Was fehlt dem Management heute im Jahr 2017

Business im freien Fall - was fehlt dem Management heute im Jahr 2017

An alle, die es wagen anders zu denken[1]

 

  • Die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die Dinge anders sehen können.

  • Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie ablehnen oder heimlich bewundern.

  • Das was wir nicht können, ist sie zu ignorieren, weil sie im Stande sind Dinge tatsächlich zu verändern.

 

Business im freien Fall

Der Sprung von Felix Baumgartner hat 8 Rekorde gebrochen. Sein Wagnis war äußerst umstritten. Red Bull musste einiges an Negativmeldungen in Bezug auf diesen Sprung bzw. auch sonst hinnehmen. Doch niemand kann bestreiten, dass dieser Sprung nicht berühren würde – positiv oder negativ. Es war riskant, es war historisch.

Unternehmen wie auch Führungskräfte können von diesem Sprung und den Vorbereitungen dafür lernen – weit mehr als man vielleicht vermuten würde.

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Der Getränkehersteller und Sponsor von diesem Event, Dietrich Mateschitz, zielte ebenso darauf ab, daraus zu lernen, medizinische und technische Daten zu sammeln, um die Sicherheit künftiger Raummissionen zu erhöhen. Selbstverständlich ging es auch um die mediale Vermarktung seiner Marke Red Bull. NTV erreichte mit der Übertragung von der „Mission Stratos“ die beste Einschaltquote in der Geschichte des Senders.[2]

Der Sprung von Baumgartner wird für immer mit „Red Bull“ in Verbindung stehen.

Die Kritik, Mateschitz veranstalte einen modernen Gladiatorenkampf, mag zum einen berechtigt sein, zum anderen sind es jedoch auch die AthletInnen selbst, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur und Ihrer Visionen bereit sind, Neues zu wagen. Gemeinsam, mit der Unterstützung von Mateschitz, der ein hohes Maß an Professionalität und charakterstarker Individualität neben sportlichem Talent verlangt, werden einzelne Träume wahr – wie beispielsweise im Fall von Felix Baumgartner.[3]

Mag sein, dass Sie Red Bull und seinen AthletInnen kritisch gegenüberstehen. Ich selbst bin kein Freund von dem Getränk und hinterfrage vieles, von dem was Mateschitz tat und noch tut. Aber das Buch über Felix Baumgartner und die Mission Strato, worauf ich mich in diesem Beitrag beziehe[4], hat mich positiv berührt. Es hat mir äußerst klar veranschaulicht, was alles notwendig ist um Projekte und Visionen greifbar, sichtbar und nachhaltig erfolgreich umzusetzen. Vieles davon war mir nicht neu, aber das was damit möglich ist, das habe ich selbst in voller Größe wie bei Baumgartner noch nicht erlebt. Die 5R, Reinvent, Relate, Repeat, Reframe und Reshape (näheres dazu auf meiner Webseite[5]) haben das Potential einen Quantensprung zu bewirken – wenn die Menschen sich selbst in ihrem Tun besser kennenlernen wollen.

Ein 2-3 Tages-Workshop wird das jedoch nicht bewerkstelligen können. Doch genau das wollen viele Führungskräfte. Nicht aus Ignoranz heraus, sondern vielmehr aus Zeitnot. Doch kein Projekt und kein wirklich erfolgreicher Change lässt sich durch 3 Trainings-Tage im Jahr umsetzen. So gesehen ist das Beispiel Baumgartner ebenfalls gut, denn er hat 5 Jahre investiert, mit Überwindung vieler Höhen und Tiefen, um seinen Sprung zu wagen. Die Tiefen sind für Außenstehende nicht sichtbar, aber begleiten jeden und jedes Projekt. Genau an diesen Tiefpunkten entscheidet sich, ob ein Projekt wirklich gut läuft oder nicht. Am Beispiel von Baumgartner, seinem Team und dem Sprung als I-Punkt für die Bestätigung, dass das Projekt im Gesamten erfolgreich gelaufen ist, zeigt sich, dass es mehr braucht als nur bestes technisches Equipment und beste körperliche Fitness.

Bedingungslose Liebe und Hingabe kann Grenzen überwinden.

