Werden Avatare die neuen ManagerInnen?!

Werden Avatare die neuen ManagerInnen?!

Stellen Sie sich vor, im Labor ist es bereits möglich Ihren Kopf in 20 Minuten zu vermessen und aus den Daten einen fotorealistischen Avatar zu erstellen, der Blicken folgen und sogar emotionale Gesichtsausdrücke widergeben kann. Wenn dann dazu von Ihrem Handy auch noch Audiodaten geklaut werden, dann kann der Avatar sogar sprechen wie Sie: Der Avatar ist von Ihnen bei einer Videotelefonie nicht mehr zu unterscheiden.[1] Anders, aber um nichts nachstehend die Tatsache, dass in japanischen Hotels humanoide Roboter bereits als Concierges eingesetzt werden.[2]

Die Argumentation, dass Roboter zu unflexibel und unmenschlich seien, kann nicht mehr vollständig aufrechterhalten werden. Roboter können die Mimik analysieren, das Gegenüber entsprechend der Stimmung und Laune einschätzen, und folglich stimmig reagieren. Einer der heftigsten Punkte daran ist, dass humanoide Roboter, ob man will oder nicht, tatsächlich auf uns Menschen menschlich einwirken. Thomas Metzinger spricht dabei von der sozialen Halluzination.[3]

Aufgrund der Spiegelneuronen reagieren wir auf unser Gegenüber – auch auf einen Roboter. Unser menschliches System ist so aufgebaut, dass wir auch einem Roboter menschliche Wesenszüge zuschreiben.[4]

Das ist lt. Metzinger ganz normal für Menschen. Aber genau das kann in Bezug auf die rasant fortschreitende Technik, in Verbindung mit unserer Effizienzgetriebenheit, in Zukunft ein fragwürdiges Arbeitsleben schaffen. Gleichzeitig könnte man mit den neuen Techniken die Arbeit zu einem gewünschten Konsum-Rausch werden lassen, perfekt und aufregend gestaltet.[5]

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Viele Jobs könnten durch Roboter, Avatare und virtuelle Assistenten ersetzt werden. Wie man bereits weiß, operieren Roboter besser als Menschen und auch die Diagnostik von Robotern ist unbestreitbar gut, im Vergleich zum Menschen [6],[7]. Die Altenpflege könnte mit humanoiden Robotern revolutioniert bzw. kostenmäßig besser in den Griff bekommen werden. Die Sekretärin kann durch einen Avatar ersetzt werden, und vielleicht sogar der/die ManagerIn?! In 30 Jahren werden uns die virtuellen Assistenten als Hologramm überall hin begleiten [8]. An Virtual Rooms im Sinne des Holodeck aus Star Trek wird gearbeitet.

Der Wunsch nach einer Parallelwelt, wo man je nach Wunsch und Bedarf hineingeht und was tun bzw. auch arbeiten kann, hat viele ForscherInnen in den Bann gezogen.[9]

In der Weltraumforschung arbeitet man bereits real in virtuell animierten Räumen, um die Astronauten auf Ihre Missionen im Weltraum bestmöglich vorzubereiten. Auch Volkswagen setzt bereits Virtual Reality für bestimmte Arbeitsbereiche ein. Und Zuckerberg möchte Facebook zu einem Virtuellen Ort machen, wo Menschen sich über ihre Avatare auch körperlich treffen können. Das geschriebene Wort ist hier nur der erste Schritt.[10]

Künstliche Intelligenzen und das Spiel mit Masken

Das Wort Avatar kommt ursprünglich aus dem Sanskrit (avatara) und bedeutet dort etwa: „Das Erscheinen Gottes auf Erden in einer von ihm frei gewählten Form.“ Wenn es tatsächlich möglich ist, mit Avataren zu arbeiten, diese nach Wunsch und Bedarf für sich selbst frei zu wählen, dann hat das Folgen – für einen selbst und für das Gegenüber.[11] Das Spiel mit den Masken wird vielleicht noch intensiver. Wir agieren auch sonst mit Masken, das ist normal. In meinem Artikel „Das Führen mit Masken“ habe ich in Ansätzen versucht, dieses Thema zu veranschaulichen. Niemand agiert ohne Masken, aber durch den Einsatz von Avataren als VertreterInnen für einen selbst, könnte sich damit das Kommunikationsverhalten in einer noch nicht wirklich fassbaren Weise ändern.

  • Vermutlich können wir uns in keiner Weise vorstellen, was es heißt, sich selbst von einem Avatar beruflich ersetzen zu lassen?

  • Wir können uns kaum vorstellen, was es mit uns macht, wenn wir beispielsweise für schwierige oder heikle Themen den Virtual Room besuchen, um uns dort nach Wunsch von frei gewählten Hilfswesen, Hilfe und Lösungen zeigen zu lassen?

Die ForscherInnen und ExpertInnen sehen es euphorisch und meinen, dass sich damit für viele Menschen neue Chancen auftun – insbesondere die Chance, so sein zu können wie man ist, die Barriere von Klasse, Sprache, Erziehung und Nationalität fallen lassen zu können [12]. Auch Jonathan Harth sieht die Vorteile und meint, dass mit dem Besuch von Virtual Rooms ganz neue Perspektiven erkannt werden können, und man das Gegenüber besser einschätzen und verstehen könne. Man spricht bei der Virtual Reality sogar von einer Empathie-Maschine. Und man wird unsterblich. In den Virtuellen Räumen bleibt der Avatar am Leben, auch wenn der/die menschliche SchöpferIn bereits gestorben ist.[13]

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das konkret mit Ihnen als Führungskraft zu tun hat? Vielleicht sind diese Utopien für Sie noch weit weg oder gar Spinnereien und Sie meinen, so kommt es nicht.

  • Aber was, wenn es doch so kommt, und Sie durch einen Avatar ersetzt werden oder umgekehrt, Sie in nicht allzu langer Zukunft Avatare als MitarbeiterInnen vor sich haben? Wie führen Sie diese Avatare?

  • Was wäre, wenn Sie tatsächlich im Virtual Room Ihre Probleme ganz offen, direkt und diskret mit virtuellen Figuren besprechen könnten? Was würde das mit Ihnen machen? Könnte es sein, dass Sie dann anders handeln als bisher?

