Die Macht vom Restrisiko

Die Macht vom Restrisiko

Wir leben heute in einer Welt des relativen Reichtums und der absoluten Ungewissheiten. Keiner hat sein Los in der Tasche. Es wird immer neu gezogen. Eine flatterhafte Gesellschaft und die sich selbst beschleunigende Technik ergeben einen Problemcocktail, dessen Wirkung sich der Vorhersage weitgehend entzieht.

So formulierte es Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblattes.[1] Das Leben und Wirken von heute fördert die Geburt der Schwarzen Schwäne. Diese verkörpern das Restrisiko, die lebende Wahrscheinlichkeit, dass es anders kommen kann, als man angenommen hat. Viele werden jetzt vermutlich sagen, das wissen wir doch ohnehin! Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwarzer Schwan auftritt ist dennoch gering, und falls dieser Vogel tatsächlich auftreten sollte, dann hat man eben Pech gehabt.

  • Ist jedoch bekannt, dass das Restrisiko, sprich die Geburt von Schwarzen Schwänen sich erhöhen kann?

  • Ist bekannt, dass wir selbst u.a. sogar die Quelle, die Auslöser dafür sind, dass das Restrisiko ansteigt?

Die Geburt der Schwarzen Schwäne

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Einer, der den Begriff „Schwarzer Schwan“ populär gemacht hat, ist Nassim Nicholas Taleb. Er arbeitete u.a. als Spezialist für komplexe Finanzderivate in mehreren Wall-Street-Unternehmen, bevor er eine zweite Karriere als Wissenschaftler/Forscher in den Bereichen Statistik, Zufall und Epistemologie begann. In dem 2007 erschienenen Bestseller, der Schwarze Schwan, prognostizierte er die Finanzkrise, die dann tatsächlich eintrat. Taleb beschäftigt sich mit den Methoden zur Berechnung und Interpretation von Zufallsereignissen und dem Umgang mit unvorhersehbaren seltenen, aber wirkungskräftigen Ereignissen – den Schwarzen Schwänen.

Taleb ist der Meinung, dass viele, insbesondere auch EntscheidungsträgerInnen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Opfer einer Illusion sind. Sie überschätzen den Wert rationaler Erklärungen für beobachtete Daten, und unterschätzen das Auftreten unerklärbarer Zufälligkeiten in genau diesen Daten. Taleb kommt zu dem Schluss, dass wir viel weniger wissen als wir meinen zu wissen, und wir die Vergangenheit nicht dazu benutzen sollten, die Zukunft zu prognostizieren.[2]

Wir sollten unsere Überzeugungen nicht nach ihrer Plausibilität bewerten, sondern nach dem Schaden den sie anrichten können.[3]

Steingart schreibt, dass es in den vergangenen zehn Jahren zu einer spürbaren Zunahme von Freak-Events kam – sprich das Verrückte, das Unwahrscheinliche, der Schwarze Schwan zum Leben erwacht. Bisher waren die Ängste größer als die Wirklichkeit, aber das gilt so nicht mehr. Die Wirklichkeit überholt aktuell die Ängste. Bei Auftauchen eines Schwarzen Schwans werden schnell Schuldige gefunden, u.a. ein Seebeben. Aber das ist beispielsweise gegenüber dem Seebeben äußerst unfair. Früher schlugen die Wellen auf eine unberührte Küste. Heute hat man dem Meer, u.a. in Japan, eine als Kraftwerk getarnte Atombombe in den Weg gebaut. Das lockt, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die Schwarzen Schwäne an.

Das Leben und Wirken von heute fördert die Geburt der Schwarzen Schwäne. Diese verkörpern das Restrisiko, die lebende Wahrscheinlichkeit, dass es anders kommen kann, als man angenommen hat.

Das Gegenstück zum Restrisiko der Kraftwerksbetreiber in Japan war das systemische Risiko des neuen Bankensystems. Die Komplexität, und damit auch der Geburtenanstieg von Schwarzen Schwänen ist Menschenwerk. Uran als Brennstoff war kein Gotteseinfall. Die Produkte der Investmentbanker wirken unterschwellig ebenso als Geburtshilfen für Schwarze Schwäne wie die Kommunikationsmittel des 21. Jahrhunderts.[4] Steingart und Taleb kritisieren nicht die Unwissenheit der Menschen in Bezug auf das Wirken der Schwarzen Schwäne, sondern viel mehr die Ignoranz darüber, diese zu leugnen.

Der Schwarze Schwan im Kleid der Fortuna

Mit den Schwarzen Schwänen hat es jedoch noch etwas auf sich. Schwarze Schwäne stehen nicht nur für die scheinbar unerwarteten Ereignisse, die schwerwiegende bis dramatische Folgen mit sich ziehen. Schwarze Schwäne werden vielleicht sogar bevorzugt als Hoffnungsträger gesehen. Man setzt auf das Schicksal, auf die Zufälligkeit und bittet Fortuna um das Glück des Zufallstreffers. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sucht man sogar die Schwarzen Schwäne, und fordert diese heraus sich zu zeigen. So gesehen ist der Schwarze Schwan ein Paradoxon.[5] Zum einen wird der Schwarze Schwan negiert, zum anderen hofft man auf das Glück. Beide Aspekte laufen meist unbewusst in uns ab, und damit scheinbar nicht existent. Das ist nicht verwerflich, sondern schlichtweg menschlich.

Menschen neigen dazu, die Karte fälschlich für das Territorium zu halten. Man konzentriert sich auf die Karte, man gibt der Karte sogar den Vorzug. Die geordneten Strukturen der Karte werden der ungeordneten Lebensnatur vorgezogen. Wenn dann aufgrund dieser begrenzten Sichtweise ein Fehler passiert, dann erkennen wir diesen leider erst im Rückblick.[6] Dabei sehen wir wiederum nur die augenfälligen und sichtbaren Konsequenzen. Die unsichtbaren, nicht ins Auge stechenden Konsequenzen nehmen wir weiterhin nicht wahr.[7]

Die lineare Welt gibt es eben nur in den Klassenzimmern und Lehrbüchern. In der Wirklichkeit ist die Linearität eine Ausnahme. Und doch kann man sich von der Sichtweise der Linearität nicht trennen. Menschen wollen das als Real ansehen, um das Leben erklärbar zu machen. Menschen versuchen damit die Zufälligkeiten – Negative wie auch Positive – in den Griff zu bekommen.[8] Man glaubt lieber dem Eigenanteil am Erfolg, der bis zu einem bestimmten Maß sicher auch gegeben ist, als dem Zufall bzw. Glück. Der Internet-Partnermarkt ist ein Beispiel dafür, dass man sogar das Glück in der Liebe wie mit einem Systemlottoschein zu erkaufen glaubt.

