Komplexität
CHAOS MONKEY TIME

CHAOS MONKEY TIME

Die Titanic war gigantisch und luxuriös in jeder Hinsicht. Vieles der Einrichtung war zur Zeit der Jungfernfahrt des Schiffes völlig neuartig – selbst die Küche verfügte über die zu dieser Zeit weltgrößten Kochstellen, und die Sicherheitsausstattung galt als Wunder der Technik. Das Schiff wurde aufgrund der automatisch schließenden Wasserschutztüren zwischen den 16 wasserdicht abschottbaren Abteilungen im Juni 1911 in der Zeitschrift The Shipbuilder als „praktisch unsinkbar“ bezeichnet.

Heute hören, lesen wir in unterschiedlichen Bereichen ähnliche Hypes, lassen uns von technischen Spitzenleistungen beeindrucken, glauben an eine hoch innovative, erfolgsversprechende Zukunft, wo wir alles bestens gelöst bekommen – Digitalisierung, Klimawandel, Ressourcenengpässe, Überbevölkerung, Überalterung, …

Zurück zur Titanic. Niemand hat damals daran gedacht, dass dieses scheinbare Wunderwerk, die Titanic wunde Punkte hätte. Und so kam schneller als gedacht ein böses Erwachen – das Undenkbare und Unvorstellbare passierte, wie wir alle wissen. Die Titanic geriet 1912 auf der Jungfernfahrt in Not. Was am Schiff damals los war, können wir nur erahnen. Was ziemlich sicher an Bord herrschte – es gab Chaos mit einem fatalen Ende! Niemand war darauf vorbereitet …

Warum erzähle ich die Story der Titanic – worauf will ich hinaus?

Die meisten werden es zwar ahnen, insbesondere all jene, die meinen letzten Artikel Die Weltwirtschaft spielt Domino, gelesen haben, wo ich ganz konkret aufliste, was alles aktuell an Herausforderungen auf uns einprasselt, wir global in ein Chaos hineinschlittern – ohne jedoch das jetzt als Apokalypse verurteilen zu wollen.

Chaos an sich ist weder gut noch schlecht, man sollte jedoch sehr genau wissen und verinnerlicht haben, wie man mit Chaos umgehen kann, mit sich gegenseitigen aufschaukelnden komplexen Systemen und Krisenherden klar kommt, wenn es chaotisch wird.

In der aktuellen Situation tun wir gut daran, uns eingehend auf das Undenkbare vorzubereiten, statt uns als Unternehmensverantwortliche quasi auf einem Liegestuhl der Titanic weiterhin erfolgsberauscht zu platzieren, um es angelehnt an die Worte von Thomas Sattelberger auszudrücken.[1]

Ich spüre jedoch, ähnlich wie beim Hype um die Titanic, die meisten können bzw. wollen sich einfach nicht vorstellen, dass wir in ein mögliches Chaos schlittern, die Zukunft uns mehr rütteln wird als die letzten 50 Jahre, die Zukunft nicht mehr nur geprägt ist von Wachstumsraten, sondern uns weltweit vielmehr vor ganz neue Tatsachen stellen wird.

Obwohl die Signale der verschiedenen Krisen (Energiekrise, Rohstoffkrise, Lieferkettenkrise, Umweltkrise, …) unübersehbar sind, verharmlosen wir diese, oder ignorieren diese sogar. Wir feiern die Fahrt auf der Titanic, fühlen uns sicher mit all dem was wir erschaffen haben. Wir tun so, als hätten wir alles im Griff. Wir können uns in keiner Weise vorstellen, dass die aktuelle Situation heikler ist, als wir es wahrhaben wollen.

Und so frage ich Euch:

  • Sind wir uns unserer möglichen Fehleinschätzungen wirklich bewusst oder folgen wir blind einem Herdentrieb, einem digitalen, wachstumsgekrönten Hype und klammern alles, was dem nicht stimmig scheint, aus?

Ich will in keiner Weise schwarzmalen, aber so tun wie damals, dass die Titanic unsinkbar wäre, ein Meisterwerk ohne wunde Punkte sei, kann doch niemand von uns ignorieren.

