lt. einer Studie wird Angst als Innovationsverhinderer Nummer Eins genannt. Knapp jede zweite Führungskraft befürchtet einen Machtverlust, wenn Innovationen gesetzt werden.[14] Die Überspielung der Angst ist gar nicht der schlimmste Aspekt, sondern vielmehr die Tatsache, dass durch Angst zielführendes Denken und Handeln verhindert wird.[15]

Systemisch betrachtet ist Angst so komplex wie die Probleme selbst komplex sind – was in Bezug auf Klimawandel und die weltweiten Folgen sicher nicht abgestritten werden kann. Um die Ängste und die Angst auslösenden Herausforderungen adäquat steuern und regulieren zu können, sollte deshalb mindestens auf dem gleichen Komplexitätsgrad gearbeitet und gehandelt werden. Das heißt zu verstehen, dass die Angst selbst nicht das Hindernis, sondern viel mehr die Chance ist zu begreifen, wie komplex die Situation tatsächlich ist, und dass man entsprechend darauf eingehen sollte.[16] Aber genau das verhindert die Angst wiederum. 

Rosa spricht sogar davon, dass die Welt von einer Angst-Epidemie befallen sei. Wenn die Welt weiterhin der Steigerungslogik folgt, wird diese direkt in die Krise zusteuern. Die Welt ist nicht unendlich steigerungsfähig. Die Gier nach Mehr ist seiner Meinung nach nicht der Hauptschuldige am Wachstumsstreben, sondern viel mehr die Angst davor, aus dem System zu fallen bzw. der Konkurrenz zu erliegen, wenn man nicht mitmacht bzw. sich nicht stetig optimiert. Dabei übersieht man den Punkt, dass man nicht nur der/die NutznießerIn ist, sondern auch den Preis für die Steigerungslogik bezahlen wird müssen.[17] 

Nach Rosa gibt es nur einen Weg aus dem Dilemma Wirtschaftswachstum und Ressourcenbewusstsein: Kollektiv die Angst aus dem Spiel nehmen.[18]

Nach Meinung von Rosa ist Resonanz, in Beziehung treten, die Lösung um der Wachstums- und Beschleunigungsspirale selbstbewusst entgegentreten zu können. Dort, wo man selbstbewusst und angstfrei in Resonanz geht, dort wird man berührt, dort fühlt man Betroffenheit und damit auch Verantwortlichkeit und Courage. Das geht jedoch nur, wenn man sich wirklich sicher sein kann, dass die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Wenn man ständig Angst haben muss, am nächsten Tag noch Arbeit zu haben, damit Geld zu verdienen um die Familie und den erarbeiteten Status erhalten zu können, dann erstickt das Resonanzgefühl.[19] Und genau dieses Ersticken von Resonanz hält wiederum den Gedanken vom stetigen Wachstum am Laufen, und negiert nebenbei Klimaprobleme.

Das Grundeinkommen soll nicht fehlenden Arbeitsplätzen aufgrund der Digitalisierung entgegenwirken, sondern viel mehr die Angst nehmen, offen zu werden für Innovationen, die dem Weltklima und rückwirkend auch den Menschen gut tun. Genau das wünschen sich auch die AktivistInnen beim Klimagipfel „R20 Austrian World Summit“.[20]

  • Mag sein, dass Sie als Manager den Lösungsvorschlag von Rosa, die Einführung von einem Grundeinkommen, gänzlich falsch sehen, unter Umständen das ganze Gerede um Klimaprobleme als Schwarzmalerei betrachten bzw. als zu weit hergeholt beurteilen.

Sie mögen mit Ihrer Meinung sicher in dem einen oder anderen Punkt Recht haben. Ich sehe jedoch die Auseinandersetzung mit Klimaproblemen und den Lösungsansatz von Rosa vielmehr als Diskussionsansatz, um im Feld der Wirtschaft das Umweltbewusstsein nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Denn das ist das, was Rosa meinem Verständnis nach wünscht: mehr fachübergreifende Reflexionen und Handlungscourage. Ich gehe davon aus, dass niemand der Führungskräfte, egal welcher Ebene, sich die Aussage von Thomas Sattelberger, der lange Zeit als der mächtigste Personalchef in Deutschlang galt, gefallen lassen möchte, dass deutsche Vorstände Autisten seien, die keine Botschaften aus der Gesellschaft aufnehmen.[21] 

