Langeweile – ein neuer erfolgsversprechender Führungsansatz

Langeweile – ein neuer erfolgsversprechender Führungsansatz

  • Langeweile soll in hoch komplexen Zeiten einen Mehrwert darstellen.

  • Langeweile sei sogar notwendig, um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können.

2 Statements, die manche sicher nicht gerne lesen bzw. sogar als Blödsinn abtun. Doch so schnell lasse ich mich von der Idee, mit Langeweile könne man die Herausforderungen bewältigen, nicht abbringen.

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Beginnen wir mit der Annahme, dass vermutlich viele das Gefühl haben, Langeweile demotiviert, lähmt, lässt einen ermüden, macht unzufrieden, melancholisch, faul und unkreativ. Langeweile mag auch ein Zeichen dafür sein, dass man unterfordert scheint bzw. zu wenig Arbeit hat.

Jede aufkommende Langeweile wird so schnell es geht mit irgendeiner Aktivität gefüllt. Selbst Nahrungsaufnahme ist für manche schon langweilig, und man sucht sich eine Nebenbeschäftigung zusätzlich zum Essen. Das ist so normal, dass wir das gar nicht mehr hinterfragen. Wer lässt es heute noch zu, sich zu langweilen? Es ist auch gar nicht mehr notwendig bzw. schwer möglich, weil man egal wie, jedes langweilig anmutende Loch sofort mit etwas scheinbar Sinnvollem und Befriedigendem füllen kann. Die Sozialen Medien kommen diesem Anspruch besonders gut entgegen.

  • Geht es Ihnen vielleicht auch so, dass Sie in Leerlaufzeiten – sobald Sie diese haben, beispielsweise gleich auf das Smartphone sehen und prüfen, was alles gerade los ist, anstatt einmal nichts zu Tun? Leerzeiten scheinen doch ideal, um sich in den World-Wide-Space zu begeben, um am Laufenden zu bleiben, Kontakte zu pflegen, u.a.?!

Leerläufe, Nichts-Tun, die daraus oft entstehende Langeweile wirkt unproduktiv und auch irgendwie unangenehm. Vielleicht frönen manche im Urlaub die Langeweile. Aber selbst das wird in vernetzten und nach schneller Erfüllung pirschenden Zeiten schwierig. Unter Umständen passiert es berufstätigen Frauen, wenn Sie in Karenz gehen, dass sie sich phasenweise in der Babypause langweilen. Die Journalistin Manoush Zomorodi bekundet das so ganz offen. Jahrelang war sie konstant beschäftigt und ausgelastet gewesen. In der Babypause spürte sie schmerzhaft und leibhaftig Langeweile.

So mag es vielleicht auch für andere in abgewandelter Weise sein. Es scheint, als ob Langeweile tatsächlich nicht gut tut – was sicherlich von bestimmten Aspekten aus gesehen sogar stimmt. Dort, wo die Arbeitstätigkeiten wirklich richtig unterfordernd sind, dort löst Langeweile sogar Burnout aus.[1] Aber auch überall dort, wo mit aufkommender Langeweile unangenehme Gefühle auftauchen, scheint Langeweile erstmals negativ zu wirken. Doch genau an diesem Punkt der Langeweile wird es spannend – das beweist auch die Forschung.[2]

Die Alchemie der Langeweile

Langeweile, und die damit verbundenen leeren Zeiten, können als eine Art Magie gesehen werden.[3] Diese ist nicht immer angenehm, aber notwendiger als man meinen könnte. So heißt es in der Forschung: Sich langweilen soll das Gehirn entspannen und Kreativität fördern [4]– ein Faktor, der gerade heute für die Arbeitswelt eine äußerst wichtige Kompetenz ist. Der Aufruf, das innovative Potential müsse gestärkt werden, ist kaum zu überhören bzw. -zu überlesen. Unzählige Tools zur Förderung der Kreativität und Problemlösung überschwemmen den Markt, wie beispielsweise Design Thinking, Creative Problem Solving, Negativkonferenz, etc. Doch ein mitwirkender erfolgsweisender Faktor wird dabei fast überall vergessen – Langeweile bzw. Leerzeiten, in denen die Langeweile entstehen kann.

  • Wer kann von sich aktuell behaupten, Langeweile noch aufkommen zu lassen?

  • Wer kann ehrlich von sich sagen, langweilige Phasen auszuhalten ohne sofort etwas zu tun, beispielsweise in leeren Zeiten am iPhone Nachrichten lesen, Mails abrufen, Musik hören, Kurzvideos ansehen, uvm …?

