Führungskräfte als Vorbild für einen Wandel?!

Führungskräfte als Vorbild für einen Wandel?!

Beginnen möchte ich diesen Beitrag mit drei Aussagen, deren Interpreten nicht unterschiedlicher sein könnten, aber mit ihren Aussagen eine überschneidende Ebene für aktuelle Diskussionen aufbereiten: Kritik positiv nutzen und neue Wege finden.

Starten möchte ich mit einem Song von Falco, mit einem Rhythmus, der wirkt, mit einem Text, der sich den Rhythmen hingibt.

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  • Haben Sie sich das Lied angehört?

  • Haben Sie den Text in seiner ganzen Dimension während des Hörens erfassen können?

  • Wovon singt Falco? Betrifft Sie die Thematik – beruflich oder auch privat?

Vielleicht ergeht es Ihnen ähnlich wie mir, dass Sie beispielsweise vorhin beim Hören des Liedes die Statements kaum wahrgenommen haben. Unter Umständen zeigt sich bei Ihnen ein ähnliches Phänomen wie bei mir, dass Sie sich vom Rhythmus treiben ließen, und der Text bzw. die Aussagen vom Liedtext sich fast ungehört im Nichts auflösten.

Wie dem auch sei, wenden wir uns jetzt ganz konkret den drei Statements zu, und wagen wir einen ehrlichen Blick darauf.

1. Aussage

Viele Unternehmensverantwortliche verhalten sich wie auf einem Liegestuhl auf der Titanic.[1]

2. Aussage

Die größte Gefahr für die Erde ist Verschmutzung, Gier und Dummheit der Menschen.[2]

3. Aussage

Sieht man um sich, was passiert, Wohin es geht oder auch nicht, Hilft nur eines, Schampus Kaviar, Noblesse im Gesicht. Let’s deca-dance in jedem Fall. Die Smokingträger überall – Denn nobel geht die Welt zugrund‘, Ob dieser oder jener Stund. Morbidity for you and me…

Die Titanic sinkt in Panik, Ganz allanig, Aber fesch, Mit all den Millionen Cash und all der teuren Wäsch‘

Die Titanic sinkt in Panik, Ganz allanig, Aber gut, Denn wer sich retten tut, Der hat zum Untergang kan Mut!

  • Was geht Ihnen jetzt im Moment durch den Kopf?

  • Berühren Sie diese Aussagen?

  • Vielleicht fragen Sie sich auch, was diese Aussagen eigentlich mit Ihnen und Ihrer Tätigkeit zu tun haben? Sie sind sehr bemüht und versuchen immer die besten Lösungen zu generieren, und Sie wollen nicht verglichen werden mit jemandem, der auf dem Liegestuhl liegt.

Bodo Janssen, der Betreiber der Upstalsboom Hotelkette, würde Ihnen antworten, dass diese Statements für jede einzelne Führungskraft äußerst relevant sind, auch wenn Sie nicht konkret betroffen sind. Diese Aussagen mögen vielmehr dazu anregen, dass sich jedes Management, jeder/jede EntscheidungsträgerIn der enormen Verantwortung bewusst sein sollte. Entsprechend dieser Verantwortung sollte jede Führungskraft das in jedem Unternehmen vorhandene qualitative, menschliche Potential stärken und quantitative Ausbeutung begrenzen.[3]

Wer eine gute Führungspersönlichkeit sein möchte, sollte sich gnadenlos ehrlich den Spiegel vorhalten und hinsehen![4]

Genau das tun die drei Aussagen, sie wirken wie ein Spiegel, den ich Ihnen gerade durch meine Verschriftlichung vorhalte – aber selbstverständlich auch, damit ich mich selbst im Spiegel betrachte. Das scheint auf den ersten Blick viel leichter als auf den Zweiten. Im Zweiten Blick mag die Ehrlichkeit schwinden, und Verschönerungs- und Relativierungstaktiken beginnen den Spiegel zu verändern. Das verändert die Wahrnehmung, und damit auch das Bild von einem selbst. Im Alltag ist dieses Phänomen sehr verbreitet. Wie dem auch sei, dieses Phänomen möchte ich in diesem Beitrag nicht konkret bearbeiten, aber zumindest erwähnen. Vielleicht ist das sogar ein Erklärungsgrund neben anderen, warum manche Aussagen nicht ernst genommen bzw. als falsch verurteilt werden oder manchmal sogar ungehört bleiben.