Metzinger sieht die Entwicklung äußerst kritisch. Er glaubt, dass die gut gemeinten Chancen der humanoiden Robotik und der virtuellen Realität nicht zum Zug kommen, sondern in den allermeisten Fällen diese neuen Techniken nur der Konsumentenmanipulation dienen werden.[14] Mit Second Life kann im World-Wide-Web eine dreidimensionale Welt, eine Parallelwelt, simuliert werden. Es ist ähnlich einem Spiel, jedoch ohne vorgegebener Handlung. Der Schwerpunkt liegt auf der Begegnung der Teilnehmenden. Adidas, Toyota oder Mercedes nutzen Second Life bereits als Marketingplattform und Experimentierfeld. Selbst PolitikerInnen nutzen bereits Avatare, um Wählerstimmen im wahren Leben zu erhalten.[15] Und genau das führt mich zu der Frage, ohne die Marketingstrategien oben genannter Unternehmen und ambitionierten PolitikerInnen negativ betrachten zu wollen.

  • Was meinen Sie als Führungskraft: Könnte es Ihnen auch passieren, dass Sie die unglaublichen Möglichkeiten der neuen Technik vorwiegend zum Zweck der Gewinn- und Machtmaximierung nutzen?

Ich weiß, dass ist eine schwierige Frage. Von einem Standpunkt aus will kein Mensch, und auch keine Führungskraft, nur ausbeuten. Aber von einem anderen Standpunkt aus, wenn der Machtfaktor steigt, dann ändern Menschen ihr Verhalten unter Zugzwang der eigenen Machterweiterung.[16] Das ist nicht böswillig. Das ist menschlich. Dies braucht aber, um nicht auszuarten, menschlichen Rat von jenen, die die Machtspiele im positiven Sinn gut zu lenken im Stande sind. Das fordert Selbstdisziplin und Achtsamkeit. Im digitalen Universum gibt es jedoch noch keine Regeln und keine Achtsamkeitshüter. Genau das könnte die neuen Techniken gefährlich machen – für jeden.[17]

Die Kraft der Avatare, Virtual Rooms und humanoiden Robotern sollte jedenfalls nicht unterschätzt werden. So arbeitet man u.a. auch daran, Roboter über menschliche Gedanken steuern zu lassen, sozusagen Superintelligenzen mit übermenschlichen Fähigkeiten zu kreieren.[18]

  • Stellen sie sich vor, Sie könnten als Führungskraft so einen Roboter für sich nutzen, Ihren Geist mit dem Geist eines Roboters verbinden? Würden Sie das wagen, und wenn ja, was würden Sie dann tun?

  • Was wird passieren, wenn Ihre MitarbeiterInnen ebenfalls diese Möglichkeit haben?

Mag sein, dass das alles sehr utopisch und unrealistisch klingt, aber Metzinger und andere warnen und fordern dringend Reflexion und Handlungsschritte. Die ForscherInnen sind weiter, als manche denken. Vielleicht gehören Sie aber zu jenen, die sogar mehr wissen und diesen Beitrag belächeln. Ich bin kein IT-Spezialist und kann das Thema Roboter, Avatare und künstliche Welten sicher nur sehr laienhaft ansprechen. Aber so viel meine ich sagen zu können: der technischen Fortschritt ist unaufhaltsam und die Arbeitswelt wird sich verändern – vielleicht nicht ganz so dramatisch, aber wer weiß.

Manche ForscherInnen bzw. IT-Freaks, wie Elon Musk, warnen jedoch sehr eindringlich. Und das tun sie sicher nicht grundlos. Musk meint, dass durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ein Dritter Weltkrieg ausbrechen könnte.[19] So weit gehen andere ForscherInnen mit Ihrem Zukunftsbild nicht, aber stellen sehr eindeutige Prognosen: Beispielsweise, dass durch die Robotik bis ins Jahr 2030 die Einkommensschere noch weiter auseinanderklaffen wird. Man rechnet mit massiver Arbeitslosigkeit und großflächigen Lohnsenkungen, gefolgt von einem Einbruch der Lohnsteuer sowie einer Überlastung sozialer Sicherungssysteme. Klassische Berufsbilder werden bald zu bedrohten Arten.[20] Diese Annahmen lassen mich nicht unberührt, und ich muss zugeben, dass ich vielleicht doch noch zu wenig in die Zukunft denke in Verbindung mit der Wirkungskraft Künstlicher Intelligenz, Avatare und humanoide Roboter. Wie sieht es bei Ihnen aus?

  • Wie offen ist Ihr Blick für eine mit Avataren und Künstlichen Intelligenzen geprägte Zukunft?

  • Wenn Sie die Möglichkeit hätten, sich selbst von einem Avatar vertreten zu lassen, beispielsweise von einem Macht-Avatar, würden Sie das ausprobieren?

Auch wenn Avatare angeblich ein emotionales Gespräch nicht ersetzen können [21], so kann jedoch ein Avatar im Gegenüber Emotionen so sehr beeinflussen, dass das Gegenüber dann dem Avatar Empathie zuschreibt, auch wenn dieser keine an den Tag legen kann. Das ist eben der Hacken an der Sache. Der Zauberlehrling verliert sich in seinem Zauber. Die menschliche Empathie schlägt die Technik, jedoch nicht im ursprünglich erwähnten Sinn. Klaus Schwab, der Gründer und Vorsitzender des World Economic Forum (weforum.org) meint:[22]

Wir stehen an der Schwelle einer technologischen Revolution, die unsere Art zu leben, zu arbeiten und unsere Beziehungen grundlegend ändern wird.[23]

Alles ist in Bewegung und wer nicht rechtzeitig erkennt, wohin die Reise geht, und nicht rechtzeitig die Weichen stellt, der kann schnell den Anschluss verlieren.[24] Gleichzeitig muss man die neuen Möglichkeiten kritisch betrachten und sollte diese nicht unbedacht wie ein Zauberlehrling einfach in das Unternehmen einführen. Manche ExpertInnen sprechen davon, dass die Künstliche Intelligenz die globalen Risiken der Nukleartechnologie, die historisch lange unterschätzt wurde, übertreffen werde. Sie sprechen nicht vom Dritten Weltkrieg wie Musk, aber warnen eindringlich davor, dass der technologische Fortschritt die Menschen vor historisch beispiellose ethische Herausforderungen stellen wird. Der technologische Fortschritt entwickelt sich exponentiell, für die geistigen Fähigkeiten des Menschen gilt das so nicht.[25] Deshalb fordert Musk strengere Regulierungen, wird jedoch von anderen, wie beispielsweise Zuckerberg, als Schwarzmaler bezeichnet.[26]

  • Was heißt das jetzt für Sie oder mich?