Die an Brennpunkten der Welt arbeitende Journalistin Zomorodi hat sich der für sie zunächst negativen Langeweile während ihrer Babypause gestellt, sich intensiv mit Langeweile auseinandergesetzt, darüber recherchiert. Sie hat selbst erfahren, was Langeweile im Stande ist, nämlich, Kreativität auf einem neuen Niveau zu erleben – sofern man es aushält, die Langeweile zuzulassen.[5]

Langeweile ist unangenehm, das muss man schon sagen. Das geht oft damit her, dass in der Langeweile aus dem Unbewussten heraus Gedanken herausquellen, die alles andere als entspannend sind. Im Gegenteil, oft kommen aus der Langeweile heraus unbefriedigende, drückende Gefühle.

Allzu leicht verfallen wir der Illusion, Langeweile und die mit der Langeweile verbundenen Leerzeiten sind unproduktiv, sinnlos. Schnell stopfen wir das scheinbar sinnlose Lebensloch, um angeblich mit der Aktivität wieder Sinn zu finden und Ängste, die in der Langeweile auch oft auftreten, loszuwerden.

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Das macht es jedoch schwierig, sich bewusst der Langeweile zu stellen und hinzugeben – insbesondere heute, wo man durch die Sozialen Medien und einer unbegrenzten Welt an Ideen im Netz, Langeweile, Leere, Sinnlosigkeit, scheinbar unkreative Lebenszeiten, mit mehreren Klicks schnell wieder in scheinbar sinnerfüllende Aktivitäten überführen kann.

Studien der University of Southern California zeigen jedoch, dass die Nutzung von Sozialen Medien Jugendliche sogar weniger kreativ und einfallsreich macht.[6] Eigentlich das Gegenteil von dem, was man annehmen könnte.

Langeweile öffnet die Tür zur Kreativität

Nach Norbert Bolz, Philosoph und Medienwissenschaftler, ist Monotonie bzw. die in einer monotonen Atmosphäre auftauchende Langeweile so etwas wie eine Grundbedingung, um überhaupt aktiv werden zu können. Es braucht Langeweile, um die Energie aufzubringen, mal etwas wirklich Neues oder Außergewöhnliches anzugehen. Langeweile sei somit besser als ihr Ruf. Es hängt jedoch vom Umfeld ab, in welcher Weise Langeweile bewertet wird.[7] Wenn in einem Unternehmen Langeweile und damit verbunden Leerzeiten negativ betrachtet werden, dann ist es schwer, dem als einzelner entgegenzutreten. Vielleicht hilft es an dieser Stelle sich zu fragen:[8]

  • Welche Türen öffnen sich mit einem durchgetakteten Aktionismus, wo Langeweile und Leerzeiten kaum vorhanden sind?

  • Welche Türen öffnen sich, wenn Langeweile wirklich zugelassen wird?

  • Wohin bringt uns das jeweils?

Wenn Sie Kinder haben, dann kennen Sie vielleicht auch die immer wieder auftretenden Ansagen: Mir ist so langweilig? Was soll ich tun? Was machen Sie in solchen Momenten? Versuchen Sie rasch die Langeweile Ihres heranwachsenden Sprösslings mit anregenden Aktivitäten aus dem Weg zu räumen? Oder wagen Sie es, Ihren Sprössling mit der Langeweile experimentieren zu lassen, ohne eine Idee zur Bewältigung der Langeweile anzuführen?

Meist sind wir geneigt, Menschen, die meinen ihnen ist langweilig, gleich mit einigen Ideen unter die Arme zu greifen, um die Langeweile wieder los zu werden. Bei sich selbst tut man das auch, nur das ist oft so subtil und passiert so schnell, dass man es kaum bemerkt.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie merken sollten, Ihnen wird langweilig? Versuchen Sie dann auch rasch eine Aktivität zu finden, um die Langeweile loszuwerden? Oder machen Sie nichts, und lassen die Langeweile ein wenig mit Ihnen gemeinsam Zeit verbringen? Wie dem auch sei, viele von uns haben vermutlich kaum noch langweilige Zeiten. Ein Teil der Persönlichkeit würde sagen, SUPER. Ein unbewusster Teil aber leidet – und damit unter Umständen auch die Kreativität. Sicherlich ist das individuell sehr unterschiedlich zu sehen. Das darf man an dieser Stelle auch nicht außer Acht lassen.

