Weg vom Spezialisten hin zum Generalisten

 

Weg vom Spezialisten hin zum Generalisten

Ein höheres Bildungsniveau ist nicht nur erforderlich, sondern dank der neuen Technologien auch möglich.[1] Doch genügt das, um Lernen, Fort- und Weiterbildungen tatsächlich erfolgsversprechend zum Wirken zu bringen? Wann ist es überhaupt notwendig, eine Fortbildung anzusetzen? Und welche Bildungsmaßnahmen sind wirklich erfolgsversprechend?! Diese Fragen möchte ich in diesem Beitrag etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Es beginnt bei dem Punkt, dass sich die Geister scheiden, was die Kompetenzen und damit das Wissen der Führungskräfte und CEOs betrifft. Außenstehende würden sagen, dass das Management – heute im Jahr 2018 – einiges zu Lernen hat. Das Management selbst sieht das vielleicht nicht ganz so. 

Am Beispiel der digitalen Kommunikation zeigt sich, dass Deutschlands Management doch einiges an Wissenserweiterung notwendig hätte. Im Social-Media-Ranking steht Deutschland, gemeinsam mit Russland, weltweit auf dem letzten Platz.[2] Den einzigen Dax30-CEO, den man auf Twitter findet, ist Bill McDermott von SAP.[3] Der Ökonom Thomas Straubhaar meint, in Kinderzimmern findet sich mehr digitale Kompetenz als in den Chefetagen der Wirtschaft.[4] Ich möchte heute aber weniger die Kompetenzen und was gelernt werden sollte ansprechen, sondern vielmehr das Lernen als solches betrachten – insbesondere im Management.

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Prof. Dr. Gunter Dueck – Philosoph, Mathematiker, Autor und Gewinner des Wirtschaftsbuchpreises 2006 – beleuchtet kritisch die Lehrpläne der Universitäten und fragt sich, wie die Universitäten damit leben, dass StudentInnen in vielen Disziplinen vom gelernten Stoff später im Beruf „nichts“ gebrauchen können.[5]

Leider zeigt sich neben der oft unpraktisch vermittelten Wissensbildung, später nach Abschluss der Universität, zusätzlich noch eine Art Lern-Allergie. Viele ergreifen die Flucht, wenn es um Weiterbildung im Beruf geht, oft nicht einmal bewusst. Zum einen aus einer gewissen Überheblichkeit heraus, zum anderen jedoch aufgrund negativer Erfahrungen während des Bildungsweges. Bei manchen ist die Überheblichkeit, man wüsste schon alles, eine Not-Strategie, um der Lernmüdigkeit bzw. den Lernkrämpfen aus früheren Zeiten nicht mehr ausgeliefert sein zu müssen.[6] Das ist jedoch nur ein Aspekt in Bezug auf die oft nur beschränkte Weiterbildungsmotivation – zumindest ist das meine Erfahrung. Was ich vielmehr feststelle:

Es wird so getan, als ob man fleißig Weiterbildungen im Beruf anstrebt – meist sind es jedoch Weiterbildungen, die rein rational ausgerichtet sind. Hier greift noch ein gewisses Bestreben, das Wissen zu erweitern. Aber sobald es über den rationalen Bereich hinaus, in emotional verbundene Lerngebiete und um Verhaltensänderungen geht, werden Weiterbildungen zur Seite geschoben bzw. als nicht notwendig erachtet.

Lernen beginnt jedoch mit der Einsicht bzw. einer urteilsfähigen Selbstführung, indem man sich eingesteht, dass mit dem Lernen auch unangenehme Aspekte in Bezug auf das Erlernte wach ruft – sei es dem Eingeständnis, man ist gar nicht so gut wie man meinte, oder man spürt in Bezug auf das neu zu Erlernende eine weitreichende Wirkung, der man sich eigentlich nicht aussetzen mag.

Gerade im oberen Management zeigt sich in Bezug auf das Eingeständnis, die eigenen Kompetenzen könnten unter Umständen etwas Auffrischung benötigen, eine Art Taub- und Blindheit. Das darf jetzt auch nicht verurteilt werden, es ist genau genommen eine menschliche Reaktion. Es hat u.a. etwas mit dem Machtgefüge, und den damit verbundenen menschlichen Reaktionen zu tun. Macht verändert die Psyche und damit die Persönlichkeit.[7] Das wiederum wirkt auf das Selbstverständnis und auf die persönliche Urteilsfähigkeit, dass es unter Umständen an Wissen mangelt – selbstverständlich mit Ausnahmen.

70 Prozent der Old-School-ManagerInnen verbringen 70 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, ihre bisher erreichte Macht abzusichern anstatt Neues zu Lernen.[8]

Gerade heute in der digitalen Revolution ist jedoch die Kompetenzerweiterung nicht bloß im rationalen, technischen Fach, sondern auch im kreativen, intuitiven, emphatischen, mitfühlenden, universalen Bereich notwendig. Satya Nadella ist ein Vorbild darin, ebenso wie Jack Ma, der sehr eindringlich beim World Economic Forum 2018 über neue Wissenskompetenzen sprach. Dueck redet ebenfalls immer wieder davon, dass heute in VUCA-Zeiten eine neue Intelligenz bzw. eine neue Art der Bildung entwickelt werden muss. Dueck meint, es sei auf allen Ebenen notwendig, sich mit der Aufmerksamkeitsökonomie auszukennen, sowie eine Attraktionsintelligenz- und professionelle Medienkompetenz zu entwickeln. Ebenso müssen wir die emotionale Intelligenz couragierter anzugehen. Das Wissen im Kopf allein reicht nicht mehr aus.[9]

Es geht kein Weg mehr daran vorbei, man muss wieder zum Studium Generale zurückkommen.[10] Das ist die Meinung von Chris Boos, Hidden Champion des digitalen Zeitalters. Die von seiner Firma Arago entwickelte künstliche Intelligenz-Plattform Hiro setzt Maßstäbe. Auch Boos ist der Meinung, dass das mathematische, physikalische und technische Verständnis zwar notwendig ist, aber alleine nicht reicht. Man müsse, um in der digitalen Zeit weiterhin erfolgreich zu sein, auch wissen, wie die Gesellschaft funktioniert, sich der Werte bewusst sein, die die Gesellschaft zusammenhält. Denn wenn wirtschaftliche Entwicklungen menschliche Ethik zerstört, dann richtet es Schaden an.[11]

Bildung neu lernen

Wir müssen uns von der Spezialisierung verabschieden und auf ein breitgefächertes, weit über das rein rational technische Wissen hinausgehende einlassen.

