Die Zukunft sucht neue Führungspersönlichkeiten

Die Zukunft sucht neue Führungspersönlichkeiten

Das, was ich auf dem Ars Electronica Festival an technischen Innovationen geistig und emotional aufzufassen im Stande war, hat Nachwehen. Nachwehen in einer Weise, die erwähnenswert sind, weil es auch genauso gut hätte sein können – wie so oft der Fall – dass die neuen beeindruckenden Dinge und Erfahrungen einige Tage später wieder verblasen bzw. sich in Luft auflösen.

Das Ars Electronica Festival hat es jedoch geschafft, das Neue nicht nur als flüchtiges Abenteuer im Kopf durchziehen zu lassen, sondern einen bleibenden Abdruck zu hinterlassen. Das ist jedoch genau das, was gar nicht angenehm ist – den normalen, vertrauten Denk- und Arbeitsrhythmus sogar stört. Das gewohnte Denken will es bequem, einfach und schnell haben, Lösungen, die ad hoc greifen und umgesetzt werden können, ohne tiefgreifende persönliche Umwälzungen auf sich nehmen zu müssen. Mit neuen Denkansätzen ist man hingegen gehemmt und nicht mehr so leichtfüßig und selbstsicher.

  • Es ist mit neuen Denkgewohnheiten so, als ob man ein, seinem Stil ausbrechendes Kleidungsstück anprobiert, ein ungewohntes Kleidungsstück, das aufgrund der Andersartigkeit dann irgendwie an allen möglichen Stellen zwickt, drückt, reibt, …

  • Dann könnte man meinen, das neue Stück passt nicht. Man zieht es aus, und legt es weg.

  • Aber vielleicht liegt es weniger am neuen Stück, das nicht passt, sondern viel mehr an dem ungewohnten Stoff und der neuen Art und Weise das Kleidungsstück zu tragen, oder am Widerwillen, …?!

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In ähnlicher Weise verhält es sich auch mit anderen Dingen, u.a. auch mit neuen Ideen, mit Gedanken, die das gewohnte Denken irritieren. Und in ähnlicher Weise sehe ich auch die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung, wie ebenso den Umgang mit der Umweltproblematik.

Wir alle sehen die Herausforderungen. Wir sind bemüht, die Herausforderungen zu meistern. Wir diskutieren, planen, strukturieren um, adaptieren, … Aber von welcher Position aus werden all die Maßnahmen geplant und entsprechend angeleitet? Befinden wir uns vor einem Schaufenster, sehen das neue, andersartige Kleidungsstück, überlegen uns, wie es sein könnte, dieses exotisch wirkende Kleidungsstück selbst zu tragen, bzw. andere tragen zu lassen? Gehen wir dann in den Laden hinein, probieren das ungewohnte Kleidungsstück an, wagen es sogar dieses zu kaufen, um sich damit in einem neuen Licht zu sehen? Oder bleiben wir lieber am Schaufenster hängen und denken nur daran, wie es sein könnte, das exotische Stück zu tragen, überlassen aber dieses Stück doch anderen …

Wie dem auch sei, ich bitte Sie jetzt, weil der Moment gerade so gut passt, den Raum zu wechseln. Ja, genau, Sie lesen richtig, bitte stehen Sie auf, nehmen Sie Ihr Handy, Ihr Tablet, … und wechseln Sie den Raum – nicht nur gedanklich, sondern real. Suchen Sie sich einen neuen Platz, den Sie sonst im Alltag nicht einnehmen würden und setzen Sie sich dorthin. Vielleicht merken Sie nun, dass der Wechsel des Raumes bzw. Sitzplatzes Sie irgendwie erregt – positiv, vielleicht auch negativ.

Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter. Dafür können Sie aber auf dem neuen Platz sitzen bleiben, und es sich bequem machen:

  • Stellen Sie sich nun vor, auf dem neuen Platz liegt eine VR-Brille. Nehmen Sie diese Brille und setzen Sie sich diese auf. Bitte auch die dazugehörigen Kopfhörer aufsetzen.

  • Sie werden gleich Anweisungen bzw. eine kurze Instruktion hören, wie Sie mit dieser Brille auf Erkundung gehen können. Sie werden rasch feststellen, dass Sie mit Hilfe der VR-Brille einen Raum in ganz neuer Weise für sich erfahrbar werden lassen können – in einer Weise, die Ihnen bisher nicht möglich war. Sie können in den Räumen die Wände hochgehen, über Schreibtische schweben, sogar durch Wände, selbst durch Menschen durchgehen … Der Raum wird auf einmal in einer gänzlich neuen Art und Weise erfassbar gemacht. Das spürt sich derart echt an, das einem dabei wirklich schwindelig werden kann.

  • Stellen Sie sich nun vor, Sie erleben einen Ausschnitt aus der Oper Freischütz mit Hilfe der VR-Brille. Sie hören die Musik, Sie gehen durch die Oper, Sie gehen auf der Bühne herum, Sie verlassen die Bühne durch eine Hintertüre, Sie verlassen das Opernhaus, gehen durch Spiralen im Himmel hindurch, instrumental begleitet. Sie wissen nicht, was Sie demnächst erwartet. Sie hören jetzt die Arie eines Sängers und plötzlich steht der Mann direkt vor Ihnen – überdimensional groß. Dann merken Sie, puhh, Sie können durch den Opernsänger hindurchgehen. Sie können aber auch durch den Boden, auf dem der Mann steht, hindurch. Der Boden ist bloß eine Wolkendecke. Und dann, dann befinden Sie sich im unendlichen Universum. Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen. Sie suchen vielleicht den Weg zurück zum Mann, fühlen sich dort sicherer als im grenzenlosen Universum. Oder Sie wagen es doch, noch weiter in die Unendlichkeit des Universums zu gehen …

  • Dann erscheint plötzlich das Bild: „Fin“. Sie setzen die Brille und die Kopfhörer ab. Sie spüren vielleicht, dass es gar nicht so leicht ist, gleich in den realen Raum zurückzufinden. Vielleicht wolle Sie jetzt aufstehen, vielleicht auf Ihren ursprünglichen Platz zurückgehen, oder bleiben wo Sie sind. 

  • Vermutlich stellen Sie sich nun die Frage:

Was hat der Ausflug mit der VR-Brille mit einer erfolgsversprechenden Digitalisierung zu tun?

Was bringt diese Erfahrung für Sie als Führungskraft, für Ihr Team, für die Strategieplanung und Organisationsentwicklung?

Sie werden annehmen, dass es einen Grund hat, sonst hätte ich Sie nicht auf diese kurze Reise geschickt. Ich persönlich sehe diese Situation bzw. dieses Erlebnis als einen Dreh- und Angelpunkt für die Organisationsentwicklung in der Wirtschaft. Ich stelle mir die Frage: Hätten wir eine Art VR-Brille zur Verfügung, zum Kennenlernen der Digitalisierung, wie aber auch zur umfassenden Erfassung der Umweltproblematik, wer weiß, wie wir aus anderen Perspektiven heraus die Digitalisierung und die Ressourcenproblematik beurteilen und auch zu managen versuchen würden?

Jetzt werden sich vermutlich kritische Stimmen melden und sagen, dass das, was man mit Hilfe von VR-Brillen sieht, zuvor von Menschen künstlich konstruiert worden ist. Damit sei doch das vermittelte Wissen vorgegeben, eigentlich manipuliert. Ja, das stimmt, jedoch nicht ganz. Denn niemand von den Programmierer*innen kann voraussagen, in welcher Weise man mit Hilfe der VR-Brille die digitalen Räume, mit die darin befindlichen Ressourcen und Wissenszugängen, zu nutzen sucht. Die Erfahrungen und Kenntnisse, die man dabei sammelt, kann kein/e Programmierer*in für uns machen, die muss jeder und jede für sich selbst erschließen – und das in einem deutlich größeren Wissensraum als sonst in vielen Bürotürmen angedacht wird.

Manche werden sehr schnell in immateriellen Räumen Grenzen überschreiten, die man sonst nicht überschreiten kann und würde. Andere wagen das vielleicht erst spät bzw. gar nicht, bleiben selbst in immateriellen Räumen brav am Weg, wie sonst vielleicht auch. Aber niemand wird vermutlich abstreiten, dass die Erfahrungen, die man in materiellen Räumen im Vergleich zu den Erfahrungen in immateriellen Räumen macht, unterschiedlich sein werden. Und genau um diese unterschiedliche Art und Weise der Erfahrungen, und den damit verbundenen Kenntnissen, geht es auch bei der Digitalisierung und ebenso der Umweltproblematik. Wenn man die jeweiligen Situationen nur aus der taylorischen Brille zu definieren und zu verstehen sucht, dann wird man die Digitalisierung und Umweltproblematik anders beurteilen als jene, die aus einer anderen Perspektive heraus diese Themenkomplexe sich zu erschließen üben.