Die Entwicklungen und Innovationen haben uns Menschen und die Wirtschaft wachsen lassen, aber gleichzeitig auch immer vor neue Herausforderungen in Bezug auf die Entwicklungen selbst gestellt. Unsere Spezies will Probleme lösen, das treibt die Entwicklung an, aber gleichzeitig wollten wir nie die riskanten Seiten der Entwicklungsschübe sehen.

Als Menschen wollen wir zwar Probleme lösen, aber gleichzeitig mit den Problemen nicht konfrontiert werden – ein global menschliches Paradoxon.

Und so kommt es, dass trotz bestem Bemühen das Leben auf unserem Planeten besser wird und gleichzeitig schlechter – wir in Krisen geraten, die wir uns vor 100 Jahren niemals hätten vorstellen wollen. Nachdem aber weder das Bild der Titanic motiviert, noch Analysen das Risikomanagement anregen, sich offen und ehrlich den Risiken zu stellen, möchte ich Euch heute einladen, von einer verspielten Seite diesem unliebsamen Thema anzunähern.

 

KINDHEITSSPIELE IM SAND

Um unsere aktuellen komplexen Herausforderungen zu verstehen, bzw. sich ihnen überhaupt einmal wirklich innerlich zu öffnen, betrachten wir heute ein sehr einfaches Modell, mit dem viele von uns vielleicht schöne Kindheitserinnerungen verbinden können: den Sandhaufen.

Vermutlich haben einige von uns als Kinder Sand durch die Finger oder das Stundenglas rieseln lassen und mit Freude zugesehen, wie sich der Sand zu einem kegelförmigen Haufen aufgetürmt hat. Und viele von uns haben dann mit freudiger Spannung so lange Sandkörner durchrieseln lassen, bis der auftürmende Sandhaufen sich nicht mehr höher aufschütten ließ und jedes weitere zugefügte Sandkorn nur noch abrutschte. Um den Spaß am Aufschütten jedoch wieder zu haben, zerstörte man vielleicht als Kind den Sandhaufen und ließ einen neuen Wachsen, bis dieser ebenfalls wieder seine Grenze des Wachstums erreichte …

Und genau diese Kindheitserinnerung kann uns vielleicht in der aktuellen herausfordernden Situation helfen, uns für die aktuellen komplexen Risiken gedanklich zu öffnen. Wir können durch den Sandhaufen ahnen, sehen, spüren, wie die Körner miteinander verbunden sind als ein unsichtbares Netz aus Druck und Spannung. Diese Körner wirken nicht isoliert voneinander. Und deshalb macht es auch keinen Sinn, einzelne Sandkörner unter einem Mikroskop zu betrachten, daraus komplexere Lösungen abzuleiten. Alles ist viel enger miteinander verflochten, als uns lieb ist – die stärksten Glieder der Kette sind mit den schwächsten Gliedern enger verbunden als wir es sehen wollen.

Aber was machen wir bzw. was prägt unsere Zeit, das isolierte Betrachten von Problemen, das isolierte Betrachten von Symptomen, das isolierte entwickeln von Lösungsstrategien. Wir übersehen dabei, dass die einzelnen Symptome miteinander in Einfluss stehen, miteinander agieren, und wir übersehen, dass unsere aktuellen Problemen, sei es die Klimakrise, die Energiekrise, Ressourcenengpässe, …, wie ein aufgetürmter Sandhaufen vor uns liegt, und es absolut nicht genügen wird, einzelne Sandkörner zu analysieren, isolierte Lösungsstrategien zu entwickeln, und dann passt es wieder, und es geht fröhlich weiter.

Sehr anschaulich ist dies z.B. in Italien zu beobachten. Seit Freitag, den 15. Oktober 2021, darf in Italien nur zur Arbeit erscheinen, wer eine Corona-Impfung, -Genesung oder einen negativen Corona-Test nachweisen kann, sprich 3G. Wer ohne den sogenannten „Grünen Pass“ zur Arbeit kommt, riskiert bis zu 1500 Euro Bußgeld. Wer der Arbeit fernbleibt, weil er das Dokument nicht vorweisen kann, muss mit unbezahlter Freistellung rechnen.

Diese Entscheidung kommt zu einer Zeit, wo sich weltweit die Container stapeln, Schiffe nicht abgefertigt werden, die globalen Lieferketten zusammenbrechen. 