Das was jeder einzelne über das Glück und die Existenz der Schwarzen Schwäne glaubt, das prägt das Denken und Handeln maßgeblich.[9]

Werden die Schwarzen Schwäne ignoriert, vertraut man lieber nur den Karten, den Plänen anstatt der gesamten uns alle umgebende Natur. Von diesem Standpunkt aus werden andere Entscheidungen getroffen, als wenn man Schwarze Schwäne bewusst als Wegbegleitung wahrnimmt. Das verlangt Reflexion, das verlangt Demut, Achtsamkeit und ein entsprechendes Risikomanagement in Verbindung mit der Überwindung von Weiterbildungs-Allergien.

Der Schwarze Schwan liebt die Hasardeure, meidet jedoch die Nachdenklichen.[10]

Diese Aussage von Steingart mag sicher nicht nur urteilen, sondern vielmehr wachrütteln – insbesondere jene in der Wirtschaft. Die Karte ist eben nicht das Territorium. Auf der Karte findet sich vermutlich kein einziger Schwarzer Schwan. In der Karte zeigen sich vermutlich auch keine Emotionen und andere menschliche Regungen. In der Karte werden die Folgen der Klimaerwärmungen vielleicht ganz klein irgendwo erwähnt. Migrationsströme zeigen sich vermutlich auch nur in der Fußnote, und die Digitalisierung wird unter Umständen wie eine linear abzuarbeitende Notiz angefügt – mit dem Hinweis: Wenn man brav nach Plan vorgeht, dann wird die Digitalisierung gelingen. Die möglichen Folgen, die Geburt zahlreicher Schwarzer Schwäne werden übersehen bzw. nicht so schlimm gesehen. Dann mag es heißen: Das sind doch nur die SchwarzmalerInnen, die wollen bloß alles negativ machen. Von einem Standpunkt aus stimmt diese Aussage, aber von einer anderen Seite aus betrachtet, sieht man auch die Schatten der Erfolge. Der bewusste Blick zum Schatten ist meist jedoch so unangenehm, vielleicht sogar erschütternd, dass man schnell wieder wegsieht.

Ich weiß, das ist alles andere als das, was man in der Wirtschaft als erfolgsversprechende Zukunftsprognosen mit entsprechenden Handlungshinweisen sucht. Das mag viele abschrecken, das mag Kritik auslösen. Das mag anfangs vielleicht sogar genau das Gegenteil bewirken – das bewusste Negieren der Schwarzen Schwäne, unbewusst geht jetzt nicht mehr. Und gleichzeitig ist es genau das, was es braucht – ein Rütteln. Ob wir wollen oder nicht, wir verlassen die Komfortzonen nicht, solange es gemütlich ist. Das ist menschlich normal, und braucht genauso Respekt wie der Schwarze Schwan, der irgendwann jeden einmal im Leben trifft – manche mehr andere weniger. Das mag Zufall, Glück bzw. Pech sein. Doch man kann daran arbeiten, das Glück einzuladen und gleichzeitig den Schwarzen Schwan nicht auszusperren. Dabei fällt mir ein ganz bestimmtes Märchen ein:

Es war einmal ein König, dem seine Frau nach langer Zeit endlich ein Kind gebar. Der Vater war überglücklich, und wollte für seine Tochter die besten Gaben des Lebens: Reichtum, Schönheit, Klugheit, … Seine Gaben-Wünsche konnten die 13 Feen des Landes erfüllen. Eigentlich gab es für jedes Menschenkind bloß 2-3 Gaben, doch die Feen, reich beschenkt vom König, wollten ihm alle Wünsche gewähren. Dazu gab der König ein großes Fest, für welches er veranlasste, ein außerordentliches Tafelgeschirr eigens für die Feen anzufertigen. Doch bei der Produktion von diesem kam es zu einem Problem. Es konnten nur 12 Teller hergestellt werden. Und so kam es, dass der König die 13. Fee, die Schicksalsfee, wieder ausladen ließ. Der König meinte, das wäre ohnehin nicht schlimm, die 13. Fee hätte seiner Tochter im Vergleich zu den anderen Feen kein wirklich wertvolles Geschenk überreicht. Wer braucht schon das Schicksal, das Wissen über die dunkle Seite des Lebens, wenn seine Tochter all die wunderbaren Gaben der 12 anderen Feen bekommt?! Doch das wurde dem Königreich, wie sicher die meisten von Ihnen Wissen, zum Verhängnis.

Ich wage jetzt die Aussage, dass es in der Wirtschaft auch nicht so viel anders ist. Das Märchen interpretiere ich sicherlich in meiner sehr persönlichen Weise. Mag sein, dass Sie das Märchen anders verstehen. Doch eines möchte das Märchen sicher allen sagen: Das Leben lässt sich nicht alles vorschreiben. Das Leben als Ganzes hat eine enorme Kraft, die wenn wir es nicht achten, in der einen oder anderen Weise etwas lauter auf sich aufmerksam machen wird – unter Umständen in einer Weise, wo dann die nächste Generation, Ihre und meine Kinder, ähnlich wie im Märchen, für die Ignoranz der Eltern büßen müssen.