Gleichzeitig ist die Wirtschaft gefordert, neue Wachstumsmärkte zu erschließen – dabei wird der immaterielle Raum vielleicht schon bald an realer Relevanz gewinnen. Man kann sich das kaum vorstellen, aber möglich ist es – u.a. auch deshalb, weil die urbanen Zentren aus allen Nähten platzen, Unternehmen sich dort nur schwer ansiedeln können, obgleich es gerade dort wichtig wäre, präsent zu sein. Gleichzeitig ist der Bau ein echter Umweltzerstörer, das vergessen wir auch. Und die Beschaffung von Sand, ein Grundbaustoff, wird immer schwieriger, weil der Sand für den Bau zu einer raren, schwer und teuer zu beschaffenden Ressource werden wird.[1]

Mit Hilfe der neuen Technologien könnten jedoch Räume ganz anders genutzt werden, ressourcensparend und technologisch innovativ. Neben dem Car-Sharing könnte auch ein Building-Sharing stattfinden. Opernhäuser könnten unter tags für Meetings, real wie auch virtuell, die Türen öffnen. Das sind nur grobe, einfache Lösungen, da gibt es noch weit mehr anzudenken, was u.a. Anders Indset, einer der global führenden Wirtschaftsphilosophen, Keynote-Speaker, Gastlektor an führenden internationalen Business-Schools, vertrauter Sparring-Partner für CEOs und Politiker*innen, intensiv tut – aber ebenso das YARD:Forum, vielleicht noch nicht so extravagant und mutig wie Indset, aber zumindest motiviert und offen für neue Wege. In diesem Forum treffen anregende Expert*innen auf anerkannte Umsetzer*innen. Der Unternehmenserfolg wird in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt und gefragt, welche weiteren Interventionen notwendig sind, um auch in Zukunft noch erfolgreich sein zu können.

Herbert Zitter, Managing Partner bei M.O.O.CON, und ich wollten eines dieses Treffen u.a. auch dafür nutzen, konkrete gemeinsame, gegenseitig förderliche Austauschmöglichkeiten durchzugehen. Zuvor digital kommuniziert, vereinbarten wir, dass ich eine Art Studienreise durch die realisierten Projekte von M.O.O.CON machen könnte, um das was sie tun besser einsehen, verstehen und damit entsprechend für die Zukunft in Relation zu stellen vermag. Doch diesen Gedanken hatte Zitter von einer Minute zur anderen fallen lassen und meinte spontan:

Nein, eine Studienreise zu erfolgreich umgesetzten Projekten macht keinen Sinn mehr. Das ist eine Reise in die Vergangenheit. Wir müssen die Zukunft ganz anders denken, viel freier denken – wie, wenn wir eine VR-Brille aufhätten, und uns durch gänzlich neue Welten bewegen.

Die Auffassung von Zitter, die Vergangenheit stehen zu lassen und sich frei wie mit einer VR-Brille Gedanken über die Zukunft zu machen, ist jedoch nicht dahingehend zu verstehen, einfach Grenzen zu überwinden. Das wäre eine falsche Annahme der Situation. Sondern es geht vielmehr darum einzusehen, dass es die Grenzen in der Weise, wie man das oft meint, gar nicht gibt. Die Grenzen sind bloß gedankliche Konstruktionen, gedanklich fixierte Hilfsbrücken, die Menschen sich ausgedacht und aufgebaut haben, um den jeweiligen zeitgeistig passenden Arbeits- und Lebensabschnitt bestmöglich von einer großen Gruppe von Menschen gemanagt zu bekommen. Dem hat sich sowohl der Lebens- und Arbeitsalltag als auch der räumliche Aspekt, die Architektur, die Städteplanung, der Konsum, die Wirtschaft, die Freizeit, selbst die Wissenschaften, … einfach alles im Leben angepasst. Gedanken haben sich in Dingen und Taten manifestiert.

Das ist nichts Neues, werden Sie jetzt anmerken. Ja das stimmt. So hat sich die Industrialisierung und auch schon viel früher, beim Übergang der Menschheit vom Jäger und Sammler hin zum sesshaften Menschen, das ganze Leben und die damit verbundenen Denk- und Handlungsmuster inkl. den Wohn- und Arbeitsflächen entsprechend formiert. In ähnlicher Weise sieht man vermutlich auch den aktuellen Change in Bezug auf die Digitalisierung. Möglichkeiten haben die Menschen genug kreiert, um mit den technischen Innovationen und den Ressourcen sinnvoll umzugehen. Dafür braucht es jedoch meiner Meinung nach noch mehr Unternehmen, die es wirklich konkret tun – sprich ihre gewohnten Arbeits-, Denk- und Gestaltungsräume ganz konkret verlassen und wirklich neue Denk- und Gestaltungsräumen in neuen Produkten real werden lassen.

Das Wissen halten wir als Rohdiamant in unseren Händen. Es wird jedoch erst ein Bruchteil von dem genutzt, was an Potential in der Digitalisierung, in den technischen Innovationen steckt – worauf ich u.a. in meinem letzten Artikel, wer Gedanken zu nutzen versteht, der wird die Zukunft beherrschen, zumindest in Ansätzen einzugehen versuchte. In gleicher Weise sehe ich den Klimaschutz. Die Wirtschaft hätte das Potential, den Klimaschutz bzw. die Ressourcenproblematik deutlich besser zu managen, doch sie nutzt davon ebenfalls nur einen Bruchteil. So frage ich mich:

Wer ist mutig genug, die noch ungenutzten Schätze der Digitalisierung und des Umweltschutzes im umfassenden Sinn in Anwendung und Umsetzung zu bringen?

Die Digitalisierung und auch der Umweltschutz sind weit mehr als nur eine Weiterentwicklung und Adaptierung von Prozessen. Beide Aspekte stellen einen Quantensprung in der Entwicklung dar – auf allen Ebenen, in allen Bereichen der Menschheit. Es gilt nur, das darin befindliche Potential endlich wirklich zu nutzen, und nicht vor dem Quantensprung zurückschrecken, weil dieser möglicherweise anfangs nicht wie ein geregelter Fluss in einem vor vielen Jahren künstlich angelegten Flussbett planmäßig durch die Landschaft fließt.

Andererseits meinen viele den Fluss der Digitalisierung und der Umweltproblematik bestens zu kennen – aber von welcher Perspektive aus betrachtet? Vom (noch) sicheren Hafen vertrauter Arbeits-, Lebens- und Denkgewohnheiten? Oder befinden Sie sich bereits in wirklich neuen Räumen und neuen Umwelten – wagen Sie einen Quantensprung im Denken und damit in Folge auch im Handeln? Können Sie sich vorstellen, mit Hilfe der VR-Brille die Herausforderungen unserer Zeit in neuer Weise auf sich wirken zu lassen? Wagen Sie dann noch einen weiteren Schritt zu gehen, und die vielleicht neuen Kenntnisse und Einsichten aus der immateriellen Welt in die Realität zu überführen?

Sich auf solche Abenteuer einzulassen oblag bisher den Pionier*innen. Davon gab es eine Handvoll, aber immer genug, um die Entwicklung der Menschheit am Laufen zu halten bzw. eine positive Entwicklung irgendwie hinzubekommen. Die Wirtschaft hat von diesen Pionier*innen profitiert. Und genau an dem Punkt wird es aktuell spannend, denn die Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, im sicheren Hafen abzuwarten, bis einige wenige Pionier*innen mit ihrem Erfahrungsschatz in die scheinbar sicheren Häfen zurückkehren. Mit dieser Strategie werden vielleicht einige den Anschluss verlieren.

Ich denke, die Wirtschaft steht genau vor dem Punkt, sich endlich auf die Reise auf einen noch unbekannten Fluss einzulassen – den Sprung in neue materielle wie auch immaterielle Räume zu wagen. Gleichzeitig mag die Wirtschaft ohnehin als einer der großen Triebfedern für Entwicklungssprünge ganz vorne dabei sein – den Sprung quasi gestalten und entsprechend für sich als Erfolgsweg zu nutzen suchen. So gesehen kann man die Wirtschaft sogar als die Plattform sehen, die den Quantensprung in ein neues Zeitalter forciert.

