Die starke Macht in Change-Prozessen

Die starke Macht in Change-Prozessen

Es vergeht kaum ein Tag im Business, wo es nicht darum geht, was alles geändert werden soll/muss. Man geht davon aus, dass die Veränderungen verständlich gut angeordnet werden müssen, und dann läuft es schon. Aber Veränderungen, auch wenn diese faktisch nur scheinbar rationale Aspekte von Tätigkeitsroutinen betreffen, lösen in der Folge weit mehr Herausforderungen aus, als man meinen würde. Deshalb scheitern auch die meisten Change-Prozesse.

Jede Veränderung löst lt. Forschung eine Unmenge an Hirnarbeit und Hirnturbolenzen aus – weit mehr als in den meisten Change-Prozessen angedacht und berücksichtigt wird.

Das soll jetzt kein Vorwurf sein an all jene, die die Change-Prozesse planen und/oder durchführen. Es fehlt eben ein Aspekt, der im Business insgesamt oft fehlt. Deshalb kann dieses Fehlen nicht als Fehler, sondern als der blinde Fleck im Business gesehen werden. Und ich möchte Sie heute einladen, diesen blinden Fleck in Bezug auf Veränderungs-Prozesse sichtbarer werden zu lassen.

Endlich wissen ForscherInnen, was man tatsächlich ändern kann bzw. nicht kann

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Auch wenn das Gehirn fast uneingeschränkt zu Veränderungen fähig ist, besteht ein extrem starker Drang zur Beharrung und zum Festhalten am Gewohnten. Ursache dafür ist aber nicht Ignoranz oder Widerspenstigkeit, sondern der unbewusste Einfluss der limbischen Prägung.[1] Manche Hirnblockaden in Bezug auf Veränderungen lassen sich zwar mit sehr viel Durchhaltevermögen, Motivation und Hilfe von außen verändern, sofern man die Veranlagung dazu hat, aber einige lassen sich nie endgültig überwinden. Vermutlich haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, wie schwierig es sein kann, beispielsweise die eigenen Ernährungsgewohnheiten zu ändern.

Die Macht der Gewohnheit

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat sich mit den Veränderungsschwierigkeiten von Menschen intensiv auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis: Veränderungen im Verhalten und im Tun, auch im Beruf, sind äußerst schwierig! Der Grundstein für die Veränderungsbereitschaft bzw. Veränderungsoffenheit wird in den ersten drei Lebensjahren im limbischen System, dem Hauptsitz der Gefühle und des emotionalen Gedächtnisses, gelegt. Das hat zur Folge, dass man ein Leben lang mit diesem inneren Kind und seinen Erfahrungen das Leben lebt und entsprechend den Beruf ausübt. Dieses innere Kind lässt sich dann auch nicht im Beruf durch Anordnungen zwingen, Tätigkeiten zu ändern, die vielleicht sogar sehr gut gemeint sind. Mag sein, dass man als Erwachsener die Entschlossenheit spürt, dass man sehr wohl etwas ändern möchte, weil es gut wäre. Aber dabei vergessen wir immer wieder das innere Kind bzw. den mit dem inneren Kind verbundenen tückischen Gegenspieler, die Gewohnheit.[2]

Die Gewohnheit hat eine unfassbare Macht über uns. Die Gewohnheit ist tief im Gehirn verankert, und belohnt jeden Schritt, der auf alten, ausgetretenen Pfaden gegangen wird – selbst dann, wenn diese von außen betrachtet gar nicht so gut sind.[3]

Das heißt: die Belohnungen, die das menschliche System braucht wird angeregt, wenn man gewohnheitsgetreu agiert. Dann gibt es als Belohnung Sicherheit, Geborgenheit, ein Wohlgefühl.[4] Der mächtige Wunsch nach Bindung, das Anklammern und die damit zusammenhängende Belohnung ist unsere Natur – auch im Business. Loslassen, auf Belohnung und Bindung verzichten, das müssen wir erst lernen. Bindung ist grundlegend in uns angelegt, und Bindung aufgeben heißt: Uns mit Unbehagen und Angst auseinandersetzten. Aber das ist für die meisten nicht das, was sie sich wünschen und es wird nicht mit Sicherheit und Geborgenheit belohnt.[5] Selbst dann, wenn wir Veränderungen etwas abgewinnen, reagieren wir meist mit Angst und Unbehagen.[6] Bei Erwachsenen zeigt sich der Bindungswunsch und die damit gesetzten Verhaltungs- und Gewohnheitsmuster nicht mehr so offensichtlich, aber das heißt nicht, dass diese nicht mehr wirken. Sobald Angst aufkommt, egal ob im Beruf oder Privat, wird das Bindungssystem aktiviert und Gewohnheit gesucht.

Selbst Macht und die mit der Macht verbundene Belohnung wird zur Gewohnheit, wodurch ein Change auch in Führungskreisen immer wieder skeptisch betrachtet wird. Nach außen wird die Unsicherheit oft überspielt, aber verdeckt sind doch die einen oder anderen Führungskräfte in Bezug auf die Veränderungsprozesse beunruhigt. Das führt zu Stress, und Stress sabotiert den Change, wie ich in einen meiner letzten Beiträge geschrieben habe.

Das Gehirn braucht zur Verarbeitung von ungewohnten, neuen Handlungsfeldern sehr viel Energie, weit mehr als für gewohnte Reaktionen. Das Gehirn will aber gar nicht so viel Energie aufbrauchen und möchte Energie sparen. Deshalb belohnt uns das Gehirn dann, wenn wir energiesparend, sprich konform nach Gewohnheit, arbeiten.[7]

Dann schüttet das Gehirn körpereigene Opiate, also Wohlfühldrogen, aus. Erst durch einen kaum noch zu ertragenden Leidensdruck wagt man den Sprung in das Ungewohnte, und lässt Veränderungen zu.[8] Selbst Extremsportler, die regelmäßig Grenzen überschreiten, haben ihre Angst vor dem Unbekannten, und versuchen Veränderungen in ihrem Verhalten aus dem Weg zu gehen. So hatte z.B. Felix Baumgartner in der Vorbereitung auf seinen Rekordsprung mit dem Druckanzug heftige Probleme, regelrechte Panikattacken. 2 Jahre lang versuchte er dieses Problem zu verheimlichen, und die mit dem Anzug verbundenen Verhaltensänderungen aufzuschieben. Dabei hat er viel getrickst und die anderen angelogen.[9]