Dort beginnt alles, egal in welchem Bereich, auch in der Wirtschaft. Das Team von Baumgartner hat sich bedingungslos auf ihn eingestellt. Baumgartner hat sich im Gegenzug dem Team gegenüber verantwortlich gezeigt, indem er es nach 2 Jahren gewagt hat, seine großen Schwächen zu zeigen. Spät, aber immerhin.  Man mag es vielleicht nicht glauben, aber Baumgartner hatte beispielsweise mit dem Druckanzug heftige Probleme, regelrechte Panikattacken. 2 Jahre lang versuchte er dieses Problem zu verheimlichen. Baumgartner hat gut getrickst und das Team angelogen bis zu dem Tag, wo er seinem Projektleiter Art Thompson zugestand, dass er jetzt dringend seine Familie daheim in Salzburg braucht und nach Hause fliegen möchte. Baumgartner stand am Ende, am tiefsten Punkt seines höchsten Sprunges. Art reagierte mit: Ich verstehe dich. Der Druck ist einfach zu groß für dich. Mach dir keinen Kopf. Flieg nach Hause, das Projekt versuchen wir währenddessen in anderer Weise weiterzuführen.

Der Projektleiter Art schaffte es, trotz höchstem Leistungsdruck menschlich emotional zu agieren und eine Brücke zu bauen, zwischen dem was ansteht und dem was jetzt gerade möglich ist.

Wäre es in der Wirtschaft ebenfalls denkbar ähnlich menschliche Fragen in Bezug auf die Tätigkeit und die damit verbundenen Sorgen und Ängste anzusprechen, beispielsweise …:

 

  • Wie geht es Ihnen jetzt gerade mit Ihren Aufgaben, mit Ihrem Team?

  • Können Sie so weitermachen, oder brauchen Sie etwas Zeit um das neu zu überdenken?

  • Haben Sie eine Idee, was Sie benötigen um fortfahren zu können?

 

Vielleicht braucht es manchmal wirklich nur eine Auszeit von beispielsweise 11 Stunden. Baumgartner hat während seines Heimflugs Zeit gehabt, um seine Ängste, seine Bedenken, seinen Ehrgeiz und sein Ziel zu überdenken, und sich selbst zu sortieren.

In Salzburg unterzog sich Baumgartner in einem eigens für ExtremsportlerInnen ausgerichteten Trainingszentrum verschiedenen Tests. Doch genau das widersprach dem, was Baumgartner aus Vorerfahrungen seiner Extremleistungen kannte und von seinem Projektleiter Art gewohnt war. In diesem Trainingszentrum wurden die SportlerInnen streng nach Vorgaben und gemessenen Daten beurteilt und entsprechend trainiert. Baumgartner war sehr enttäuscht. Es können viele Tests, medizinische und psychologische lt. Wertung negativ ausfallen, und doch heißt das nicht, dass deshalb das Projekt nicht durchgeführt werden kann. Umgekehrt kann es sein, dass die Tests perfekte Daten liefern, aber der/die KandidatIn dennoch die Leistung nicht erbringen kann.

Am Beispiel von Baumgartner zeigt sich deutlich, dass die erfolgreiche Umsetzung eines Projektes maßgeblich vom Einwirken und Zulassen der Individualität und Menschlichkeit abhängt.

Art Thompson hat Baumgartner dort abgeholt, wo er emotional und mental im Moment stand. Dafür braucht es Empathie und den Mut, die Pläne neu auszurichten und Vertrauen, dass das Ziel trotzdem erreicht werden kann. Im Management wird oft mit allen Mitteln versucht, lieber streng nach Plan vorzugehen. Das gibt scheinbar Sicherheit und Vertrauen. Das ist sehr gut nachzuvollziehen, denn jede Abweichung vom Plan verunsichert. Mag sein, dass jetzt einige meinen, dass das Projekt Strato ein Sonderfall ist, und das Business anders läuft als solche Extremprojekte. Doch ich sage aus meiner Erfahrung heraus, dass eigentlich jedes Projekt in gewisser Weise ein Sonderfall ist, an dem Menschen an ihre Grenzen kommen. Wie sehen Sie das?