Das ist u.a. das Thema von Anders Indset, der Quantensprung der Wirtschaftdie Quantenökonomie. Indset ist davon überzeugt, dass die Zukunft der Menschheit nur mit einem umfassenden flächendeckenden Pioniergeist zu meistern sein wird – u.a. der Erforschung neuer Wege mit neuen Kapitalisierungsideen, die nicht nur auf dem Materialismus und nicht nur auf dem reossourcenfressenden System beruhen, sondern beispielsweise Werte, Verstand, Liebe, … ebenfalls kapitalisiert. Nach Indset ist die Wirtschaft aktuell sogar die einzige systemische Kraft, die ökologisch, technisch und gesellschaftlich die Probleme lösen könnte.[2] Für seine Denkansätze wurde Indset gegenwärtig sogar für den Breakthrough Idea Award nominiert, der dem Erbe des CK Prahalad für die Q Economy gewidmet ist.[3]

Resümee

An Entwicklungsmaßnahmen mangelt es der Wirtschaft in keiner Weise. Man schraubt an unzähligen organisatorischen Rädchen, um das Unternehmen zukunftssicher zu machen, die Digitalisierung wie auch die Umweltproblematik in den Griff zu bekommen. Die Organisationsentwicklung steht hoch im Kurs, aber zu oft eben noch beruhend auf dem Verständnis der Arbeits-, und Lebenskonstruktionen des vorvorherigen Jahrhunderts, auf den Prinzipien von Taylor. Die Hilfskonstruktionen von Taylor haben lange Zeit der Wirtschaft gute Dienste erwiesen, aber jetzt braucht es neue geistige Konstruktionen bzw. Brücken, um die Digitalisierung und auch die Umweltproblematik, die Taylor gar nicht bedacht hat bzw. noch gar nicht bedenken hätte können, erfolgsversprechend zu führen.

Wer bei den Erfolgreichen in Zukunft dabei sein will, der bzw. die kann den Digitalisierungsprozess optimieren, indem man das für möglich hält, was man eigentlich auf den ersten Anstoß hin verurteilen und verneinen bzw. als unreal, als VR-Gag abtun würde. Dort, an dem Punkt des Widerstandes, dort passiert der Quantensprung im Denken. An dem Punkt wird es möglich, das Denken neu auszurichten und für innovative Ideen zu öffnen – eigentlich ohnehin eine Notwendigkeit, um in Zukunft noch zu den Global Playern dazuzugehören. Das wissen Sie ganz genau.

Wenn Sie es nicht wagen, wagen es andere – davon können Sie sicher sein. Das ist weder gut noch schlecht. Niemand muss den Sprung wagen, sondern kann auch später springen. Aber dabei entgeht einem vielleicht etwas – nicht nur das Abenteuer bzw. der Hype ein/e Pionier*in zu sein, sondern viel Erfahrung und möglicherweise die damit verbunden Organisationsentwicklungsmaßnahmen, die sich erst konkret am Weg zeigen. Abgesehen laufen die Entwicklungen so schnell, so dass man nicht mehr darauf warten kann, was andere aus ihren Feldexpeditionen an Wissen mitbringen, um dann erst den Sprung zu wagen. Dafür hat man heute nicht mehr die Zeit als Unternehmen. Die Digitalisierung verlangt eigentlich von jedem und jeder Pionier*in zu werden, wenn man die Digitalisierung beherrschen möchte.

Darauf sind die Unternehmen wie auch die Organisationsentwickler*innen aber nicht ausreichend vorbereitet. Das könnte uns in Turbolenzen führen, die wir in Bezug auf die Analyse bisheriger Veränderungen in der Menschheitsgeschichte nicht für möglich gehalten hätten. Genau das macht es aktuell problematisch. Aber ich will nicht gleich alles wieder schwarzmalen. Damit schaffe ich, wie Sie bereits wissen, bloß eine kognitive Dissonanz bei Ihnen, mit der Sie dann reflexartig behaupten, so schlimm wird es nicht. Die Menschheit hat so viele Veränderungen schon bewältigt, auch diese wird die Menschheit erfolgreich überstehen.

Das möchte gerne auch so sehen. Aber das gelingt mir nicht mehr so einfach. Ich will jedoch auch keine depressive Stimmung haben, sondern motiviert in die Zukunft sehen, das was man tut respektieren, jedoch mit Wissen „out of the box“ verstärken, u.a. durch Spaziergänge in VR-Welten, durch Gespräche mit Quantenphysiker*innen, durch das Kennenlernen schräger Projekte, wie denen beim Ars Electronica Festival, u.v.a… Denn das, außerhalb der gewohnten Denkansätze denken, verlangt die Zukunft.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, so sind sie nirgendwo …

Ein Ausschnitt von einem Lied von André Heller, das mir jetzt gerade durch den Kopf schießt, und womit ich diesen Artikel von mir offenhaltend beenden möchte.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in euren Köpfen, und sind sie nicht in euren Köpfen, dann suchet sie. Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid und dreht sich stumm, und dreht sich stumm nach anderen Wirklichkeiten um […][4]

Ihr Günther Wagner

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge zu lesen, können Sie mir auch auf LinkedIn, Xing und Twitter folgen. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer.

 

Literaturquellen:

[1] https://www.n-tv.de/wirtschaft/Bauen-schadet-Klima-wie-Autos-und-Fleisch-article21280049.html. Am 2019-09-19 gelesen.
[2] https://newmanagement.haufe.de/strategie/anders-indset-suche-nach-einem-neuen-wirtschaftsuniversum. Am 2019-07-16 gelesen.
[3] https://www.linkedin.com/posts/g%C3%BCnther-wagner-consulting_thinkers50-leadership-management-activity-6578682518399213568-UZO7.
[4] https://www.songtexte.com/songtext/andre-heller/die-wahren-abenteuer-sind-im-kopf-53c22391.html. Am 2019-09-18 gelesen.

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Wer Gedanken zu nutzen versteht, der wird die Zukunft beherrschen

The world´s first ultra-realistic AI artist robot: Ai-Da

Anfang September wollte ich die IFA in Berlin besuchen, die wichtigste Technik Messe der Welt. Die IFA erschien mir wesentlich, um mich mit den neusten Trends und Innovationen auseinanderzusetzen – Trends, die sowohl privat als Konsument*in als auch beruflich relevant scheinen.

Doch es kam anders – ein Umweg bescherte mir eine intensive Auseinandersetzung mit der digitalen Welt der anderen Art, die rückblickend gesehen vermutlich erkenntnisreicher war, als ich mir anfangs zugestanden hätte – warum, das möchte ich Ihnen nun erzählen. Aus privaten Gründen musste ich umdisponieren, und landete kurzfristig statt auf der IFA beim Ars Electronica Festival in Linz, der weltweit angeblich einmaligen Plattform für Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Äußerlich betrachtet begab ich mich in ein ähnliches Feld – in die Auseinandersetzung mit technischen Innovationen. Aber bei der Ars Electronica eingetroffen, erschien es mir, als ob die beiden Veranstaltungen auf zwei unterschiedlichen Planeten stattfinden würden. Ich war, so muss ich zugeben, sehr irritiert, fühlte mich auf der Ars Electronica deplatziert, wusste nicht, was ich da überhaupt soll. Ich wollte was erfahren über die neuesten technischen Trends. Aus dem heraus wollte ich ableiten, wie sich das auf die Arbeit, die Arbeits- und Kommunikationsprozesse auswirkt. Stattdessen war ich umgeben mit seltsamen Kreationen von Dingen, die ich weder technisch noch emotional, geschweige denn rational und schon gar nicht arbeitstechnisch einzuordnen fand.

Das Motto der Ars Electronica: Out of the Box, traf mich persönlich – warum, weil ich selbst in zahlreichen Artikeln dazu anzuregen versuche, über den Tellerrand zu sehen, die Silos zu verlassen. Doch bei der Ars Electronica musste ich an mir selbst leibhaftig feststellen, wie schwer es mir dort fiel, die eigene Blase zu verlassen und wirtschaftsfremde Interpretationen von technischen Innovationen und Kreationen nicht gleich als sinnlose Spielsachen zu verurteilen.

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Die Ars Electronica zeigte mir Dinge, die ich nicht sehen wollte bzw. Dinge, die mich nicht interessierten, weil mir die Relevanz für die Zukunft, die Relevanz für die Wirtschaft nicht gegeben schien. Ich war fest gefangen in meinem Silo, wie die Digitalisierung bzw. die neuen Technologien die Wirtschaft und das Leben der Menschen beflügeln könnten. Die Ars Electronica machte mir dabei einen Strich durch die Rechnung, und das konnte ich schwer akzeptieren. Aber rückblickend gesehen war das richtig gut, weil genau damit konnte ich etwas erfahren, was ich sonst vielleicht so bei der IFA nicht in Erfahrung bringen hätte können, was aber für die Zukunft meines jetzigen Wissensstandes mir wesentlich scheint.

Ich nehme Sie jetzt mit auf den Weg, die Ars Electronica im Schnelldurchgang spürbar, und damit den möglichen Erfolgsschlüssel der Zukunft begreifbarer werden zu lassen. Manche von Ihnen werden vorweg jetzt meinen, Sie kennen die Schlüssel zum digitalen Durchbruch, Sie arbeiten bereits seit Jahren tagtäglich damit, Sie investieren viel Zeit, Geld, Brain in die Forschung in die neuen Technologien. Sie brauche keine weiteren zusätzlichen Inputs, Sie haben gute, fähige, zukunftsorientiere Mitarbeiter*innen und Berater*innen. Das mag sein. Genau in der Weise dachte ich auch. Aber ich musste feststellen, ich kratze nur an der Oberfläche. Das reichte bisher aus, aber reicht nicht, um die nächsten 20 Jahre erfolgsversprechend zu gestalten.