Die meisten Menschen kämpfen nicht mit der Angst vor Neuem, sondern mit dem Verzicht auf den gewaltigen gehirneigenen Bonus, der bei gewohnheitskonformen Verhalten ausgeschüttet wird.[10]

Gewohnheiten dürfen aber jetzt nicht nur negativ betrachtet werden. Gewohnheiten ermöglichen effizientes Handeln, sind kognitiv sinnvoll und ressourcensparend. Gewohnheiten haben sich nicht zufällig herausgebildet, sondern jene Handlungen gestärkt, die irgendwann einmal erfolgreich waren. Gewohnheiten haben somit erfahrungsbasiert eine hohe Wahrscheinlichkeit, weiterhin erfolgreich zu sein. Gerade zu Beginn der Menschheitsgeschichte war das überlebenswichtig. Gleichzeitig hindert aber die Gewohnheit und der damit verbundene Wunsch nach Sicherheit und Wohlgefühl, dass man Änderungen wagt. Die durch Veränderung aufkommenden Gefühle von Unsicherheit und Unwohlsein lösen Stress aus, und Stress verstärkt wiederum die gewohnten Verhaltensmuster.[11] Selbst Zufriedenheit und Glück lassen sich kaum durch äußerliche Reize ändern, sondern pendeln sich immer wieder erneut auf das ursprünglich angelegte Zufriedenheitslevel, einem gewohnten Level, ein. Auch der Psychologe Roy Baumester von der Florida State University hat in Experimenten eindeutig zeigen können, dass es für das Gehirn wirklich ein außerordentlicher Kraftakt ist, Gewohnheiten zu widerstehen und Veränderungen zuzulassen. Disziplin hilft hier auch nicht, denn Disziplin erschöpft sich ähnlich wie die Muskelkraft.[12]

Nur 20 Prozent der Menschen haben genetisch bedingt tatsächlich Spaß am Neuen. 80 Prozent, sprich die Mehrheit der Menschen brauchen hingegen Routinen, Verlässlichkeit, Gewohnheit, um sich wohl zu fühlen – selbst dann, wenn ihnen das Gewohnte nicht guttut.[13]

Hans-Georg Häusel spricht bei den 80 Prozent von den Balance-Typen, die durch entsprechende im Körper wirkende Antriebssysteme durch das Leben bewegt werden.[14]

Limbische Prägung nach Hans-Georg Häusel

 

Häusel hat sich intensiv mit dem limbischen System auseinandergesetzt und festgestellt, dass Menschen wie auch Tiere und ebenso die Bakterien sich in drei verschiedenen Motivations-Emotions-Antriebssystemen (Instruktoren) bewegen: Im Stimulanz-, im Dominanz– und im Balancesystem. Die limbische Prägung ist zu über 60 Prozent angeboren und arbeitet sprachlos, sprich reagiert auf Bilder, Symbole und Rituale. Die Prägung versucht alles, um Unlustgefühle zu vermeiden, und entsprechend der Prägung Lustgefühle hervorzurufen.[15]

 

Limbische Prägung und das emotionale Verhalten

 

Diese Antriebssysteme bzw. Instruktoren beeinflussen bei allen Menschen alle vier Ebenen des Lebens: die physisch-körperliche Ebene, die soziale Ebene (menschliches Zusammenleben), die kognitive Ebene (Denken und Wahrnehmen) und die gnostische Ebene (Glauben und Sinn).[16] Entwicklungsgeschichtlich ist die Balance-Instruktion der älteste limbische Antrieb mit einem Alter von mehr als 3,5 Milliarden Jahre. Hauptaufgabe der Balance-Instruktion ist, ein Höchstmaß an Sicherheit, Stabilität und Konstanz in unserer äußeren Lebensumwelt, in unserem Denken und in unserem Körper zu erreichen bzw. zu erhalten.[17] Der amerikanische Motivationspsychologe Eric Klinger drückt es so aus:

Das Loslassen von Gewohntem kommt einem psychischen Erdbeben gleich.[18]

Spätestens jetzt werden Sie sich vermutlich die Frage stellen, was Sie mit all diesem doch eher psychologischen Wissen tun sollen? Sie sind ManagerIn und keine PsychologIn. Sie wollen bzw. müssen Change-Prozesse im Unternehmen erfolgsversprechend verankern und durchführen. Was können Sie jetzt tatsächlich tun, um die Herausforderungen, die wie es scheint u.a. die Gewohnheiten sind, dazu zu bewegen Gewohntes sein zu lassen und Neues zu wagen?

Empfehlungen für erfolgsversprechende Change-Prozesse

Wenn man als Führungskraft einen Change erfolgsversprechend durchführen will, dann sollte man sich neben dem „Was geändert werden will“, intensiver als vermutlich bisher auch mit den evolutionär tief verankerten Gewohnheiten und tief verwurzelten Bindungswünschen der MitarbeiterInnen und von einem selbst auseinandersetzen. Ich weiß, das löst bei den meisten Unmut aus und einige Gegenargumente, wie beispielsweise: Das sei Aufgabe von Psychologen und nicht von Führungskräften. Dafür fehlt die Zeit. Das ist auch gar nicht notwendig, man muss nur die Kommunikation verbessern, uvm … Mit all diesen Argumenten haben Sie sicherlich Recht, doch genügt Rechtbehalten, um Change-Widerstände besser in den Griff zu bekommen?