Gleichzeitig weiß ich zu genau, dass das Infragestellen von dem, was man bisher als erfolgreichen Weg bezeichnet, worunter das stetige Wachstum der Wirtschaft fällt, auf Widerstand stößt. Warum, weil es genau jenen, die damit erfolgreich waren und noch sind, die Berechtigung entzieht, so weiter zu machen wie bisher. Deshalb braucht es hier weit mehr als nur Reflexion und einen Aufruf nach mehr Courage. Es braucht ein respektvolles, diplomatisches Bemühen von Menschen, die zwischen verschiedenen Denk,- Lebens- und Arbeitsmodellen kompetent hin und her pendeln können.[22] Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Weg mit einem ehrlichen Blick in den Spiegel und auf die Welt alles andere als einfach ist. Täglich ist man aufs Neue gefordert, die eigenen Meinungen und Überzeugungen ehrlich in Frage zu stellen, der Eitelkeiten und Egoismen zu widerstehen.

Innovation ist nicht die Vergrößerung des Angebotes mit neuen Mitteln, sondern die Schaffung von Lebensqualität mit weniger Ressourcen.[23]

Mit dieser Aussage von Friedrich Schmidt-Bleek [24], Professor für Chemie, Postdoc beim Nobelpreisträger Frank Sherwood Rowland an der University of Kansas, Fakultätsmitglied an verschiedenen US-Universitäten, Gründungsdirektor des Appalachian Resources Project und des Environment Center an der University of Tennessee, möchte ich diesen Beitrag beenden. 

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] https://systemchange-not-climatechange.at/de/protest-beim-austrian-world-summit-austrian-governmentshort-on-climate-action/. Am 2018-05-22 gelesen.
[2] https://diepresse.com/home/ausland/Energiewende_Schwarzenegger-beim-AustrianWorld-Summit-optimistisch. Am 2018-05-22 gelesen.
[3] https://www.welt.de/wirtschaft/energie/article141084514/Die-Welt-steckt-mehr-Geld-in-Oel-als-inGesundheit.html. Am 2018-05-22 gelesen.
[4] http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/ifw-prognose-klimawandel-kostetwachstum/2767186.html. Am 2018-05-22 gelesen.
[5] http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/ifw-prognose-klimawandel-kostetwachstum/2767186.html. Am 2018-05-22 gelesen.
[6] Rosa, Hartmut: Im Reich der Geschwindigkeiten. In Philosophie Magazin. Nr. 02/2018. Philomagazin Verlag GmbH. Berlin. 
[7] Rosa, Hartmut: Im Reich der Geschwindigkeiten. In Philosophie Magazin. Nr. 02/2018. Philomagazin Verlag GmbH. Berlin.
[8] http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026. Am 201805-22 gelesen.
[9] Rosa, Hartmut: Im Reich der Geschwindigkeiten. In Philosophie Magazin. Nr. 02/2018. Philomagazin Verlag GmbH. Berlin.
[10] Rühle, Alex im Interview mit Schellnhuber, Hans Joachim: Gegen die Wand. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 110. 15. Mai 2018. Feuilleton. 
[11] Rühle, Alex im Interview mit Schellnhuber, Hans Joachim: Gegen die Wand. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 110. 15. Mai 2018. Feuilleton.
[12] Rühle, Alex im Interview mit Schellnhuber, Hans Joachim: Gegen die Wand. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 110. 15. Mai 2018. Feuilleton.
[13] Rühle, Alex im Interview mit Schellnhuber, Hans Joachim: Gegen die Wand. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 110. 15. Mai 2018. Feuilleton.  
[14] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessteninnovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[15] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.   
[16] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[17] http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026. Am 201805-22 gelesen.
[18] http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026. Am 201805-22 gelesen.
[19] https://diepresse.com/home/leben/mensch/5087094/Hartmut-Rosa_Rennen-nur-um-auf-der-Stelle-zutreten. Am 2018-05-22 gelesen.
[20] https://systemchange-not-climatechange.at/de/protest-beim-austrian-world-summit-austrian-governmentshort-on-climate-action/. Am 2018-05-22 gelesen.
[21] https://blog-wagner-consulting.eu/management-auf-der-titanic/.  
[22] https://blog-wagner-consulting.eu/management-auf-der-titanic/
[23] Schmidt-Bleek, Friedrich: Nutzen wir die Erde richtig? Die Leistungen der Natur und die Arbeit des Menschen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main: 2007.
[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schmidt-Bleek. Am 2018-05-23 gelesen.

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