Wie gesagt, ich haderte mit der Situation, statt auf der IFA bei der Ars Electronica gelandet zu sein, befürchtete viele wichtige Inputs von der IFA zu versäumen. Ich musste, ohne bei der Ars Electronica noch viel gesehen zu haben, bereits nach 20 Minuten einen Not-Espresso trinken – tat dies mitten in dem Wirrwarr an seltsamen Dingen, die ich alles andere als mit technologischem Fortschritt bzw. verheißungsvollen gesellschaftlichen Trends in Verbindung brachte. Wie dem auch sei. Jetzt musste ich für mich entscheiden, entweder weiter hadern, der IFA nachtrauern, der Ars Electronica mit Skepsis bzw. Enttäuschung gegenübertreten, mich damit innerlich sperren, oder die Kraft aufbringen und mich einfach auf das einlassen, was da ist.

Science fiction becomes science fact

Zum Glück fand ich durch meine Tochter bald eine Hilfe für meinen Groll – eine Artificial Intelligence- Woman, eine AI-Dame, ganz konkret eine AI-Malerin. Diese AI-Dame hat mich und meine Tochter in den Bann gezogen. Ihr Gesicht wirkte unfassbar echt, ihr Blick traf uns mitten ins Herz – scheinbar ins Herz. Rational konnte ich verstehen, dass eine AI-Dame mich nicht sieht und damit eigentlich nicht emotional berühren kann, aber emotional reagierte ich trotz Wissen und Reflektion. Meine Tochter, 6 Jahre, meinte, sie sei verliebt in diese Dame, und auch viele andere haben auf die AI-Dame mit positiver emotionaler Berührtheit reagiert. Das hat mich beeindruckt.

Ich sprach mit dem Mentor und Projektinitiator, ein Galerist aus London, der diese AI-Dame vollständig aus Privatmitteln finanziert, und diese in sehr menschlicher Weise zu bauen bzw. zu konstruieren sucht. Er versteht die AI-Dame weniger als konkretes Werkzeug, um damit etwas zu produzieren bzw. etwas erzielen zu wollen, sondern als Intelligenz, mit der man in Kontakt treten und zum Nachdenken angeregt werden kann:

As the world’s first ultra-realistic AI artist robot, Ai-Da is uniquely placed to help us think a little more deeply about art, creativity, and how our varied futures might look.[1]

Genau an dem Punkt wurde es für mich spannend – gedanklich baute ich die ersten Brücken zur Wirtschaft. Ich schrieb zwar schon einige Male über die mögliche Kraft und Macht von Artificial Intelligence (AI), aber so hautnah habe ich die Wirkungsmacht noch nicht erleben können. Der Einsatz solcher Schöpfungen könnte die Wirtschaft in einer Weise revolutionieren bzw. in eine Richtung bewegen, die man sich kaum vorstellen kann – positiv wie auch negativ. Möglicherweise könnte es einen Konkurrenzkampf geben um die besten AI Programmierer*innen, die mit Hilfe der AI einen Wettlauf um Konsument*innen führen

An der Stelle möchte ich Ihnen ein interessantes weiteres Aufgabengebiet eines AI-Roboters hinzufügen:

  • In Japan in einem 400 Jahre alten Tempel predigt seit neuestem eine AI, ein Roboter, Buddhismus. Die meisten Besucher*innen waren anfangs überrascht, insbesondere davon wie menschlich der Roboter wirkte. Einige spürten eine Wärme, die man niemals so erwarten würde. Andere meinten, der Roboter hätte sie tatsächlich dazu gebracht, gründlicher über Gut und Böse nachzudenken. Mit diesem Roboter soll der Buddhismus in Japan revolutioniert werden. Der Westen reagiert darauf mit scharfer Kritik.[2]

Ich versuche das Experiment mit dem AI-Prediger in Japan aus dem Blick der Ars Electronica zu verstehen, und kann nun aus eigener Erfahrung sagen, eine AI hat Wirkungskraft – und die ist nutzbar für welches Thema auch immer. Die Wirtschaft wird die Kraft und Macht von AI ebenso nutzen wie andere Lebensbereiche, daran führt kein Weg mehr vorbei – in welcher Weise, das wird sich noch zeigen. Einige nutzen ohnehin schon AI, und lassen im Hintergrund die AI für sich arbeiten.

Die AI steckt nicht nur in den Produkten selbst, agiert als Software versteckt aus den jeweiligen Produkten heraus, sondern wird irgendwann einmal vermehrt, wie die AI-Malerin oder der AI-Prediger in Japan, auch die sichtbaren Bühnen des Lebens betreten und als sichtbare Erscheinungen mit Menschen in Kontakt treten. Das wird das Leben beeinflussen, in einer Weise, das kann man sich kaum vorstellen. Ich selbst bin überrascht, wie stark eine AI in Form einer Menschengestalt Wirkung hinterlässt. Das mag zwar für viele kein relevanter Einsatz von AI sein. Die AI mag für viele einfach bloß eine verbesserte Programmierung sein. Doch die Wirkungskraft geht weit darüber hinaus – jetzt schon unsichtbar und irgendwann einmal auch sichtbar.

Die AI ist eine künstliche Intelligenz. Als solche schafft die AI vieles nicht, was wir Menschen geschaffen haben. Aber das ist gar nicht der relevante Punkt, sondern der, dass wir Menschen auf all das, was die AI uns vorgibt, reagieren. An dem Punkt wird es wirklich gewichtig und spannend, und genau das konnte ich bei der Ars Electronica leibhaftig erfahrenen. Mit einem etwas anderen Verständnis von AI, weniger, dass die AI technisch unfassbar viel kann, sondern, dass Menschen indirekt über die AI andere Menschen gezielter, direkter, ansprechen wollen und können, und die davon sich sogar angesprochen fühlen – darin sehe ich die AI als ein wirklich neues Machtinstrument.

Mit diesem anderen Zugang zur AI bin ich dann weiter durch die Veranstaltung – begegnete einem seltsamen Ding, das aussah wie eine Krake. Anfangs sah ich das Ding als Gag von einem Künstler, ein witziges Spiel, aber mehr auch nicht. Aber nun sah ich, welche Kraft und Macht von der Krake ausgehen könnte:

  • Die Krake, ausgerüstet mit AI, verstand es, die Gefühle der Menschen miteinander zu verknüpfen. Durch die Krakenarme und den darin befindlichen Kameras konnten die Menschen sich gegenseitig sehen, wie auch sich selbst. Die Reaktionen der Menschen aufeinander, suchte die Krake zu analysieren und reagierte als Krake selbst darauf. Das hat wiederum einen Rückkoppelungseffekt auf die Menschen, die durch die Arme der Krake schauten.

So verspielt dieses Ding wirkte, so unbeschwert und eigentlich sinnlos für das Leben, ganz zu schweigen für die Arbeit, so tiefgreifend untergründig kann das Ding jedoch Menschen bewegen, beeinflussen. Und wer weiß, in welcher Weise die darin wirkende AI einmal in einem anderen Kontext eingesetzt werden kann, um Menschen miteinander gezielt zu verbinden und dahingehend zu bewegen, etwas Bestimmtes zu tun?!

Die AI-Malerin und die Krake waren nur 2 Beispiele von unzähligen Spielzeugen, so nenne ich die vielfältigsten Kreaturen auf der Ars Electronica flapsig, die mit Hilfe der AI die Gedanken der Besucher*innen zu interpretieren im Stande waren, und gleichzeitig damit rückkoppelnd Einfluss auf das Denken nahmen. Ich sah Filme, wo ich es nicht für möglich hielt, dass diese rein nur von AI produziert worden sind, sprich Stories, Bilder, Schnitt, alles von AI erschaffen wurde. Diese Filme waren erstaunlich menschlich und menschlich tiefgründig, haben zum Denken angeregt – genau das, was ich von einem AI-Film so nicht erwartet hätte.

Damit, sprich mit AI können in Zukunft Texte, Musik, Filme, Malereien, aber auch Kleidung, Gegenstände, … Menschen ganz gezielt rational wie eben auch emotional berühren. Ich habe beim Großen Konzert Mahlers Unvollendete vollendet gehört. Ich hätte nicht angenommen, dass eine AI diese Symphonie in einer so berührenden Weise zu Ende komponieren kann. Das hat mich beeindruckt, nein, viel mehr, es hat mich emotional berührt. Und genau an dem Punkt wird die AI meiner Meinung nach unfassbar mächtig – u.a. ein Grund, warum bereits die ersten Roboter-Psycholog*innen wie Martina Mara u.a. dieses neue Berufsfeld eröffnen.