10 Prinzipien im Umgang mit Schwarzen Schwänen

An diesem Punkt möchte ich noch einmal die Aussage von Taleb heranziehen, weil diese meinem Empfinden nach wirklich den Kern im Umgang mit den Schwarzen Schwänen trifft. Er ist der Meinung, dass wir unsere Überzeugungen, unsere Pläne, unsere Entscheidungen nicht nach ihrer Plausibilität bewerten sollten, sondern nach dem Schaden den sie anrichten können.[11]

Taleb hat 10 Prinzipien im verantwortungsbewussten Umgang mit Schwarzen Schwänen abgeleitet. Er meint, dass die Schwarzen Schwäne umgänglich sind – sofern man diese nicht ignoriert. Seine Prinzipien mögen den einen oder anderen unangenehm Aufstoßen – das tut es selbst bei mir. Hier geht es jedoch meinem Empfinden nach weniger darum, seine Prinzipien eins-zu-eins zu übernehmen, sondern zu reflektieren – das eigene Verhalten und das Verhalten im Unternehmen, intern und global, und ebenso im Umgang mit den Ressourcen unserer Welt. Taleb spricht vom robusten Umgang mit den Schwarzen Schwänen, das heißt für ihn:[12]

  1. Nichts darf je zu groß werden, um zu scheitern.

  2. Wenn die Verluste sozialisiert werden, dürfen die Gewinne nicht privatisiert werden.

  3. Man sollte mit klugen Leuten zusammenarbeiten, mit solchen, die nicht nur an Macht und Gewinn interessiert sind.

  4. Jemandem, der eine Leistungs-Prämie bekommt, darf man beispielsweise nie die Leitung eines Atomkraftwerks übertragen.

  5. Komplexität sollte durch Einfachheit ausgeglichen werden. Es geht nicht um Vereinfachung der Komplexität, sondern um eine Balance zwischen komplex und einfach.

  6. Es braucht weit mehr Schutzprogramme für komplexe Finanzprodukte.

  7. Es sollte nie nötig sein, dass der Staat das Vertrauen wiederherstellen muss.

  8. Die Wirtschaft, insbesondere die Finanzwirtschaft vergleicht er mit einem Süchtigen. Und einem Süchtigen, der unter Entzugserscheinungen leidet, darf man keine weiteren Drogen geben. Der braucht einen Entzug in einer Reha.

  9. Das wirtschaftliche Leben sollte entfinanzialisiert werden. Man sollten lernen, die Märkte nicht als Lagerhäuser für Werte zu benutzen.

  10. Das Wirtschafsleben muss wieder eingehender mit der biologischen Umgebung im Einklang wirken. Es braucht mehr Respekt für die Mutter Natur.

Seine Prinzipien sind vielleicht für viele im Business unrealistisch in der Umsetzung. Ich persönlich sehe es so, dass ein erweiterter Blick mit mehr Achtsamkeit und Demut auch schon einiges bewirken kann – sofern man bereit ist daran zu glauben, dass Schwarze Schwäne existieren und auch kommen können. An dem Punkt möchte ich wirklich niemandem zu nahetreten. Es ist eine persönliche und zu respektierende Haltung, ob man den Anstieg von Restrisiken, das vermehrte Auftauchen von Schwarzen Schwänen anerkennt oder nicht.

Neugierde ist vielleicht gerade hier an diesem Punkt eine helfende Hand. Leider zeigt sich jedoch in vielen Studien, dass gerade die Neugierde jenseits des 20. Lebensjahres nachlässt – wenn diese nicht schon während der Schulsozialisierung durch rigide Pläne an Kraft verloren hat. Eine schwache Neugierde, ein kaum vorhandener Blick über die eigenen Weltanschauungen hinaus, hindert aber tatsächlich das Wahrnehmen der Schwarzen Schwänen, und im selben Atemzug auch die Wahrnehmung von positiven Zufällen[13] – die, so nehme ich an, gewiss nicht ignoriert werden wollen.

Und so lande ich wieder einmal bei der Einsicht: Man sollte sich selbst besser wahrnehmen, sich selbst besser spüren – mit den positiven und negativen Befindlichkeiten wie auch mit den aufkommende Widerständen, beispielsweise in der Auseinandersetzung mit den Schwarzen Schwänen. Und erst dann kann man einen Schritt weiter gehen, die Herausforderungen sehen und neue Wege einschlagen.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/katastrophen-die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html. Am 2017-10-17 gelesen.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Nassim_Nicholas_Taleb. Am 2017-10-17 gelesen.
[3] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010.
[4] http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/katastrophen-die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html. Am 2017-10-17 gelesen.
[5] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010. S.142.
[6] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010. S. 11.
[7] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010. S.144f.
[8] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010. S.95.
[9] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/glueck_haben_wie_sehr_bestimmen_zufaelle_unser_leben_glueck_haben_wie_sehr_bestimmen_zufael/. Am 2017-10-17 gelesen.
[10] http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/katastrophen-die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html. Am 2017-10-17 gelesen.
[11] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010.
[12] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise. 4. Auflage. Dtv Verlag: 2015.
[13] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/glueck_haben_wie_sehr_bestimmen_zufaelle_unser_leben_glueck_haben_wie_sehr_bestimmen_zufael/. Am 2017-10-17 gelesen.

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Die Clownmethode

Die Clownmethode

Ein vielversprechender Ansatz im Umgang mit Fehlern

Fehler will niemand machen. Die Sorge zu scheitern sitzt jedem im Nacken. Wenn ein Fehler passiert, dann versuchen viele den Fehler irgendwie zu überspielen, den Fehler unsichtbar zu halten und darüber zu schweigen. Der Druck fehlerfrei, perfekt zu sein, lastet auf allen – auf den Führungskräften genauso wie auf MitarbeiterInnen. Doch dieses nach außen hin gespielte Bild der Perfektion erschafft eine verzerrte Wirklichkeit. Niederlagen vermeiden leugnet die Tatsache, dass Stolpern zum Leben gehört.[1] Das führt in Folge dazu, dass Führungskräfte wie auch MitarbeiterInnen zu Notlügen greifen und manche sogar bewusst betrügen.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat getäuscht, um andere nicht zu enttäuschen.[2]

Dieses verzerrte Bild der Fehlerlosigkeit ist vor allem ein deutsches Problem. So liegen Deutschland und Singapur in Bezug auf die Fehlertoleranz im Vergleich mit 61 Ländern auf den letzten beiden Plätzen.[3] Amerikanische Führungskräfte gehen mit einem Scheitern etwas anders um. Sie sprechen Ihr Scheitern sogar deutlich offen aus:[4]

In Amerika gilt, nur wer schon mal richtig auf die Nase gefallen ist, ist eine gute Führungskraft.