Das, „Was“ geändert werden muss, das ist sicherlich wichtig und richtig. Doch im Prozess selbst, genügt das „Was“ nicht, um den Change erfolgsversprechend umzusetzen, wie so oft zu sehen ist. Es fehlt das „Wie“?[19] Wie werden die anstehenden Veränderungen umzusetzen versucht? Mit welcher Haltung und mit welchem Wissen der Führungskräfte werden die Änderungen angeordnet? Hirnstrukturen sind ein Leben lang plastisch, also veränderbar. Doch die Veränderungsbereitschaft blockiert, wenn man vorwiegend nur mit gut gemeinten rationalen Anordnungen die Veränderungen anzuregen versucht. Es braucht etwas mehr. Es braucht im Business einen erweiterten Blick – einen Blick über den wirtschaftlichen Faktentellerrand hinaus. Das heißt: Es braucht neben den wirtschaftlichen Fakten auch menschliche Rücksichtnahme, Fingerspitzengefühl im Umgang mit den inneren Kindern der MitarbeiterInnen und deren Gewohnheiten. Deshalb müssen Sie als Führungskraft nicht gleich ein Therapeut werden.

  • Ein gesunder Menschenverstand, sprich ein kooperatives Zusammenwirken von Ratio und Emotionen, etwas Demut und ein Basiswissen über die limbischen Prägungen können Ihnen als Führungskraft schon sehr helfen, Veränderungen im Unternehmen erfolgversprechend anzuleiten und durchzugehen.

  • Budgetieren Sie mindestens 60 Prozent in Change-Prozessen für Maßnahmen zur Mentalitätsentwicklung.[20] Überwinden Sie Bildungs-Allergien, Ängste und reduzieren Sie Stress.

  • Verankern Sie frühzeitig Veränderungen als sinngebende Visionen in die Köpfe aller, und geben Sie den MitarbeiterInnen genug Zeit und Möglichkeiten, sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen. Lassen Sie durch sinnvolle Begleitungen und ausreichende Weiterbildungen alte Routinen zu neuen Gewohnheiten werden.[21]

  • Auch Achtsamkeit, der Universalschlüssel für viele Herausforderungen, ist im Umgang mit Veränderungen und Veränderungswiderständen ein äußerst wirksames Instrument.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einer persönlichen Frage an Sie:

  • Wie stehen Sie persönlich zu Veränderungen? Fällt es Ihnen leicht, sich zu ändern bzw. sich auf neue Herausforderungen einzulassen – auch dann wenn das Unsicherheit, Angst und Unwohlsein bei Ihnen auslöst?

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten verstehen und nutzen für Motivation, Marketing, Management. 2. überarb. Aufl.. Haufe Mediengruppe. Freiburg, Berlin, München: 2002.
[2] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[3] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[4] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[5] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[6] http://www.psychologie-heute.de/ph-compact/detailansicht/news/editorial_compact_29. Am 2017-09-26 gelesen.
[7] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[8] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[9] https://blog-wagner-consulting.eu/was-fehlt-dem-management/.
[10] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[11] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/wir_koennen_gewohnheiten_ausbremsen/. Am 2017-09-26 gelesen.
[12] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2008/01/Veraenderung/seite-3. Am 2017-09-26 gelesen.
[13] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[14] http://leadership-dojo.eu/wp-content/uploads/2016/05/Wissenschaftl-Fundierung-Limibischer-Ansatz.pdf. Am 2017-09-27 gelesen.
[15] Häusel, Hans-Georg: Limbic Success. So beherrschen Sie die unbewussten Regeln des Erfolgs. Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co.KG. Planegg/München. 2002.
[16] Häusel, Hans-Georg: Limbic Success. So beherrschen Sie die unbewussten Regeln des Erfolgs. Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co.KG. Planegg/München. 2002.
[17] Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten verstehen und nutzen für Motivation, Marketing, Management. 2. überarb. Aufl.. Haufe Mediengruppe. Freiburg, Berlin, München: 2002.
[18] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[19] https://blog-wagner-consulting.eu/foerderliches-management-statt-frust/.
[20] Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten verstehen und nutzen für Motivation, Marketing, Management. 2. überarb. Aufl.. Haufe Mediengruppe. Freiburg, Berlin, München: 2002.
[21] Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten verstehen und nutzen für Motivation, Marketing, Management. 2. überarb. Aufl.. Haufe Mediengruppe. Freiburg, Berlin, München: 2002.

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Lernen die neuen Helden von Napoleon?!

Lernen die neuen Helden von Napoleon?!

Ich möchte Ihnen heute anhand eines äußerst delikaten Ereignisses, dem Sieg von Napoleon in der Doppelschlacht bei Jena & Auerstedt – dem Preußischen Debakel – zeigen, woran die Preußische Führung vor mehr als 200 Jahren gescheitert ist.

Vermutlich fragen Sie sich jetzt berechtigterweise sofort, was das mit dem Heute, mit Ihren Aufgaben als Führungskraft und mit Ihren Herausforderungen, der Digitalisierung, Globalisierung und dem damit zusammenhängenden Wettkampf am Markt zu tun hat. Ich kann Ihnen darauf eine eindeutige, erfahrungsgeleitete Antwort geben: Erstaunlich viel!

Was war passiert in der Auseinandersetzung mit Napoleon

Begleiten Sie mich ins Jahr 1806 und wagen wir gemeinsam einen Blick auf das Führungsdesaster der Preußen, die im September 1806 unter der Führung des Herzogs von Braunschweig, von Friedrich Ludwig Fürst zu Hohenlohe-Ingelfingen und von General Rüchel schwerfällig in Thüringen aufmarschierten. Die Einheiten agierten getrennt voneinander als Teilarmeen. So kam es, dass beispielsweise Hohenlohe den Kanonendonner, der von Osten zu hören war, nicht ernst nahm und es nicht einmal für nötig hielt, darüber zu sprechen. Gleichzeitig hielt man an alten friderizianischen Taktiken fest, die in einigen Begegnungen mit den freier agierenden französischen Gegnern zu Niederlagen führten. Darüber hinaus konnten die Franzosen laufend Verstärkungen zuführen, was auf preußischer Seite mangelhaft von Statten ging. So kam beispielsweise Rüchel deutlich zu spät. Warum, das weiß niemand. Bei dem Begegnungsgefecht bei Auerstedt wurde der Herzog von Braunschweig schwer verletzt, doch der König vernachlässigte es anstelle seiner, sofort das Kommando selbst zu übernehmen oder einen neuen Oberbefehlshaber zu ernennen. Man versäumte Reserven zu gebrauchen, man verzettelte sich. Die Befehlsübermittlung war äußerst mangelhaft, und so gerieten die Truppen durch das Hin und Her völlig durcheinander. Tausende der demoralisierten Soldaten nutzten die Gelegenheit und desertierten.[1]

  • Die Katastrophe bei Jena und Auerstedt war in erster Linie die Folge einer geistigen Erstarrung des preußischen Offizierskorps.[2]

Warum haben die Franzosen gewonnen

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Die Franzosen bewegten sich in den Begegnungen mit einer neuen Taktik. Sie verabschiedeten sich von der schwerfälligen Linientaktik, an der die Preußen noch treu festhielten.