 

  • Versuchen Sie als Führungskraft Ihre Projekte und Changeprozesse so gut es geht streng nach Plan durchzuführen?

  • Wieviel Raum geben Sie Gefühlen und Widerständen in Projekten – mit der Gefahr, dass ein Projekt damit eventuell anders läuft als nach Plan?

  • Wieviel Menschlichkeit und Individualität wagen Sie selbst in ein Projekt einfließen zu lassen? Und wieviel Individualität und Menschlichkeit gestehen Sie Ihrem Team zu?

 

Am Beispiel von Baumgartner zeigt sich jedenfalls, dass er und sein Team es wagten, Gefühle zuzulassen. Baumgartners Team war nach seinem Outing, dass er den Druckanzug nicht tragen könne und er sie 2 Jahre lang damit hinters Licht geführt hat, irritiert und haben das Vertrauen in ihn als Springer, und damit das Projekt in Frage gestellt. Baumgartner hat das nicht einfach so im Raum stehen lassen und hat viel getan, um das Vertrauen von seinem Team zurückzugewinnen. Er hat das nicht bloß mit Worten getan. Er zeigte seinem Team sehr deutlich, dass er ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, entschuldigt sich dafür und ändert seinen Arbeitsstil sichtbar für sein ganzes Team. Er zeigt ihnen, dass sie wieder auf ihn zählen können und dass sie gemeinsam Ängste und Hindernisse in Chancen und neue Möglichkeiten transformieren können.

Das Projekt Strato klingt aufregend, und genau das war es auch über den gesamten Weg hinweg. Es war deshalb aufregend und motivierend, weil man eben nicht nur streng nach Plan vorgegangen ist. Intuitiv hat Baumgartner gemerkt, dass ein langweiliges auf diesen Extremeinsatz ausgerichtetes körperliches und mentales Training ihn niemals zu dem Punkt gebracht hätte, wo er hätte sagen können: Ich habe die Reife für den Sprung erreicht, es passt. Baumgartner und sein Team haben vielmehr versucht, ihre jeweiligen Leidenschaften und intuitiven Fähigkeiten gebündelt zum Wirken zu bringen. So kam es, dass Baumgartner sein Problem mit dem Druckanzug mit Hilfe von Tauchkursen zu lösen suchte. Das Tauchen stärkte deutlich sein Selbstvertrauen. Dieser Weg mag völlig entgegengesetzt wirken zum dem, was man meinen würde trainieren zu müssen, um bestmöglich für den Fall aus knapp 39.000 Meter Höhe vorbereitet zu sein. Doch genau diesen Umweg und diese Ergänzung hat es gebraucht.

 

  • Haben Sie als Führungskraft auch schon Umwege auf sich genommen, um ein Ziel erreichen zu können?

 

Baumgartner, der es eigentlich gewohnt war Extremsituationen zu meistern, musste jedoch für dieses Projekt seine Komfortzonen verlassen. Das Tauchen war nicht nach seinem Geschmack. Das mag vielleicht von Ihrer und meiner Sicht aus etwas merkwürdig klingen. Aber selbst Baumgartner hat sich so gut es geht in seinem Wirken als Extremsportler in Komfortzonen bewegt, die selbstverständlich woanders liegen als unsere. Das zeigt jedoch auch, dass jedes Projekt das Verlassen der Komfortzonen braucht, wenn es erfolgreich umgesetzt werden will. Der spannende Punkt daran ist, dass viele das unbewusst wissen. Gerne wird das jedoch auf die anderen geschoben. Sollen doch die anderen ihre Komfortzonen verlassen und ihr Verhalten ändern. So muss ich mich selbst auch immer wieder aufs Neue fragen, wo ich mich im Moment gerade in einer Komfortzone befinde und ob ich offen genug bin, diese Komfortzonen zu verlassen?

 

  • Kennen Sie Ihre Komfortzonen?

  • Sind Sie bereit, Ihre Komfortzonen zu verlassen und neue Wege auszuprobieren?