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Das soll selbstverständlich nicht der Aufruf sein, Fehler zu verherrlichen. Olaf Morgenroth spricht auch offen davon, dass es Fehler gibt, aus denen man nichts lernen kann. Abgesehen davon führt eine zu hohe Fehlertoleranz dazu, dass man aus Fehlern nicht lernt. Es geht eben nicht darum, Fehler zu machen, sondern mit gemachten Fehler verantwortungsbewusst umzugehen.[5] Entscheidend ist, mit welchen Einsichten und welcher Haltung man nach einem Scheitern wieder aufsteht. Und da gibt es Menschen, die das Aufstehen nach einer Pleite in professioneller, verantwortungsvoller, humanistischer, unermüdlich sich weiterentwickelnder Weise kultivieren – Clowns.

Clowns sind FehlerexpertInnen

Clowns haben die Fähigkeit, jedes Scheitern als Chance zu sehen. Clowns gehen sogar so weit, dass alles was ein Clown anfasst, zuerst einmal zum Problem, zum Scheitern wird – ein entscheidender Punkt, worin gleichzeitig die Lösung liegt. Für viele Menschen sind Probleme, und die damit verbundene Sorge Fehler zu machen, der Aufruf in den Kampf dagegen zu gehen. Der Clown hingegen ist in der Lage, das Problem, das mögliche Scheitern spielerisch anzunehmen, sich vom Scheitern inspirieren zu lassen und neue Wege zu gehen.[6] Chuck Jones, der Zeichner von Bugs Bunny ist überzeugt:

Wir lernen nicht aus Erfolgen. Wir lernen aus unseren Fehlern. Das ist zwar nicht das, was wir wollen. Aber erst wenn wir stolpern, merken wir wohin es uns wirklich treibt.

Und auch Albert Einstein, der Physiker, hat am eigenen Leib erfahren:

Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.

Das mag für viele schon einleuchtend klingen. Das mag sogar die einen oder anderen motivieren, die Fehlerkultur im Unternehmen genauer zu durchleuchten. Aber nur wenige schaffen dann wirklich den Sprung, eine positive Fehlerkultur nachhaltig wirksam ins Unternehmen zu implementieren.[7] Die Prägung, Fehler sind schlecht, sitzt jedem von uns tief im Nacken. Die damit verbundenen Ängste und der dadurch aufgebaute Stress erstickt leider jeden Versuch im Keim, Fehler positiv zu nutzen.[8] Ein Clown hingegen lässt seine Ängste und den Stress zu. Deshalb versucht der Clown nicht dem Scheitern zu entrinnen, sondern steigt sogar voll in das Problem, in das Scheitern ein, und setzt sich in unterschiedlicher Weise mit diesem auseinander:

Der Clown spürt die Angst bzw. die Last der Angst vor Fehlern, die auf seinem Rücken hängt. Er spürt wie die Last ihn am Weitergehen hindert. Er verzerrt vor lauter Anstrengung sein Gesicht. Er fühlt sich gestresst. Er stöhnt, schimpft, versucht die Last loszuwerden. Er merkt, das geht nicht. Er versucht die Last einem anderen auf die Schultern zu laden. Es geht nicht. Er beginnt mit der Last zu diskutieren. Er wagt einen Blick in den schweren Sack. Mit einem tiefen Seufzer öffnet er den Sack. Er verschließt noch die Augen, dreht seinen Kopf weg. Dann wagt er es mit einem Auge in den Sack zu blicken. Zuerst sieht er nichts. Es ist dunkel. Er steckt den Kopf in den Sack. Er rührt mit der Hand im Sack herum, hat Angst, besänftigt seine Angst und redet seiner Angst gut zu. Manches was er aus dem Sack herauszieht ist gar nicht schön. Der Clown ekelt sich, schüttelt sich, verzieht sein Gesicht. Er bleibt aber neugierig. Er greift erneut in den Sack und siehe da, er findet zum großen Erstaunen auch etwas Spannendes, ….

Der Clown hat sich mit der Last der Angst vor Fehlern vertraut gemacht, und damit neue Einsichten und neues Handwerkszeug zur Lösung von Problemen und Fehlern gewonnen. An diesem Beispiel vom Clown zeigt sich die vielversprechende Qualität im Umgang mit Fehlern. In der Unternehmens-Praxis könnte das heißen: Dass beispielsweise bei einem Computer-Absturz nicht alle nur genervt herumsitzen, Angst haben die Arbeit nicht zeitgerecht fertig zu bekommen, und warten bis alles wieder läuft. Sondern man könnte den Fehler der IT nutzen, dass spontan ein außerordentliches Meeting einberufen wird – vielleicht sogar in der Eisdiele oder beim Italiener um die Ecke. Das mag jetzt bloß eine kleine Herausforderung sein. Nehmen wir beispielsweise an, in der Produktion ist ein größerer Fehler passiert und ein Kunde kann nicht rechtzeitig beliefert werden. Das hat wiederum rückwirkend Folgen auf Ihr Unternehmen. Was können Sie tun?

  • Eines ist gewiss: Alle schauen auf das Problem, auf den Fehler der Produktion. Hier bündelt sich die ganze Aufmerksamkeit. Genau das ist die Chance.

  • Die Last des Fehlers hängt am Unternehmen. Jetzt heißt es, die Angst vor dem Scheitern, Verlustängste u.a. Ängste anzunehmen, sprich die mit dem Fehler verbundene Last, den Fehler-Angst-Sack zu öffnen, und sich damit respektvoll auseinanderzusetzten.

  • Im Sack gibt es jedoch mehr als nur Ängste, Beschuldigungen, Ärger, Verleumdungen, … Im Sack gibt es die in jedem von uns innewohnende Kraft der innovativen Fehlerbewältigung. Als Kinder waren wir Fehlerprofis.[9] Clowns nutzen dieses kindliche Talent. Die Evolution selbst kommt auch nur mit dem Versuch-und-Irrtum-Modell voran [10].

