Digitalisierung
DIE DIGITALE ARBEITSWELT IST EIN BOOSTER FÜR …

DIE DIGITALE ARBEITSWELT IST EIN BOOSTER FÜR …

Corona hat der Digitalisierung ein Schub gegeben wie kaum eine Anstrengung davor!

Unternehmen sind in kurzer Zeit auf virtuelles Arbeiten umgestiegen – und scheinbar funktioniert es besser als erwartet?! Homeoffice wird zur Normalität, und man wird nur noch beschränkte Zeit auswärts in einem Büro verbringen (wollen). Meetings können digital abgehalten werden, was die Reisekosten reduziert, und obendrein umweltverträglicher ist.

Scheinbar kann digital aus dem Homeoffice heraus vieles effizienter, kostengünstiger, flexibler, … abgearbeitet werden.

  • Doch ist das die volle Wahrheit?

  • Können Unternehmen durch diesen digitalen Schub auch entschieden einen produktiv innovativen Schub erfahren?

  • Kann wirklich die gleiche Leistung oder sogar wie jetzt angenommen wird, effizienter, kreativer, umweltbewusster die Arbeit verrichtet, und ganz neue Zukunftsideen angedacht werden?

Schön wäre es …

Warum ich das jedoch ein wenig in Zweifel stelle, hängt u.a. mit der KampagneAlles dicht machenzusammen, die misslungen ist. Diese misslungene Kampagne zeigt meiner Meinung nach ziemlich deutlich, dass die Art und Weise wie wir gewohnt waren analog bzw. in einem Gemisch von digital und analog miteinander zu reden, uns mit Herausforderungen, Meinung, Ansichten auseinanderzusetzen, beim auswärtigen Essen über heikle Themen zu reden, zufällig beim Kaffeeautomaten auf dem Gang im Büro einen spannenden Hinweis zu einer Sache bereitwillig aufzunehmen, aktuell nicht mehr so stattfindet – und das hat Wirkung, das hat Folgen …

 

DIE UNERTRÄGLICHE SEICHTIGKEIT DES DISKURSES

So benennt Marcus Raitner das, was er in den Social Media Diskursen wahrnimmt. Er ist der Meinung, dass digitale Kommunikation weniger dazu beiträgt, offen und vielschichtig Informationen zu teilen, einen breitgefächerten Lösungsdiskurs anzuregen, sondern stattdessen die jeweilige Position fixiert, damit einengt und die Gesellschaft spaltet. Die Plattformen fördern diese Art des einschränkenden Denkens sogar noch, weil genau das ihren Profit steigert.[1] Ähnlich verbalisiert es Markus Neumeyer in einem Kommentar zu meinem Kurzbeitrag „alles dicht machen“ – misslungene Kampagne?: Seiner Meinung nach gibt es in der jetzigen Diskussion nur mehr schwarz und braun.

Heikle Themen, Probleme, Herausforderungen werden, wie man aktuell sieht, wo Kommunikation und Diskussion vorrangig im Netz bzw. digital, nicht persönlich mit direktem Austausch auslebt, doch anders aufgenommen und anders verarbeitet. Heikle Themen vorwiegende digital im Netz frei zu äußern, scheint Menschen schneller vor den Kopf zu stoßen, irgendwie zu überfordern.

Mit den Worten von Manuel Pescher: Die Rezeption von Kunst braucht eine gewisse Vorbildung. Ich ergänze, die Rezeption von heiklen Themen braucht eine mentale Vorbereitungsphase, um offen zu werden für das, was einem in der Auseinandersetzung mit heiklen Themen vermutlich bewegt, rührt, schüttelt, … Wir können, wie es scheint nicht einfach auf Knopfdruck daheim aus dem Homeoffice, von der Coach aus mit einem Klick uns in eine reflexive Stimmung bringen, offen sein für herausfordernde Themen.