Nach Hans-Georg Häusel, Psychologe, unterscheiden sich Menschen aufgrund der limbischen Prägungen. Je nachdem welche Prägung wirkt, mag Langeweile leichter und für andere deutlich schwer auszuhalten sein. Jede Aktivität, jede Entscheidung die gesetzt wird, wird nach Häusel von der limbischen Prägung beeinflusst. Er unterscheidet 3 Prägungstypen: Den Stimulanz-Typ, den Dominanz-Typ und den Balance-Typ. Ist man beispielsweise ein Stimulanz-Typ, dann ist Langeweile äußerst schwer auszuhalten. Ein Balance-Typ hingegen kann die Langeweile vermutlich etwas besser nehmen bzw. Langeweile tritt im Vergleich zu den beiden anderen Typen erst später auf.[9]

Anhand der folgenden Darstellung mag Ihnen vielleicht bewusst werden, wie individuell neben anderen Aspekten auch Langeweile wirkt.[10] Gerade deshalb ist Langeweile hie und da notwendig, um die individuellen Antriebsmuster wahrzunehmen, zu verstehen und entsprechend sinnvoll im Arbeits- und Lebensalltag einzubringen.

Limbische Prägung nach Hans-Georg Häusel

Es geht darum, sich selbst in Phasen der Langeweile besser kennen zu lernen, um aus dem heraus das eigene Potential zu stärken und fremde Potentiale einsichtiger zu respektieren. Es gilt, als Führungskraft dafür zu sorgen, dass man die MitarbeiterInnen gezielt darin bestärkt, ihre entsprechenden Potentiale zu entwickeln, und demzufolge Sinn stärkend zum Einsatz zu bringen. Genau das ist eigentlich die Ausrichtung von New Work.

Wenn es darum geht, die von so vielen im Business geforderte Kreativität zu fördern, dann braucht es Menschenkenntnis, Zeiten der Stille, Leerläufe.

Insbesondere Stimulanz-Menschen neigen jedoch dazu, Leerläufe nicht zuzulassen, sich vom Aktivitätsrausch leiten zu lassen. Nicht selten kommt es dann dazu, dass Aktivitätsjunkies irgendwann zusammenbrechen oder Fehleinschätzungen tätigen, weil der notwendige Weitblick im Rausch der Aktivitäten verloren geht. Genauso gut könnten Dominanz-Typen durch den starken Drang das Machtbedürfnis zu stillen, im gestressten Zustand dazu neigen, andere zu unterdrücken, Ideen von anderen abzuwerten. Das alles passiert nicht böswillig, sondern ist menschlich und braucht Verständnis. Aber Verständnis kann ich erst aufbringen, wenn ich mir Zeit nehme, wenn ich mich langweile und damit unter Umständen ein Rendezvous mit meinen unbewussten Triebkräfte und Emotionen zulasse. Das mag anfangs alles andere als erfüllend, kreativitätsförderlich und befriedigend sein, doch wer hier wagt, gewinnt.

In Langeweile gibt es Überraschungen

Es kann ein Trugschluss sein zu glauben, man verwirkliche sich selbst, wenn man keine Langeweile mehr hat, und erfolgsgezeichnet von einem scheinbar erfüllenden Ziel zum nächsten fliegt. Zum Teil ist sogar das Gegenteil der Fall: Solange man sich selbst und der eigenen Antriebskräfte nicht umfassend bewusst ist, plagen und jagen einem die Antriebskräfte, jedoch in einer Weise, die manchmal mehr zerstören als sinnvoll und gewinnbringend zu erfüllen mögen.

Mag sein, dass Sie dem jetzt widersprechen. Das kann ich gut nachvollziehen. Zum einen ist es wirklich schwer zu glauben, dass man sich selbst am meisten im Weg steht. Zum anderen kann das, was ich jetzt über Langeweile schreibe, nicht direkt überprüft werden. Hier kann nur der Schritt in die Langeweile selbst möglicherweise mehr Einsicht bringen.

Langweile führt jedenfalls, zumindest ist es meine Erfahrung, irgendwann fast immer zu dem Punkt, dass man sich mit sich selbst und mit anderen eingehender auseinandersetzt. Kommen wir zur Ruhe, lassen wir leere, unerfüllte, langweilige Zeiten zu, begegnen wir unseren Ängsten, Einsamkeit, Minderwertigkeit, Versagensängste, Verlustängste, …, wie auch abgeschobenen Sehnsüchten. Wir begegnen unserem oft verdrängten Verlangen nach Macht, sinnlichem Vergnügen, uvm … Aber genau das ist eben unangenehm, und deshalb versucht man die Leerzeiten schnell wieder in Aktivitätszeiten zu überführen. So mag nach außen hin alles passen, das Bild im Netz mag gut wirken. Wir profilieren uns in Magazinen, doch etwas nagt, sobald Langeweile aufkommt – die unzureichend bzw. auch falsch befriedigten Seiten in uns selbst.