An dem Punkt möchte ich Sie einladen, nicht nur einen Vorausblick zu wagen, was Bildung in der Zukunft verlangt, sondern auch einen Schritt in die Vergangenheit zu setzen. Denn dort finden wir in Bezug auf das Streben der Menschen nach Wissen interessante Ansätze. In einer bedeutenden griechischen Tragödie aus dem Jahr 458 v. Christus, in der Orestie, heißt es, dass in Bezug auf Wissen Zeus die Menschen auf den Weg zum richtigen Denken und zur Einsicht in das Ganze geführt habe. Die anderen sind daran gescheitert. Das göttliche Gesetz von Zeus beschreibt: Durch leiden lernen.[12] Genau das wollen wir jedoch nicht, aber gerade der Leidensaspekt, wenn dieser das Maß des Erträglichen überschreitet, ist der Auslöser, um etwas zu lernen bzw. zu verändern.

Der Leidensaspekt gehört zum Lernen, und dient als Sprungbrett zu neuem Wissen. Genau an diesem Punkt spielt Demut, Selbstreflexion und ein gnadenlos ehrlicher Blick in den Spiegel[13] eine wichtige Rolle. Wissenserwerb ist eben nicht bloß das Erweitern von rationalen fachlichen Komponenten, sondern beinhaltet neben der spezifischen Fachkomponente auch ein breitgefächertes Know-how. Genau das fordern gerade die IT-Spezialistinnen. Genau jene, wo man meinen könnte, Fachwissen sei das Um und Auf. Aus den Reihen der IT-SpezialistInnen ist zu hören, dass das Lernen viel zu einseitig und vor allem faktenbezogen betrachtet wird.[14] Das Lernen ist weit komplexer als das, was man oft unter Lernen versteht. Einige von Ihnen werden das auch so sehen. Manchen mag aber dieses komplexe Lernverständnis übertrieben erscheinen. Das kann ich gut nachvollziehen, denn für die meisten heißt Lernen, Informationen rational erfassen und bei Bedarf darauf zurückgreifen. Wissen und die darauf begründete Kompetenz braucht jedoch mehr.

Lernen ist das Wechselspiel von eigenem Wissen, eigener Visionen und Emotionen in Verbindung mit dem Wissen und den Visionen und Emotionen der anderen.

Der Erfolg von Google, Facebook und Co begründet sich nicht auf deren technisches Super-Know-How, sondern darauf, dass sie ein elementares menschliches Grundbedürfnis stillen, das Bedürfnis nach Information und Kommunikation.[15] In gewisser Weise nutzen Google und Co die kindliche Art des Lernens, die spielerische Weise sich neues Wissen anzueignen. Kinder lernen aus Leidenschaft, mit Körper und Emotionen. So braucht es eigentlich LehrerInnen/ ProfessorInnen/ TrainerInnen/ Coaches, die keine vorgefertigten Lernschemata abwickeln, sondern rational und emotional erkennen, was jemand noch nicht weiß bzw. nicht wissen möchte, und dies ehrlich und respektvoll anzusprechen wagt. Die eindringliche Aufforderung von Dueck heißt, dass aktuell in die professionelle und persönliche Entwicklung sehr viel mehr Energie gesteckt werden muss.[16]

6 Bildungs-Tipps

Zusammenfassend und den Text ergänzend möchte ich Ihnen 6 Tipps mitgeben, um Ihre persönliche Fort- bzw. Weiterbildung, sowie die Ihrer MitarbeiterInnen erfolgsversprechend anzugehen.

  1. Ergründen Sie ehrlich, ob eine Weiterbildung ansteht oder nicht. Wenn Widerstand hochkommt, dann haben Sie unter Umständen eine Kompetenzschwäche erkannt. Wagen Sie es, sich mit Ihren und den von Ihren MitarbeiterInnen aufkommenden Bildungswiderständen auseinanderzusetzen. Das wird vieles klären, und eine vertrauensvolle Lernbasis schaffen. Selbsterkenntnis, ein ehrlicher Blick in den Spiegel, und ein gutes Stressmanagement gehört zum Lernmanagement dazu.

  2. In diesem Zusammenhang ist Mindfulnesspraxis sehr hilfreich. Zum einen hilft es, Stress zu mildern, Lernwiderstände zu erkennen, und unbewusst Ängste in Bezug auf das zu Erlernende und die damit verbundenen Folgen aus dem Weg zu räumen. Zum anderen hilft die Praxis von Mindfulness die neu geforderten Kompetenzen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie und Attraktionsintelligenz bestmöglich zu entwickeln. Achtsamkeit soll eine der wichtigsten Strömungen der Gegenwart und Zukunft werden – auch in der Wirtschaft.[17]

  3. Prüfen Sie die Weiterbildung auf Sinnhaftigkeit/Motivation. Lernen ohne Sinn ist bloß wie ein Windhauch. Er kommt und geht, ohne etwas tiefgründig und nachhaltig zu hinterlassen. Im Moment des Windhauchs mag dieser für manche erfrischend sein, aber sobald dieser weg ist, ist alles beim Alten. Der Sinn und die Motivation begründet sich in der emotionalen Berührtheit von dem zu Erlernenden. Dazu gehören nicht bloß die Freude und der Spaß, sondern unter Umständen auch Frust, Ärger oder sogar Traurigkeit. Gerade in diesem Zusammenhang ist die vorhin erwähnte Achtsamkeitspraxis äußerst hilfreich. Aus dem heraus kann in Folge für das zu Erlernende sehr viel an zusätzlichem Wissen und Innovationen gewonnen werden.