Die AI wird nicht nur Fließbandtätigkeiten, gesamte Produktionszyklen übernehmen, sondern selbst in Berufsfeldern zum Einsatz kommen, die man sich aktuell noch schwer vorstellen kann. Nicht grundlos arbeitet Yamaha so gezielt an dem selbstspielenden Klavier, das in einigen Sekunden die aktuelle Stimmung der Welt in einer Komposition zum Ausdruck bringen kann – und das ist bloß eines von unfassbar vielen Raffinessen von dem selbstspielenden Klavier, das ständig dazulernt und das Publikum, uns Menschen, zu berühren versteht.

Mag sein, dass Sie die Kraft und Macht von AI ohnehin schon selbst erfahren haben, bzw. vielleicht sogar schon seit einiger Zeit in Ihrem Unternehmen als neues Tool zu integrieren suchen. Mag sein, dass Sie in der leibhaftigen Erfahrung mit einer AI gar nicht viel Spannendes und Anregendes gefunden haben, und den Hype, die Kraft und Macht von AI als überzeichnet sehen. Dann mögen meine Erfahrungen und Annahmen für Sie vermutlich naiv bzw. unrelevant erscheinen. Mag aber auch sein, dass Sie sich selbst, so wie ich mich nach diesen letzten Eindrücken bei der Ars Electronica, aktuell als ziemlicher Laie, als naive(r) Amateur*in im Umgang mit AI sehen. Wenn Sie es so für sich beurteilen, dann können wir uns die Hand reichen und uns gemeinsam in den nächsten Jahren auf das Abenteuer AI einlassen.

Resümee

Die Ars Electronica hat mir persönlich gezeigt, dass ich selbst im Umgang mit technischen Errungenschaften nur an der Oberfläche kratze, keine echte Ahnung habe, was diese Technologien eigentlich wirklich im Stande sind zu bewegen – nämlich, mein Leben tiefgreifender beeinflussen als ich das zu durchschauen fähig bin. Im Laufe der 2 Tage bei der Ars Electronica habe ich für mich persönlich geschlussfolgert:

Die Gedanken der Menschen in Verbindung mit der AI werden zu einem der mächtigsten Instrumente der Zukunft. Wer die Gedanken tiefgründig zu nutzen beherrscht, die eigenen wie die der anderen, der bewegt die Zukunft!

Das ist doch nichts Neues – werden jetzt viele denken. Das war doch schon immer so. Das ist auch der Grund, warum Werbung, härter ausgedrückt, Manipulation wirkt, und Manipulation seit menschheitsgedenken zu nutzen gesucht wird – ja und nein.

Die Kraft der Gedanken hat schon immer Menschen bewegt. Aber noch nie waren Menschen dahingehend beeinflusst, nicht direkt von Menschen selbst gelenkt zu werden, sondern indirekt durch AI, durch selbstlernende Softwarelösungen emotional getriggert zu werden.

Ich dachte von mir selbst, AI würden emotional nicht wirklich berühren, und so hätte man ohnehin eine gute Kontrolle über den Einfluss von AI auf das eigene Leben. Aber das muss ich, so fürchte ich, revidieren. Sicherlich, wenn ich mein Leben gedanklich und emotional ständig reflektiere, kann ich einiges an Einflüssen abwehren. Aber das erfordert viel Kraft – Gedankenkraft – jenen Schlüssel, den die AI für sich ebenfalls zu nutzen versteht, in einer Art und Weise, die man sich nur sehr schwer vorstellen kann.

Die AI als solche ist weder gut noch schlecht

  • Auf der Ars Electronica spürt man einen äußerst positiven Esprit ausgehend von jenen, die mit AI arbeiten. Deren Offenheit in Bezug auf AI lässt aber auch Kritik zu.

  • An dem Punkt unterscheidet sich die Wirtschaft von den Wissenschaftler*innen und Künstler*innen die ich bei Ars Electronica erlebt habe.

  • Alle gemeinsam nutzen AI, aber die offene Auseinandersetzung und kritische Fragen werden bei der Wirtschaft aus Zeitgründen zu oft ausgespart, oder aus wirtschaftlichen Bedenken nur hinter verschlossenen Türen geführt.

Dahingehend bietet vermutlich die Ars Electronica mehr Einblicke als vielleicht die IFA. Die IFA hätte mir auf der Oberfläche, sprich auf der äußerlichen, sichtbaren Produktebene sicherlich weit mehr zeigen können als die Ars Electronica. Die IFA hätte mir die neuesten Trends und Applications von Smartphones, Smart-Homes, Smart-Cars, von unzähligen neuen anderen Produkten und Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten, zeigen können. Aber eines hätte die IFA vermutlich nicht so offen dargestellt, die Hinterbühnen – all das, was die Produkte in sich verbergen, die Wirkungskräfte, u.a. den Einsatz von AI, die hinter bzw. in den Produkten stecken, mit welcher die Menschen in Kontakt treten und von welcher die Menschen beeinflusst werden.

  • Jetzt mögen Sie vermutlich aufschreien und sagen, dass es für Unternehmen legitim sei entsprechend den Möglichkeiten, sprich auch mit Hilfe von AI, Konsument*innen von Produkten zu überzeugen, Konsument*innen mit Produkten fit für die Zukunft zu machen. Die AI ist einfach nur ein neues Hilfsmittel, um Produkte noch besser zu machen. Das einzusetzen bzw. zu nutzen, muss man nicht explizit erwähnen und auf die möglichen Folgen hinweisen.

  • Die Wirtschaft befindet sich immerfort in der Weiterentwicklung, und kann nicht ständig jeden Schritt für jeden Menschen auf dieser Welt erklärbar und diskutierbar werden lassen. Ja, das mag stimmen. Aber mit Hilfe der AI wird vielleicht die Art und Weise was und wie konsumiert wird, wie finanztechnisch agiert wird, derart intensiv und schnell beeinflusst, dass man nicht abschätzen kann, wohin das womöglich führt. Ich fürchte, wir unterschätzen die AI – aber nicht, weil diese böse ist, sondern weil wir uns einfach zu wenig mit der AI auseinandersetzen.

Die Ars Electronica schafft es meiner Meinung nach, mehr Reflexion und Auseinandersetzung mit einer verspielten Offenheit gegenüber den neuesten technologischen Innovationen in eine annehmbare Kommunikation zu führen als es in der Wirtschaft vorzufinden ist. Ohne Scheu und ohne Hemmung wird auf der Ars Electronica mit der AI kommuniziert, und diese in schrägen Produkten und Kunstobjekten berühr- und erlebbar gemacht – so, dass selbst ich, der mit Skepsis der AI gegenübertritt, mich dieser anders nähern konnte als zuvor.

Nicht grundlos schreibt Katrin-Cécile Ziegler, Digital Economist, Speakerin, TV & Event-Moderatorin, dass die Ars Electronica ein Pflichtbildungsprogramm sein sollte für alle jene, die mit digitalen Technologien zu tun haben. Und der Bundespräsident von Österreich, Alexander Van der Bellen, meint, die Zeiten, wo die Technik allein den Ton angibt, sind vorbei. Die neuesten Technologien erfordern ein Wissen, dass den rein technologischen Rahmen sprengt. Das Wissen muss breitgefächert entwickelt werden, muss aus der Verbindung unterschiedlichster Lebens- und Arbeitsbereiche heraus entstehen. Dahingehend ist die Ars Electronica einmalig in der Welt.

Wen dem so ist, so sollte man meinen, dass auf der Ars Electronica auch die Wirtschaft vertreten ist. Aber das kann ich nicht bestätigen. Ich habe auf der Ars Electronica kaum Menschen aus der Industrie bzw. große Wirtschaftsunternehmen gesehen – vielleicht waren manche inkognito dort unterwegs, so wie ich selbst. Die Ars Electronica zieht scheinbar vermehrt einen Haufen von Individualist*innen aus unterschiedlichsten Wissenschaften und Kunst aus der ganzen Welt an – aber scheinbar kaum Menschen aus der Wirtschaft. Ich als Wirtschaftsnaher fühlte mich dort jedenfalls wie ein Außerirdischer. Woran das liegt – ich kann nur eine spekulative Antwort geben:

  • Vielleicht löst die Ars Electronica das bei der Wirtschaft aus, worüber ich vor 2 Wochen in dem Artikel Zukünftige Wachstumsmärkte schrieb – eine kognitive Dissonanz.

  • Warum, weil eine tiefgründige, breitgefächerte, den wirtschaftlichen Rahmen verlassende Auseinandersetzung mit neuen Technologien alles andere als leicht zu verdauen ist, viel mehr sogar das Gegenteil bewirkt, sprich schwer und fürs erste fast unverdaulich im Magen liegt. Die Wirtschaft möchte schnelle, leichte Lösungen. Das bietet die Ars Electronica nicht. Es gibt keine Produkte, die man hypen kann, keine Applikationen, die leicht von der Hand gehen und mit denen man den Lebens- und Arbeitsalltag bestens bewältigt. Stattdessen bietet die Ars Electronica Einblicke in schräge Gedankenexperimente, die manchmal auch unangenehm drücken, schwer in den Alltag einzuordnen sind, dahingehend wirken, dass man auf sich selbst zurückgeworfen wird – darauf, sich bewusst zu werden, dass die eigenen Gedanken der Schlüssel sind für das, was man auf der Welt vorzufinden wünscht, und der Schlüssel sind für die Wirkungskräfte der neuen Technologien.

