Das Ausmaß der Digitalisierung wird unterschätzt!

 

Das Ausmaß der Digitalisierung wird unterschätzt!

Der Druck auf Leistungen in Verbindung mit der Digitalisierung nimmt enorm zu. Es gibt keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen. Jack Ma, der Gründer und Vorstandsvorsitzende der Alibaba Group, einer Gruppe von erfolgreichen Internet-Unternehmen, trifft es meiner Meinung nach direkt und indirekt auf den Punkt:

Jack Ma spricht beim World Economic Forum 2018 sehr eindringlich über die Herausforderungen in VUCA-Zeiten.[1] 800 Millionen Jobs werden in naher Zukunft von Robotern übernommen werden.

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Ma ist davon überzeugt, wenn sich nicht bald die Art und Weise ändert, wie wir Arbeit verstehen und Arbeit verrichten, dann werden die Unternehmen und ganze Gesellschaften heftige Probleme bekommen.

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff Arbeit und dem inhaltlichen Verständnis von den damit verbundenen Kompetenzen ist notwendig

Menschen werden in Zukunft nur noch Arbeit haben, wenn sie Arbeit neu definieren. Arbeit beinhaltet nicht mehr das Abarbeiten von Aufgaben, mit dem dafür notwendigen Fachwissen und einem Schuss persönlicher Motivation. Die Arbeit der Zukunft bezieht sich neben dem Fachwissen verstärkt auf die Grundwerte des Menschseins, auf Softskills, wie Empathie, Kooperation, Fürsorge, schöpferisches Denken, … Nur so wird es möglich sein, im Arbeits-Konkurrenzkampf mit Robotern mithalten zu können. Aber genau diese soften Kompetenzen werden kaum in der Aus- und Weiterbildung als wirklich relevant eingestuft und entsprechend entwickelt. Das gibt doch zu denken.

Gerade die, die das Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten sollten, unterschätzen das Ausmaß und das Tempo des digitalen Wandels [2] – selbstverständlich gibt es Ausnahmen.

Im Kern geht es um die Passung zwischen Mensch und Job. Das ist jedoch kein neues Thema. Erstmalig ist hingegen, wie rasch sich die Dinge ändern. Damit eine Person mit den sich wandelnden Anforderungen Schritt halten kann, müssen die Kompetenzen, das Wissen mit dem sich verändernden Job neu in Einklang gebracht werden.[3] Doch eine aktuelle Studie belegt, dass deutsche Vorstände und Aufsichtsräte zu wenig Digitalkompetenz haben.[4] Hier geht es jedoch weit weniger darum, nur das technische Know-How zu verbessern. Vielmehr gilt es zu verstehen, welche tiefgreifenden, nicht bloß technischen Auswirkungen die Digitalisierung auf das Business und die damit verbundenen Arbeitsplätze auf jeden einzelnen, beruflich wie auch privat, haben wird.

Die Digitalisierung fordert weit mehr Veränderungen als bloß Weiterbildungen im technischen Bereich und veränderte Arbeitsstrukturen. Es braucht ein neues Verständnis für das, was in naher Zukunft als Arbeit verstanden werden kann.

Ich kann aktuell sagen, dass das Thema Arbeit einige bewegt – sicher nicht nur wegen dem digitalen Wandel und den damit zusammenhängenden Veränderungen, sondern insgesamt. Ein Posting in Bezug auf Arbeit hat mir an den Rückmeldungen gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Arbeit die Gemüter erregt. Arbeit ist ein Teil unseres Lebens. Wir trennen jedoch künstlich zwischen Privat und Beruf, mit all den Folgen die daraus resultieren: U.a. der Überwertung der rationalen Seite und den damit verbundenen Kompetenzen, der Unterdrückung von Emotionen, das Auslagern der schöpferischen Tätigkeiten auf das Privatleben, uvm… – sicherlich mit einigen Ausnahmen.

Das hat selbstverständlich auch Gründe, denn diese ins Private oder Unbewusste ausgelagerten Aspekte, insbesondere die soften Seiten, lösen oft auch Unsicherheit aus. Gerade im Beruf, in seiner/ihrer Arbeit möchte man sich nicht mit Unsicherheiten und anderen emotionalen Befindlichkeiten auseinandersetzen – äußerst verständlich. Aber genau das unterscheidet uns von Robotern. Und genau das wird lt. Jack Ma der springende Punkt am Konkurrenzmarkt Arbeit werden.