  4. Entwickeln Sie deshalb ein ganzheitlich ausgerichtetes Weiterbildungsprogramm inkl. Ergründung des individuellen Lerntyps gemeinsam mit dem Management und qualifizierten, erfahrenen BeraterInnen. Zum Lernen gehört Achtsamkeit, Leidenschaft, Emotion und Körperlichkeit – der rationale Aspekt wird sich dann fast von selbst manifestieren bzw. im Hirn als Erinnerung abspeichern. Das entwickelte Lernprogramm sollte so individuell wie möglich ausgerichtet bzw. adaptierfähig sein. Man sollte die unterschiedlichen Lerntypen mit dem Fortbildungsprogramm erreichen können.

  5. Geben Sie sich selbst und Ihren MitarbeiterInnen Zeit zum Üben, und schaffen Sie eine positive Fehlerkultur. Fehlermachen gehört zum Lernen dazu. Reflektieren Sie mit anderen über das zu Erlernende. Das Sprechen hilft, das neue Wissen besser, tiefgründiger und weitreichender zu verstehen, und darüber hinaus auch noch mögliche Blockaden oder gar Sinnfragen zu klären. Ebenso hilft es, ein handschriftliches Weiterbildungs-Tagebuch zu führen. Das Tippen in das Tablet/PC bringt kaum etwas.[18] Das kognitive und emotionale Erfassen der Zusammenhänge sind für das zu Erlernende unglaublich wichtig. Nur dann kann das neue Wissen wirklich greifen und sinnvoll wirken.

  6. Nutzen Sie Erinnerungshilfen – in Form von Gegenständen, inneren Bildern oder auch durch KollegInnen und MitarbeiterInnen. Das neue Wissen geht in der Hektik vom Arbeitsalltag leicht wieder verloren. Allzu leicht lässt sich das Neue durch negative Gedanken wieder einschüchtern und verschwindet im Hintergrund. Gleichzeitig dient die Erinnerungshilfe auch unserer Gedankenkontrolle.

Lernen wird heute die wichtigste Arbeit in der Arbeit werden – auch im Management. Davon wird die erfolgreiche Zukunft von einem selbst als Führungskraft und von Unternehmen abhängen.[19]

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[2] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[3] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[4] https://christinaboesenberg.de/2016/10/29/aufsichtsrat-4-0/. Am 2017-08-01 gelesen.
[5] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[6] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[7] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[8] http://blog.anneschueller.de/warum-die-alten-von-den-jungen-nicht-lernen-und-in-alten-strukturen-verharren/. Am 2017-08-01 gelesen.
[9] https://www.huffingtonpost.de/marco-englert/digital-life-entwicklung-gunter-dueck_b_15339024.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[10] https://www.karrierefuehrer.de/digital/chris-boos-ki-interview.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[11] https://www.karrierefuehrer.de/digital/chris-boos-ki-interview.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[12] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[13] www.ilwis-hr.com/news-detail/article/Buchtipp-die-stille-revolution/. Am 2018-02-20 gelesen.
[14] https://blog-wagner-consulting.eu/digitalisierung-wird-unterschaetzt/.
[15] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5225660/Selbstfuehrung-in-einer-komplexen-Welt. Am 2017-08-01 gelesen.
[16] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[17] https://blog-wagner-consulting.eu/slowness-trend-wirtschaft/.
[18] http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-11/Manfred-Spitzer-Lernmythen. Am 2017-08-02 gelesen.
[19] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.

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Die Frage nach dem WARUM kann entscheidend sein

Die Frage nach dem WARUM kann entscheidend sein

Der Businessalltag ist voll mit Informationen, darüber was man tut, was einem ärgert, wo es hakt. Man spricht über das, was an Fähigkeiten im Business notwendig ist – verstärkt jetzt im digitalen Prozess. Doch wie oft sprechen Sie über das jeweilige Warum?

  • Warum tun Sie das, was Sie tun?

  • Warum setzen Sie bestimmte Schritte und wollen Veränderungen durchführen?

Vielleicht meinen Sie, Sie agieren ohnehin unentwegt mit Warum-Fragen. Mag sein, dass Sie das Warum im Hintergrund im Kopf haben. Sie versuchen Antworten auf Probleme zu finden, die scheinbar aus einer Warum-Frage heraus entstanden sind.

Doch meiner Erfahrung nach stammen die Antworten weniger aus echten Warum-Fragen, sondern streifen nur am Rande das Warum. Meist sind es Reaktionen auf ein Was, Wie und Erklärungen auf andere Antworten, ohne das Warum konkret in die Antwortfindung einbezogen zu haben. Die Warum-Frage steckt unbeantwortet im Hinterkopf.

Was-Fragen dominieren – Warum?

Es ist ganz normal, dass die Fragen nach dem Was dominieren. Das ist so normal, dass man es kaum in Frage stellt. Warum ist das jedoch so:

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Hier wirkt wie so oft die Macht der Gewohnheit. Wir sind es gewohnt, immer zuerst und automatisch nach dem Was und Wie zu fragen. Beobachten Sie sich einmal selbst. Oft kommt als Erstes die Frage: Was ist zu tun, gefolgt von, mit welchen Prozessen kann das umgesetzt werden? Was sind die nächsten Schritte, Meilensteine, Teilziele?[1] Das Was kann schnell delegiert werden, mit dem Was kann man anstehende Aufgaben verständlich und klar verteilen.