Die Welt 2030 steht bald vor der Türe. Vieles bewegt sich bis dahin und wird Ihr und mein Leben, das Leben Ihrer und meiner Familie beeinflussen. Was all die Änderungen für Sie und mich bedeuten, dass kann meinem Empfinden nach nur mit äußerst reflektiertem, breitgefächerten Wissen und tiefgehenden, selbstkritischen Betrachtungen angegangen werden. Abschließen möchte ich diesen, vermutlich nicht leicht zu verdauenden Beitrag, mit 2 konkreten Fragen:

  • Was können/wollen Sie als Führungskraft für Ihr Unternehmen und Ihre MitarbeiterInnen wagen, um erfolgsversprechend in die Zukunft blicken zu können?

  • Was wollen Sie für sich persönlich und Ihre Familien in Zukunft sicherstellen?

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/neuroethiker-ueber-roboter-der-evolution-ist-ja-egal-ob-wir-gluecklich-sind/20275416.html. Am 2017-09-05 gelesen.
[2] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/neuroethiker-ueber-roboter-der-evolution-ist-ja-egal-ob-wir-gluecklich-sind/20275416.html. Am 2017-09-05 gelesen.
[3] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/neuroethiker-ueber-roboter-der-evolution-ist-ja-egal-ob-wir-gluecklich-sind/20275416.html. Am 2017-09-05 gelesen.
[4] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/neuroethiker-ueber-roboter-der-evolution-ist-ja-egal-ob-wir-gluecklich-sind/20275416.html. Am 2017-09-05 gelesen.
[5] https://www.cio.de/a/wie-wir-im-jahr-2030-arbeiten,3103921. Am 2017-09-05 gelesen.
[6] https://ea-stiftung.org/files/Kuenstliche-Intelligenz-Chancen-und-Risiken.pdf. Am 2017-09-06 gelesen.
[7] https://blog-wagner-consulting.eu/erschuetterung-der-macht/.
[8] http://www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/alles_vernetzt_leben_im_jahr_2050/. Am 2017-09-05 gelesen.
[9] http://www.fr.de/politik/technik-virtual-reality-wird-immer-realer-a-1338682. Am 2017-09-05 gelesen.
[10] http://www.fr.de/politik/technik-virtual-reality-wird-immer-realer-a-1338682. Am 2017-09-05 gelesen.
[11] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/ein_anderer_sein/. Am 2017-09-05 gelesen.
[12] http://www.fr.de/politik/technik-virtual-reality-wird-immer-realer-a-1338682. Am 2017-09-05 gelesen.
[13] http://www.fr.de/politik/technik-virtual-reality-wird-immer-realer-a-1338682. Am 2017-09-05 gelesen.
[14] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/neuroethiker-ueber-roboter-der-evolution-ist-ja-egal-ob-wir-gluecklich-sind/20275416.html. Am 2017-09-05 gelesen.
[15] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/ein_anderer_sein/. Am 2017-09-05 gelesen.
[16] https://blog-wagner-consulting.eu/macht-veraendert-jeden/.
[17] http://www.fr.de/politik/technik-virtual-reality-wird-immer-realer-a-1338682. Am 2017-09-05 gelesen.
[18] http://www.zeit.de/2017/13/kuenstliche-intelligenz-roboter-technik-politik-digitalisierung. Am 2017-09-05 gelesen.
[19] http://www.n-tv.de/wirtschaft/Elon-Musk-fuerchtet-Dritten-Weltkrieg-article20017677.html. Am 2017-09-06 gelesen.
[20] http://www.zeit.de/2017/13/kuenstliche-intelligenz-roboter-technik-politik-digitalisierung. Am 2017-09-05 gelesen.
[21] https://www.it-zoom.de/it-mittelstand/e/emotionale-beratung-durch-roboter-17544/. Am 2017-09-05 gelesen.
[22] Oberholzer, Kurt: Digitalisierung: Wandel ist unausweichlich. Salzburger Wirtschaft. Nr 5: 05.02.2016.
[23] Oberholzer, Kurt: Digitalisierung: Wandel ist unausweichlich. Salzburger Wirtschaft. Nr 5: 05.02.2016.
[24] Oberholzer, Kurt: Digitalisierung: Wandel ist unausweichlich. Salzburger Wirtschaft. Nr 5: 05.02.2016.
[25] https://ea-stiftung.org/files/Kuenstliche-Intelligenz-Chancen-und-Risiken.pdf. Am 2017-09-06 gelesen.
[26] http://www.n-tv.de/wirtschaft/Elon-Musk-fuerchtet-Dritten-Weltkrieg-article20017677.html. Am 2017-09-06 gelesen.

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Stress sabotiert Veränderungen

Stress sabotiert Veränderungen

Stress ist der Hemmschuh von New-Work

In der heutigen Berufswelt haben die körperlichen Belastungen stark abgenommen, aber psychisch wird die Arbeit für alle, für das Management und die MitarbeiterInnen, immer anstrengender.

Die Digitalisierung fordert eine neue Arbeitsweise und stellt neue Anforderungen (Kreativität, Kollaboration, Agilität,…), was aber mit steigender Belastung und dem damit ansteigenden Stress nicht machbar ist. Das belegen Ergebnisse von ForscherInnen der Universität in Braga in Portugal. Stress verändert die Gehirnstruktur, und das in einer Weise, die gerade jetzt in Umbruch-Zeiten besonders unangenehme Begleiterscheinungen haben:[1]

  • Stress bildet jene Hirnbereiche zurück, die für in die Zukunft gerichtetes, flexibles und logisches Denken zuständig sind. Doch genau das braucht jedes Management.