Der Technikhistoriker Reinhold Bauer spricht sogar davon, dass der Erfolg die Ausnahme, und Scheitern die Regel ist. Michael Frese, Arbeitspsychologe und Fehlerforscher der Leuphana-Universität in Lüneburg unterstützt die Meinung von Bauer. In Japan zeigt man sich gegenüber Fehlern sogar schon offener als in Deutschland. Kaizen nennt sich die Fehlerphilosophie, bei der die Verbesserungen in Zusammenhang mit gemachten Fehlern im Fokus stehen, und weniger die Verurteilung von Fehlern.[11] Aber wie schon eingangs in meinem Beitrag erwähnt, heißt das nicht, Fehler zu verherrlichen. Abgesehen davon bedarf es einer entsprechenden Unternehmenskultur, eine positive Fehlerkultur, so dass aus Fehlern tatsächlich erfolgsversprechend gelernt werden kann. Eines zeigt sich jedoch in der Auseinandersetzung mit Fehlern deutlich:

PerfektionistInnen trifft ein Fehler besonders schlimm.[12]

Der/die PerfektionistIn trägt ein sehr hohes Soll in sich. Die Spannung zwischen dem hohen inneren Sollwert und dem tatsächlich Ist, ist für PerfektionistInnen oft unerträglich. So gesehen versuchen PerfektionistInnen keine Fehler zu machen. Sie versuchen alles mit 150% Einsatz zu tun, jeden möglichen Fehler aufzuspüren. Das macht aber Stress. Stress schwächt und führt in Folge zu Fehlern. Das Soll wird verfehlt. Der/die PerfektionistIn scheitert. Dieser Kreislauf ist das Hamsterrad, indem sich PerfektionistInnen täglich bewegen. Das muss das Ego aushalten und sucht nach einer Lösung. Eine davon ist das Anlegen einer Perfektions-Maske, hinter der sich das fehlerhafte Ich mit den damit verbundenen Ängsten verstecken kann. Nach außen hin gibt man sich als strahlender, fehlerfreier, erfolgreicher Held. Das darf nicht verurteilt werden, für PerfektionistInnen ist das ein Selbstschutz, der notwendig ist. Das Fatale daran ist, dass PerfektionistInnen meist nicht wissen, dass sie eine Maske tragen und sie tatsächlich meinen, man könnte fehlerlos agieren.[13] Die Maske hindert aber jeden Lern- und Einsichtsprozess aus Fehlern.

So gesehen ist es für PerfektionistInnen wirklich wichtig, sich mit dem Scheitern auseinanderzusetzten. Das mag nicht angenehm sein, aber für das Wirken einer positiven Fehlerkultur unumgänglich. Hier ist die Clownmethode besonders vielversprechend. Mit Hilfe des Clowns kann spielerisch die Perfektion und die dahinter wirkenden Ängsten verständnisvoll, liebevoll und gewinnbringend in eine verantwortungsbewusste Art der Fehlervermeidung überführt werden. Es gibt viele Berufe, wo Perfektionismus auch wichtig ist. Die Perfektion sollte jedoch nicht zur Selbst- und Fremdausbeutung ausufern, sondern vielmehr als gute Basis zu nutzen verstanden werden. Dem Clown ist die Perfektion ebenfalls vertraut. Der Clown will eigentlich auch immer alles perfekt machen, aber merkt, dass es nicht geht. Die Fehler, eigene Fehler und von außen herangetragene Fehler, begleiten ihn, wie die Luft, die er atmet.

Der Clown träumt vom perfekten Leben. Der Clown will ein perfektes Haus, ein perfektes Auto, die perfekte Kleidung, ein perfektes Auftreten. Er trifft auf einen, der erscheint genauso perfekt, wie er es von sich selbst zu meinen glaubt. Der Clown versucht sein perfektes Haus und sein perfektes Auto ins beste Licht zu rücken. Der Clown zeigt sich im perfekten Outfit. Der Clown bewegt sich im perfektem Gang, stolpert jedoch mit seinem rechten Fuß über den Linken, und fällt auf den Boden. Der Clown ist entsetzt. Wie konnte ihm das passieren. So schnell es geht, versucht er seine perfekte Kleidung zu reinigen, während er den anderen von seinem Fehler abzulenken versucht. Die nächsten Schritte hin zu seinem perfekten Haus und seinem perfekten Auto, setzt der Clown noch konzentrierter, noch perfekter. Dabei übersieht er vollends den Tisch, der rechts von ihm steht. Der Clown bleibt mit seiner Jacke an der Tischkante hängen, und reißt sich seine Jacke auf. Er versucht nun hektisch und unauffällig seine Jacke notdürftig zu flicken. Der Clown meint, der andere hat es nicht bemerkt – super, sein perfektes Bild glänzt noch. Plötzlich fällt ein Vogel vom Himmel, verletzt sich beim Aufprall mit dem perfekten Auto vom Clown. Der Clown ist erschüttert – schon wieder ein Makel, jetzt auf seinem Auto und auch beim Vogel. Schnell und vom Unfall ablenkend reinigt er sein Auto. Den verletzten Vogel versucht er in seiner Jackentasche zu verstecken. Um diesen will er sich später kümmern, wenn der andere Perfekte weg ist. Der Vogel schreit aber, und bewegt sich wild in der Jackentasche umher. Verzweifelt versucht der Clown den Vogel in seiner Tasche ruhig zu stellen, versucht ihn unauffällig loszuwerden, … bis er ihn irgendwann verzweifelt an sein Herz drückt. In diesem Moment vergisst er den anderen Perfekten. Der Clown beginnt jetzt dem Vogel sein Leid zu klagen. Er legt die Maske der Perfektion ab, …

Was können Sie als Führungskraft konkret von Clowns lernen

Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.

Viele mag vermutlich schon die Vorstellung abschrecken, von Clowns zu lernen. Jeder kennt die Figur des Clowns. Selbst jedoch ein Clown sein, bzw. sich in die Lage des Clowns hineinzuversetzen, das wollen vermutlich die wenigsten. Es geht in der Fehlereinsicht jedoch nicht darum, ein Clown zu werden, um das Scheitern besser zu verstehen. Selbstverständlich wäre das auch eine spannende Möglichkeit, aber soweit muss man nicht gehen. Man kann die, den Clowns innewohnende Kraft zu nutzen lernen:

  • Luft verschaffen, indem kräftig Luft geholt – sprich geatmet wird.[14]

  • Ein gesundes Selbstvertrauen pflegen [15] – sprich emotional, geistig und körperlich im Einklang mit sich sein.