Der eigentliche Sinn, auf Augenhöhe divers und innovativ offen miteinander im Netz mit einer großen Zahl ins Gespräch zu kommen, zu diskutieren, neue Einsichten zu gewinnen, daraus gute Lösungen zu generieren, verwandelt sich in Frontbildungen. Die Kommunikation wird, statt angeregt, auf Eis gelegt. Schneller als gedacht, konsumieren wir schlussendlich aus den Frontverhärtungen, und den damit verbundenen Einsichten, nur noch das im Netz, was unsere Meinung bestätigt. Schneller als gedacht wischen wir mit einem Klick alles vom Schirm weg, was uns nicht gefällt … Und der Algorithmus unterstützt das auch noch in vollem Maße, baut für uns eine Welt auf, die real so gar nicht existiert, mit Folgen, die uns zum Staunen bringen würde, wenn wir das genauer reflektieren …

Und darin sehe ich persönlich eine Gefahr, nein, besser ausgedrückt einen Verlust. Der digitale Schub ist unfassbar schnell gegangen, aber wir Menschen haben unsere Art miteinander zu kommunizieren, die nicht nur rein rational abläuft, sondern von vielen verschiedenen Komponenten abhängt, dahingehend noch nicht wirklich gut abstimmen können. Und das ist nicht bloß ein Problem auf den Social Media Plattformen, sondern kann auch ein Problem in der verstärkt digitalen Kommunikation in Unternehmen werden im Umgang mit Problemen und Herausforderungen, die sowohl intern existieren als auch von außen einwirken. Tamara Bucher bringt es in ihrem Kommentar zu meinem Kurzbeitrag auf den Punkt. Sie schreibt:

Wenn es tatsächlich so ist, dass wir noch immer eine Bühne brauchen, um die Kampagne „alles dicht machen“ einordnen zu können (und das wäre ja tatsächlich möglich), dann müssen wir noch einmal dringend reflektieren, ob wir tatsächlich fähig sind, digital und virtuell zu arbeiten und zu leben, wie wir es derzeit tun. Medienrevolutionen laufen sehr schnell ab, nur leider reagieren Menschen darauf selten im gleichen Tempo und selten reflektiert. Die Segnungen des Buchdrucks haben ja zunächst auch vor allem aufgepeitschte Gefühle erzeugt. Das hat dem Protestantismus zum Erfolg verholfen, aber eben auch der Hexenverbrennung. Vielleicht sehen wir heute etwas Ähnliches: Wir „verkonsumieren“ die neuen Medien schon lange, sind aber noch immer nicht in der Lage, ihnen ebenso reflektiert zu begegnen wie einem Buch oder eben einer Bühne. Traurig finde ich die Wucht, mit der auf die Aktion reagiert wird … und, dass sich einige der Schauspieler davon bereits einschüchtern lassen. Theater und Film waren schon immer Medien, die auch provozieren und zum Denken anregen sollten. Die Beteiligten können guten Gewissens dazu stehen: Sie diffamieren nicht, sie leugnen nichts – sie kritisieren in künstlerischer Form. Das ist (noch) eines unserer höchsten Rechte – nicht ohne Grund ist die Freiheit der Kunst als Teil der Meinungsfreiheit im GG noch einmal ausdrücklich genannt. Die aktuellen Debatten sagen mehr über unsere desolate Diskussionskultur aus als über die Aktion und ihre Akteure.

Mag sein, dass nun einige meinen, es sei das gute Recht, diese Kampagne zu kritisiere. Das ist auch freie Meinungsäußerung. Ja, das stimmt. Vielleicht sollten wir jedoch noch für uns selbst prüfen, ob wir dahingehend mehr aus einer spontanen Reaktion oder aus einer guten Reflexion heraus antworten und Stellung beziehen – das ist ein großer Unterschied. Wir vergessen vielleicht bei der Konsumierung von Meinung im Netz, dass beispielsweise diese Kampagne eine Art Schauspiel ist. Und Schauspieler haben u.a. die Aufgabe, auf spielerische Art der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Aber wie es scheint, funktioniert das im Netz nicht. Horst Jörg Strey sieht deshalb die Reaktionen auf die Kampagne entlarvender als die Botschaften selbst. Kunst ist Kultur, Dialog-Kultur, die aber scheinbar verloren gegangen ist?! – im Netz wie es scheint nicht so zelebriert werden kann wie analog beim Mittagskaffee oder bei einem guten Schluck Wein im Restaurant …

Manche finden vielleicht sogar, zum Glück. Jetzt in Zeiten, wo das Büro in die virtuelle Welt verlagert wird, kann und muss man sich nicht mehr mit allen möglichen Meinungen von MitarbeiterInnen auseinandersetzen. In der digitalen Kommunikation kann man sich distanzieren, wo es einem nicht gefällt, sich nur noch dort einbringen, wo es passt bzw. nur noch eine Notkommunikation führen, um ein Projekt zu beenden. Man kann virtuell MitarbeiterInnen meiden, die einen nerven, weil sie vielleicht oft anderer Meinung sind. Das mag auf den ersten Blick mehr Harmonie schaffen. Aber stimmt das wirklich?