  • Statt logisches Denken zu fördern, unterbindet Stress dieses und vergrößert jene Hirnareale, die dafür verantwortlich sind, alte Gewohnheiten und mechanistisches Handeln zu stärken. Damit kann agiles, innovatives Handeln kaum in Schwung kommen.

Stress ist nie gut, dem wird sicher niemand widersprechen. Aber noch immer wird meiner Beobachtung nach zu wenig getan. Die meisten Führungskräfte wurschteln sich mit ihrem Stress irgendwie durch den Arbeitsalltag, und irgendwie scheint das auch zu klappen. Viele Führungskräfte meinen, wenn sie es bisher mit ihrem Stress geschafft haben erfolgreich voranzuschreiten, dann werden sie die VUCA-Herausforderungen in der gleichen Weise auch schaffen.

Aber diese Annahme ist trügerisch.

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Das kann niemandem vorgeworfen werden. Darüber hinaus ist für viele Unternehmen ein entsprechendes Stress-Management der Führungskräfte, wie auch MitarbeiterInnen eine persönliche Angelegenheit. Scheinbar geht man davon aus, dass die meisten Führungskräfte und MitarbeiterInnen von Haus aus gut mit Stress umgehen können. Studien belegen jedoch das Gegenteil:

Nach einer aktuellen Analyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit im Jahr 2017 hat sich die Zahl der Fehltage auf Grund von psychischen Leiden in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht. So waren die Betroffenen im Schnitt für 38 Tage krankgeschrieben. Damit haben psychische Erkrankungen die längsten Fehlzeiten am Arbeitsplatz.[2] Das Centrum für Disease Management an der Technischen Universität München hat errechnet, das durch Stress und Druck am Arbeitsplatz in Deutschland jährlich ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens acht Milliarden Euro entstehe.[3] Und bereits im BKK Gesundheitsreport 2010 zeigte sich, dass die Zahl an Krankheitsständen in Deutschland, ausgelöst durch ein Burnout-Syndrom, seit 2004 deutlich angestiegen ist.[4] Der Tod durch einen wahrscheinlich stressbedingten epileptischen Anfall von Moritz E., eines deutschen Praktikanten in London, zeigt, was vielleicht der letzte Schritt zur Bewältigung von Stress ist.[5] Ja, das ist makaber, ich weiß. Doch vielleicht braucht es genau das, um bereit zu sein, den Stress wirklich wahrzunehmen.

Die Natur hat die Menschen zwar mit einem ausgeklügelten Anti-Stress-Programm ausgerüstet. Aber die Natur ging davon aus, dass die stressigen Situationen nur kurz andauern, und dann wieder Ruhe einkehrt. Heute sind jedoch die Ruhephasen im Management kaum noch vorhanden bzw. fast ganz weggefallen. Das hat unweigerlich Folgen.[6] Wie ich anfangs in diesem Artikel erwähnt habe, verändert Stress das Gehirn in der Weise, dass agiles, flexibles Handeln unterbunden wird, und gewohnte Automatismen gestärkt werden. Das ist jedoch nur ein Aspekt. Im Stressmodus werden Menschen vorwiegend vom Instinkt Angriff oder Flucht geleitet, agieren im sogenannten Reptilien-Modus. Die Selbstkontrolle wird dabei weitgehend sabotiert, sogar dann, wenn der Stress moderat ist.[7]

Das Bewusstsein, im Besonderen das höhere Bewusstsein mit dem rationalen Bewusstsein, wie auch das emphatische Fühlen, ist im Stressmodus nahezu lahmgelegt. Genau das führt in der Folge dazu, die Dinge zu verharmlosen. Die Führungskräfte zeigen dann ein Verhalten: „Wir haben alles im Griff“.[8]

Nachdem jedoch die meisten anderen WettbewerberInnen in ähnlicher Weise agieren, scheint alles relativ gut zu laufen. Und der Stress – mit seinen Folgen – kann weiterhin zur Seite geschoben werden, mit dem Hinweis: das kann noch etwas warten. Der Stress wirkt aber auch, wenn dieser nicht bewusst wahrgenommen wird. Die notwendigen Veränderungen ertrinken dann unbeachtet in der Flut von Stresshormonen. Das sollte doch zu denken geben.

Ebenen der Auseinandersetzung mit Stress

Niemand im Management entgeht dem Stress. Doch dieser ist so sehr zur Gewohnheit geworden, und die Stress-Not-Programme arbeiten scheinbar noch so gut, dass er kaum bewusst wahrgenommen wird. Der Stress hat ein sehr ausgeklügeltes System, um mit Notsituationen umgehen zu können. Doch gerade das führt dazu, dass man den Stress unterschätzt. Mag sein, dass schon einige unter Ihnen sich intensiver mit dem Stress auseinandersetzen, doch meist nur rational – so meine Beobachtung. Viele suchen kognitiv nach Erklärungen und Lösungen, um mit dem Stress fertig zu werden. Das ist ein wesentlicher Schritt, doch das genügt leider nicht.

Stress entsteht im Körper. Und deshalb kann auch nur auf dieser Ebene nachhaltig erfolgreich stressmindernd bzw. stresslösend gearbeitet werden. Auf der rationalen Ebene kann über Stress diskutiert werden, jedoch wird er dort nicht abgebaut.

Erste psychische Anzeichen für eine Stressbelastung können Schlafprobleme, Unwohlsein, Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit, Gereiztheit, Motivationsprobleme und Ängste sein. Zu den körperlichen Früh-Symptomen gehören u.a. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Müdigkeit, Herz- Kreislaufbeschwerden, Rastlosigkeit oder Sodbrennen.[9]

Von diesem Wissen ausgehend unterliegen viele einem Irrtum im Stress-Management. Für ein erfolgsversprechendes Stress- und damit eben auch Changemanagement ist es daher unausweichlich:[10]

  • Stress rational zu verstehen,

  • Stress körperlich und emotional zu fühlen, sprich Achtsamkeit üben,

  • und in Folge die Resilienz gegenüber Stress zu stärken.