Der Clown überzeugt nicht durch sein Können, sondern durch sein Sein. Der Clown findet vom Denken ins Fühlen, stabilisiert damit seine Haltung, sein Selbstvertrauen und legt so den Schatz der Kreativität frei. Er stellt sich den Kräften des Lebens. Er kann mit Druck und Gegendruck spielerisch umgehen. Er nutzt den eigenen wie auch äußeren Druck, wie das Windrad den Wind, und gewinnt neue Einsichten daraus.[16] Auch in der Kampfkunst lernt man mit den Kräften des Lebens, mit Druck spielerisch umzugehen. Statt mit Gegendruck auf Druck zu reagieren, nutzt man den Druck (den Eigenen wie auch den Fremden), und vertraut sich der dem Druck innewohnenden Kraft an. Damit kann jede festgefahrene Situation in erstaunlich sanfter Weise aufgelöst werden. Neulinge in der Kampfkunst sind meiner langjährigen Erfahrung nach sehr oft unglaublich erstaunt, wie einfach ein Druck aufgelöst werden kann, ohne dass jemand Schaden genommen bzw. einer verloren und der andere gewonnen hätte. Dafür braucht es jedoch Übung, nicht wie so oft gemeint nur Kampfkunstübung, sondern grundvoraussetzend ein gutes Körpergefühl [17] – genau das, was auch die Clowns praktizieren.

Ein Clown fühlt sich gut, weil er auch das Schlechte annehmen kann.[18]

Achtsamkeit ist hierfür wiederum der Schlüssel, um das eigenen Körpergefühl, das Wirken der drei Kräfte in sich: Emotionen, Denken und Körper, besser und bewusster wahrzunehmen. Alles was wir denken, fühlen wir auch und wirkt im Körper – positiv wie auch negativ. Im Business scheint jedoch der Kopf das Sagen zu haben, die Gefühle und der Körper werden beiseitegeschoben. Auf Dauer ist das weder gesund, noch nachhaltig erfolgswirksam. Das soll absolut kein Vorwurf sein, wir alle haben es nicht anders erfahren. Das ist unsere Art und Weise im Beruf zu agieren. Gleichzeitig erleichtert es scheinbar das Agieren mit anderen. Niemand muss sich dann oberflächlich betrachtet mit den emotionalen Rührseligkeiten der anderen auseinandersetzen. Die Rührseligkeiten scheinen die objektiven Fakten und damit verbundenen Entscheidungen scheinbar nicht zu beeinträchtigen. Doch mit dieser Art zu handeln, bleiben viele Ressourcen ungesehen und ungenutzt – vielleicht genau jene, die unangenehme, weitreichende Fehler in Chancen transformieren könnten.

In der Clownmethode weicht man dem Druck nicht aus, sondern sucht ihn mit der entsprechenden Achtsamkeit.[19]

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://www.unternehmer.de/management-people-skills/190279-clownsmethode-wer-scheitert-fuehrt-besser. Am 2017-10-10 gelesen.
[2] https://www.unternehmer.de/management-people-skills/190279-clownsmethode-wer-scheitert-fuehrt-besser. Am 2017-10-10 gelesen.
[3] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/wie_scheitern_gelingen_kann/. Am 2017-10-10 gelesen.
[4] https://www.unternehmer.de/management-people-skills/190279-clownsmethode-wer-scheitert-fuehrt-besser. Am 2017-10-10 gelesen.
[5] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/wie_scheitern_gelingen_kann/. Am 2017-10-10 gelesen.
[6] https://www.unternehmer.de/management-people-skills/190279-clownsmethode-wer-scheitert-fuehrt-besser. Am 2017-10-10 gelesen.
[7] https://www.linkedin.com/pulse/10-tipps-f%C3%BCr-eine-positive-fehlerkultur-g%C3%BCnther-wagner/.
[8] https://www.linkedin.com/pulse/angst-der-unsichtbare-erfolgskiller-g%C3%BCnther-wagner/.
[9] https://www.linkedin.com/pulse/10-tipps-f%C3%BCr-eine-positive-fehlerkultur-g%C3%BCnther-wagner/.
[10] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/wie_scheitern_gelingen_kann/. Am 2017-10-10 gelesen.
[11] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/wie_scheitern_gelingen_kann/. Am 2017-10-10 gelesen.
[12] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/wie_scheitern_gelingen_kann/. Am 2017-10-10 gelesen.
[13] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/der_perfektionist_traegt_eine_maske_der_makellosigkeit/. Am 2017-10-10 gelesen.
[14] Stuhlmiller, Michael: Die Kunst des spielerischen Scheiterns. Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode. Kailash Verlag. München: 2016.
[15] Stuhlmiller, Michael: Die Kunst des spielerischen Scheiterns. Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode. Kailash Verlag. München: 2016.
[16] Stuhlmiller, Michael: Die Kunst des spielerischen Scheiterns. Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode. Kailash Verlag. München: 2016.
[17] https://www.linkedin.com/pulse/wirksam-f%C3%BChren-wie-ein-samurai-g%C3%BCnther-wagner/.
[18] Stuhlmiller, Michael: Die Kunst des spielerischen Scheiterns. Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode. Kailash Verlag. München: 2016.
[19] Stuhlmiller, Michael: Die Kunst des spielerischen Scheiterns. Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode. Kailash Verlag. München: 2016.

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Die 3 wirksamen Phasen im Change

Die 3 wirksamen Phasen im Change

Veränderungen, Change-Prozesse stehen bei vielen Unternehmen ganz oben auf der Tages-Ordnung. Change scheint fast schon ein Muss zu sein. Letzte Woche habe ich über die große Herausforderung in Change-Prozessen, die Macht der Gewohnheiten, geschrieben. Diese Woche möchte ich mich in einer anderen Weise mit Change-Prozessen, und den damit verbundenen Schwierigkeiten auseinandersetzen. 

Dafür nutze ich wieder einmal den Blick über den wirtschaftlichen Tellerrand hinaus. All jene, die den einen oder anderen Beitrag von mir schon gelesen haben, wissen, dass ich diesen Perspektivwechsel gerne mache, um Lösungen zu finden. Dieses Mal möchte ich mit Ihnen gemeinsam den Film „Avatar“ als Erkenntnishilfe für Change-Prozesse nutzen. Vielleicht kennen Sie diesen Film, der sämtliche Rekorde gebrochen hat, und bislang der erfolgreichste Film aller Zeiten ist. Dieser Film zeigt nachvollziehbar die Mechanismen persönlicher und gesellschaftlicher Transformation – den Übergang, den Change, den Transition-Prozess hin zu neuen Einsichten und neuen Verhaltensweisen.[1] Für alle jene, die den Film nicht kennen, möchte ich ganz kurz die Geschichte überfliegen:

Es wird das Jahr 2154 geschrieben.