Beherrscht man die Gedanken, dann beherrscht man die Zukunft. Das sagt sich so leicht, aber das ist hochgradig anstrengend und bedarf sehr viel Bewusstseinsarbeit in einer Weise, die wir so wie die neuen Technologien es fordern, kaum im Stande sind in der notwendigen Art über den gesamten Arbeitstag halten zu können – dafür müssten wir Meditationsmeister*innen sein. Aber vielleicht hilft uns dabei demnächst eine AI?

Ich jedenfalls bin zu dem Schluss gekommen, dass ich deutlich mehr an mir selbst und meinen Gedanken arbeiten möchte (muss), um die Fähigkeit aufzubringen, mich auf die neue Zeit mit AI mit neuen Möglichkeiten und Chancen bestmöglich einzustellen. Und genau das finde ich sogar reizvoll. Genau genommen komme ich sogar wieder dorthin zurück, wo ich schon einmal war, aber diesen Pfad ein wenig aus den Augen verlor. Wie dem auch sei, angeregt durch die Ars Electronica, durch diesen Umweg, bin ich reaktiviert, mich wieder vermehrt mit Bewusstseinsarbeit auseinanderzusetzen, um mit den neuesten Innovationen, mit AI sinnvoll und auf Augenhöhe arbeiten zu können.

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] https://www.flickr.com/photos/arselectronica/48462939771/in/photolist-2dABszU-2hcSdc8-2hcT3sN-2hcT3qD-2hcSeis-2gQvez6. Am 2019-09-12 gelesen.
[2] https://www.n-tv.de/wissen/Roboter-predigt-in-buddhistischem-Tempel-article21258643.html. Am 2019-09-11 gelesen.

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Zukünftige Wachstumsmärkte – New Business Models

Zukünftige Wachstumsmärkte - New Business Models

4 Wochen Arbeitspause – davon die meiste Zeit in den großen Fjorden von Norwegen verbracht und einige Tage in einem kleinen Ort bei Wien mit der größten europäischen Fotoausstellung genossen. Ich habe viel nachgedacht, viel gelesen, reflektiert, Zeitgeistströmungen intensiv zu erfassen gesucht – mit einer großen, mich doch sehr berührenden Erkenntnis, die nahezu ident in einem Artikel in ZeitOnline vom 31. Juli 2019 zu lesen war.

Dieser Artikel, die Apokalypse ist leider auserzählt, ist für mich ein Sprungbrett. Wohin, darauf komme ich später. Zuvor 2 Gedanken in Bezug auf die auserzählten Herausforderungen, die mich in Verbindung mit einer medial deutlich wahrnehmbaren Tatsache zum Springen bringen:[1]

  1. Die Handlungsweise der Menschen verursacht Probleme, doch die Probleme werden negiert. In entscheidenden Momenten glaubt man nicht den Wissenschaften, sondern frisst die Dinge heiß in sich hinein und meint, es wird doch nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

  2. Die Digitalisierungs- und Klimakatastrophen sind auserzählt und jede Prognose, die dem ähnelt, wird genau durch diese Ähnlichkeit unglaubwürdig. Je dringlicher Wissenschaftler*innen vor baldigen gravierenden Konsequenzen warnen, sei es in der Digitalisierung, wie auch im Klimaschutz, desto umstrittener wird deren Position. Wissenschaftlicher*innen unterstellt man in Folge Persönlichkeitsstörungen oder eine geheime Agenda.

  3. Easy-Going-Lösungen, 5-Punkte-Erfolgsstrategien, die gleich wirken bzw. leicht umzusetzen sind, werden hingegen gehypt, in hoher Zahl angeklickt und mit vielen Likes beflügelt. Das ist in Ordnung, und ich will in keiner Weise Easy-Going-Patentrezepte schlecht reden. Mich bringt es vielmehr dazu, meine Arbeitsweise bzw. meine Sicht der Dinge, mein Verständnis und meine Erkenntnisse über die Digitalisierung, Wirtschaft und die damit zusammenhängenden sozialgesellschaftlichen Phänomene anders zu betrachten. Das heißt, dem gefragten Wunsch nach einfachen Lösungen nachzukommen, ohne jedoch die Situation und die Herausforderungen zu verharmlosen.

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Menschen wollen Probleme lösen, aber mit den Problemen nicht konfrontiert werden – ein Paradoxon, aber scheinbar ein äußerst reales, überall anzutreffendes Phänomen. Dem möchte ich mich gemeinsam mit Gleichgesinnten stellen. Ich möchte die Probleme nicht verharmlosen, aber gleichzeitig versuchen, Lösungen zu finden, die leichter zu nehmen sind. Ich möchte Lösungen finden, die Spaß machen, die motivieren und Wachstum in neuer Weise kreieren. Das mag für manche naiv klingen. Aber vielleicht sind wir alle naiv – jene, die weiterhin an das Wirtschaftswachstum glauben, obgleich dieses sichtbar kränkelt bzw. irgendwann zwangsläufig an die Grenzen stößt, aber genauso gut diejenigen, die die gesamte Wirtschaft auf den Kopf stellen wollen, um die Erde vor Klimakatastrophen zu retten oder die Menschheit vor einer digitalen Weltmacht zu schützen suchen.

  • 2020 könnte das Jahr der nächsten großen Wirtschaftskrise werden. Alle wissen bereits seit Monaten, dass es aller Voraussicht nach so kommen wird, doch kaum jemand hat sich darauf entsprechend vorbereitet. Vielleicht Sie schon, ich weiß es nicht, aber die meisten agieren im Modus, es wird schon nicht so heiß werden.[2]

  • Ebenso hat keiner in Indien gedacht, dass bei einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 5,8% und einer konsumfreudigen Mittelklasse ein massiver Absatzrückgang von 31% bei den indischen Autobauern möglich sein kann. Der Zulieferer Bosch ließ verlauten, im August werde in zwei Fabriken an 13 Tagen nicht gearbeitet. Fertigungsstraßen der Automobilbauer ruhen für 8 bis 14 Tage in diesem Quartal.[3] Das kann auch in Deutschland passieren, doch das würde man so niemals für möglich halten. Solche Szenarien sind doch bloß an den Haaren herbeigezogen, Aufsehenshascherei. Leon Festinger nennt dieses Bewertungsmuster, das so gut wie jeder und jede in sich trägt, kognitive Dissonanz.

Wenn Menschen eine Diskrepanz zwischen ihren Erwartungen und der Realität erleben, die sich nicht beseitigen lässt, erzeugt das ein tiefes Unbehagen und damit das dringende Bedürfnis, das Unbehagen zum Verschwinden zu bringen, indem man das Problem beispielsweise als nicht so schlimm zu sehen versucht, oder gar ignoriert. So kommt es, dass beispielsweise Raucher*innen Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungsrisiko- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Klimawandel, den man deutlich unterschätzt.[4]

Ein tadelnder bzw. angstschürender Informationsstil führt scheinbar unweigerlich dazu, die angesprochenen Herausforderungen zu ignorieren bzw. zu verharmlosen – beruhend auf der menschlichen Triebkraft der kognitiven Dissonanz. Die Apokalypsen schlittern an einem vorbei, scheinen auserzählt zu sein. Diese Einstellung mag einen beruhigen, aber mit welchen Folgen? Die Probleme werden irgendwann einmal jeden und jede treffen, auch wenn man meint, es wird nicht so heiß werden. Der Zusammenbruch des Ostblocks hätte einen darüber lehren können, dass Systeme lange über ihr eigentliches Verfallsdatum hinaus weiterexistieren können, um dann wie ein von Termiten ausgehöhltes Haus geräuschlos zusammenzubrechen.[5]

Bitte nicht schon wieder eine Hiobsbotschaft. Ja, ich weiß, es ist tatsächlich alles andere als einfach, realistische Herausforderungen so zu verbalisieren, dass man bereit ist über die existierenden Herausforderungen ehrlich nachzudenken, nicht in eine Dissonanz zu gehen bzw. sich schnell auf leicht verdauliche Scheinlösungen zu stürzen. Harald Welzer, Soziologe, Sozialpsychologe, Publizist, geht hart ins Gericht mit den Menschen in Bezug auf die Negierung ihrer Probleme. Er sagt unverblümt, die Menschheit steht aktuell vor der größten Herausforderung, der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage. Er spricht deshalb nicht mehr von der Gestaltung der Zukunft, sondern nur noch von den Möglichkeiten der Restauration.

Das ist aber genau das, was niemand hören will. Also frage ich mich:

  • Wie ist es möglich, die Herausforderungen nicht mehr zu negieren, das Unbehagen der Diskrepanz zwischen der Realität und den Wunschvorstellungen, sprich die kognitive Dissonanz aufzulösen, und mit Vertrauen statt Angst andere, neue Möglichkeiten aufzugreifen und umzusetzen?