Gehen wir nun dazu über, die drei oben genannten Aussagen genauer zu beleuchten. Die Aussagen sind nicht sehr aufbauend, das muss ich zugeben. Die Aussagen lösen vielleicht sogar Unmut aus.

  • Versuchen wir nicht, uns von der ersten negativen Welle der Aussagen in die Tiefe reißen zu lassen, sondern die drei Aussagen zu nutzen, um Lösungen zu finden und die Anschuldigungen positiv aufzunehmen.

  • Es geht mir wirklich nicht darum, bloß zu stellen, zu verurteilen oder das Entscheidungsverhalten des Managements als falsch anzusehen. Mir geht es vielmehr darum, zu reflektieren, ob das Verhalten der Verantwortlichen in den Unternehmen, und die damit verbundenen Folgen wirklich unterschätzt bzw. in der Flut an Ablenkungen und unter stetig ansteigendem Zeitdruck unbewusst ins Abseits gedrängt werden.

Wie ich schon in einem meiner Beiträge „Die Schutzmauern der Führungskräfte“ geschrieben habe, beginnt es mit dem Verständnis, warum scheinbar einige im Management das Gespür für die weitreichenden, über die Wirtschaft hinausgehenden Folgen ihrer Entscheidungen nicht mehr im Blick haben – scheinbar egozentrisch, Ressourcen verschwendend, narzisstisch, ehrgeizig, neidisch und gierig agieren, aus Angst zu verlieren bzw. zu kurz zu kommen. Das führt dazu, dass jede/r scheinbar in den Kampf gegen die anderen ziehen muss und Schutzmauern aufbaut.

Thomas Sattelberger, der lange Zeit als mächtigster Personalchef in Deutschland galt, spricht davon, dass er wie alle anderen im Management auch, sich eine Art Tarnkappe überstülpte bevor er zur Arbeit erschien. Er verurteilt, dass ein guter Teil der Arbeit aus mittelalterlichen Turnierspielen und internem Verdrängungswettbewerb bestehe. Als Manager war man mehr damit beschäftigt, seine Achillesferse zu schützen, als große Changeprozesse couragiert in Umsetzung zu bringen.[5]

Mit der Rüstung von Hierarchie, Macht und Geld verfallen unter Umständen manche einem falschen Bild von dem, was wirklich ist und was tatsächlich notwendig wäre zu tun. Aber das anzukreiden, führt zu keiner Lösung. Das zu ignorieren führt jedoch auch nicht weiter.

Deshalb möchte ich jetzt, den im März 2018 verstorbenen Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking [6] zitieren, der ungeschönt ausspricht, was er von der Menschheit hält.

Stephen Hawking †, Physiker und Astrophysiker, meint, dass wir in der gefährlichsten Zeit der Menschheitsgeschichte leben, und diesen Zustand uns selbst zuzuschreiben haben. Es sei dabei nicht nur der wissenschaftliche und technologische Fortschritt, der uns schon bald zum Verhängnis werden könnte, sondern es sei vor allem die Dummheit, die der Menschheit schon bald ein Ende setzen könnte. Das Erdklima verändert sich, wenn man dem nicht bald entgegengewirkt. Aber genau dieser Einsicht steht Gier und Dummheit im Weg. Denn dafür müsste man Bequemlichkeiten aufgeben, aber das scheint bereits zu viel verlangt zu sein. Am Beispiel des Kapitalismus lasse sich die Gier besonders gut erkennen, der nicht bloß zu starker Umweltverschmutzung führt, sondern durch immer mehr automatisierte Jobs auch zu einem extremen ökonomischen Ungleichgewicht führen wird.[7]

Diese Aussage von Hawking mag für einige von Ihnen zu schwarzmalerisch, oder sogar falsch ausgelegt sein. Das mag zutreffen, aber vielleicht stimmt auch die Annahme, dass unterschwellig viele Menschen, auch in den Führungsetagen spüren, was los ist – aber das macht Angst. Angst mag niemand – berechtigter- und verständlicherweise. Man versucht, so schnell es nur geht sich der Angst zu entledigen, bzw. vor der Angst zu flüchten. Man kann Ängste verdrängen, ins Abseits schieben, Ängste relativieren und so tun, als müsse man keine Angst haben, ….