  • Die französischen Schützen hatten mehr Eigenverantwortung. Sie handelten im Schwarm ohne Antreiber, frei nach dem Motto: Jeder sucht sich sein Ziel selbst, und bearbeitet es selbstständig in einer freien selbstständigen Geländeausnützung.

Die Franzosen agierten ohne Massensendungen, nicht nach dem Gießkannenprinzip und setzten keine Frontalaktionen. Darüber hinaus haben die Franzosen Ihre Waffen verbessert, und in den Auseinandersetzungen eine neue Schrapnell-Munition eingesetzt.

Die Niederlage hat die Selbstüberschätzung der Preußen in die Grenzen gewiesen

Die Schlacht bei Jena und Auerstedt gilt als eine der blutigsten und folgenschwersten Schlachten der Napoleonischen Ära. Der König hat seine Lehre aus diesem Debakel von 1806/07 gezogen. Er beendete in Preußen eine Ära der Stagnation und Erstarrung, und machte den Weg für tiefgreifende Veränderungen frei.

  • Der König übertrug reformfreudigen Männern, auf die er vor 1806 nicht gehört hatte, für einige Jahre die Leitung von Staat und Armee.[3]

So wurde die Leibeigenschaft abgeschafft, die Gewerbefreiheit eingeführt und eine moderne Staatsregierung mit fünf Fachministerien geschaffen. Die Werbung von Söldnern wurde eingestellt, und die Prügelstrafe gestrichen. Eine der wesentlichen Reformen war auch die Beseitigung des Privilegs des Adels auf die Besetzung der Offiziersstellen. Sieben Jahre nach dem Debakel von Jena und Auerstedt konnte das reformierte preußische Heer gemeinsam mit den Armeen Russlands, Österreichs und Schwedens in der Völkerschlacht bei Leipzig den entscheidenden Sieg über Napoleon erringen.[4]

Woran scheitert das Management immer wieder aufs Neue – damals wie auch heute

An den folgenden 4 Punkten zeigt sich klar, woran die Führung bzw. Politik, wie auch das Management scheitern:

  • Das Festhalten an alten Gewohnheiten

  • Der Einsatz veralteter Technik und überholten Weiterbildungsmaßnahmen

  • Hochmut, Selbstüberschätzung, Macht

  • Eine schlechte Kommunikation

Als ehemaliger Offizier, der ich Führung von Menschen auch aus einer anderen Perspektive heraus studieren durfte, als beispielsweise die Führungskräfte der Wirtschaft, kann ich Ihnen heute in Verbindung mit meinem weiteren Studium der systemischen Führung zeigen, wo es hakt. Ich kann Ihnen aus meiner langjährigen Erfahrung und meinen unterschiedlichen Weiterbildungen ein umfassendes Bild darüber geben, worüber Sie sich als Führungskraft etwas mehr Gedanken machen können, mit der Absicht: in Ihrer Aufgabe, dem Führen Ihrer MitarbeiterInnen und ihrer Organisation noch besser zu werden, bzw. auf die rasanten Veränderungen der VUCA-Zeiten entsprechend flexibel eingehen zu können.

Das Festhalten an alten Gewohnheiten

Die preußische Infanterie war unbeweglich, linear, hierarchisch. Sie beharrte auf der Linienformation, kontrollierten Salven und den Vormarsch, begleitet durch Korporalstock und Trommler. Befehl und Gehorsam waren die Antreiber. Es gab keine freie selbstentschiedene Geländeausnützung, keine Eigenverantwortung wie bei den Franzosen.

Gerade heute, in der Zeit der Digitalisierung, wo sich die Machtverhältnisse verschieben, sollte man das Festhalten an alten, gewohnten Führungsstilen überdenken. Die Führung im klassischen Sinne verliert an Durchsetzungskraft, Freiheit und Eigenverantwortung steht versus Technokratischem Führungsstil.[5] Das heißt u.a., nicht nur fortlaufend neue Methoden im Management einzusetzen, sondern das Alte gehen lassen. Mit dem Alten ist gemeint, altes Führungsverständnis bzw. alte Vorstellungen davon, was Sie als Führungskraft tun und nach außen hin vorgeben zu sein. Das Alte muss gehen, damit Platz für das Neue geschaffen werden kann:[6]

  • Was Sie konkret als Führungskraft zuallererst loslassen sollten ist die Vorstellung, dass Sie die Fäden ziehen und alles kontrolliert abarbeiten können.

  • Was Sie für sich lernen dürfen ist, Kontrolle abgeben und die allgegenwärtige Selbstorganisation im Unternehmen zum Zug kommen zu lassen. Diese selbst organisierenden Prozesse sind immer gegenwärtig – man mag es kaum glauben, aber es ist so.

  • Das löst bei den meisten Stress aus. Stress, der zu dem schon vorhanden Stress hinzu kommt, und jede Veränderung im Keim erstickt. Ein entsprechendes Stress-Management ist deshalb unumgänglich.

  • Wagen Sie es mit kreativen RegelbrecherInnen, mit neuen Göttern im Management zusammenzuarbeiten. Gemeinsam mit diesen unterbrechen Sie Ihre eigenen Gewohnheiten und holen auch die anderen aus ihren Komfortzonen. So schaffen Sie ungewohnte Verbindungen und neue Muster.

Das heißt jedoch, sich weiterbilden – woran es oft mangelt. Genau das führt zum nächsten Punkt, woran damals wie heute manch eine Führung am Erfolgsweg scheitert.