 

Komfortzonen verlassen mag nicht immer mit Anerkennung erfüllt sein. Das Projekt Strato von Red Bull wurde beispielsweise von der NASA mit einem gewissen Argwohn betrachtet. Die NASA meinte, nur sie kennen sich wirklich aus mit dem Weltall. Die Air Force zeigte sich hingegen kooperativ. Und dann gab es noch den Anzughersteller Clark, der über lange Zeit unwillig war nur einen einzigen Druckanzug an Baumgartner bzw. an Red Bull zu verkaufen. Das mag vielleicht so nicht dramatisch klingen, aber von diesem Anzug hing alles ab. Daran zeigt sich, dass jedes Projekt durch einen einzigen nicht funktionierenden Aspekt scheitern kann. Da heißt es, dranbleiben und neue Lösungen finden. Am Beispiel Baumgartner stand die Idee im Raum, ein amerikanisches Projekt mit einem russischen Raumanzug – politisch betrachtet ein kaum fassbarer Grenzgang. Schlussendlich war es dann doch nicht notwendig, die Komfortzonen so weit zu verlassen, aber in der Not kam es auch zu dieser Idee. Und die Konkurrenz schlief ebenfalls nicht. Selbst bei so einem gigantischen Projekt wie diesem gab es bereits Mitbewerber.

Der Druck stieg und Baumgartner fing an die Leistung von seinem Projektleiter Art, gemeinsam mit Red Bull Chef Mateschitz zu bezweifeln. Art sei zu weich, hieß es dann und sie brauchen einen härteren Projektleiter, der die Zügel fester im Griff hat. Baumgartner fiel diese Entscheidung gar nicht leicht, weil gerade Art mit seiner weichen Art es war, der ihn durch die tiefen Abgründe im Projekt erfolgreich durchgeführt hat. Art wurde nach einigem hin und her dann doch durch einen neuen Projektleiter ersetzt. Aber zum Staunen aller hat sich das gesamte Team gegen den neuen Leiter gestellt. Der warf ziemlich bald das Handtuch und Art wurde zurückgerufen. Sie alle haben daraus gelernt. Was sie über eine Phase hinweg als unbewusst gut empfanden, nämliche die weiche Seite von Art, haben sie dann als lebensnotwendig für den Verlauf des Projektes eingesehen. Und die fehlende Struktur und Analyse von Art konnten sie mit einer ergänzenden Führungspersönlichkeit zu Art, sicherstellen. Diese Doppelspitze erwies sich dann wirklich als Quantensprung.

Vermutlich kennen Sie diese Situation als Führungskraft. Sie haben jemanden, der vielleicht emotional menschlich agiert, aber unter Umständen die vereinbarten Ziele nicht einzuhalten im Stande ist bzw. sonst auch etwas chaotisch agiert.

 

  • Versuchen Sie dann wie im Fall von Baumgartner, eine/n besser strukturierte/n MitarbeiterIn zu finden?

  • In wie weit berücksichtigen Sie die emotionalen Kompetenzen von Ihren MitarbeiterInnen bei der Bewältigung der Aufgaben? Schenken Sie den rational und gut Strukturierten mehr Vertrauen?

  • Wagen Sie es selbst als Führungskraft, Ihre weichen Seiten zu zeigen, und in ihre Arbeit einfließen zu lassen?

 

Das Stratos-Projekt beinhaltete von Beginn an alles, was es gibt an Emotionen, Strategien, Lügengeschichten, Gerichtsverhandlungen, Kündigungen und geschäftlichen Desastern. Was die anderen vor den Bildschirmen sehen, ist schlussendlich nur ein winzig kleiner Ausschnitt (ca. 9 min. im Vergleich zu 5 Jahren) von dem was das Projekt ausgemacht hat – ein Blick durchs Schlüsselloch. Ich persönlich kann sehr viel von diesem Projekt für mich und meine Arbeit herausnehmen. Damit will ich nicht sagen, dass ich alles gut heiße, was Red Bull tut. Ich möchte jedoch die Leistungen auch nicht mindern, sondern anerkennen was es wirklich anzuerkennen gilt.

Jedes Projekt und jeder Change ist ein Ereignis, dass uns alle fordert das Menschsein im Projekt selbst nicht zu vergessen.