Deshalb würde ich nicht von Dummheit sprechen, sondern versuchen die unbewusst wirkenden Angstmechanismen zu begreifen, die Menschen in unvernünftige Handlungsweisen treibt. Die Angst führt vielleicht manchmal wirklich so weit, dass man lieber im Sinne von Falco´s Lied wegsieht, sich dem Schein des Seins anvertraut, sich dem Gefühl von scheinbarer Sicherheit durch Macht, Status und Geld hingibt, statt sich den unangenehmen Gefühlen wie Fehlereingeständnisse, Scham, Angst vor Kritik, Verlust von Anerkennung, Status, Geld … aussetzt. Sattelberger drückt es wie folgt aus:

Man meint ein toller Hecht zu sein, und ist in Wirklichkeit ein armer Hansel – physisch und psychisch erkrankt. Deutsche Vorstände sind zu einem großen Teil Autisten, die keine Botschaften aus der Gesellschaft aufnehmen,[8] liegen im Liegestuhl auf der Titanic.[9]

Eine harte Aussage von Sattelberger, die vermutlich mehr zum Widerstand aufruft als zum Nachspüren. Genau das ist das Dilemma von spitzfindigen Aussagen:

  • Zum einen erregen schrille Aussagen die Gemüter – genau das was man möchte, betroffen machen, damit was verändert wird.

  • Jedoch endet die Betroffenheit von spitzfindigen Aussagen leider zu oft in einem kräftigen Widerstand, statt in einer einsichtigen Demut und einer neuen Entscheidung.

  • Change ja, aber bitte nur die anderen. Ja, aber … ist dann eine übliche Antwort.

Renate Köcher, Professorin für politische Wissenschaften hat in einer Studie belegt, dass viele Menschen Veränderungen zustimmen, aber nur dann, wenn die eigenen Privilegien und Finanzen unangetastet bleiben. Hier kann jedoch nicht nur vom blanken Egoismus gesprochen werden. Es bedarf einer konkreteren Analyse, die jedoch weniger mit den fachlichen und rationalen Aspekten zu tun hat, sondern als ein psychologisches Phänomen gesehen werden muss, welches wirkt: Misstrauen.[10]

Das gewohnte Denken und Handeln ist sehr schnell verunsichert, wenn man gewohnheitskritisch agiert und sich aus dem Mainstream hinauswagt. Die Macht der Gewohnheit ist sehr stark, und das führt sogar soweit, dass man das System der Ausbeutung als normal, alltäglich und damit richtig interpretiert. Gewohnheitskonformes Handeln wird sogar gehirntechnisch durch die Ausschüttung von gehirneigenen Boni, von körpereigenen Opiaten, belohnt.[11] Das stärkt und gibt scheinbar weiterhin Sicherheit den gewohnten Denk- und Verhaltensweisen zu folgen, selbst dann, wenn das Schiff sinkt. Im Lied von Falco heißt es:[12]

Decadence for you and me, decadence…

In jedem Fall entscheid‘ ich mich, Egal, ob nobel oder nicht, Besser neureich sein als nie reich sein, Und in Gesellschaft nicht allein.

Let’s decadence at all events, Im Walzerschritt zum letzten Tritt, Denn wer den Walzer richtig tritt, Der ist auch für den Abgang fit.

Hawking bezeichnet das als die Dummheit der Menschheit, Sattelberger spricht von der autistischen Krankheit der EntscheiderInnen.