Führungskräfte werden jedoch meist bloß in Zeitmanagement, Verhandlungsführung, Qualitätsmanagement, etc. geschult. Das Managen von Stress und die Förderung von Resilienz findet man kaum in den Aus- und Weiterbildungsangeboten von Führungskräften. Doch in VUCA-Zeiten ist ein tiefgreifendes Stress-Management notwendig, wenn nicht sogar überlebenswichtig. Das heißt, dass die Führungskräfte der Zukunft ein Wissen über den wirtschaftlichen Tellerrand hinaus haben sollten. Die Führungskräfte sollten neben dem fachlichen Know-How, auch Wissen über sich selbst als Mensch und die Wirkungsmechanismen von Systemen haben.

So kann man beispielsweise von der Natur lernen, dass in Krisenphasen die Natur erstaunlich arm an evolutionären Innovationen ist. Die Vorbereitung der Innovationen, um anstehende Notsituationen gut zu meistern, finden lange vorher statt, in Zeiten der Ruhe. Damit jedoch die in Ruhephasen angelegten Innovationen dann tatsächlich zum Wirken kommen, bedarf es einer konkreten Krisensituation, einem Kollaps des alten Systems.[11]

Stress ist wie eine Gitarrensaite

Stress muss jedoch nicht immer nur negativ betrachtet werden. Jede Stresssituation hat zuerst einmal die Aufgabe, ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen, um damit die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. So haben die Harvard Wissenschaftler Robert Yerkes und John Dodson herausgefunden, dass die Aufmerksamkeit steigt, je mehr Stresshormone der Körper ausschüttet. Aber jetzt kommt der Hacken. Das funktioniert eben nur, wenn das optimale Maß eingehalten wird. Jonathan S. Abramowitz meint:[12]

Stress ist wie eine Gitarrensaite. Ist diese zu lose gespannt, lassen sich nur flache, tiefere Töne spielen. Fehlt die Spannung völlig, lässt sich gar kein Ton hervorbringen. Wenn die Saite jedoch zu stark gespannt ist, gibt diese zu hohe, scharfe Töne oder die Saite reißt sogar.

Genau das kann man beispielsweise auch im Aikido wahrnehmen – so meine langjährige persönliche Erfahrung. Die Übungen im Aikido funktionieren in der richtigen Spannung am besten. Das heißt, man sollte weder unter- noch überspannt sein. Das nennt man, aus der Grundspannung heraus agieren. Doch die wenigsten Menschen handeln aus ihrer Grundspannung heraus, sondern meist aus einer Über- oder Unterspannung. Ich riskiere sogar zu behaupten, dass die wenigsten Menschen Ihre persönliche Grundspannung überhaupt kennen und wissen, wie sich das anfühlt. Das wage ich deshalb zu sagen, weil ich selbst ebenfalls lange nicht wusste, was meine persönliche Grundspannung ist. Man könnte zwar meinen, dass man das weiß, aber bei diesem Punkt erliegen viele einem Irrtum. Das kann jedoch niemandem zum Vorwurf gemacht werden, denn die Art und Weise wie wir alle sozialisiert werden, zerstört das Wissen und Gespür dazu.

Meist sind es nur wenige, die sich den Zugang zu ihrer Grundspannung bewahren konnten. Ich selbst konnte erst durch ein intensives Aikido-Training, in Verbindung mit Achtsamkeits-Retreats wieder spüren lernen, wann ich aus meiner Grundspannung heraus agiere. Das heißt jedoch nicht, dass man dann für immer in der Grundspannung bleibt. Selbst als langjährig praktizierender Aikido- und Achtsamkeits-Schüler falle ich unentwegt aus der Grundspannung heraus. Das ist lt. Meinung meiner LehrerInnen ganz normal. Aber ich spüre, wann das passiert und kann zeitgerecht mit meiner doch schon ganz gut verankerten Achtsamkeit wieder in die Grundspannung zurückfinden. Dann übernimmt nicht mehr der Stress die Führung, sondern man selbst hat Macht über den Stress. Selbst die kleine Achtsamkeits-Übung, den eigenen Atem zu beobachten, hilft schon in Ansätzen dem Stress seine Macht zu entziehen.

  • Versuchen Sie vielleicht jetzt in diesem Moment wahrzunehmen, ob Sie gerade flach oder tief (aus dem Bauch heraus) atmen, ob Sie langsam oder schnell atmen, ob Sie vielleicht sogar nach Luft ringen und einen tiefen Atemzug nehmen möchten, um wieder mehr Luft zu bekommen, ob Sie gekrümmt sitzen und Ihr Atem damit nicht frei fließen kann, …

Meiner langjährigen Erfahrung nach wirkt Achtsamkeit wie ein Breiband-Anti-Stress-Mittel. Deshalb ist für mich Achtsamkeit ein unabdingbares Instrument im Stress-Management[13]. Das heißt zum Beispiel auch, das Mittagessen bewusst als Ruhephase zu sich zu nehmen. Lt. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) verzichten jedoch schon rund 26 Prozent auf diese Pause.[14] Da hilft dann auch kein Workshop für eine bessere Stressbewältigung.

Stressbewältigung beginnt bei kleinen Dingen, beim bewussten Wahrnehmen vom Atem, dem Bewusstwerden wie man liest, schnell, überfliegend, ungenau an andere Dinge bereits denkend, usw. Diese kleinen Achtsamkeitsübungen regelmäßig angewandt, nehmen dem Stress etwas Fahrt aus den Segeln. Das ist ein guter Schritt hin zu weniger Stress. Das genügt jedoch bei weitem nicht, um den Stress dauerhaft und tiefgründig in den Griff zu bekommen – das muss ich Ihnen leider auch sagen. Schnelle Lösungen gibt es für die Stressbewältigung nicht, aber gute Möglichkeiten mit dem Stress erfolgreich fertig zu werden.