  • Welche neuen Lösungen könnte man aktuell, beispielsweise in Ihrem Unternehmen andenken, die leichter verdaulich, nicht esoterisch bzw. als nicht durchführbar oder als zu voreilig betrachtet werden?

Die Beantwortung dieser Fragen sind meiner Meinung nach ein Schlüsselpunkt. Leider scheint sich jedoch dieser Dreh- und Angelpunkt für eine vielversprechende Lösungsstrategie selbst auch gleich wieder im Weg zu stehen – ganz im Sinne einer Schutzhaltung gegenüber unangenehmen Herausforderungen, die man nicht hören mag. Tut mir leid, so gesehen habe ich gerade schon wieder keine schnelle Easy-Going-Lösung im Ärmel, die ich einfach so ausschüttle, und Ihnen dann in 5 Punkten als vielversprechendes Erfolgsrezept weitergeben kann.

Der Haken liegt daran, dass wir es einfach nicht gewohnt sind, in neuen Lösungskategorien zu denken – ich selbst auch nicht. Wir, wozu ich mich auch ausnahmslos zähle, denken in äußerst festgefahrenen Kategorien, und es ist wirklich außerordentlich schwer, diese gewohnten Denkmuster, die damit verbundenen Bewertungen einschließlich der Diskrepanzen, in ein neues Licht zu stellen, und andere Denkweisen und damit auch Lösungsansätze zuzulassen.

Aber genau das, das Paradoxon, neue Lösungen zu finden, ohne die tiefgreifenden Probleme zu verharmlosen, motiviert mich gerade sehr, mich selbst mit New Business Models auseinanderzusetzen. Ich möchte mich einer neuen Lösungsstrategie anvertrauen, die weniger darauf beruht, aus Angst vor der Zukunft Probleme zu verharmlosen, oder in eine verzweifelte Anklage zu gehen, sondern aus Freude, Spaß, aus Inspiration heraus und der damit verbundenen spielerischen Leichtigkeit, neue Wege zu finden. Das kann auch Wachstum erzielen, aber vermutlich auf andere Art und Weise.

All jene, die sich vielleicht schon einmal mit Permakultur auseinandergesetzt haben wissen vielleicht, dass man mit dieser sehr gemischten Anbauweise einen deutlich größeren Obst- und Gemüseertrag bei gleicher Flächengröße erwirtschaften kann, als mit industrieller Mono-Landwirtschaft – und das noch dazu ohne künstliche Schädlingsbekämpfung. Die Art und Weise, wie die Pflanzen in Kooperationen zueinander wirken, stärkt das gegenseitige Wachstum und bekämpft Schädlinge. Das ist doch bemerkenswert – zumindest für mich.

Nichts Neues werden Sie jetzt denken, Permakultur gibt es schon lange. Ja, aber warum unterstützt man dann in großem Stil die Monokultur der Agrarriesen, die ohnehin nur 30% der weltweiten Bevölkerung zu ernähren im Stande sind und deren Arbeitsweise das größte Kapital der Landwirtschaft, den Boden, auch noch beschädigt? Diese Frage ist wieder eine Anklage, die Unbehagen auslöst und damit negiert oder gar mit Gegenargumenten rückverurteilt wird. Also wenden wir den Blick zurück zu jenem Aspekt, der positiv stimmt und betrachten jene Aspekte der Permakultur, die Erfolge zeigen, versuchen eine gedankliche Brücke aufzubauen – von der Kooperationskraft unterschiedlichster Pflanzen, die sich gegenseitig stärken, hin zu Ihrem Unternehmen und der fachübergreifenden Kooperationskraft dort.

Eine erfolgsversprechende Digitalisierung fordert ohnehin das über die Fachbereiche hinaus wirksame Denken und Handeln – sprich Diversity. Silodenken ist hingegen ein schwerer Hemmschuh für die Digitalisierung, doch in den meisten Unternehmen so derart normal und gewohnt, dass man die Monokulturen gar nicht als solche wahrnimmt, manchmal sogar meint, man agiert ohnehin schon sehr vielseitig, durchmischt, mit Querdenker*innen gestärkt – leider eine hartnäckige Illusion. Die meisten Unternehmen agieren im Modus von Monokulturen.

Dieses Aufspüren von neuen Lösungen verlangt viel Offenheit, um das fokussierte, fixierte, gewohnte Denk- und Beurteilungsmuster auszuhebeln. Dafür ist es notwendig, den persönlichen Denkradius deutlich zu vergrößern, in Austausch zu gehen mit unterschiedlichsten Menschen und ebenso Naturräumen – in Berührung zu gehen, mit Handlungsweisen, die schräg klingen, z.B. mit einem Baum kommunizieren. Ja, ich weiß, das mag jetzt für manche total daneben klingen. Lassen Sie mich ergänzen, dass die Wissenschaft herausgefunden hat und sogar belegen kann, dass wir Menschen tatsächlich mit Bäumen in kommunikativen Austausch gehen können. Das mag für viele erst einmal ein Gedankenexperiment sein.

Aber das Schöne daran ist, man kommt in Unterhaltungen, die einem persönlich viel bringen können – in jeder Weise. Das ist das, was uns Menschen ohnehin am meisten bewegt, andere Menschen und die Natur. Manchmal scheint es zwar nicht so, aber bei genauer Betrachtung sind es immer die Menschen im Austausch mit der Natur, die sich gegenseitig inspirieren oder zerstören. Aus dem heraus hat sich viel entwickelt, und könnte sich noch viel mehr entwickeln, wenn man neue Wege zu gehen sucht. Diese neuen Wege, New Business Models, müssen jedoch nicht dem Wirtschaftswachstum widerstreben, wie so oft angenommen. Vielleicht gibt es ein sowohl als auch – wie beispielsweise die Suchmaschine Ecosia, im Web suchen und Bäume pflanzen.

New Business Models

Ecosia gegründet 2010 in Wittenberg von Christian Kroll, hat im Juni fast 1,5 Millionen EURO eingenommen und veröffentlicht jeden Monat seine Finanzen. Ecosia ist die erste ökologische Suchmaschine und spendet 80% der Einnahmen an weltweite Baumpflanz-Projekte. Mittlerweile hat Ecosia 65 Millionen Bäume gepflanzt in mehr als 17 Ländern, und beschäftigt fast 50 Menschen. Ein Tree Planting Officer überprüft vor Ort, ob die Bäume wirklich angepflanzt werden, und dass sie stehen bleiben. Aber auch andere Aspekte spielen eine Rolle, u.a. faire Gehälter zahlen, keine Kinder arbeiten lassen und keine Monokulturen pflanzen. Der Strom für die Server kommt aus erneuerbaren Energien. Ecosia hat selbst Solaranlagen gebaut, und in den nächsten 3 Jahren sollen 8 Millionen EURO in neue Solaranlagen investiert werden. Beim Programmieren achtet Ecosia auf schlanke Codes, denn schlechte Codes verursachen mehr Rechenleistung, damit steigen die Serverkosten bzw. der Energieverbrauch der Server.[6]

Das Ecosia-Geschäftsmodell funktioniert wie bei jeder anderen Suchmaschine: Firmen buchen Suchbegriffe, die von der Microsoft Suchmaschine Bing geliefert wird, um die Firmenseite als Werbung oben auf der Ergebnisseite angezeigen. Für jeden Klick zahlen die Unternehmen. Ein Riesenmarkt, wenn allein Ecosia – mit einem verschwindend kleinen weltweiten Marktanteil – fast 1,5 Millionen EURO monatlich einnimmt.[7]

Auch das Unternehmen Raubein in Hard, Vorarlberg, mit dem Motto „Möbel ohne Ende“ wollen Wachstum erzielen, jedoch anders – Wachstum im Verständnis von Wertschätzung und Respekt. Raubein dient aktuell als Ausgleich für die beruflichen, meist kopflastigen Tätigkeiten, wo sich die Partner*innen von Raubein manuell austoben und gleichzeitig Sinn suchen und stiften. Raubein schaut über die Grenzen, schaut hinter die Fassaden von alten, lehrstehenden Häusern, Hotels, Brauereien und Handwerksbetrieben, von Verwaltungs- und Fabriksgebäuden.[8]

Raubein ist ein Herzensprojekt, nicht nachhaltig in dem Sinn, wie man Nachhaltigkeit meisthin versteht, sondern beruhend auf Liebe und Respekt für gute Verarbeitung und durchhaltefähigem Material, nachhaltig aus Verbundenheit zu den Menschen, die mit den Dingen jahrelang gearbeitet und gelebt haben. Raubein sieht sich privilegiert, so arbeiten zu dürfen und gibt aus Dank einen Teil der Erlöse für soziale und gemeinnützige Initiativen der Region zurück. Zudem geht in einzelnen Fällen ein Teilbetrag des Erlöses auch an den/die Möbelspender*in zurück.[9]