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquellen:

[1] https://www.youtube.com/watch?v=Ypp09Hq7T9g. Am 2017-06-20 gesehen und gelesen.
[2] https://monami.hs-mittweida.de/files/4139/Thesis_Wirksamkeit_ausgewaehlter_Sponsoring_Engagements_im_Sp.pdf. Am 2017-06-19 gelesen.
[3] https://monami.hs-mittweida.de/files/4139/Thesis_Wirksamkeit_ausgewaehlter_Sponsoring_Engagements_im_Sp.pdf. Am 2017-06-19 gelesen.
[4] Baumgartner, Felix mit Becker, Thomas: Himmelsstürmer. Mein Leben im freien Fall. 2. Auflage. Piper Verlag GmbH. München: 2013.
[5] Nähere Infos zu den 5R auf meiner Webseite http://leadership-dojo.eu/leadership/ unter der Überschrift „Führung von Veränderungsprozesse in VUCA-Zeiten – das Rubikonmodell erweitert um 5R“.

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Slowness wird der Trend der Zukunft – in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft

Slowness wird der Trend der Zukunft – in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft

Mit Slow Architecture, Slow City, Slow Creativity, Slow Trend, Slow Retail, Slow Travel, Slow Food, u.a. Slow-Initiativen befinden sich gleich mehrere Lebens- und damit verbunden auch Wirtschaftsbereiche auf dem Slowness-Pfad, der die Businesswelt anstößt Ihre Produkte und ebenso Ihre Arbeitsweisen neu zu überdenken.[1]

Über lange Zeit galt das Credo: „Schneller, höher, weiter. Ohne Wachstum und ohne ein Mehr gibt es keinen Fortschritt und kein Glück.“ Das hat dazu geführt, dass sich im Business wie auch im Privatleben eine Geschwindigkeit zeigt, mit der bei genauer Betrachtung kaum noch jemand mithalten kann. Gerne wird so getan, dass man noch alles im Griff hat und die Zeit effektiv und bestmöglich zu nutzen im Stande ist.

Doch viel mehr zeigt sich, dass die psychischen Erkrankungen, ausgelöst durch Burn-out, massiv ansteigen. 86 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben das Gefühl, dass das Leben heute schneller ist als vor 10 Jahren. Immer mehr Aufgaben stehen je Zeiteinheit an. Sobald auf der To-Do-Liste eine Aufgabe abgehakt werden kann, kommen fünf neue Aufgaben hinzu. Zeit wird das Luxusgut der postmodernen Arbeitswelt. Statusdenken, Prestige und Macht werden immer mehr an Bedeutung verlieren.[2]

Zeit und damit zusammenhängend Achtsamkeit wird die wichtigste Strömung der Gegenwart und Zukunft.[3]

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Achtsamkeit entwickelt sich zu einer der wichtigsten soziokulturellen Strömungen der Gegenwart und hat sich dabei längst aus der Esoterik-Nische heraus in die Mitte der Gesellschaft bewegt.[4] Slow Culture wird der Trend der Gesellschaft, und damit zwangsweise auch ein Trend der Wirtschaft. Die Wirtschaft braucht die Gesellschaft, ebenso wie die Gesellschaft die Wirtschaft braucht. Beide bedingen einander und zeigen, dass das Miteinander in dem immer Schneller-, Höher-, Weiter-Modus auf Dauer nicht machbar sein wird.

Auch Jens Roeper, Executive Director von Designit spricht davon, dass Zeit das Luxusgut der Zukunft werden wird bzw. sogar schon ist. Es geht darum, wie man die Zeit verwendet, um effizient arbeiten zu können und wie man gleichzeitig Raum schaffen kann, um Ruhe zu finden, den Moment der Relevanz zu erkennen.[5] Denn wenn man immer mehrere Dinge gleichzeitig erledigt, und straff nach Zeitplan vorgeht ohne Lücken, sprich ohne Möglichkeiten die Achtsamkeit zu aktivieren, dann ist die Gefahr groß, wichtige Inputs für anstehende Entscheidungen zu verfehlen.