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquellen:

[1] http://www.sueddeutsche.de/wissen/entscheidungsfindung-stress-macht-gewohnheitstiere-1.175688. Am 2017-08-28 gelesen.
[2] https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf
[
3] APA: Psychische Krankheiten kommen Wirtschaft teuer. Der Standard, 2010-11-23., S. 16. 
[4] BKK Bundesverband (Hrsg.): BKK Gesundheitsreport 2010. Gesundheit in einer älter werdenden Gesellschaft. Essen: Schröers-Druck GmbH. 2010, S. 143. 
[5] https://www.welt.de/vermischtes/article120807117/Praktikant-Moritz-E-starb-an-epileptischem-Anfall.html. Am 2017-08-28 gelesen.
[6] Aus meinem Buchbeitrag aus: Industrie 4.0. Wie cyber-physische Systeme die Arbeitswelt verändern. Hrsg.: Volker P.Andelfinger, Hänisch, Till. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Wiesbaden: 2017.
[7] http://www.psychologie-heute.de/news/gesundheit-psyche/detailansicht/news/die_bessere_pause_kopie_1/. Am 2017-08-28 gelesen.
[8] Aus meinem Buchbeitrag aus: Industrie 4.0. Wie cyber-physische Systeme die Arbeitswelt verändern. Hrsg.: Volker P.Andelfinger, Hänisch, Till. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Wiesbaden: 2017.
[9] https://www.uni-bielefeld.de/Benutzer/MitarbeiterInnen/Gesundheit/neu/stress_warnsignale.html Am 2017-08-28 gelesen.
[10] Aus meinem Buchbeitrag aus: Industrie 4.0. Wie cyber-physische Systeme die Arbeitswelt verändern. Hrsg.: Volker P.Andelfinger, Hänisch, Till. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Wiesbaden: 2017.
[11] Otto Klaus-Stephan; Speck, Thomas: Darwin meets Business. Evolutionäre und bionische Lösungen für die Wirtschaft. Gabler Verlag: 2011.
[12] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/-69de50b16f/. Am 2017-08-28 gelesen.
[13] http://leadership-dojo.eu/embodiment/.
[14] http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/stressbelastung-wir-koennen-uns-zu-tode-arbeiten/9441692.html. Am 2017-08-28 gelesen
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Machtspiele fördern den Intellekt

Machtspiele fördern den Intellekt?!

Macht macht die Mächtigen klüger, ehrgeiziger, konzentrierter und mutiger.

Ian Robertson, Neurowissenschaftler und Klinischer Psychologe am Trinity College in Dublin hat erforscht, dass Macht den Testosteronspiegel erhöht, was in Folge die Laune, die Innovationskraft, den Mut, aber auch die Selbstbezogenheit und den Egoismus steigen lässt.[1] Niccolò Machiavelli, einer der großen Menschen- und Politikkenner, schreibt vor 500 Jahren in seinem Buch „Der Fürst“:[2]

„Man sieht, dass die Menschen verschieden vorgehen, um zu dem Ziel zu kommen, das ihnen vorschwebt, nämlich zu Ruhm und Reichtum: Der eine geht mit Zurückhaltung vor, der andere feurig, ein dritter braucht Gewalt, wieder ein anderer List, ein weiterer wendet Geduld an, ein anderer das Gegenteil davon.“

In meinem Artikel „Macht verändert das Verhalten – von jedem“ habe ich mich dem Themenfeld Macht schon einmal anzunähern versucht. Heute möchte ich mich von einem anderen Blickwinkel aus erneut der Macht zuwenden, den …

Strategien der Macht

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  • 40 Prozent der Zeit verbringt man damit, aufzupassen, wer am Stuhl sägt.

  • 30 Prozent sägt man an anderer Leute Stühle,

  • und 30 Prozent arbeitet man im Sinne der Sache.[3]

Das gibt doch zu denken. Und es passt geradezu perfekt zu dem, was ich aktuell vor meiner Haustür in Salzburg miterleben darf – die Salzburger Festspiele. Dieses weltweit bedeutendste Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst steht in diesem Jahr unter dem Motto: Strategien der Macht.

Vielleicht denken jetzt manche von Ihnen, dass Sie neben ihrem Beruf absolut nicht die Zeit haben auch noch Business ferne Gebiete, wie beispielsweise das Treiben von Festspielen, zu beleuchten. Sie brauchen schnell Lösungen und keine philosophisch, künstlerischen Reflexionseinheiten.

Ich möchte Ihren Arbeitsalltag bereichern und Ihnen zeigen, dass ein Perspektivwechsel gut tut. Ich verspreche Ihnen, dass Sie beispielsweise durch einen Ausflug zu den Salzburger Festspielen nicht nur persönlich berührt werden, sondern möglicherweise auch ihre beruflichen Kompetenzen erweitern. Die Trennung zwischen Beruf und Privat, zwischen beruflichen und persönlichen Interessen, mag zum einen sehr wichtig und richtig sein, aber zum anderen geht damit auch manches an wichtigen Einsichten verloren. Kleiner Nebenhinweis: Die Generation Y, die „Neuen Götter im Management[4]“, geht hier schon anders vor. Und die Kunst ohnehin.

So möchte ich Sie jetzt einladen, trotz Zeitnot, unangenehmer Herausforderungen und drängender, möglicherweise nicht vorhandener Lösungen, Ihren beruflichen Blick, Ihre beruflichen Strategien mit Hintergrundinformationen zu den Salzburger Festspielen zu verbinden – „Design Thinking for Leadership[5]“ zu betreiben.

Macht und Ohnmacht sind ein unzertrennliches Paar

Bettina Herring, Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele, sieht aktuell in Bezug auf das Treiben der Macht den Schatten, die Ohnmacht, immer stärker wirken. Das löst selbstverständlich Ängste aus und aktiviert Strategien, die ohne dem Druck, Macht zu verlieren, vielleicht so in der Heftigkeit gar nicht zum Zug kommen würden. Mag sein, dass der Dieselskandal ein Strategieversuch war, gewisser Machtverluste zu entrinnen.[6]

Bettina Herring spricht von ohnmächtigen Zeiten, die das Aggressionspotential in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhöhen.