In der Diskussion zur Arbeit heißt es in einem Kommentar: Arbeit bedeutet, dass Wunsch und Realität auseinanderklaffen. Daran angelehnt spreche ich davon, dass beim Begriff Arbeit das gewohnte Bild von Arbeit der sich ändernden Realität im Weg steht. Doch das kann absolut niemandem als Fehleinschätzung vorgeworfen werden. Das Bild der Arbeit hängt an dem, was man vorgezeigt bekommen hat. Das ist das, was man in der Schule und anderen Bildungsanstalten an Vorgaben und den damit verbundenen Anforderungen vermittelt bekam. So lange die rationalen Fachkompetenzen den Softskills und schöpferischen Fähigkeiten in unverhältnismäßiger Weise vorgezogen werden, wird Arbeit im alten Sinne verstanden werden. In einem Kommentar zum Thema Arbeit heißt es:

Solange man zu fleißigen, produktiven, angepassten Wachstumssteigerungs-Gehilfen, zu braven ArbeiterInnen und KonsumentInnen erzogen wird, und man die damit verbundene Wertschätzung manipuliert, fühlt man sich scheinbar richtig in dem was man tut.

Sicher gibt es viele, die das vorhandene Arbeits- und Bildungssystem in Frage stellen. Aber der Großteil hält sich an den gesetzten Vorgaben von Aufgaben und Arbeitsweisen fest, ohne wirklich etwas Tiefgreifendes ändern zu wollen – auch wenn es bei genauer Betrachtung vielleicht gar nicht so gut tut. Jack Ma fordert deshalb ein Umdenken im Bildungssystem. Er meint, dass Kinder vermehrt in Malen, Musik, Bewegung, Kooperation, Fürsorge, … geschult werden sollten.

Das ist jedoch kein Grund, das althergebrachte System Arbeit, das nach tayloristischer Vorstellung organisiert ist, gleich total zu verurteilen. Zur Zeit der Industrialisierung, und auch eine Zeit danach, war diese Art der Arbeitsweise sicherlich förderlich – ob es menschlich gut war, das sei jetzt hier außer Acht gelassen. Eines hat die tayloristischer Arbeitsauffassung und Arbeitsstruktur der Industrialisierung vermutlich mit sich gebracht: Die Wirtschaft boomte, wodurch im Laufe der Zeit auch die ArbeiterInnen in gewissem Maße profitieren konnten. Heute stehen wir jedoch vor ganz neuen Herausforderungen als damals zur Zeit der Industrialisierung. Das übersehen aber einige. Jack Ma fordert deshalb beim World Economic Forum 2018 so eindringlich zum Umdenken auf.

Die steigende Komplexität in Verbindung mit der Digitalisierung, die sich so gut wie in jeder Arbeit zeigt, ist weder durch das beste technische Know-How, noch durch eine effizientere, besser durchdachte Arbeitsstrategie zu bewältigen, sondern nach Ma nur mit freiem Denken, mit Teamwork, mit über die Fachkompetenzen hinausgehenden Skills, wie Musik, Malen, Sport, … zu lösen.[5]

So gesehen setzt das Konzept vom Human Resource Management auf das falsche Pferd. Den Menschen wie Maschinen oder das Kapital als Ressource sehen, das kann den Unternehmen im digitalen Zeitalter zum Verhängnis werden. Diese betriebswirtschaftliche Sicht wird den digitalen Change verfehlen.[6] Jetzt werden vielleicht einige Führungskräfte sagen, dass man ohnehin schon viel tut, um die Arbeitsweise zu ändern. Doch wie tief gehen die Änderungen wirklich? Wieviel Fürsorge für andere und die Umwelt, wieviel schöpferische Zeit während der Arbeitszeit ist im Unternehmen wirklich leibhaftig gegeben, und nicht bloß als Idee in einigen Laptops oder in einem Dokument in der Cloud abgespeichert? Die Macht der Gewohnheit greift hier vehement ein.

Niemand wird vermutlich abstreiten, dass es gut wäre, die Arbeitsweise zu verbessern. Aber wieviel ändert sich wirklich, auch wenn mit besten Bemühen Änderungen angestrebt werden? Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat sich mit den Veränderungsschwierigkeiten von Menschen intensiv auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis: Veränderungen im Verhalten und im Tun sind äußerst schwierig! Die Gewohnheit hat eine unfassbare Macht über uns.

Die Gewohnheit ist tief im Gehirn verankert und belohnt jeden Schritt, der auf alten, ausgetretenen Pfaden gegangen wird – selbst dann, wenn diese von außen betrachtet gar nicht mehr gut sind.[7]

Das heißt: Belohnungen wie Sicherheit, Geborgenheit, Wohlgefühl – die jedes menschliche System braucht – wird angeregt, wenn man gewohnheitsgetreu agiert.[8] Selbst Macht und die mit der Macht verbundene Belohnung wird zur Gewohnheit, wodurch es verständlich wird, warum ein Change im Management Skepsis auslöst. Nach außen wird die Unsicherheit oft überspielt, aber verdeckt ist die eine oder andere Führungskraft in Bezug auf die anstehenden Veränderungsprozesse doch beunruhigt. Das Loslassen von Gewohntem kommt einem psychischen Erdbeben gleich.[9] Das ist vielleicht der Grund, warum trotz vermehrtem Wissen über die Herausforderungen der Zukunft, zu wenig Veränderungsimpulse veranlasst werden. Ma setzt in Bezug auf die notwendigen Veränderungen bei den Kindern an. Er fordert, dass unsere Kinder in anderer Weise erzogen werden sollten, damit diese dadurch verstärkt die Chance wahrnehmen können, nicht in alten Vorgaben und alten Arbeitsweisen hängenzubleiben, die ihre eigene Zukunft ohnehin nicht mehr zu sichern im Stande sein wird.