Der Einsatz veralteter Technik und überholter Weiterbildungsmaßnahmen

Die preußische Feldartillerie war veraltet. Die Soldaten waren nicht zeitgemäß geschult, und auch nicht au courant auf den Einsatz möglicher neuer Techniken vorbereitet worden. Gerade heute ist eine zeitgemäße und vor allem durchgehende, arbeitsbegleitende Weiterbildung ein äußerst relevanter Aspekt.

  • Lernen wird heute die wichtigste Arbeit in der Arbeit werden. Davon wird die erfolgreiche Zukunft von einem selbst als Führungskraft und von Unternehmen abhängen.[7]

In meinem Artikel „Bildungs-Allergien im Management überwinden“ bin ich der Problematik der Weiterbildung im Management auf die Spur gegangen. Dort finden Sie u.a. 5 Bildungs-Tipps und wie Sie mit einer möglichen Bildungs-Allergie besser umgehen können. Sie wollen sicher nicht wie die Preußen gegenüber den Franzosen das Nachsehen haben. Prof.Dr. Gunter Dueck sprich sehr eindringlich davon, dass heute weit mehr Energie für eine professionelle und persönliche Entwicklung aufgewendet werden muss, um in Zukunft mithalten zu können.[8] Das heißt aber, sich einer möglichen Selbstüberschätzung, oder auch seinen Ängsten zu stellen.

  • 70 Prozent der Old-School-ManagerInnen verbringen 70 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, ihre bisher erreichte Macht abzusichern anstatt Neues zu Lernen.[9]

Das führt uns auch gleich wieder zu dem nächsten, meiner Erfahrung nach tiefgreifenden Aspekt, woran das Management damals wie heute oftmals scheitert.

Hochmut, Selbstüberschätzung, Macht

Die in Verbindung mit der Macht aufkommende Selbstüberschätzung beeinträchtigt in jedem Aspekt das Verhalten von Führungskräften – sei es auf dem Schlachtfeld oder im Management.[10]

  • Je länger Mächtige Macht ausüben, umso selbstverständlicher erscheint sie ihnen und umso gedankenloser nutzen sie die Vorteile und Privilegien, die ihnen Macht gewährt.[11]

Genau das wurde Napoleon schlussendlich auch zum Verhängnis. Anfangs, hochmotiviert und voller neuer Ideen und Einsichten, konnte er als Neuer Held in die Geschichte eingehen. Dann, als ihm die Macht sicher schien, wurde er hochmütig und äußerst egozentrisch. Die Suchtqualität der Macht und ihre verzerrenden Wirkungen auf den menschlichen Geist haben nicht nur bei Napoleon, sondern insgesamt in der Menschheitsgeschichte Hunderten Millionen Menschen das Leben gekostet.[12] Macht reduziert die Fähigkeit zur Empathie, die Fähigkeit sich in andere Menschen und ihre Perspektiven hineinversetzen zu können.[13] Die Preußen hingegen haben sich bereits zu Beginn Ihrer Auseinandersetzung hochmütig auf ihre zahlenmäßige Überlegenheit verlassen, und Napoleon deutlich unterschätzt.

Die Macht und der damit verbundene Hochmut und die Selbstüberschätzung kann jedoch nicht alleine, ohne dem Gegenspieler, der Ohnmacht und Angst betrachtet werden. So gesehen kann man einem machtbesessenen und hochmütigen Management von heute nicht ganz alleine die Schuld zuschieben.[14]

  • Über schwächelnde Mächtige wird in Managementkreisen kaum bzw. nur sehr ungern gesprochen. Genau das macht die Mächtigen jedoch gefährlich: Verdrängte Ängste führen zu unkontrolliertem Aktionismus, zu Aggression und Arroganz.[15]

Früher wie heute blenden die Mächtigen ihren Gegenspieler, die Angst, aus. Das hat selbstverständlich Gründe, das sind psychologische Strategien des Selbstschutzes. Darauf gehe ich in diesem Beitrag nicht tiefer ein. Ich möchte Ihnen vielmehr 3 Strategien nennen, mit denen Sie sich den Macht- und Hochmutspielen respektvoll, ohne in Selbstverurteilungen zu stürzen, annähern können:

  1. Achtsamkeit und Stressbewältigung. Mehr dazu finden Sie u.a. in meinen Artikeln „Slowness“, „Die unerwartete Revolution in Unternehmen“ und „Demut – eine neue Managementstrategie?!“.

  2. Eingehende Erkenntnis über die limbischen Prägungen und damit verbundenen Verhaltensweisen. Nähere Informationen dazu finden Sie auf meiner Webseite unter Embodiment.

  3. Vergeben – ein besonders delikater Punkt, der jedoch im Business kaum angesprochen wird. Vergeben, so wie es beispielsweise bei den Salzburger Festspiele in Mozarts Oper „La clemenza di Tio“ so eindrucksvoll gezeigt wurde. Vergebung hat Macht![16]

Jetzt komme ich zu dem letzten Punkt, woran die Führung bzw. Politik wie auch das Management scheitern.

Eine schlechte Kommunikation

Die Kommunikation war bei den Preußen unprofessionell, und ist es leider auch noch heute – jedoch in einer neuen Weise. Damals 1806 hat man Informationen, beispielsweise jener des Bürgermeisters, dass die Franzosen bereits die Saale überschritten hätten, nicht geglaubt und keine Bedeutung beigemessen. Heute wird durch den Gebrauch der Social-Medien die Kommunikation verzerrt, weil diese sehr stark verkürzt wird. Die Anzahl an Informationen steigt derart, sodass die Zeit zu lesen dramatisch sinkt. So kann es passieren, dass manche Informationen auch nicht wirken, nicht aus Hochmut heraus, wie damals 1806, sondern viel mehr aufgrund der überbordenden Datenmenge. Deshalb sollten Business-Mails aktuell nicht länger als acht Zeilen lang formuliert werden, um die von 12 auf 8 Sekunden gesunkene Aufmerksamkeitsschwelle nicht herauszufordern.[17]

Kommunikation ist ein über Jahrtausende hinweg gewachsenes Kulturgut der Menschen. Kommunikation wird in speziellen Studiengängen und Fächer übergreifend an den Universitäten gelehrt. Umso mehr wundert es mich, dass Führungskräfte, die meist ein Studium absolviert haben, leider immer wieder ein unprofessionelles oder einzelne sogar unethisches, manipulatives Kommunikationsverhalten an den Tag legen. Ich möchte jetzt niemanden zu nahetreten, auch ich habe meine kommunikativen Fehltritte. Das gibt mir jedoch jedes Mal zu denken.