Im Programm der Salzburger Festspiele 2017 werden die Schatten der Macht überall sichtbar. In der Oper Lady Macbeth von Mzensk wirkt der Schatten, Fremdbestimmtheit und Ohnmacht, in dramatischer Weise. In Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ findet man das Arbeiten der Macht durch Religion und Moral. Auch wenn heute in Zeiten der Säkularisierung Religion und Moral im althergebrachten Sinn nicht mehr wirken, so werden neue Werte auf das Podest gesetzt, entsprechend angehimmelt und nachgeeifert. Diese neuen Werte wirken dann ähnlich wie die Alten, sie bekommen Macht und irgendwann Übermacht. Auf dem Programm steht auch Mozarts letzte Oper „La clemenza di Tio“ in einer spannenden Inszenierung. In dieser wird nichts weniger verhandelt als die Macht der Demokratie, die Auseinandersetzung mit Strategien, Zumutungen, Grausamkeiten der Macht und die große Chance der Vergebung. Peter Sellars, der Regisseur, findet die Auseinandersetzung von Mozart mit Demokratie äußerst bewegend. Denn zu Mozarts Zeit gab es Demokratie noch gar nicht, es war ein Wunsch, eine Idee, eine Vision, der Mozart damals gefolgt ist.[7]

Heute leben wir hier in Europa und in manchen anderen Ländern der Welt angeblich demokratisch organisiert. Wir setzen uns angeblich mit den komplexen, demokratischen Grundsätzen auseinander. Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer öfter, dass die Demokratie missbraucht und untergraben wird. Hans Herbert von Arnim schreibt in seinem Buch „Die Hebel der Macht und wer sie bedient“, welcher Mittel und Methoden sich die politische Klasse bedient, um die Regeln zu ihrem Vorteil umzugestalten. So kommt es, dass eine Ein-Mann-Herrschaft unter dem Deckmantel der Demokratie installiert werden kann– siehe Beispiel Türkei.[8],[9]

Die Mächtigen sind einsam und müssen ständig Sorge tragen, ihre Macht zu verlieren. Das macht die Mächtigen schwach, verwundbar und damit gefährlich und aggressiv.[10]

Das ist die Aussage von Wolfgang Müller-Funk. Und auch im Stück „Lear“, das am Ende der Salzburger Festspiele am Programm steht, geht es um die Einsamkeit der Macht, an dem Irre werden an der Macht. Die Mächtigen sind im Argwohn, Sie wissen, dass die anderen auch die Macht haben wollen, die sie selbst jetzt gerade besitzen. Hier beginnt die Figur des Machthabers, der Machthaberin unangenehm zu wirken. Diese fühlen sich bedrängt und beginnen alle, die ihre Macht bedrohen könnten, auszuschalten.[11] Clemens Sedmak, Theologe und Philosoph, hat in Interviews für sein Buch „Mensch bleiben in der Politik“ festgestellt:[12]

Die befragten Mächtigen gaben zu, dass Macht einen verändert. Doch sie sahen die Gefahr der Korruption durch Macht immer nur bei den anderen, nicht bei ihnen selbst als Mächtige.

Hier zeigt sich sehr deutlich, dass die Selbstwahrnehmung verzerrt bzw. vernebelt ist. Das mag jetzt keine Anschuldigung sein. Es ist normal, dass man sich selbst anders sieht als andere. Aber gerade deshalb ist es so wichtig als Person mit Verantwortung, gerade auch in der Wirtschaft, diese Verzerrungen und Verneblungen von sich selbst zu kennen bzw. zu erkennen.

Die chronische Überforderung und die große Verantwortung der Mächtigen, dass diese oft so tun müssen, sie wissen alles, was aber gar nicht möglich ist, treibt das Machtspiel an.[13]

Die Verwundbarkeit der Macht muss kaschiert werden. Macht und Schwäche lassen sich nur schwer vereinbaren, und so bedarf es entsprechender Inszenierungen. Das wusste auch schon der im 17. Jhdt. lebende französische Denker, Blaise Pascal.[14] So verwundert es vielleicht nicht, dass die Mächtigen durch entsprechenden Status, große Dienstwagen, viel Besitz, … ihre Macht und den damit verbundenen Erfolg bestmöglich zu untermauern versuchen. Aber sich der Macht verwehren, ist auch nicht die Antwort, so die Meinung von Doron Rabinovici, Historiker und Autor. Wer nichts tut, mit dem wird was getan. Die ZuschauerInnen stimmen mit Ihrer Zurückhaltung dem Tun und Wirken der Macht zu, und sind damit streng genommen mitschuldig.[15]

So gesehen kann man einem machtbesessenen Management nicht ganz alleine die Schuld zuschieben. Fehler oder Missstände entstehen gemeinsam. Aus dieser Sichtweise heraus ist es vielleicht für MachthaberInnen etwas leichter, ihre Fehler, Schwächen oder Ängste zuzugeben, um daraus gemeinsam bessere Lösungen für alle zu finden. Es zeigt sich sogar eine Art Verlockung, sich Mächtigen anzuschließen, um selbst nicht die Bürde der Macht zu tragen. So darf man vielleicht wirklich nicht immer nur mit dem Finger auf die Mächtigen zeigen, sondern auch jene etwas rütteln, die die Macht auf andere abschieben bzw. meinen, sie hätten keine Macht.

Die VertuscherInnen, MitläuferInnen und Ja-SagerInnen geben Ausschweifungen der Macht freien Raum zur Entfaltung, wie beispielsweise im Dieselskandal.[16]

Das habe ich vor längerer Zeit in meinem Artikel „Goethes Faust besucht die Wirtschaft“ angesprochen. Die Spiele der Macht sind unglaublich stark – für die gerade in Machtposition Sitzenden, wie auch für die ZuschauerInnen bzw. MitläuferInnen. Deshalb braucht es in Bezug auf das Verständnis und Wirken der Macht, sehr viel Menschenverständnis wie auch Selbsterkenntnis. Das fordert die Übernahme von Verantwortung, für sich selbst und für andere. Das heißt mit den Worten von Elisabeth Bronfen, Kulturwissenschaftlerin, sich selbst beschneiden können und das eigene Begehren zügeln. Das braucht schon sehr viel Selbstdisziplin und Überwindung von Verführungen, u.a. Boni widerstehen. Es braucht darüber hinaus Mut, den persönlichen Einfluss durch Macht neu zu verhandeln und die persönliche Macht damit zu beschränken.[17] Etwas, was gerade jetzt in der deutschen Politik und der Politik nahstehenden Wirtschaft lt. Meinung von Hans Herbert von Arnim nicht mehr gegeben ist.