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt auf den Kopf stellen.[10] Um das unbeschadet zu bestehen, braucht es nach Jack Ma soziale Kompetenz und ein gesundes Selbstwertgefühl. Das kann aber nicht durch rationale Fachkompetenz erworben werden, auch nicht durch ein 2tägiges Motivationsworkshop, sondern nur durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit sich als Mensch in Eingebundenheit zu anderen Menschen.

Tatsache ist bereits heute, dass die Arbeit immer mehr Menschen krankmacht. Die Veränderungsprozesse sind immens und schlagen sich immer mehr im ansteigenden Arbeitsdruck nieder. Viele klagen über Stress und Erschöpfung am Arbeitsplatz. Die Zahl der Frühverrentungen aufgrund psychischer Störungen steigt kontinuierlich. Gerade hat diese in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht: Mittlerweile werden 41 Prozent aller Frühverrentungsanträge mit Depressionen und Angstzuständen begründet. Das verlangt ein neues Verständnis der Arbeit. Das verlangt Achtsamkeit mit sich und anderen. Das verlangt die Auseinandersetzung mit Ängsten, wo Skills wie Malen, Musik, Sport äußerst wirksam und bewusstseinserweiternd sind. Es geht hier aber jetzt auch nicht nur darum, den MitarbeiterInnen einfach mehr Freiräume zuzugestehen, damit sie aus dem heraus die Arbeit selbstbestimmter verrichten.[11] Das wäre die falsche Taktik.

Es geht im zukünftigen Business um ein Fürsorgebewusstsein, um Achtsamkeit, genährt und gestärkt durch eine deutlich verbesserte emotionale und körperliche Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Das wird notwendig werden, um mit den Herausforderungen der Digitalisierung auf breiter Ebene gesund umgehen zu können – sowohl auf der Ebene des Managements wie auch auf der Ebene der MitarbeiterInnen und darüber hinaus auf der gesellschaftlichen Ebene. Die neue Arbeit wird unternehmerisch und gesellschaftlich geprägt sein von den Fragen:[12]

  • Was will ich wirklich?

  • Was finde ich tatsächlich sinnvoll?

  • Was tut mir eigentlich gut?

  • Und was ist gut verträglich für die anderen MitarbeiterInnen im Unternehmen, ebenso für das gesellschaftliche Miteinander und die Umwelt?

Das verlangt Courage und das verlangt Selbstbewusstsein – beides ist jedoch aufgrund der bisherigen Art der Sozialisierung und den bisher gesetzten Vorgaben nicht unbedingt auf dem besten Stand. Deshalb fordert Jack Ma, dass die Kinder in anderer Weise gefördert werden sollten. Der Druck des Marktes ist schon ziemlich nah bei jedem Einzelnen, so dass man jedoch kaum noch auf die neue Generation warten kann, die andere Kompetenzen und damit andere Lösungen in das Arbeitsleben einfließen lässt. Das Management bereits jetzt gefordert umzudenken, sich neuen Kompetenzen zu öffnen, Gewohnheiten respektvoll anzuerkennen und mit Feingefühl in neue Einsichten und Handlungsmöglichkeiten zu überführen. Das wird sicher nicht von einem Tag zum anderen möglich sein. Das verlangt vermutlich Unterstützung, das verlangt demütige Einsicht in Bezug auf die eigene Machbarkeit und Lösungskompetenz.

Die große Aufgabe besteht darin, sich weder von der Macht der sich verändernden Systeme noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.[13]

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] https://www.youtube.com/watch?v=LH-fdIkdL_Q. Am 2018-01-25 gesehen.
[2] https://de.linkedin.com/pulse/aufsichtsrat-40-wie-schließen-wir-die-digitale-christina-boesenberg. Am 2018-01-30 gelesen.
[3] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/zufriedenheit_im_job_so_stimmt_die_balance/. Am 2018-01-30 gelesen.
[4] https://de.linkedin.com/pulse/aufsichtsrat-40-wie-schließen-wir-die-digitale-christina-boesenberg. Am 2018-01-30 gelesen.
[5] https://www.youtube.com/watch?v=LH-fdIkdL_Q. Am 2018-01-25 gesehen.
[6] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/zufriedenheit_im_job_so_stimmt_die_balance/. Am 2018-01-30 gelesen.
[7] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[8] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[9] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[10] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/gluecklich_schuften/. Am 2018-01-30 gelesen.
[11] https://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/freiwillige_selbstausbeutung/. Am 2018-01-30 gelesen.
[12] https://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/freiwillige_selbstausbeutung/. Am 2018-01-30 gelesen.
[13] Angelehnt an: https://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/wir_sind_keine_arbeitssklaven/.

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