Genau mit dieser Art der Kommunikation, eingeschränkt auf das, was behagt, wozu leider auch die Frontverhärtungen zählen, so paradox das jetzt klingt, verhärten und verschärfen sich Problemherde. Problembewältigung bekommt im Netz eine ganz eigene Dynamik, mit der wir, wie vermehrt wahrzunehmen ist, noch nicht wirklich ziel- und lösungsorientiert umgehen können. Für manche löst Homeoffice ein Aufjubeln aus, endlich muss man sich den Reibungen im Unternehmen nicht mehr stellen, endlich kann man ganz frei nur noch abarbeiten und konsumieren, was einem gefällt – aber zu welchem Preis?

Sicherlich, es ist das gute Recht von jedem und jeder, den Problemen aus dem Weg zu gehen, aber ob wir wollen oder nicht, Probleme wird es immer geben, wir können nicht alles wegschieben bzw. uns einer Front anschließen und darauf hoffen, dass wird schon passen. Die digitale Lebenswelt erweckt den Eindruck, dass im Netz die Logik und die beste Lösung siegt. Und so wird die Welt, das Unternehmen, die Arbeit scheinbar sogar besser, leichter handelbar, die anderen scheinen gleich zu denken, die anderen auf der Gegenseite interessieren einem nicht, wie schön …, es scheint doch alles zu stimmen, es geht voran, …

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jetzt den einen oder anderen von Euch mit meinen Worten auf den Schlips trete, was eigentlich aktuell als Spruch eigentlich auch ausgedient hat, im Homeoffice tragen vermutlich deutlich weniger einen Schlips, abgesehen davon ist es alles andere als Gender like, was definitiv gar nicht mehr geht. Wie dem auch sei, ich möchte niemanden vergraulen, auch nicht für die Ansicht, dass man im Netz die Kommunikationsweise in Unternehmen in keiner Weise bewusst einmal reflektieren sollte, weil es aktuell genauso wie es ist passt. Es läuft gut, es läuft richtig.

Dennoch möchte ich dazu anregen, die misslungene Kampagne „allesdichtmachen“ Euch als kleine Denkanregung auf den Weg zu geben.

  • Vielleicht gibt Euch diese misslungene Kampagne einen Schubs, um zu prüfen, ob vielleicht bei Euch im Unternehmen durch die vorwiegend digital miteinander kommunizierenden MitarbeiterInnen und Führungskräfte, das eine oder andere Missverständnis ungesehen vor sich hin schmorrt, weggeklickt wird.

  • Genauso gut wäre es aber auch interessant zu prüfen, ob insgesamt die Motivation sinkt zeitgerecht, auch wenn der Hut noch nicht vollständig brennt, sich mit schwierigen Themen, mit heiklen Punkten, offen, innovativ auch digital vernetzt auseinanderzusetzen.

Diesen letzten Punkt spreche ich ganz bewusst so an, weil das genau der Aspekt ist, warum die Kampagne so schief gelaufen. Vor Corona sind doch viele ins Theater oder Kino gegangen, haben sich ganz bewusst dort mit heiklen gesellschaftlichen Themen auseinandergesetzt, über die man dann oftmals danach direkt noch am Abend oder am nächsten Tag im Kaffee mit Freunden leibhaftig diskutiert hat. Aber selbst ohne das Kino oder das Theater, einfach durch den Ortswechsel im Urlaub, oder durch das Essengehen bei einem Thai oder Inder, mit fremden Menschen, die einem im Lokal umgeben, wird man, ob man will oder nicht, immer wieder mit zufälligen Ungereimtheiten im Leben, mit irritierenden Aspekten konfrontiert, über die man dann nachdenkt, … Und genau das funktioniert im Netz so nicht, bekommt eine andere Dynamik, führt zu anderen denk- und meinungsmachenden Gewohnheiten …