  • In unserer heutigen Zeit, wo die Geschwindigkeit der Veränderungsprozesse ständig zunimmt und der Stresspegel bei vielen Menschen steigt, besteht auch die Dringlichkeit, neben der Stressbewältigung das Kommunikationsverhalten und die Kommunikationskompetenz zu hinterfragen.

Stress, Zeitdruck und Kommunikation gehen Hand in Hand, bedingen einander. Das heißt konkret:[18]

  • Das Kommunikationsbewusstsein stärken,

  • Selbst-Kenntnis üben,

  • sich der Wahl der Worte bewusst sein,

  • in der Kommunikation präsent sein,

  • Präsenz und Embodiment [19] gemeinsam wirken lassen,

  • digital kommunikativ kompetent sein,

  • und auch Courage zeigen.

In meinem Artikel „Kommunikation – ein zweischneidiges Schwert“ finden Sie nähere Informationen.

Was denken Sie jetzt?

  • Sind Sie noch präsent bzw. versuchen Sie meinen geschichtlichen Darbietungen und möglichen Lösungsansätzen noch zu folgen?

  • Oder denken Sie, dass in der heutigen Zeit ein solcher Aufwand für ein erfolgsversprechendes Management nicht wirklich notwendig sei – noch dazu, weil es ohnehin ganz gut läuft?

Mit einer solchen Sichtweise haben Sie von einem bestimmten Standpunkt aus Recht.

  • Doch genügt es tatsächlich einfach zu sagen, dass es so wie es bisher gemacht wurde, reicht?

  • Wohin führt eine solche Einstellung?

Womöglich an den Punkt, wo der Preußische König desaströs verloren hat. Aber immerhin, er hat daraus gelernt und seinen Staat reformiert.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] Fesser, Gerd Dr.: Die Schlacht: Napoleons Sieg – Preußens Debakel. Aus: Militär & Geschichte. Nr. 13. 2004. Pabel-Moewig Verlag KG. Raststatt.
[2] Fesser, Gerd Dr.: Die Schlacht: Napoleons Sieg – Preußens Debakel. Aus: Militär & Geschichte. Nr. 13. 2004. Pabel-Moewig Verlag KG. Raststatt.
[3] Fesser, Gerd Dr.: Die Schlacht: Napoleons Sieg – Preußens Debakel. Aus: Militär & Geschichte. Nr. 13. 2004. Pabel-Moewig Verlag KG. Raststatt.
[4] Fesser, Gerd Dr.: Die Schlacht: Napoleons Sieg – Preußens Debakel. Aus: Militär & Geschichte. Nr. 13. 2004. Pabel-Moewig Verlag KG. Raststatt.
[5] https://blog-wagner-consulting.eu/hierarchie-netzwerk-krieg/.
[6] Offermanns, Michael: Mehr Selbstorganisation für eine digitalisierte Welt – ein Plädoyer. https://cidpartners.de/mehr-selbstorganisation-fuer-eine-digitalisierte-welt-ein-plaedoyer/. Am 2017-03-14 gelesen.
[7] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[8] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[9] http://blog.anneschueller.de/warum-die-alten-von-den-jungen-nicht-lernen-und-in-alten-strukturen-verharren/. Am 2017-08-01 gelesen.
[10] https://blog-wagner-consulting.eu/macht-veraendert-jeden/.
[11] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[12] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[13] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[14] https://blog-wagner-consulting.eu/machtspiele/.
[15] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[16] https://blog-wagner-consulting.eu/machtspiele/.
[17] https://blog-wagner-consulting.eu/kommunikation/.
[18] https://blog-wagner-consulting.eu/kommunikation/.
[19] http://leadership-dojo.eu/embodiment.

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Angst – der unsichtbare Erfolgskiller

Angst - der unsichtbare Erfolgskiller

Lt. einer Studie wird Angst als Innovationsverhinderer Nummer eins genannt. Gleichzeitig wird so getan, also ob die Unternehmen und das Management alles im Griff haben. Die Innovationen werden lautstark angekündigt, doch die meisten davon bleiben folgenlos.[1]

35% der befragten Innovationschefs gaben zu, dass sie selbst Innovationen aus Angst verhindert haben.[2]

Knapp jede zweite Führungskraft befürchtet lt. Studie einen Machtverlust durch die gesetzten Innovationen [3]. In meiner Arbeit als Coach und Berater erlebe ich fast täglich, wie Angst wirkt bzw. wie versucht wird, die Ängste still und heimlich beiseite zu schieben, mit der Hoffnung, dass sie dann ganz verschwinden. Das ist vollkommen verständlich. Angst schwächt, und niemand will sich schwach oder gar ohnmächtig fühlen.[4] Auch wenn wir die Angst nicht mehr wahrnehmen, so heißt das nicht, dass die Angst nicht mehr wirkt. Leider tut sie das, aus dem Verborgenen heraus oder verzerrt und verdreht durch andere emotionale Schlupflöcher. So kann beispielsweise Unlust ein Zeichen für Angst sein, ebenso wie Missfallen, Unmut, Unruhe, Kleinmütigkeit, Unzufriedenheit und Unentschlossenheit.[5] Sogar körperliche Beschwerden können ein Hinweis auf Angst sein. Dann ist es besonders schwer zu verstehen, dass eigentlich Angst vorliegt.[6]

  • Was macht Ihnen konkret im Beruf Angst? Können Sie von sich sagen, ob Sie im Beruf, bei Ihren Entscheidungen als Führungskraft und den vielen anstehenden Umwälzungen durch den Digitalisierungsprozess Angst verspüren?