Neben der Gewohnheit ist der Zeitmangel bzw. Zeitdruck ebenfalls ein starker Trigger, die Warum-Fragen zur Seite zu schieben. Aber auch Angst und Zweifel wehren sich gerne gegen Warum-Fragen, meist weil man befürchtet, mit einer Warum-Frage im Lösungsfindungsprozess zu langsam zu werden, oder gar neue Probleme zu kreieren – was zum Teil auch so ist. Doch diese, aus einer Warum-Frage heraus quirlenden, scheinbaren neuen Probleme kommen ohnehin irgendwann ans Tageslicht. Meist dann, wenn die Folgen wirklich unangenehm sind und Schaden anrichten.

Mit Warum-Fragen verlassen wir auf jeden Fall die Komfortzone. Das Warum lässt sich nicht so leicht delegieren. Das Warum fordert mehr Zeit. Das Warum verlangt Reflexion, verlangt den Blick in den Spiegel, verlangt Verantwortungsbewusstsein über das Ego hinaus. Das Warum fordert Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung in Verbindung mit Mitgefühl. Das Warum fordert und fördert erfolgsversprechend das Mindful Leadership.

Warum-Fragen initiieren Erfolge

Genau deshalb ist das Warum sehr spannend. Gerade durch die bewusste Begleitung von einem Warum können ungeahnte Erfolge initiiert werden, die man ohne Warum gar nicht andenken, planen und umsetzen würde. Genau dieser Aspekt ist für Simon Sinek, US-amerikanischer Journalist, Autor, Redner, so interessant und erfolgsbegleitend. Deshalb hat er sich bestimmte Fragen gestellt, u.a.:[2]

  • Warum hat Martin Luther King so erfolgreich gegen Diskriminierung wirken können? Die Diskriminierung war doch Millionen von Menschen über einen langen Zeitraum hinweg schon bewusst, und doch war er es, der es schaffte, deutliche Verbesserungen zu initiieren.

  • Warum ist gerade Apple Jahr für Jahr aufs Neue so innovativ? – mit der Anmerkung, dass seit dem Tod von Steve Jobs die Innovationskraft nachlässt.

  • Warum will ein Unternehmen genau das produzieren, was es produziert?

  • Warum arbeitet man in dem bestimmten Unternehmen, in einer bestimmten Position und nicht woanders mit einem ganz anderen beruflichen Background?

Um darauf eine Antwort zu finden, und den Weg zum Erfolg besser zu verstehen, braucht es das Warum.

Das Warum geht jedoch deutlich tiefer, als bloß den Grund anzuführen, Geld zu verdienen. Der finanzielle Erfolg ist wichtig und richtig, aber nur ein Aspekt. Geld zählt zum Außen, zu den Hardfacts, zu den Zahlen und Daten. Das Warum liegt im Verständnis von Sinek in der Tiefe, im inneren Kern der Sache.[3] Dazwischen liegt das Wie, ein Aspekt über den ich in meinen Beiträgen ebenfalls immer wieder schreibe, weil auch das Wie in unserer schnelllebigen Zeit meist zu wenig Beachtung erfährt, aber für Veränderungsprozesse ein äußerst wichtiger Punkt ist. Die meisten Veränderungsprozesse beziehen sich bloß auf den äußeren Bereich, auf das Was. Das Was ist richtig und wichtig, aber um Veränderungen und Erfolge wirklich tiefgreifend und nachhaltig angehen zu können, braucht es auch das Wie und Warum.[4] Simon Sinek hat das mit seinem goldenen Kreis sehr anschaulich widergegeben.[5]

Goldene Kreis der Wirkungsweisen 

Goldener Kreis nach Sinek

Die in diesem Kreis angesprochenen Punkte, decken sich nahezu identisch mit all meinen Erfahrungen und Beobachtungen in Bezug auf das Verhalten von Menschen – auch im Businessalltag. In meinen Verschriftlichungen bzw. in meiner Auffassung verschwimmt jedoch das Wie mit dem Warum. Das hat einen Grund, weil ich in meiner täglichen Arbeit feststelle, dass das Wie und Warum kaum voneinander getrennt behandelt werden kann. Das eine wirkt auf das andere und umgekehrt – zumindest ist das meine Auffassung. Das Wie kann meinem Empfinden nach nicht bloß mit dem Aufsetzen von Prozessen gleichgesetzt werden, sondern das Wie erfordert Einsicht darüber, welche geistige und emotionale Haltung dem Wie zugrunde liegt, denn diese Haltung wirkt auf die Ausführung, auf die Umsetzung, auf die Motivation.[6] Diese Differenz zu Sinek sehe ich jedoch nicht unbedingt relevant, vielmehr sehe ich die Gemeinsamkeit zwischen seiner und meiner Auffassung zu Wirkungsprozessen.

Sinek geht von der Annahme aus, dass jeder erwachsene, gesunde Mensch auf dieser Welt weiß, was er tut. Einige wissen auch, wie sie es tun. Aber nur wenige wissen, warum sie tun, was sie tun. Umgelegt auf Unternehmen stellt Sinek die Fragen:[7]

  • Warum existiert das Unternehmen?

  • Warum macht man genau diesen Job und nicht einen anderen? Welcher Sinn, welches Bedürfnis, welcher Glaube steckt dahinter?