Roeper spricht von der Verbindung von Kopf und Herz.[6]

Davon, dass man das was man tut bewusst wahrnimmt und sich damit identifiziert. Das heißt, dass man Termine, Meetings, Verhandlungen, … nicht bloß rational bestmöglich abarbeitet, sondern ebenso die Gefühle und das Herz in den Arbeitsprozess miteinbezieht. Das geht jedoch nur mit Achtsamkeit. Bei genauer Betrachtung kommt das Thema Achtsamkeit in vielen meiner Artikel vor, auch wenn ich es nicht so beim Namen nenne. Doch jede Art das eigene Denken und Handeln zu reflektieren, ist ein Akt der Achtsamkeit. Viele verbinden mit Achtsamkeit vermutlich eine Form von Meditation, für die man sich regelmäßig Zeit nimmt. Das stimmt so auch, doch Achtsamkeit beginnt schon früher.

In dem Moment, wo mir beispielsweise bewusst wird, dass ich gerade kaum Luft bekomme, weil ich aufgrund eines angespannten Gespräches nur sehr flach atme, übe ich mich bereits in Achtsamkeit. Wenn ich merke, dass ich mir kaum noch Zeit nehme ein E-Mail genau durchzulesen, sondern nur noch schnell und oberflächlich überfliege, übe ich mich in Achtsamkeit. Je mehr solcher Momente am Tag verteilt eintreten, umso größer ist die Chance, die Achtsamkeit bewusst nutzen zu können. Beispielsweise kann ich 3 Atemzüge lang tief ausatmen und den gerade ansteigenden Stress damit leicht abfangen, oder mit 3 entspannten Atemzügen eine Denklücke aktivieren, in der aus der Tiefe heraus andere Gedanken Raum finden, die Entscheidungen aus einer anderen Perspektive heraus verstehen.

In meinem Artikel „Berge versetzen im Management“[7] habe ich darüber geschrieben, wie oft wir dem Glauben erliegen, wir müssten alles rational und effektiv mit bestmöglicher Fachkompetenz lösen, um noch besser zu werden. Wie oft meinen wir, die Strukturen verändern zu müssen, um mithalten zu können. Doch langfristig zeigt sich Erfolg nur, wenn man im Leben tut, was man gerne tut, was man aus vollem Herzen tut. Die Weisheit des Herzens zeigt sich jedoch erst in Augenblicken der Achtsamkeit.

Doch über die Kraft des Herzens in Management-Kreisen zu sprechen ist ein Drahtseilakt. Achtsamkeit wird kaum in der Business- bzw. Management-Ausbildung erwähnt. Doch gerade diese Fähigkeit wird zur unumgänglichen Basis für Führungskräfte, um die in Zukunft relevanten Führungskompetenzen erfolgreich unter Beweis stellen zu können. Ohne Achtsamkeit kann keine positive Fehlerkultur zum Wirken kommen. Ohne Achtsamkeit wird Agilität und Kollaboration bloß ein Lippenbekenntnis bleiben, ohne sichtbaren Erfolg. Lügen werden ohne Achtsamkeit jedes Unternehmen irgendwann zu Fall bringen. Ohne Achtsamkeit wird der Stress im Umgang mit der Komplexität noch weiter ansteigen, und das Management verliert sich im Labyrinth von Business-Heilsversprechungen.

Die Digitalisierung der Arbeits- und Produktwelt verlangt soziale Innovationen.[8]

Achtsamkeit zählt zu einen der sozialen Innovationen und ist weit mehr als nur ein weiteres Tool, um den Erfolg im Unternehmen sicherzustellen und den eigenen Erfolg daran zu unterstreichen. Achtsamkeit fördert Ihre Gesundheit, die Ihrer MitarbeiterInnen und selbst die Ihrer KundInnen. Das alleine sollte doch als Grund schon genügen, um Achtsamkeit in das Tagesbusiness zu integrieren?!

Wer will sich nicht gesund fühlen und in seiner/ihrer vollen Kraft die Arbeit verrichten? So macht es doch viel mehr Freude, und es bringt auch weit mehr Erfolg. Aber wie schon gesagt, kaum jemand der Führungskräfte wird in den Aus- und Weiterbildungen in Achtsamkeit trainiert. Dort heißt es, dass es dafür an Zeit mangelt, genau an dem, was Achtsamkeit auf längere Sicht bringen kann – Zeit. Das ist fast schon ein Paradoxon. Und dieses Beiseitelassen von Kompetenzen aufgrund von Zeitnot führt zu Fehlern.