  • Wie sieht es bei Ihnen privat aus? Haben Sie für sich selbst und Ihre Familie Angst in Bezug auf das, was aktuell in der Welt so vor sich geht?

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Angst als solche ist eine durchaus sinnvolle menschliche Reaktion, um Gefahren zu überwinden. Aber dieses Alarmsystem funktioniert in vielen Situationen nicht angemessen. Viele als Gefahren eingestufte Situationen sind nicht so real und gefährlich wie man meinen könnte, bzw. werden erst durch eine individuell eingefärbte Bewertung zur Gefahr.[7] Gleichzeitig verliert man genau deshalb das Gefühl für die wirklichen Gefahren, für jene, die tatsächlich die Notwendigkeit nach sich ziehen, entsprechend zu handeln.

Angst ist neben der realen Gefahrenwarnung eine individuelle Entscheidung, gespeist durch die unzähligen in Bezug auf Angst gemachten Erfahrungen aus der Kindheit.[8]

Die innere Bewertung einer Situation und dem darin möglichen Gefahrenpotential oder anders ausgedrückt, dieses innere Selbstgespräch in Bezug auf eine mögliche Gefahr ist uns in den meisten Fällen nicht bewusst. Unser System agiert wie ein Autopilot und versucht uns so schnell wie möglich durch Flucht, Angriff oder Ducken aus einer vermeintlichen Gefahrensituation herauszuholen.[9] Menschlich betrachtet ist es deshalb ganz normal, dass viele Entscheidungen durch Unmengen von Ängsten beeinflusst werden – realer und unrealer Ängste.

Die Überspielung der Angst ist gar nicht der schlimmste Aspekt, sondern vielmehr die Tatsache, dass durch Angst zielführendes Denken und Handeln verhindert wird.[10]

Systemisch betrachtet ist Angst so komplex wie die Probleme selbst komplex sind. Um die Ängste und die Angst auslösenden Herausforderungen adäquat steuern und regulieren zu können, muss mindestens auf dem gleichen Komplexitätsgrad gearbeitet und gehandelt werden. Das heißt zu verstehen, dass die Angst selbst nicht das Hindernis, sondern viel mehr die Chance ist zu begreifen, wie komplex die Situation ist, und dass man entsprechend darauf eingehen sollte.[11] Solange jedoch die Ängste verdrängt werden, kann man die in den Ängsten versteckten Ressourcen nicht nutzen. Dabei sind Ängste eine gute Methode, um hinter die Probleme zu sehen, die Probleme zu erkennen und in Folge tatkräftig zu lösen.[12] So schreibt ein Journalist sehr offen über seine beruflichen Ängste [13]. Seine Ängste sind sicher anders gelagert als die von ManagerInnen, aber zeigen, wie schwierig und komplex es ist die Ängste zu managen:

Meine privaten Ängste – von der Gesundheit bis zur Zukunft der Kinder – sind leicht zu verbalisieren. Das geht jedoch die Öffentlichkeit nichts an. Mir geht es hier um meine berufsbezogenen Ängste, die viel komplexer und schwieriger zu beschreiben sind. Ich brauche eine Persönlichkeitsspaltung, um in meiner Arbeit zu entscheiden, ob und wann wie viel an (scheinbar) neutralen Fakten oder individueller Meinung eingebracht werden kann. Das führt bei mir zu einer Dauerangst. Ich habe Angst vor Rückmeldungen und Feedbacks. Gleichzeitig habe ich Angst meiner Aufgabe als Politik- und Medienvermittler nicht gerecht zu werden, zu wenig engagiert oder zu missionarisch aufzutreten. Was mir ebenfalls Angst macht, dass ist die Erfahrung, dass bei Interviews sowohl JournalistInnen als auch ZuseherInnen dem Experten gegenüber so unaufmerksam plus gutgläubig zuhören, dass Falschmeldungen und hanebüchener Unsinn problemlos durchgehen. Das erschütterte mich wirklich. Das liegt u.a. an den Verkürzungen. Komplexe Sachverhalte können einfach nicht in kurzer Zeit so erklärt und kommentiert werden, dass die Folgen verständlich gemacht werden können. Wer das leugnet, der schwindelt gewaltig. Als ich über 9/11 berichtete, machte es mir unheimlich Angst über etwas zu berichten, worüber keiner noch so genau wusste, was und wie das passieren konnte. Gigantische Angst habe ich davor, dass die Stimmungslage der Bevölkerung durch entsprechende Propaganda gelenkt wird. Etwas nicht anzusprechen, nagt aber auch an den Ängsten.[14]

Das ist ein kleiner Auszug von den berufsbedingten Ängsten dieses Journalisten. Auch wenn seine Ängste anders sein mögen als die von ManagerInnen, es zeigt Ihnen vielleicht, dass Ängste im Beruf ganz normal sind, doch meist nur selten verbalisiert werden. Dabei ist unumstritten, dass Angst die Fähigkeit hemmt, sich weiterzuentwickeln und darüber hinaus einen guten Umgang mit Fehlern verhindert [15]. Es ist also zuvorderst notwendig, die Ängste der Menschen im Unternehmen respektvoll anzuerkennen, und mit achtsamer Führung zum Schwinden zu bringen. Mit Angst im Nacken läuft man zwar schneller, aber nur ein kurzes Stück. Die Mär, dass der Mensch unter Druck geistige Großtaten vollbringt, ist gefährlich. Das Gegenteil ist der Fall.[16]

Der Dauerdruck und die anhaltende Missstimmung sabotieren die Fähigkeit des Gehirns, sein Bestes zu geben, weil die im Angstzustand ausgeschütteten Botenstoffe Synapsen blockieren.[17]

Doch gerade in schnellen Zeiten sind schnelle Synapsen bitter vonnöten. Anstatt Angst, braucht es Heiterkeit, Muße und Stress-Abstinenz.[18] Doch das Handeln aus Angst heraus scheint für viele der normale Arbeitsstil zu sein. Abgesehen davon löst eine Veränderung der Arbeitsweise auch gleich wieder Angst aus. So beißt sich die Katze in den Schwanz.

Angst soll besser gemanagt werden, aber gerade die Auseinandersetzung damit löst neue Ängste aus.