Manche werden darauf vielleicht antworten, um Geld zu verdienen. Ja, das ist ein Grund, aber das kann man auf abertausend Arten machen. Was genau ist es darüber hinaus, warum man den Job macht, den man macht? Sinek meint, zu aller erst kommt das Warum, und daraus ergibt sich erst das Wie und das Was – das gilt auch für CEOs, Manager und Unternehmen.[8] Das Warum kommt aus dem Bauch[9], und der Bauch hat unglaublich viel Wirkungs- und Anziehungskraft.

Versuchen wir nun anhand eines Beispiels den goldenen Kreis zu verstehen.[10] Mag sein, dass Sie meinen, dass sei nicht notwendig, Sie wissen genau, was mit Was, Wie und Warum gemeint ist. Das mag ich Ihnen nicht absprechen, Sie wissen es sicher genau. Manchmal ist es jedoch gut, vorhandenes Wissen zu vertiefen bzw. zu hinterfragen – wie es beispielsweise Bernd Geropp in Bezug auf den goldenen Kreis macht:[11]

  • Fragen wir einmal einen/eine MitarbeiterIn eines IT-Unternehmens danach, was das Unternehmen tut. Als Antwort kann kommen: Wir stellen Computer her. Das entspricht dem äußeren Kreis von Sinek – dem Was.

  • Fragen wir nun weiter nach dem Wie. Der/die MitarbeiterIn wird vielleicht antworten, dass sie schnellere Prozessoren herstellen und das Service besser ist als bei den MitbewerberInnen. Das Wie kann man erkennen, aber nicht aus welcher Haltung heraus das Wie wirkt.

  • Und jetzt fragen wir nach dem Warum – dem Kern. Warum gibt es das Unternehmen, indem der/die MitarbeiterIn tätig ist. Oft ist in Bezug auf so eine oder eine ähnliche Frage ein Schweigen wahrzunehmen, oder die Antwort zu hören: Der Sinn und Zweck ist es Profit zu machen, Geld zu verdienen. Das ist jedoch nicht der Zweck eines Unternehmens, sondern ein Ergebnis.

Hat das Unternehmen eine echte Vision?

Das ist ein relevanter Aspekt, den einige vergessen, der aber Unternehmen zu Fall bringen kann, wie beispielsweise Kodak oder auch Brockhaus. Vor 20ig Jahren hätte ein/e Brockhaus-MitarbeiterIn vielleicht noch stolz gesagt, sie verkaufen großartige Bücher, Enzyklopädien. Warum sie das konkret tun, war vom Bewusstsein her nicht so relevant. Aber dieses nur im Hintergrund, kaum wahrnehmbare Warum hat Brockhaus für die Entwicklungen blind gemacht, und damit den Anschluss an die Online-Welt verpasst.

Das Warum von Brockhaus hätte lauten können: Wir ermöglichen Zugriff auf Wissen.[12] Mit dieser Vision, mit der Beantwortung vom Warum hätte Brockhaus den blinden Fleck erkannt, und damit vielleicht den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft. Wikipedia hat sich die Warum-Frage gestellt und die Vision aufgebaut: Stell Dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat.[13] Von diesem Verständnis ausgehend, war Wikipedia deutlich offener und flexibler als Brockhaus. Das Was ist zwar leicht zu argumentieren und in Anweisung zu bringen, aber deutlich weniger offen in Bezug auf Veränderungen.[14] Prof. Dr. Bernd Ankenbrand, Experte für Risiko- und Vertrauenswahrnehmung, Geschäftsmodellinnovation und Sinnökonomie, sieht es ähnlich: Wer sich der Warum-Frage stellt, muss sich auf den Weg machen, eine (Selbst-)Entwicklung und auch Offenheit zulassen.[15]

Die Vision ist jedoch nur ein Aspekt

Es geht vielmehr darum, dass man konkret weiß, warum man tut, was man tut – insbesondere dann, wenn es dem Unternehmen tatsächlich Wert ist, kooperative, mitdenkende MitarbeiterInnen haben zu wollen.[16] Mag sein, dass Sie diese Herangehensweise nervt – es kostet Zeit, ist unter Umständen nicht effizient, oft auch unklar und verschwommen. Das mag sicher für einige unangenehm aufstoßen oder manche gar verärgern. Doch uns sollte bewusst sein, wir sind Menschen – auch im Business und auch dort läuft nicht alles rein mechanistisch ab. Deshalb setzte ich auf das Embodiment-Management, weil es neben fachlich-rationalen Aspekten auch noch systemische und menschliche Wirkungsweisen, u.a. das Warum im Arbeitsalltag zu analysieren vermag und verantwortungsbewusst miteinander zum Wirken bringt.

  • Gehen wir jetzt der Fragen nach, wie Sie vorgehen können, um das Warum näher zu ergründen, entwickeln oder finden zu können?

Beginnen Sie bei sich selbst, mit Ihrer eigenen Person.

  • Was war beispielsweise Ihre Motivation, das Unternehmen zu gründen bzw. für das Unternehmen tätig zu werden?

  • Welche Absichten stehen dahinter?

  • Welchen Zweck hat Ihr Tun? / Was wollen Sie konkret bewirken?

Mit der nächsten Frage können Sie in Bezug auf die vorgehenden Fragen möglicherweise noch ganz andere Aspekte entdecken.

  • Welche Gefühle kommen in Ihnen hoch, wenn Sie sich mit dem Warum Ihres Tuns auseinandersetzen?

  • Gehen Sie Ihren Gefühlen nach, was wollen Ihnen die Gefühle sagen?

Gefühle können der Schlüssel zum Warum sein und eröffnen Aspekte, die ohne Gefühle nur auf der rationalen Ebene einfach nicht zu fassen und zu begreifen sind. Ich weiß, dass die Auseinandersetzung mit Gefühlen im Businesskontext für viele unangenehm ist, einige genervt den Kopf schütteln und andere diesen Bereich im Business verneinen, mit der Begründung: Gefühle haben im Business nichts verloren Business. Das mag von einem Standpunkt aus richtig sein, und deshalb möchte ich diese Sichtweise niemanden nehmen.