  • am Hafen von Triest demonstrierten daraufhin am Freitag laut Behördenangaben mehr als 6500 Menschen gegen diese Maßnahme

  • in Genua blockierten rund 300 Arbeiter die Zufahrt zum Hafen

  • die Hafenarbeiter in Triest drohten mit unbefristetem Streik

  • im Trentino, der Region, die an Südtirol grenzt, mussten für Freitag 220 Busfahrten abgesagt werden, weil zu wenig Fahrer zum Dienst erschienen

  • von den rund 900.000 Lkw-Fahrern in Italien sind 25 bis 30 Prozent nicht geimpft oder genesen und

  • viele Lkw-Fahrer kommen aus dem Ausland und haben keinen grünen Pass – weil sie entweder nicht geimpft sind oder die Impfung aus ihrer Heimat, etwa mit dem russischen Vakzin Sputnik-V, in Italien nicht anerkannt wird. Es kann nun sogar eine „Massenflucht“ von Fahrern in ihre Heimatländer drohen.

Mag sein, dass viele unbewusst wissen, dass wir eigentlich die aktuellen Probleme in anderer Weise lösen sollten. Wir erleben eine Diskrepanz zwischen unseren Erwartungen und der Realität, die sich nicht beseitigen lässt. Das erzeugt ein tiefes Unbehagen und damit das dringende Bedürfnis, das Unbehagen zum Verschwinden zu bringen, indem man das Problem beispielsweise als nicht so schlimm zu sehen versucht, oder gar ignoriert. So kommt es, dass beispielsweise RaucherInnen Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungsrisiko- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Klimawandel, den man deutlich unterschätzt.[2]

Ein tadelnder bzw. angstschürender Informationsstil stärkt das Unwohlsein und damit das Ignorieren bzw. Verharmlosen von Risiken – beruhend auf der menschlichen Triebkraft der kognitiven Dissonanz. Die Apokalypsen schlittern an einem vorbei, scheinen auserzählt zu sein. Diese Einstellung mag einen zunächst beruhigen, aber mit welchen Folgen? Die Probleme werden irgendwann einmal jeden und jede treffen, auch wenn man meint, es wird nicht so heiß werden. Der Zusammenbruch des Ostblocks hätte einen darüber lehren können, dass Systeme lange über ihr eigentliches Verfallsdatum hinaus weiterexistieren können, um dann wie ein von Termiten ausgehöhltes Haus geräuschlos zusammenzubrechen.[3]

Ja, ich weiß, es ist tatsächlich alles andere als einfach, realistische Herausforderungen so zu verbalisieren, dass man bereit ist über die existierenden Herausforderungen ehrlich nachzudenken, nicht in eine Dissonanz zu gehen bzw. sich schnell auf leicht verdauliche Scheinlösungen zu stürzen. Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe, Publizist, geht hart ins Gericht mit den Menschen in Bezug auf die Negierung ihrer Probleme. Er sagt unverblümt, die Menschheit steht aktuell vor der größten Herausforderung, der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage. Er spricht deshalb nicht mehr von der Gestaltung der Zukunft, sondern nur noch von den Möglichkeiten der Restauration.

Das ist aber genau das, was niemand hören will. Also frage ich mich:

  • Wie ist es möglich, die Herausforderungen nicht mehr zu negieren, das Unbehagen der Diskrepanz zwischen der Realität und den Wunschvorstellungen, sprich die kognitive Dissonanz aufzulösen, und mit Vertrauen statt Angst andere, neue Möglichkeiten aufzugreifen und umzusetzen?

Die Beantwortung dieser Fragen ist meiner Meinung nach ein Schlüsselpunkt, lässt sich aber nicht durch unser gewohntes Denken und Analysen beantworten. Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir den Sandhaufen als Gesamtwesen betrachten, müssen wir tief in diesen hineinblicken, diesen als Gesamtes fühlen, spüren, intuitiv erfassen, indem wir uns nicht gleich auf eine Lösung, auf eine Antwort versteifen, sondern die Frage selbst als Antwort zulassen – klingt paradox, aber anders schaffen wir es aktuell nicht.

 

DIE FRAGE IST DIE ANTWORT 

Wie und wonach wir fragen, das ist entscheidend. Mit diesem Ansatz, die Frage als Antwort wirken zu lassen, schaffen wir es das fokussierte, fixierte, gewohnte Denk- und Beurteilungsmuster auszuhebeln.