Manche würde jetzt erneut sagen, ach, was für eine Wohltat, genau das hat mich früher gestört, jetzt kann ich ausschließlich das, was ich hören und sehen will, mir zu Gemüte führen bzw. kann mich einer Gruppe anschließen, die meiner Meinung ist, und die stärker ist als ich vielleicht dachte. Ja, das stimmt, aber fehlt uns dann nicht auch der Reiz, die Reibung, das Abenteuer, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die uns richtig herausfordern, woraus doch schlussendlich erst die wirklich guten innovativen, kreativen neuen Ideen fußen – genau das, was Unternehmen brauchen, um Produkte zu designen, Nischen zu finden, aber auch sich bewusst gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen, rechtzeitig das Unternehmen in eine gute Position zu bringen, gewappnet zu sein für Klimaprobleme, Ressourcenengpässe, fehlendem Know-How, und und und …

 

RESÜMEE

Ich komme jetzt wieder zurück zu der misslungenen Kampagne, die, wenn diese auf einer Bühne stattgefunden hätte, vielleicht vom Publikum anders aufgenommen hätte werden können – warum, weil wir die Auseinandersetzung mit herausfordernden Themen, sofern wir es getan haben, als Ritual konsumieren. Und genau das geht im Netz verloren – das Ritual, sich entsprechend auf ein heikles Thema vorzubereiten bzw. sich darauf einzustellen, wie ich schon ziemlich am Anfang von diesem Artikel schrieb.

Im digitalen Raum wird man hingegen ohne Aufwärmrunde, direkt, sofort, und noch dazu ohne dem bewusst inszenierten Rahmen, einfach mit einem normalen Hintergrund, in ein Thema gezogen, und genau das ist für viele Menschen einfach nicht stimmig, insbesondere bei heiklen Themen – was ich selbst auch für mich als schwer annehmbar erkennen muss. Heikle Themen brauchen einen anderen Rahmen, um diskutiert zu werden, das kann man nicht einfach so im Netz aus dem Wohnzimmer, Küche, … heraus sich zu Gemüte führen.

Wir sind es einfach (noch) nicht gewohnt per Knopfdruck uns in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, um reflektieren zu können, oder uns mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Wenn man ins Theater geht, bereitet man sich mental, emotional darauf vor – beginnend mit der Wahl des Stücks, dem sich entsprechendem Einkleiden, dem Restaurantbesuch davor, und und und … Im Netz sind wird mit einem Klick in einem Geschehen, worauf wir uns in keiner Weise angemessen mental und emotional einschwingen konnten, und das ist Überforderung – leider.

Mag sein, dass in Deinem Unternehmen dahingehend keine Gefahr droht, weil man davon ausgeht, dass die Aufgabenprozesse durch die digitale Vernetzung jetzt sogar besser, weil mit weniger persönlichen Reibungen zwischen MitarbeiterInnen abgearbeitet werden können. Mag sein, dass Unternehmen aktuell keine heiklen Themen haben, worauf man die digitale Kommunikation entsprechend abstimmen muss. Wie dem auch sei, ich glaube das nicht, weil wie ich schon sagte, durch die Verschiebung der Arbeit und der Kommunikation ins Netz die jeweiligen Blasen, in denen sich die einzelnen MitarbeiterInnen bewegen, auseinanderdriften könnten …

Abschließen möchte ich mit einem Kommentar von Rüdiger Reinhardt, der das Problem ebenfalls auf den Punkt bringt, aber ganz anders als jetzt die meisten erwarten würden, …

Kritik von Menschen, die weit überdurchschnittlich verdienen, kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Die haben – wie in diesem Video – den Kontakt zur Realität von Menschen, die wirkliche Probleme haben, komplett verloren. Standardbeispiel von meiner Frau (Lehrerin): Ein Notebook für 3 Kids – oder: kein Notebook, nur ein Handy – oder: noch nicht einmal Geld fürs Internet. Und dann reden Leute mit viel Kohle von Selbstverantwortung??? Hallo!!! Aus der Machtpsychologie wissen wir, dass Macht / Reichtum unempathisch macht. Das passt ganz hervorragend zu solchen und ähnlichen Aktionen.

  • Bist Du, sind wir bereit, uns mit dieser Aussage auseinanderzusetzen?

  • Oder schieben wir diese Aussage jetzt weg, wie so viele andere Aussagen, die unangenehm drücken, …?

Wünsche Dir einen inspirierenden Tag

Günther

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge, insbesondere News im Umgang mit der Corona-Krise mitbekommen zu können, folgen Sie mir auf LinkedIn, Xing und Twitter. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer. 

 

Informationsquellen:

[1] Die unerträgliche Seichtigkeit des Diskurses | Führung erfahren (fuehrung-erfahren.de). Am 2021-04-26 gelesen.