Vielleicht hilft es, diesen Standpunkt kurz einmal zu verlassen, wenn ich Ihnen sage, dass die Relevanz vom Warum und die damit verbundenen Gefühle nicht bloß aus einer Laune von Sinek hervorgegangen sind, sondern wissenschaftlich fundiert sind. Eine Studie der Harvard-Wissenschaftler Ryan W. Buell und Ami Kim sowie Chia-Jung Tsay vom University College London bestätigen, dass die Beantwortung der Frage nach dem Warum signifikante Auswirkungen auf die Motivation, das Engagement und die Qualität des Arbeitsergebnisses hat.[17]

Ihr Günther Wagner

 

PS.: Vielen Dank für Ihr Interesse. Wenn Sie persönlich über zukünftige Beiträge informiert werden wollen, dann melden Sie sich einfach über diesen Link an.

 

Literaturquellen:

[1] https://foerster-kreuz.com/warum-sie-wissen-sollten-was-ihre-arbeit-bewirkt/. Am 2018-04-24 gelesen.
[2] https://www.newworkstories.com/simon-sinek-fragt-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[3] https://www.newworkstories.com/simon-sinek-fragt-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[4] https://blog-wagner-consulting.eu/erfolgsgarantie-sinnoekonomie/
[5] https://www.newworkstories.com/simon-sinek-fragt-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[6] https://blog-wagner-consulting.eu/foerderliches-management-statt-frust/.
[7] https://www.newworkstories.com/simon-sinek-fragt-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[8] https://www.newworkstories.com/simon-sinek-fragt-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[9] https://www.schlosser.info/frag-erst-warum-start-with-why/. Am 2018-04-24 gelesen.
[10] https://www.mehr-fuehren.de/die-frage-nach-dem-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[11] https://www.mehr-fuehren.de/die-frage-nach-dem-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[12] https://www.mehr-fuehren.de/die-frage-nach-dem-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[13] https://www.mehr-fuehren.de/die-frage-nach-dem-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[14] https://blog-wagner-consulting.eu/erfolgsgarantie-sinnoekonomie/.
[15] http://www.ey.com/de/de/issues/business-environment/entrepreneur-by-ey-nur-wer-sinn-stiftet-kann-auch-wert-schopfen. Am 2018-04-25 gelesen.
[16] https://www.mehr-fuehren.de/die-frage-nach-dem-warum/. Am 2018-04-24 gelesen.
[17] https://foerster-kreuz.com/warum-sie-wissen-sollten-was-ihre-arbeit-bewirkt/. Am 2018-04-24 gelesen.

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Produktive Wege finden im grenzenlosen Wettbewerb

Produktive Wege finden im grenzenlosen Wettbewerb

Das Credo der Wirtschaft lautet Wachstum. Wirtschaft und Wachstum agieren wie ein hochdynamisches, nach Erfolg strebendes Paar. Der Wachstumsgedanke spornt die Wirtschaftstreibenden an, und umgekehrt infiltriert die Wirtschaft den Wachstumsgedanken nach Höher-Schneller-Weiter. Es scheint für dieses erfolgsstrebende Paar keine Grenzen zu geben. Alles ist möglich, wenn man nur will!

  • Zum einen ist dieser Gedanke „Alles ist möglich“ vom erfolgsverwöhnten Paar „Wirtschaft und Wachstum“ richtig und wichtig, um Innovationen und Veränderungen voranzutreiben.

  • Zum anderen ist jedoch genau diese Vorgehensweise gleichzeitig ein Hindernis, das Innovationen und Veränderungen ebenso zu Fall bringt.

Warum, das möchte ich in diesem Beitrag versuchen, etwas näher zu beleuchten.

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Grenzen überschreiten, wachsen können ist für viele Menschen lebensnotwendig – in der Wirtschaft sogar scheinbar überlebensnotwendig. Darüber hinaus ist es aber auch äußerst anziehend, löst Begeisterung und Anerkennung aus. Jedes Kind strebt nach Wachstum, und hadert mit Grenzen. Jede Generation versucht die Grenzen neu auszuloten, und das, was die Väter und Mütter als unmöglich definieren, möglich zu machen.[1] Und selbst jene, die vor Grenzüberschreitungen Angst haben, sind im Stillen irgendwie davon beeindruckt.

Das Spiel mit den Grenzen erleben alle von uns täglich – im Kleinen wie im Großen. Das Spiel mit den Grenzen ist reizvoll und motivierend, frustrierend und beängstigend, und manche sprechen auch vom maßlosen Umgang. Jeder dieser Aspekte ist richtig und wichtig – und genau das ist es, was die Meisterschaft in Grenzgängen, beim Überwinden von Grenzen, beim Wachsen können ausmacht. Genau das stimmt mich jedoch nachdenklich, und führt mich zu der Frage:

Kann die Wirtschaft mit seinem Partner, dem Wachstum, tatsächlich so viel Kompetenz in Grenzgängen vorweisen, um das Streben nach immer mehr, angemessen und verantwortungsbewusst aufzusetzen?