Fehler passieren, wo etwas fehlt – nämlich Achtsamkeit.

Das Lernen aus Fehlern bzw. das Verhindern von Fehlern kann bestmöglich und langfristig erfolgsversprechend in den Arbeitsalltag integriert werden, wenn man das Bewusstsein für Achtsamkeit und die damit zusammenhängende emotionale Intelligenz anregt. Daniel Golemann, Psychologe und Autor des Buches „Emotionale Intelligenz“, konnte in einer Studie beweisen, dass hervorragende Leistungen in Unternehmen zu 80 bis 100 Prozent auf der emotionalen Intelligenz der Führungskräfte beruhen.[9]

Selbst in einem Unternehmen wie Google, dass permanent online ist, oder gerade deshalb, muss die emotionale Intelligenz der MitarbeiterInnen gefördert werden, damit diese auch dauerhaft ihr bestes leisten, ohne zu leiden, sondern im Gegenteil, am meisten selbst davon profitieren können.[10] Deshalb setzte Google bereits seit 2007 auf Achtsamkeit, und hat ein von Chade-Meng Tan initiiertes Achtsamkeits-Programm „Search Inside Yourself“ eingeführt.

Tan verstand es, dass emotionale Intelligenz im Kern aus Selbsterkenntnis besteht und dass die beste geistige App dafür eine Methode der Geistesschulung namens Achtsamkeit ist.[11]

Aufmerksamkeit wird als Grundvoraussetzung aller höheren kognitiven und emotionalen Prozesse angesehen. Tan´s Programm besteht aus drei Schritten:[12]

  1. Aufmerksamkeitsschulung

  2. Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung

  3. Nützliche geistige Gewohnheiten

Achtsamkeit beginnt im Kleinen, dabei bewusst wahrzunehmen, was jetzt gerade in diesem Moment passiert – im Außen und im Inneren. Beispielsweise Sie lesen diesen Artikel. Sie nehmen wahr, dass Sie vielleicht zu schnell lesen, dass Sie vielleicht mit den Gedanken abschweifen und beim nächsten Meeting sind, oder sich über den Artikel ärgern. Das klingt eigentlich sehr einfach. Doch die Achtsamkeit wird durch 5 Aspekte gehindert bzw. verzerrt, die jeden von uns zu jeder Zeit beeinflussen und begleiten. Zu diesen 5 Achtsamkeits-Belästigungen zählt: Zweifel, Unruhe, Trägheit, Verlangen und Widerwillen.[13]

Die große Aufgabe bei der Achtsamkeitsübung besteht darin, sich immer und immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, achtsam zu sein, sprich bewusst wahrzunehmen was jetzt gerade ist, einschließlich der Registrierung der 5 Hindernisse – ohne diese zu bewerten. Dabei hilft ein Achtsamkeitswecker wie beispielsweise das Phone-Klingeln. Es geht nicht darum, unentwegt alles bewusst wahrzunehmen, sondern mehrfach verteilt über den Tag für kurze Momente Inne zu halten und durchzuchecken, was jetzt gerade los ist.

Der Atem ist beispielsweise zu schnell, der Kopf schmerzt, Widerwille ist da, man ist unruhig. Es geht sogar anfangs noch einfacher. Registrieren Sie fürs Erste, ob Sie gerade in diesem Moment zwischen angenehm und unangenehm unterscheiden. In Folge werden Sie merken, dass Sie entsprechend dieser Bewertung „Angenehm – Unangenehm“ unterschiedlich handeln.[14] Aus diesem bewussten Check heraus, kann dann möglicherweise eine anstehende Entscheidung anders getroffen werden als ohne Check.