Jetzt stehe ich an einem Punkt in diesem Artikel, der mich selbst zum Stillstand führt. Ich weiß gerade nicht, was ich jetzt noch schreiben soll. Eigentlich wollte ich in Bezug auf Langeweile einen ganz anderen Artikel schreiben. Ich wollte Ihnen auf angenehme, leicht verdauliche Weise zeigen, wie motivierend und förderlich langweilige Zeiten sind. Aber jetzt muss ich feststellen, dass die Auseinandersetzung mit Langeweile deutlich mehr von mir und auch von Ihnen fordert, als ich eigentlich Ihnen zumuten wollte. Doch ich werde jetzt diesen Artikel nicht mehr umarbeiten, sondern versuchen die mit Langeweile verbundene Schwere zu lösen suchen – denn genau um das geht es in vielen erfolgreichen Prozessen:

Tiefe zulassen, ohne von der Tiefe überwältigt zu werden – genau das ist meiner Meinung nach für eine erfolgsversprechende Zukunft im vernetzen Zeitalter notwendig. Das kann die Wirtschaft unterstützen, um mit den Herausforderungen Digitalisierung, Globalisierung, Komplexität erfolgsversprechend umgehen zu gehen. [11] Dafür ist Langeweile bzw. die mit der Langeweile verbundene leere, unerfüllte Zeit vielleicht bald sogar schon lebensnotwendig.

Wir alle wissen, die Herausforderungen sind gewaltig. Selbst jene, die meinen wir überschätzen die möglichen Folgen der Digitalisierung, werden allein durch die überall wirkende vernetzte Arbeitsweise merken, dass es anders läuft als früher. Langeweile kommt heute im Alltag – beruflich wie privat – kaum noch vor. Die Folgen sind nicht abzuschätzen. Doch namhafte Persönlichkeiten der IT, wie beispielsweise Jack Ma, fordern mehr Kreativität. Doch Vorsicht, mehr Kreativität heißt nicht mehr Aktivität. Diesem Trugschluss, man sei kreativ wenn man aktiv ist, erliegt man ebenfalls gerne – einschließlich ich selbst.

Mein persönliches Resümee

Ehrlich sein. Das heißt vermutlich für mich wie auch für einige andere, Langeweile erfahren, spüren. Das alleine ist deutlich schwieriger als man meinen könnte. Wir sind es so sehr gewohnt, Langeweile zu umgehen, so dass hier schon viele Handlungsautomatismen arbeiten, um eine möglicherweise auftauchende Langeweile bereits im Keim zu ersticken. Man merkt es nicht, dass man unter Umständen bereits etwas tut, um eine mögliche leere Zeit rasch mit etwas scheinbar Sinnvollerem als Langeweile zu füllen. So gesehen komme ich wieder an den Punkt, Mindfulness zu Hilfe zu holen – sprich, Achtsamkeit praktizieren, damit man nicht in Gefahr läuft, sich in durch Aktionismus getriebenen Erfolgs- und Zielausrichtungen zu verlieren bzw. zu verspekulieren.

Ihr Günther Wagner

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge zu lesen, können Sie mir auch auf LinkedIn und Twitter folgen. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer.

 

Literaturquellen:

[1] https://www.das-burnout-syndrom.de/ursachen/monotone-arbeit/. Am 2018-11-13 gelesen.
[2] https://orange.handelsblatt.com/artikel/32499. Am 2018-11-13 gelesen.
[3] https://orange.handelsblatt.com/artikel/32499. Am 2018-11-13 gelesen.
[4] https://www.welt.de/icon/partnerschaft/article174946686/Langeweile-Das-groesste-Geschenk-das-wir-uns-machen-koennen.html. Am 2018-11-13 gelesen.
[5] https://orange.handelsblatt.com/artikel/32499. Am 2018-11-13 gelesen.
[6] https://orange.handelsblatt.com/artikel/32499. Am 2018-11-13 gelesen.
[7] Fromm Lüdenscheid, Mona: Immer und immer wieder. Eintönige Arbeit genießt keinen wirklich guten Ruf in unserer Gesellschaft. Warum eigentlich? In: Handelsblatt Nr. 217. Wochenende 9./10./.11. November 2018.
[8] Romhard, Kai: Slow Down Your Life. 2. Auflage. Ullsteinbuchverlage GmbH, Berlin: 2005.
[9] https://www.haeusel.com/wp-content/uploads/2016/03/wiss_fundierung_limbic_ansatz.pdf. Am 2018-11-14 gelesen.
[10] https://www.haeusel.com/wp-content/uploads/2016/03/wiss_fundierung_limbic_ansatz.pdf. Am 2018-11-14 gelesen.
[11] https://www.linkedin.com/pulse/new-work-wird-falsch-verstanden-günther-wagner/.

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