Um darauf Antworten bzw. Anregungen zu finden, wende ich mich an MeisterInnen der Grenzgänge, u.a. an Reinhold Messner:

Messner spricht von Grenzgang, wenn er große Schwierigkeiten überwindet, sich Gefahren stellt, die er nicht kennt, um diesen auszuweichen. Das funktioniert nur mit Selbstmächtigkeit – das heißt, GrenzgängerInnen haben die hundertprozentige physische und psychische Kompetenz dazu. GrenzgängerInnen kennen sich selbst, sie wissen genau was sich in ihnen körperlich, geistig und emotional abspielt, und wie das Umfeld, beispielsweise das Team, aber auch die Umwelt, die Berge, die Wüste oder das Meer auf sie als Mensch einwirkt. Man muss sich selber und anderen gegenüber verantwortungsbewusst sein, um zu überleben, Altruismus und Egoismus sind in Grenzgängen parallel geschalten.[2]

Die GrenzgängerInnen entwickeln Instinkte, die sich aus langjähriger persönlicher Erfahrung, viel Reflexion und Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt aufbaut. Diese Erfahrung muss jeder/jede GrenzgängerIn selbst entwickeln, die kann man nicht von anderen als ergänzende Know-how-Punkte einfach übernehmen. Der Grenzgang ist kein Spaß, sondern etwas sehr Ernstes. Auch wenn es heute scheint, dass jeder/jede den Mount Everest besteigen kann, weil die Infrastruktur bestmöglich ausgebaut ist, kann das nicht davor weg täuschen, dass in Gebieten, wo die Infrastruktur noch nicht so perfekt aufgebaut ist, andere Bedingungen vorherrschen und damit ein anderes Know-how notwendig ist – beispielsweise aktuell in der digitalen Revolution.[3]

So möchte ich Sie jetzt fragen, was die Aussagen von Messner über Grenzgänge, umgelegt für die Wirtschaft bzw. das Management, die so manche Grenzgänge zu machen versuchen, heißen könnte?

Nehmen Sie sich bitte etwas Zeit, dieser Frage still für sich selbst nachzugehen, bevor Sie weiterlesen.

Ein weiterer Grenzgänger, der Schweizer Jérémie Heitz, ein Grenzgänger mit Ski, fuhr von 15 Wänden, alle steiler als 50 Grad. Er spricht davon, dass er seine Aufregung und Begeisterung gleichermaßen im Griff haben muss, um den Grenzgang erfolgreich zu bewältigen. Der Wiener Herbert Nitsch sieht es in ähnlicher Weise. Nitsch taucht tiefer als jeder andere Mensch, sprich 240 Meter tief ohne Luft aus der Flasche. Für Nicht-Taucher ist alles, was nur zehn Meter unter der Wasseroberfläche liegt, so unerreichbar wie der Mond. Tauchen ohne Pressluftflasche ist für Nitsch jedoch das Natürlichste der Welt. Dabei geht es seiner Erfahrung nach nicht darum, möglichst viel Luft einzuatmen, sondern darum, den Sauerstoffverbrauch zu reduzieren.[4]

Diese Erfahrung von Nitsch, nicht die Ressourcen voll auszuschöpfen, sondern im Gegenteil, Ressourcen zu sparen, um den Grenzgang zu bewältigen, finde ich persönlich einen sehr spannenden Denkansatz. Das bewegt mich gleich zu der nächsten Frage:

Was kann die Einsicht, Grenzen überwinden, wenn man Ressourcen spart anstatt voll ausschöpft, umgelegt für die Wirtschaft bedeuten? 

Auch bei dieser Frage bitte ich Sie, sich etwas Zeit zu nehmen, der Frage Raum zu geben.

Vielleicht wollen Sie aber jetzt gerade weniger versuchen, meine Frage zu beantworten, und stattdessen mir Zweifel zurückwerfen, darüber das die Auseinandersetzung mit GrenzgängerInnen Ihnen keinen Mehrwert für Ihre Arbeit, keine Lösungen für Ihre Herausforderungen bieten kann. Vielleicht denken Sie, Sie mögen zwar die einen oder anderen Entscheidungen treffen, die einen Grenzgang darstellen, aber das kann doch niemals mit den Grenzgängen von GrenzgängerInnen im Sport verglichen werden. Mag sein, dass die Aussagen von GrenzgängerInnen nicht eins zu eins auf die Wirtschaft umgelegt werden können.

Doch gleichzeitig stehen wir alle, auch die Wirtschaft vor bzw. stecken schon mitten in einem Grenzgang – in der digitalen Revolution. Das mag für viele vielleicht nicht so extrem gesehen werden, aber gerade ExpertInnen der IT warnen und sprechen von dem Grenzgang bzw. vor den Herausforderungen der Digitalisierung. Und genau das bewegt mich dazu, mich intensiver mit Grenzgängen auseinanderzusetzen, und die Kompetenzen entsprechend den Herausforderungen neu zu justieren. Der Blick über den Tellerrand ist meines Erachtens nach hierfür wirklich erforderlich. GrenzgängerInnen sind oft umstritten, doch es gibt einiges, was diese beherrschen, was in der Wirtschaft bzw. im Management scheinbar noch nicht so relevant zu sein scheint – Embodiment.

Embodiment bedeutet für mich leibhaftige Intelligenz: Wachsen können, Grenzen überschreiten, Grenzen achten und sich selbst begrenzen, um im richtigen Augenblick die Grenzen überschreiten zu können.

Die über alle Fachbereiche hinweg geltende Kompetenz Embodiment besteht darin, sich auch im Unternehmensalltag der Körperintelligenz anzuvertrauen, Bewusstsein zu erlangen über das was im Körper, den Emotionen und im Außen in der Umwelt passiert. Das heißt konkret für das zukünftige Management: Mindful Leadership betreiben, einen Mindjump, einen Sprung über das bis dato im Management angewandte Wissen, und damit verbundene Instrumentarium zu wagen. Genau hier an diesem Punkt können uns GrenzgängerInnen hilfreiche Tipps geben. Es geht im Management nicht darum, Grenzgänge wie Messner und Co zu leisten, sondern vielmehr deren Wissen als Sprungbrett zu nutzen, um das Wirken der Wirtschaft und das Treiben der Digitalisierung anders zu sehen, und Grenzen von einer anderen Perspektive aus zu verstehen. An dieser Stelle möchte ich eine weitere Frage stellen: 

Wie oft wagen Sie, nur gedanklich, den Schritt hinaus aus Ihrer Komfortzone, aus Ihrem gewohnten Tun, aus Ihren Handlungsroutinen, überwinden Ihre persönlichen Grenzen? 