Wer Macht hat bzw. wer mit Macht verantwortungsbewusst umgehen möchte, der braucht mit den Worten von Edzard Reuter eine Art Wächter.[18]

Festspiele könnten u.a. eine solche Aufgabe übernehmen. Festspiele überprüfen die gesellschaftliche Situation.[19] Im Fall der Salzburger Festspiele 2017 heißt das, die Strategien der Macht für eine breite Öffentlichkeit sichtbar und spürbar werden zu lassen. Festspiele bzw. die Inszenierungen der Festspiele werden zum Spiegel, indem man sich selbst erkennen kann. Das Bild der starken Mächtigen bröselt ohnehin, aber gerade deshalb werden die Mächtigen auch wieder menschlich.

Über schwächelnde Mächtige wird jedoch in Managementkreisen kaum bzw. nur sehr ungern gesprochen. Und genau das macht die Mächtigen gefährlich: Verdrängte Ängste führen zu unkontrolliertem Aktionismus, zu Aggression und Arroganz.[20]

Selbst in der Forschung findet man bisweilen nur wenige repräsentative oder verlässliche Aussagen zu den Entwicklungen oder zur Verbreitung der Ängste von Führungskräften. Gabi Harding, Arbeits- und Organisationspsychologin, meint, es gäbe eine Art wissenschaftliche Ignoranz dem Thema gegenüber. Lange Recherchen brachten ihr jedoch das Ergebnis, dass Führungskräfte sich mit drei Hauptformen von Ängsten konfrontiert sehen: die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Versagen und die Existenzangst. Ein Interviewter brachte das, was die ManagerInnen bewegt, auf den Punkt: 40 Prozent der Zeit verbringe ich damit, aufzupassen, wer an meinem Stuhl sägt. 30 Prozent säge ich an anderer Leute Stühle, und 30 Prozent arbeite ich im Sinne der Sache. Diese Aussage haben Sie bereits zu Beginn dieses Artikels gelesen. Diese Aussage finde ich persönlich ziemlich drastisch, und sollte auch nach der Meinung von Harding weit mehr öffentliche Beachtung finden.[21]

Harding findet es dringend notwendig über die Tabus, Angst im Management, zu sprechen.

Sie beklagt sich, dass sie gegenwärtig keine Initiative kennt, die sich öffentlich der Ängste im Management annimmt. Die ManagerInnen müssen für sich selbst initiativ werden, sofern sie ihre Ängste überhaupt wahrzunehmen bereit sind. Das tun die wenigsten, weil bereits ein kurzer Blick in das Reich möglicher Ängste, die Auseinandersetzung damit blockiert.[22] So kommt es, dass beispielsweise unter dem Deckmantel „Komplexität meistern“ eigentlich die Bewältigung von Ängsten angegangen werden möchte. Das ist meinem Empfinden und meiner Erfahrung nach sehr legitim. Es braucht viel Vertrauen und Mut, Schwächen zuzugeben. Wenn es hilft sich indirekt den heiklen Themen zu nähern, dann ist das ein guter Start für wirksame Gefühlsbewältigungsstrategien, für ein stärkendes „Embodiment Management[23]“.

Strategien im Umgang mit Macht und Ohnmacht

Zum Abschluss von diesem Artikel möchte ich Ihnen kurz 3 Strategien anführen, mit deren Hilfe Sie meiner Erfahrung nach Ihre Konfrontation, möglicherweise Ihren Leidensweg mit Macht und Ohnmacht besser in den Griff bekommen können.

  1. Achtsamkeit und Stressbewältigung in Verbindung mit Einsicht, ist ein wesentlicher Punkt. Mehr dazu finden Sie u.a. in meinen Artikeln „Slowness“, „Die unerwartete Revolution in Unternehmen“ und „Demut – eine neue Managementstrategie?!“.

  2. Mehr Erkenntnis über die limbischen Prägungen und damit verbundenen Verhaltensweisen verbessern ebenfalls den Umgang mit Macht. Nähere Informationen dazu finden Sie auf meiner Webseite Embodiment.

  3. Vergeben ist ein besonders delikater Punkt, und wird im Business kaum angesprochen. Vergeben, so wie es beispielsweise bei den Salzburger Festspiele in Mozarts Oper „La clemenza di Tio“ so eindrucksvoll gezeigt wird. Vergebung hat Macht!

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://blog-wagner-consulting.eu/macht-veraendert-jeden/.
[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/machiavelli-trifft-auf-hoeness-und-die-amigo-bande-a-898388.html. Am 2017-08-07 gelesen.
[3] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[4] https://blog-wagner-consulting.eu/die-neuen-goetter-im-management/.
[5] http://leadership-dojo.eu/design-thinking-for-leadership/.
[6] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[7] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[8] https://www.kopp-verlag.de/Die-Hebel-der-Macht-und-wer-sie-bedient.htm?websale8=kopp-verlag&pi=125045&ci=000401.
[9] http://www.uni-speyer.de/files/de/Lehrst%C3%BChle/ehemalige%20Lehrstuhlinhaber/VonArnim/Fachveroeffentlichungen/NVwZ13_2014.pdf.
[10] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[11] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[12] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[13] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Blaise_Pascal.
[15] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[16] https://blog-wagner-consulting.eu/goethes-faust-besucht-die-wirtschaft/.
[17] Kulturmontag Spezial, 2017-07-31: http://tv.orf.at/program/orf2/20170731/799912801/story.
[18] https://blog-wagner-consulting.eu/goethes-faust-besucht-die-wirtschaft/.
[19] http://www.deutschlandfunk.de/salzburger-festspiele-auseinandersetzung-mit-strategien-der.911.de.html?dram:article_id=391197. Am 2017-08-07 gelesen.
[20] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[21] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[22] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_angst_des_chefs/. Am 2017-08-07 gelesen.
[23] http://leadership-dojo.eu/embodiment/.

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