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Auf der Suche nach neuen Ressourcen sind die Menschen auf den fernen Mond Pandora gestoßen, der von dem Volk der Na vi bevölkert wird. Diese drei Meter großen Lebewesen mit blauer Haut leben in harmonischer Verbindung mit ihrer Umwelt. Damit die Menschen auf diesem Planeten leben können, konstruieren sie Hilfsmittel – Avatare, gentechnisch gezüchtete Ersatzlebewesen, die wie die Na vi aussehen, aber mit dem Gehirn eines Menschen gesteuert werden. Jake Sully, ein ehemaliger Soldat, der bei einem Kampfeinsatz querschnittsgelähmt wurde, nimmt anstelle seines verstorbenen Zwillingsbruders an dem Avatarprogramm teil. Diesen großen Schritt tut er, weil er mit Hilfe des Avatars wieder laufen kann – sein sehnlichster Wunsch. Er soll nun als Avatar Jake die Na vi dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen, damit die Menschen dort die reichhaltigen Bodenschätze erwirtschaften können. Jake wird nun zum Pendler zwischen den Welten. Er lernt die Tochter des Häuptlings der Na vi, Neytiri, kennen. Sie lehrt Jake die Gebräuche und Verhaltensweisen ihres Volkes. Mit Neytiri´s Hilfe lernt Jake, sich in der neuen Welt zu bewegen, die neuen Gebräuche zu verstehen und damit auch zu respektieren. Im Prozess selbst merkt er an einem bestimmten Punkt jedoch auch, dass er die Loyalität zur alten Welt nicht mehr aufrechterhalten kann. Er befindet sich im Niemandsland zwischen der alten Welt, die er noch nicht ganz verlassen hat bzw. auch noch nicht ganz zu verlassen wagt, und der neuen Welt, in der er ebenfalls noch nicht fix und vollständig leben kann. Irgendwann muss sich Jake jedoch entscheiden – er tut es, lässt sein altes Ego hinter sich und wechselt in die neue Welt.

Vielleicht fragen sich einige, was die Filmgeschichte Avatar, insbesondere von Jake Sully und seiner Veränderung, mit einem Change-Prozess in der Wirtschaft zu tun hat?

Eine berechtigte und gleichzeitig sehr sinnvolle Frage, worauf ich jetzt näher eingehen möchte. Ich persönlich war von dem Film wirklich berührt, abgesehen von den überzeichneten, amerikanisch anmutenden Kampfszenen. Die Bilderwelt von Avatar hat mich im Inneren getroffen, ebenso die unbequeme Auseinandersetzung mit Fragen zu den eigenen Weltbildern. Darüber hinaus veranschaulicht dieser Film mit der Figur des Jake Sully den Veränderungsprozess von Menschen, und die damit verbundenen Herausforderungen meiner Erfahrung nach ziemlich gut. Mit Jake zeigt sich, dass ein Change mehr ist, als nur das verändern einzelner Handlungs- und Routineabläufe von Arbeitsprozessen. Ohne reflektiertes, selbstkritisches Handeln, ohne leibhaftiges, körperliches und emotionales Gespür und Verständnis scheitert jeder Change auf längere Sicht. Deshalb verlangt ein längerfristig erfolgswirksamer Change mehr Auseinandersetzung, als oft im Business geplant. 

Der Transition-Prozess, der Übergang von Alt zu Neu

In der folgenden Gegenüberstellung möchte ich Ihnen kurz veranschaulichen, was ich konkret mit „mehr Auseinandersetzung in Change-Prozessen“ meine: 

Die Gegenüberstellung von Change im klassischen Verständnis und Change als Transition-Prozess

Der Übergang von Alt zu Neu fordert wirklich Engagement, Betroffenheit und mehr Kenntnisse als geplant. Das widerstrebt der Gewohnheit, das widerstrebt den Zeitvorgaben im Management, das widerstrebt oft auch den Menschen, den MitarbeiterInnen wie auch Führungskräften, die es gerne schnell erledigt haben wollen bzw. keine Verunsicherungen, Ängste und Verluste von alt gewohnten Routinen und Vorteilen spüren möchten. Genau das wird im Transition-Prozess beleuchtet, akzeptiert und in eine neue Ordnung geführt. Im althergebrachten Change geht man davon aus, dass man gut überlegt ein paar erfolgshinderliche Verhaltens- und Arbeitsweisen ändert, und es geht schon. Sicherlich, das funktioniert irgendwie kurzfristig auch. Doch um einen Change längerfristig erfolgsversprechend zu meistern, braucht es etwas mehr – es braucht Wissen und Einsicht für den Übergang ins Neue.

 

Die meisten verweigern nicht die Veränderung, sondern den Übergang.[2]

Im Film Avatar kann man gemeinsam mit Jake Sully seinen Changeprozess, seinen Übergang von Alt zu Neu gut nachvollziehbar miterleben. Diesen Prozess kann man in drei Phasen unterteilen, die jedoch nicht getrennt und schon gar nicht seriell ablaufend betrachtet werden sollten.

Die 3 Phasen im Transition-Prozess

Diese drei Phasen fließen oft parallel zueinander. Der Einfluss einer bestimmten Phase ist mal stärker, mal weniger stark im Vergleich zu den beiden anderen. Es zeigt sich zwar eine gewisse Tendenz, welche Phase wann im Veränderungsprozess intensiver und einnehmender wirkt, aber das kann nicht dogmatisch auf jeden sich im Veränderungsprozess Befindlichen angewendet werden. Eines ist jedoch gewiss: Um einen Change nachhaltig erfolgsversprechend bewältigen zu können, sollte jede Phase im Prozess leibhaftig, sprich rational, emotional und körperlich erfasst werden.

Die 3 Phasen im Transition-Prozess

Phase 1

  • Es braucht einen tiefgreifenden emotional anrührenden Grund, Wunsch, Motivation, um sich auf den Weg der Veränderung, auf den Change einzulassen.

  • Gleichzeitig braucht es eine wirklich gute Erkenntnis über die bisher im Arbeitsprozess wirkenden Gewohnheiten. Die Macht der Gewohnheiten [3] sind immens, und werden bei kaum einem Change-Prozess konkret betrachtet. Es braucht die Erkenntnis und insbesondere den Respekt für die Gewohnheiten. Die alten Gewohnheiten und auch alten Vorstellungen und Meinungen lassen sich nicht einfach so von einem Tag zum andere in neue Verhaltensweisen und Arbeitsstrukturen überführen.