Ich würde an dieser Stelle wieder die Angst, insbesondere die unbewusste Angst, ins Spiel nehmen, ähnlich wie auch Hartmut Rosa, Zeitforscher, Direktor des Max-Weber Kollegs, Professor an der Universität Erfurt und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Angst als ein Hindernis sieht, neue Wege zu gehen. Rosa spricht sogar davon, dass die Welt von einer Angst-Epidemie befallen sei. Die Gier nach Mehr ist seiner Meinung nach nicht der Hauptschuldige am gewohnten Wachstumsstreben, sondern viel mehr die Angst davor, aus dem System zu fallen bzw. der Konkurrenz zu erliegen, wenn man nicht mitmacht bzw. sich nicht stetig optimiert. Dabei übersieht man den Punkt, dass man nicht nur der/die NutznießerIn ist, sondern auch den Preis bezahlen wird müssen.[13]

Lösung: Kritik annehmen und positiv nutzen

Doch es gibt Lösungen bzw. den Schritt hinaus aus dem gewohnten, konformen Verhalten. Es gibt Hoffnung, so die Meinung von Hawking, wenn die Menschen erkennen, dass wir jeder Teil eines Ganzen sind, gemeinsam auf einem empfindlichen Planeten leben, den es um jeden Preis zu schützen gilt.[14] Diese Meinung vertreten auch andere, u.a. die kritischen Stimmen aus meinem letzten Beitrag Die Bedrohung für das Wirtschaftswachstum, oder Rosa mit der Idee des Grundeinkommen.

Ich versuche an dieser Stelle einen ersten Schritt anzuleiten, aus dem Gewohnten und scheinbar Richtigem herauszutreten. Das ist schon ein großer Schritt, der jedoch Kraft kostet. Es klingt leicht, aber neue Einsichten tatsächlich zulassen ist alles andere als einfach. Im Gedankenspiel mag es vielleicht noch gelingen, im Alltag verlässt einem jedoch oft der Mut, das Neue, das Andere wirklich zu wagen und das Gewohnte zu verabschieden. Allzu oft ist es sogar so, dass erst durch einen kaum noch zu ertragenden Leidensdruck, durch eine Krankheit oder sonst ein dramatisches persönliches Erlebnis, man den Sprung in das Ungewohnte wagt bzw. neue Meinungen gelten lässt.[15] Das Loslassen von Gewohntem kommt einem psychischen Erdbeben gleich.[16]

Die Macht der Gewohnheit lässt sich nicht einfach so auf ein neues Abenteuer ein. Es beginnt bei jedem/jeder selbst mit einem gestärktem Embodiment-Bewusstsein und dem Entschluss, sich offen und ehrlich auf einen Transition-Prozess einzulassen. Im Prozess selbst kann man dahingehend sensibilisiert werden, gewohnte Denk- und Verhaltensmuster bewusst zu erkennen, zu akzeptieren und in Folge Neugierde aufzubauen für neue Handlungsvariationen. Das heißt u.a.:

Matthias Horx, Trendforscher, spricht von einer neuen Sinngebung, die sich am ehesten im Über-Persönlichen finden lässt, in einem sozialen oder kulturellen Projekt, das über jede/n einzelne/n hinauszielt [17] – Führungskräfte können hier als TrendsetterInnen wirken.

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] http://teambenedikt.de/?p=832. Am 2018-02-20 gelesen.
[2] https://www.t-online.de/nachrichten/wissen/id_78266922/stephen-hawking-gier-und-dummheit-sind-die-groessten-bedrohungen-.html. Am 2018-05-29 gelesen.
[3] https://www.die-stille-revolution.de/#. Am 2018-02-20 gelesen.
[4] www.ilwis-hr.com/news-detail/article/Buchtipp-die-stille-revolution/. Am 2018-02-20 gelesen.
[5] https://blog-wagner-consulting.eu/management-auf-der-titanic/.
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Hawking. Am 2018-05-29 gelesen.
[7] https://www.huffingtonpost.de/2016/06/30/stephen-hawking-mensch-zerstoeren_n_10749052.html. Am 2018-05-29 gelesen.
[8] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2014/werbung/der-getaktete-mensch. Am 2018-02-20 gelesen.
[9] http://teambenedikt.de/?p=832. Am 2018-02-20 gelesen.
[10] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/reformen_ja_aber/? Am 2018-03-19 gelesen.
[11] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.[12] https://www.golyr.de/falco/songtext-titanic-18220.html. Am 2018-05-29 gelesen.
[13] http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026. Am 201805-22 gelesen.
[14] https://www.huffingtonpost.de/2016/06/30/stephen-hawking-mensch-zerstoeren_n_10749052.html. Am 2018-05-29 gelesen.
[15] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[16] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[17] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/-ff3f5389fd/. Am 2018-05-30 gelesen.

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