Ohne dem Druck der Antwort, sondern viel mehr mit der Wucht und Fülligkeit der Frage können wir unseren Denkradius deutlich vergrößern, in Austausch gehen, uns überraschen lassen, und offen werden, um mit unterschiedlichsten Menschen und Naturräumen in Berührung gehen, u.a. mit einem Baum kommunizieren.

Mit einem Baum kommunizieren, das mag jetzt für manch einen viel zu weit gehen – aber genau darin liegt ein Teil der Lösung, dass wir wieder mehr spüren, intuitiv wahrnehmen und nicht nur rational getrennt voneinander zu analysieren suchen. In Bezug auf das Baumumarmen möchte ich was Spannendes ergänzen, nämlich, dass die Wissenschaft herausgefunden hat und sogar belegen kann, dass wir Menschen tatsächlich mit Bäumen in kommunikativen Austausch gehen können.

Aber es geht noch weiter, und das macht es vielleicht so spannend und kreiert neue Lösungen, weil man mit ungewöhnlichen Dingen neue Kommunikationskanäle öffnet, andere Gespräche anregt, neue Einsichten wachsen lässt und damit neue Lösungen generiert. Das ist das, was uns Menschen ohnehin am meisten bewegt, andere Menschen und die Natur. Manchmal scheint es zwar nicht so, aber bei genauer Betrachtung sind es immer die Menschen im Austausch mit der Natur, die sich gegenseitig inspirieren oder zerstören.

Aus dem heraus hat sich viel entwickelt, und könnte sich noch viel mehr entwickeln, wenn man neue Wege zu gehen sucht. Diese neuen Wege, New Business Models, müssen jedoch nicht dem Wirtschaftswachstum widerstreben, wie so oft angenommen. Vielleicht gibt es ein sowohl als auch – wie beispielsweise die Suchmaschine Ecosia, im Web suchen und Bäume pflanzen.

 

RESÜMEE AUS SICHT DES RISIKOMANAGMENTS 

Um die Stabilität eines Unternehmens sicherzustellen, brauchen wir unkonventionelle Betrachtungsweisen unserer komplexen gesellschaftlichen Realität. Wir brauchen einen Störenfried, der unsere eingefahrenen Verhältnisse und überkommenen Weltsichten bewusst in Frage stellt. Wir müssen den blinden Fleck in unserer Zukunftssicht ausleuchten und die anderen Realitäten bewusst suchen, damit wir nicht sprachlos sind, wie in der Show eines Magiers – hatte dazu ein sehr interessantes Erlebnis.

Wir müssen im Risikomanagement deshalb auch die nicht offensichtlichen Schwachstellen entdecken und schließen. Wir müssen uns der Sicherheitslecks bewusstwerden, um die Unternehmensrisiken zu kennen, die Gefahr besser einzuschätzen, was die Produktivität, Rentabilität, Liquidität und Reputation gefährdet. Wir sollten uns daher auch mit solchen Dingen beschäftigen wie:

  • der Analyse der Belastungen der kritischen Prozesse, Lieferketten und der Fachkräfte sowie deren Auswirkungen auf den Betriebsablauf

  • der sich gegenseitig verstärkenden Risiken und Schäden

  • der Beurteilung des Systems, wenn zwei gleichzeitige Schocks auftreten

  • der Beurteilung der Systemsicherheit aufgrund gesundheitlicher Risiken der Beschäftigten

  • der Auswirkungen von möglichen Gesetzesänderungen auf die Systemstabilität (z.B. 2G oder 3G am Arbeitsplatz)

Wir müssen uns auf das Unbekannte vorbereiten, vielmehr darauf einstellen.

„To be prepared for the unprepared.“ Wir brauchen eine Eigenschaft, die uns in die Lage versetzt, sicher mit dem Unbekannten, sicher mit Chaos umzugehen ohne es gleich verstehen zu müssen – Stichwort Antifragilität, Stichwort Chaos Monkeys.

Beste Grüße Günther

 

Um meine zukünftigen Beiträge, insbesondere News im Umgang mit der Corona-Krise mitbekommen zu können, folgen Sie mir auf LinkedIn, Xing und Twitter. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer. 

 

Informationsquellen:

[1] http://teambenedikt.de/?p=832. Am 2018-02-20 gelesen.
[2] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.
[3] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.