  • Die Phase 1 ist eine Erkenntnisphase darüber, was man an Gewohnheiten in der Arbeit liebgewonnen hat, worauf man sich verlässt, in welchen Komfortzonen man sich bewegt und was man eigentlich nicht ändern will, weil es unter Umständen unbequem ist, und darüber hinaus Unsicherheiten und Ängste [4] auslöst. Bequemlichkeit, Unsicherheit und Angst blockieren jedoch jede Veränderung. Mit Angst im Nacken ist sofort Widerstand aktiviert, und die angestrebte Veränderung, auch wenn diese tatsächlich Vorteile verschaffen könnte, erstickt im Keim.

Phase 2

  • Diese Phase ist unglaublich wichtig. In dieser Phase wird man mit Dilemmata und Paradoxien konfrontiert. In dieser Phase erprobt man die neuen Möglichkeiten, obgleich man gleichzeitig auch noch an den gewohnten alten Verhaltensweisen festhält – als Sicherheit. Man pendelt hin und her zwischen alt und neu. Das Neue kann reizvoll sein, aber es verunsichert auch. Dann meldet sich die Gewohnheit und meint, jetzt könnte es gefährlich werden. Diese Warnfunktion der Gewohnheit liegt nicht einmal so falsch, denn eine Veränderung kann tatsächlich auch gefährlich sein oder zu unangenehmen Verlusten führen. Man muss unter Umständen auf Anerkennung, Belohnung, Bequemlichkeiten, Bindungen, Geborgenheit, Macht, u.a. verzichten.

  • Man findet sich in der 2. Phase der Veränderung in einer Situation, wo das Alte nicht mehr ganz richtig scheint, aber das Neue auch nicht passt. Statt es bequem zu haben, spürt man Unsicherheit, Angst. Vielleicht fühlt man sich so, als ob man nirgendwo mehr richtig zu Hause ist – sozusagen zwischen zwei Stühlen sitzt.

  • Dieses Niemandsland und der Kampf zwischen neuen Verhaltensweisen und alten Gewohnheiten ist wirklich außerordentlich stark, wird jedoch in Change-Prozessen selten berücksichtigt. Die Umstrukturierungen und der Prozess der Neuorganisation greifen so richtig erst in dieser Phase [5].

Phase 3

  • In dieser Phase geht es um die konkrete Entscheidung, darum sich wirklich auf das Neue einzulassen und das Alte definitiv loszulassen. Oft tut man so, als ob man das Alte loslässt und sich voll auf das Neue einlässt – aber das ist leider häufig ein Trugschluss. Doch das ist ganz normal. Das ist u.a. auch die Strategie der Gewohnheit, um Ängsten und Unsicherheiten auszuweichen.

  • Der Change ist weit mehr als nur die Auseinandersetzung mit dem Neuen, sondern ebenso die intensive Beschäftigung mit dem Alten. Das verlangt Einsicht, Selbsterkenntnis und auch Willenskraft, um der Kraft der Gewohnheiten [6] widerstehen zu können. Denn selbst dann, wenn die Entscheidung zur Änderung wirklich konkret getroffen ist, werden die alten Gewohnheiten immer wieder aufs Neue versuchen, das Alte ins Neue hinüber zu schummeln. Immer dann, wenn das Neue Unsicherheit auslöst, ist sofort das Alte zur Stelle und versucht unter dem Deckmantel des Neuen die alten Verhaltensweisen geschickt ins Neue einzufädeln.

  • Achtsamkeit [7] ist in dieser Phase, wie auch in den anderen, sehr förderlich. Die Praxis von Mindfulness hilft, den Reiz zu überwinden, das Alte, das Vertraute und Sichere im Vergleich zum Neuen als besser zu bewerten. Darüber hinaus hilft Achtsamkeit, die Ängste anzunehmen und in Vertrauen zu überführen.

Transition im Management

Wenn man als Führungskraft einen Change realistisch erfolgsversprechend durchführen will, dann sollte man sich neben dem „Was geändert werden will“, etwas intensiver als vielleicht bisher mit den Übergängen, dem Transition in Change-Prozessen auseinandersetzen. Der Change wird leider im Business allzu oft wie ein Maschinen-Ersatzteil-Wechsel-Programm durchgeführt. Das mag bei Maschinen funktionieren, doch wer sind die Change-Beteiligten? Menschen mit Erwartungen, mit Emotionen, mit Ängsten, mit Hoffnungen, …

Viele wollen möglichst schnell und trockenen Fußes von A nach B gelangen [8] – verständlicherweise.

Der Übergang ist somit wirklich die große Herausforderung in Change-Prozessen. Und so beginnt vielleicht der geplante Change damit:

Sich eingestehen, dass man eigentlich keine nassen Füße bekommen möchte.

Diese Einsicht bzw. diese Einstellung darf jedoch nicht verurteilt werden. Das ist menschlich einfach ganz normal. Jake Sully hat seinen Veränderungs-Prozess auch nicht von einem Tag zum anderen mit trockenem Fuß durchlaufen. Jake durfte im Change Höhenräusche erleben, aber auch Zweifel, Rückfälle, Ängste, Widerstände, … Ohne Hilfe, ohne Begleitung hätte Jake seinen Change vermutlich nicht geschafft. Neben der couragierten und feinfühligen Unterstützung von Neytiri, hat ihn über den gesamten Prozess hinweg auch eine Wissenschaftlerin und ihr Team betreut.

Lehrer öffnen Türen, hindurchgehen muss man jedoch selbst.[9]

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/wie_erschafft_man_eine_neue_welt/. Am 2017-10-03 gelesen.
[2] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/uebergaenge_wenn_die_zeit_stillsteht/. Am 2017-10-03 gelesen.
[3] https://blog-wagner-consulting.eu/macht-im-change/
[4] https://blog-wagner-consulting.eu/angst-der-erfolgskiller/.
[5] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/innehalten_um_weiterzukommen/. Am 2017-10-03 gelesen.
[6] https://blog-wagner-consulting.eu/macht-im-change/.
[7] https://blog-wagner-consulting.eu/unerwartete-revolution/
[8] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/uebergaenge_wenn_die_zeit_stillsteht/. Am 2017-10-03 gelesen.
[9] Chinesische Weisheit.

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