Als 3. und letztes Beispiel für heute, möchte ich ein Unternehmen nennen, Sono-Motors, dass 2020 das erste serienmäßige Elektroauto Sion herausbringt, das seine Batterie zusätzlich durch die Energie der Sonne lädt. Das Dach, die Motorhaube und die gesamte Karosserie des Autos sind vollflächig mit monokristallinen Siliziumzellen verkleidet. Der gespeicherte Strom kann auch wieder abgegeben und damit beispielsweise elektrische Geräte, oder sogar ein zweites Elektroauto geladen werden. Im Innenraum reguliert ein organischer Filter aus Moos – breSono – die Luftfeuchtigkeit und filtert Feinstaub.[10]

Der Sion ist ein familienfreundlicher Allrounder: 5 Türen, 5 Sitzplätze, Isofix-Vorrichtungen, ein großzügiger Kofferraum, ein Elektromotor mit einer Maximalgeschwindigkeit von 140 km/h, eine Reichweite von 255 km nach WLTP-Standard, eine Anhängerkupplung mit einer Zuglast von maximal 750 Kilogramm, ein Schnellladesystem, …. Daran ist nichts außergewöhnlich im Vergleich zu anderen E-Autos. Doch die Möglichkeit, die Batterie durch die Sonne aufzuladen ist doch bemerkenswert, und ebenso die Art und Weise wie man versucht, ressourcenschonend zu produzieren.[11] Die verwendeten Bauteile müssen folgenden Anforderungen erfüllen: Lebensdauer von mindestens 8 Jahren, Beständigkeit gegen Umwelteinflüsse, Bruchfestigkeit und ein geringes Gewicht, das alleine macht viel aus. Darauf nimmt beispielsweise Audi mit seinem E-Tron scheinbar noch nicht viel Rücksicht. Der Audi e-tron wiegt knapp 2,5 Tonnen.

Die Batterien es Sion bestehen aus einer Zellchemie mit reduziertem Kobaltanteil. Sono-Motors hat darüber hinaus 2017 beschlossen, alle Emissionen, die bei der Produktion des Sion entlang der Lieferkette anfallen, zu kompensieren. Dies beinhaltet neben der Produktion und Zusammensetzung der Bauteile und der Logistik, auch die Emissionen der Büros sowie die Geschäftsreisen. Die Produktionsstätten im ehemaligen Werk der Kultmarke SAAB verwenden Strom aus 100 Prozent erneuerbarer Energien.[12]

Auch wenn Sion sicher noch nicht die beste Lösung ist, was die Mobilität betrifft – es ist ein weiterer Schritt. An der Stelle möchte ich ein interessantes Gedankenspiel von Welzer anführen, der den Öko-Wahn und die Umstellung des Energieverbrauchs auf rein Öko für bedenklich hält. Er schreibt: Der Glaube mit der Umstellung des Energiesystems die gefährliche Klimaerwärmung zu stoppen, ist eine Illusion. Tatsächlich würde sogar das Gegenteil der Fall sein: Würde man nämlich die Nutzung fossiler Energien vollständig durch die Nutzung erneuerbarer Energien ersetzen, gäbe es hinsichtlich der Expansion von rohstoffintensiven Ernährungs-, Wohn- und Mobilitätsstilen kein Halten mehr, denn schließlich wäre die zu deren Erzeugung benötigte Energie dann ja unbegrenzt verfügbar. Eine gelingende Energiewende in der falschen Kultur kann in der Konsequenz damit sogar zu einer Erhöhung der Zerstörungskraft der bestehenden Praxis führen – das Gegenteil einer gelungenen Transformation.[13]

Nun ja, diese Aussage mag stimmen, berührt jedoch wieder sehr unangenehm, aktiviert die kognitive Dissonanz und negiert damit die Aussage bzw. redet die Aussage schlecht und findet rasch Gegenargumente. An dem Punkt heißt es, Durchhaltevermögen zeigen, sprich die Herausforderungen bejahend im Blick haben, aber mit einer verspielten Leichtigkeit an die Sache herangehen, Abenteuerlust zulassen, um ganz neue Wege zu finden – ein Wachstum der anderen Art kreieren.

Resümee

Ich selbst stehe was New Business Models betrifft, wenn ich ehrlich bin, ziemlich am Anfang. Aber ich freue mich wie ein 8jähriger Junge, der neue Abenteuer zu bestreiten sucht, wirklich neue Geschäftsmodelle ausfindig zu machen bzw. gemeinsam mit Interessierten neue Geschäftsmodelle anzudenken, neue Wachstumsmärkte zu erschließen – Wachstumsmärkte der neuen Generation. Das sehe ich als Freiheit und Teilhabe. Genau das produziert scheinbar auch die kapitalistische Gesellschaft, die Erfahrung von Freiheit und Teilhabe. Aber nach Welzer existiert Freiheit und Teilhabe im Kapitalismus nur auf dem Rücken der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, auf der Steigerung des individuellen Glücks und der Zerstörung und Ausbeutung der Welt.

Es geht nicht mehr um die Frage, was es zu vermeiden, sondern was es zu erhalten gilt. Unausweichlich stehen wir vor den Problemen der Ressourcenknappheit, Schuldenstress, Migrationsströme, Klimakatastrophen.[14] Diese Sichtweise führt jedoch wiederum nicht dazu, neue Lösungen zu finden, sondern vielmehr dahingehend, sich zu distanzieren und die Herausforderungen zu negieren. Merken Sie es? Es ist wirklich beachtlich, wie schnell kritische Aussagen, mögen diese noch so relevant und wichtig sein, Unmut auslösen, und damit die Auseinandersetzung mit den Problemen äußerst subtil so zu verdrehen sucht, dahingehend dass die Probleme eigentlich gar nicht wirklich bestehen bzw. viel harmloser scheinen.

Scheinbar gelassen geht man mit moralisch zutiefst verstörenden Sachverhalten um – und genau das sind wir auch gewohnt. Es ist nicht nur die kognitive Dissonanz, sondern auch die Gewohnheit, sich so von Herausforderungen zu distanzieren und sich damit irgendwie zu belügen. Neu ist nur: Man betrügt jetzt nicht nur die anderen, die irgendwo da draußen in der Welt sind, sondern inzwischen auch die eigenen Leute – die eigenen Kinder, Nichten, Neffen, Enkel und all jene, die nach uns kommen. Welzer diagnostiziert: Ich selbst bin das Problem, das gelöst werden muss, wenn die Welt zukunftsfähig bleiben soll.[15]

Merken Sie es vielleicht jetzt wieder? Diese letzte Aussage löst vermutlich erneut Unbehagen aus, vielleicht fühlen Sie schon die Abwehr in sich aufsteigen. Und genau jetzt an dem Punkt kann es spannend werden. Vielleicht schafft man es, jetzt an diesem Punkt, die Herausforderung nicht sofort zu negieren, sondern mit Respekt stehen zu lassen, aber gleichzeitig mit dem Drang nach positiven Gefühlen, mit einer Brise der Easy-Going-Strategie zu verbinden – ein Sowohl-als-auch zulassen.

Ich möchte jedenfalls die nächsten Wochen dafür nutzen, in leichterer Weise schwere Themen und Herausforderungen anzugehen. Ich freue mich darauf. Ich möchte die Probleme und Herausforderungen nicht negieren, aber ich möchte niemanden mit apokalyptischen Aussagen bedrängen, sondern versuchen, die Lust an wirklich neuen Geschäftsideen zu wecken, die Lust für wirtschaftliches Abenteuer anzuregen, in neue Wachstumsmärkte zu investieren, Grenzen in hochgestimmter Weise zu überschreiten.

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] https://www.zeit.de/kultur/2019-07/klimakatastrophe-apokalypse-weltuntergang-hysterie-erderwaermung. Am 2019-08-27 gelesen.
[2] https://www.msn.com/de-at/finanzen/top-stories/es-droht-die-nächste-große-wirtschaftskrise-und-alle-schauen-nur-zu/ar-AAGoda1?ocid=spartandhp. Am 2019-08-27 gelesen.
[3] https://www.nzz.ch/wirtschaft/abrupter-stopp-fuer-indiens-autoindustrie-ld.1502004. Am 2019-08-27 gelesen.
[4] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.
[5] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.
[6] https://www.ecosia.org/. Am 2019-08-27 gelesen.
[7] https://www.ecosia.org/. Am 2019-08-27 gelesen.
[8] https://www.raubein.at/. Am 2019-08-27 gelesen.
[9] https://www.raubein.at/. Am 2019-08-27 gelesen.
[10] https://sonomotors.com/de/. Am 2019-08-27 gelesen.
[11] https://sonomotors.com/de/. Am 2019-08-27 gelesen.
[12] https://sonomotors.com/de/. Am 2019-08-27 gelesen.
[13] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.
[14] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.
[15] Welzer, Harald: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand. S.Fischer Verlag GmbH. Frankfurt a.M.: 2013.

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