Sobald man etwas ändert, muss etwas Altes verabschiedet werden. Das löst Verlustängste aus.[19] Darüber hinaus gibt es keine Garantie, dass das Neue besser ist. So geraten wir in eine Dilemmata-Situation. Was sollen wir retten, und was opfern?[20] Der Blick über den Tellerrand ist unumgänglich – rational und emotional. Doch Angst verhindert auch das. Egal von welcher Seite aus ich versuche das Thema Angst anzugehen, die Angst weicht nicht. Im Gegenteil, in gewisser Weise verstärkt sich sogar die Angst. Jetzt werden Sie mich vermutlich zu Recht fragen, und was jetzt? Es ist doch keine Lösung, die Ängste zu betrachten und dann noch mehr Ängste zu schüren. Das ist selbstverständlich nicht meine Intention. Ich möchte Sie vielmehr dazu ermutigen, Ihre Ängste nicht zu oft zu verdrängen, sondern Ihre Ängste als Ratgeber zu sehen, der Ihnen hilft Herausforderungen verantwortungsvoll zu managen.

  • Es beginnt bei der bewussten Auseinandersetzung, dem respektvollen und verständnisvollen Ja zu den Ängsten. Sehen Sie in der Angst nicht Ihren Feind, sondern einen Verbündeten, der Ihnen zeigen möchte, dass ein anderer Weg gegangen werden kann. Falls Sie zu all denen gehören, die Ihre Ängste meist zu betäuben versuchen, beispielsweise durch Nikotin, Alkohol, Essen oder andere Ablenkungen, dann heißt es zuerst einmal wahrzunehmen, ob Sie unter Umständen Ihre Angst vor sich selbst verheimlichen wollen. Ich weiß, das ist nicht einfach. Aber in dem Moment, wo Sie sich selbst genauer betrachten, fühlen sich Ihre Emotionen, u.a. eben auch Ihre Angst eingeladen, Ihnen zu zeigen, was los ist.

  • Wagen Sie es, Ihre weichen Kompetenzen zu erweitern – nicht nur Ihre fachlich rationalen, sondern eben auch Ihre emotionalen Fähigkeiten. Versuchen Sie Ihren vielleicht vorhandenen Allergien gegenüber der Weiterbildung von weichen Kompetenzen achtsam zu begegnen [21]. Angst braucht einen verständnisvollen Gesprächspartner und eine verantwortungsbewusste, erfahrene Führung.

  • Üben Sie sich in Achtsamkeit. Ich weiß, schon wieder erwähne ich die Achtsamkeit. Aber aus meiner langjährigen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Achtsamkeit einer der Universalschlüssel ist, um mit schwierigen und belastenden Situationen erfolgsversprechend umzugehen.[22],[23]

  • Formulieren Sie Visionen, nicht Ziele, um die Zukunft im Gesamtblick zu erfassen – nicht bloß Ihren persönlichen Erfolg, sondern auch die Folgen für die Umwelt und Gesellschaft [24]. Die nebulösen Ungewissheiten von realen und unrealen Gefahren klären sich, trennen die Spreu vom Weizen. So können Sie im Vorfeld bereits entsprechend anders handeln, Ihre Ängste als Ratgeber und Warnsignale einbeziehen, und befriedigende Lösungen finden.

Ziel ist es nicht, angstfrei zu sein, sondern zu lernen [25],

  • das tatsächliche, real existierende Gefahrenpotential und die damit verbundenen Ängste von den individuell aufgeputschten, aber ungefährlichen Gefahren bestmöglich auseinanderzuhalten. Das heißt, die Ängste anerkennen und prüfen, wie gefährlich die jeweilige Situation tatsächlich ist oder eben nicht ist, sondern nur emotional aufgrund schlechter Erfahrungen als gefährlich eingestuft wird.

  • Selbstverständlich gilt es auch zu lernen, die Angst vor realen, unkontrollierbaren Situationen angemessen zu bewältigen.

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit einer Textpassage von einem Lied von André Heller, österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Autor, Dichter und Schauspieler:

Es gibt eine Angst, die macht klein,

die macht einen krank und allein.

Und es gibt eine Angst, die macht klug,

mutiger, freier von Selbstbetrug.

 

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[2] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[3] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[4] https://blog-wagner-consulting.eu/machtspiele/.
[5] http://corpora.uni-leipzig.de/de/res?corpusId=deu_newscrawl_2011&word=Angst Am 2017-09-12 gelesen.
[
6] Wolf, Doris: Ängste verstehen und überwinden. 17. Auflage. PAL Verlagsgesellschaft mbH, München: 2003.
[7] Wolf, Doris: Ängste verstehen und überwinden. 17. Auflage. PAL Verlagsgesellschaft mbH, München: 2003.
[8] Wolf, Doris: Ängste verstehen und überwinden. 17. Auflage. PAL Verlagsgesellschaft mbH, München: 2003.
[9] Wolf, Doris: Ängste verstehen und überwinden. 17. Auflage. PAL Verlagsgesellschaft mbH, München: 2003.
[10] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[11] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[12] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[13] http://www.fleischmagazin.at/index.php/fleisch-40-angst-vor-komplexitaet-peter-filzmeier. Am 2017-09-12 gelesen.
[14] http://www.fleischmagazin.at/index.php/fleisch-40-angst-vor-komplexitaet-peter-filzmeier. Am 2017-09-12 gelesen.
[15] https://leitung-supervision.de/der-umgang-mit-fehlern/. Am 2017-09-12 gelesen.
[16] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[17] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[18] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[19] http://leadership-dojo.eu/transition/.
[20] https://blog-wagner-consulting.eu/harte-zwickmuehlen-im-management/.
[21] https://blog-wagner-consulting.eu/bildung-im-management/.
[22] https://blog-wagner-consulting.eu/unerwartete-revolution/.
[23] https://blog-wagner-consulting.eu/slowness-trend-wirtschaft/.
[24] https://blog-wagner-consulting.eu/visionen-im-management/.
[25] Wolf, Doris: Ängste verstehen und überwinden. 17. Auflage. PAL Verlagsgesellschaft mbH, München: 2003.

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