Es geht in Anlehnung an diese Frage jedoch nicht darum, dass Sie Grenzen unbedingt verschieben müssen, sondern vielmehr darum, die Grenzen Ihrer Tätigkeit, die Grenzen vom Unternehmen, die Grenzen Ihrer MitarbeiterInnen, die Grenzen der Umwelt wahrzunehmen, und den Grenzen ehrlich und respektvoll ins Auge zu sehen.

Um die Grenzen wirklich zu verstehen, braucht es den Grenzgang – und genau das zeigen ExtremsportlerInnen in anschaulicher Weise. In der Wirtschaft ist das vielleicht nicht immer so klar und deutlich zu erkennen, aber durchaus ebenso relevant wie bei GrenzgängerInnen. Beim bewussten Grenzgang werden Sie merken, wo Ihr Energiemanagement liegt, wieviel Resilienz und Frusttoleranz vorhanden ist, wieviel Respekt Sie für Ihr Umfeld zeigen, sprich inwiefern Sie anderen gegenüber auch etwas Demut aufbringen können. Ich weiß, Demut ansprechen ist ein sehr umstrittener, heikler Punkt – bei jedem Menschen. Das braucht viel Verständnis und Respekt. Doch Demut ist für Menschen in verantwortungsvollen Positionen und Situationen eine äußerst wichtige Kompetenz. Zu wenig Demut hat manche GrenzgängerInnen das Leben gekostet.

Deshalb spricht Messner davon, dass die Grenzen des Machbaren nur in sehr kleinen Schritten erreichbar sind, und je näher die Grenze kommt, umso kleiner müssen die Schritte sein.[5] GrenzgängerInnen haben einen großen Respekt vor ihren Zielen, trainieren deshalb umfassend und nicht bloß fachspezifisch, und sind damit in Stresssituationen äußerst flexibel und reagieren angemessen und nicht überhitzt.[6] Mäßigung ist hierbei ein ebenso wichtiger Faktor, wie die Überschreitung der Grenzen. Mäßigung ist dabei weniger ein moralischer Aspekt, als ein überlebenswichtiger Faktor. Mäßigung heißt, auf ein Maß zu achten, aber genau das ist deutlich schwieriger als man meinen könnte.[7] Grenzgänger sind umfassend darin geübt, das richtige Maß zu treffen, ansonsten würden sie ihre Grenzgänge nicht überleben. Ein Punkt, der mich berührt und zum Nachdenken bewegt:

Inwiefern kennen wir tatsächlich die Grenzen und das Maß der Dinge?

Nehmen Sie sich bitte bei dieser Frage Zeit, und versuchen Sie bei der Beantwortung dieser Frage wirklich ehrlich zu sein. Ich will mit dieser Frage niemanden zu nahetreten, das steht mir in keiner Weise zu. Ich will mit dieser Frage vielmehr dazu anregen, rational nachvollziehen zu können, dass seriöse Selbsterkenntnis für die unglaublichen Erfolge von GrenzgängerInnen ein wirklich wichtiger Grundstein ist.

Gerade GrenzgängerInnen fordern fast täglich das Maß der Dinge heraus, aber genau deshalb wissen sie, wie lebensnotwendig das Wissen und Einhalten von Grenzen, vom richtigen Maß ist.

Genau dieses Wissen führt Messner zu der Aussage: Kein vernünftiger Mensch tut das, was wir Grenzgänger tun.[8] Und ich möchte diese Aussage von Messner zum Anlass nehmen, eine abschließende Frage zu stellen:

Wie vernünftig agiert aktuell Ihrer Meinung nach die Wirtschaft bzw. das Management in den Unternehmen – global wie auch regional?

Versuchen Sie bitte nicht, meine letzte Frage als moralischen Zeigefinger aufzufassen, sondern einfach nur als Instrument zu nutzen, mehr Einsicht zu gewinnen. Es geht nicht um Schuld und Nicht-Schuld, es geht um Lernprozesse, die auf jeden Fall von Vorteil sind.

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen: 

[1] Enzler, Gustavo; Schmidt, André, Vögele, Jens: Limits. Über Leben im Grenzbereich. 1/2018. Motor Presse Stuttgart GmbH & Co.KG. Stuttgart.
[2] Enzler, Gustavo; Schmidt, André, Vögele, Jens: Limits. Über Leben im Grenzbereich. 1/2018. Motor Presse Stuttgart GmbH & Co.KG. Stuttgart.
[3] Enzler, Gustavo; Schmidt, André, Vögele, Jens: Limits. Über Leben im Grenzbereich. 1/2018. Motor Presse Stuttgart GmbH & Co.KG. Stuttgart.
[4] Enzler, Gustavo; Schmidt, André, Vögele, Jens: Limits. Über Leben im Grenzbereich. 1/2018. Motor Presse Stuttgart GmbH & Co.KG. Stuttgart.
[5] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. 6. Auflage. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S.120.
[6] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/an_grenzen_gehen/. Am 2018-04-17 gelesen.
[7] www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/sich_selbst_begrenzeneine_grosse_und_seltene_kunst/. Am 2018-04-17 gelesen.
[8] Enzler, Gustavo; Schmidt, André, Vögele, Jens: Limits. Über Leben im Grenzbereich. 1/2018. Motor Presse Stuttgart GmbH & Co.KG. Stuttgart.

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