Ihr innerer Dialog ist der Weg zur Achtsamkeit.[15]

Ihr Körper lebt nur in der Gegenwart. So gesehen können Sie Achtsamkeit mit Hilfe Ihres Körpers relativ schnell erfassen. Ihr Atem, Ihre Sitzhaltung, Ihre angespannten oder zu schlaffen Muskeln, Ihre gebeugte Haltung, Ihre hochgezogenen Schultern, ein mögliches Bauchzwicken, … zeigen Ihnen sofort in diesem Moment, was jetzt gerade los ist. In diesem Moment entsteht eine Lücke im Denken.

Das eröffnet für einen Moment einen erweiterten Denk- und Handlungsraum. Es gibt im Achtsam sein jedoch kein richtig und falsch.[16] Achtsam sein bedeutet auch, den Moment als solchen zu akzeptieren, so wie sich dieser jetzt gerade zeigt. Doch das fällt besonders schwer, denn wir alle erliegen dem Antrieb, sofort etwas ändern zu wollen oder zu resignieren – abhängig vom Charakter und den Erfahrungen. Das, was gerade in Achtsamkeit erspürt wird, wird sofort bewertet und wenn es unangenehm ist, dann wird gleich reagiert, um das Hindernis zu überwinden.

Achtsam sein heißt auch, dass was ist anzunehmen und erst aus dieser Akzeptanz heraus eine Entscheidung zu treffen. Das heißt eben nicht, wie oft angenommen wird, dass man alles hinnimmt. Sondern das heißt, zu der Herausforderung mit Einsichtigkeit Ja zu sagen. Wenn man das tut, dann steht man in voller Kraft, um die Herausforderung zu meistern. Wenn man dagegen das Unangenehme, die Herausforderung einfach nur beseitigen will ohne Akzeptanz dieser, dann handelt man nur mit halber Kraft.[17]

Oft meinen wir, wir akzeptieren ohnehin das was ist. Leider ist das oft jedoch nur ein geistiger Trugschluss. Der Widerwillen sitzt tief und ist raffiniert. Auch wenn sich das vielleicht für den einen oder anderen von Ihnen als Einbildung anhört. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass ich selbst ebenso unfassbar vielen Illusionen erliege. Im Aikido, in der Kampfkunst, kann man das mental und körperlich deutlich wahrnehmen und damit verstehen. Selbstverständlich heißt das nicht, dass Sie jetzt ein Aikido-Training absolvieren müssen. Mit dem körperlichen Bezug ist es nur leichter bzw. oft auch schneller die geistigen Regungen und deren Auswirkungen und Folgen explizit wahrzunehmen.

Anfangs genügt der einfache Ansatz von Achtsamkeitstraining. Selbst dabei werden vielleicht einige von Ihnen feststellen, dass es gar nicht so leicht ist achtsam zu sein, doch mit etwas Disziplin und einigen Inputs kann der erste Schritt hin zur Achtsamkeit relativ schnell positive Wirkung zeigen. Auf längere Sicht hin wäre es jedoch sinnvoll, gemeinsam mit in Achtsamkeit Geschulten das Training zu erweitern und zu vertiefen. Vielleicht stellen Sie sich jetzt die Frage, was das wirklich bringen soll?

Google mag zwar auf das Achtsamkeitstraining setzen, aber bringt das wirklich mehr Leistung?

Aus eigener langerjähriger Erfahrung kann ich das mit voller Überzeugung bestätigen. Im Gegenteil, wenn ich merke, dass meine Achtsamkeit sinkt, was auch bei mir der Fall ist wenn ich mich nicht regelmäßig darin übe. Dann spüre ich sehr deutlich, dass meine Arbeitsleistung abnimmt bzw. mein Denken, meine Entscheidungen und Handlungen deutlich an Kraft verlieren.

Abschließend möchte ich anhand nachfolgender Tabelle versuchen Ihnen verständlich zu machen, dass mehr Achtsamkeit und ein bewusster Umgang mit den 5 Hindernissen den Erfolg im Businessalltag positiv beeinflussen kann.[18]

 

Anhand dieser Tabelle möchte ich Ihnen verständlich machen, dass mehr Achtsamkeit und ein bewusster Umgang mit den 5 Hindernissen den Erfolg im Businessalltag positiv beeinflussen kann.

 

Was uns alle verbindet ist die Tatsache, dass jeder/jede auf seine/ihre Weise versucht, die Kontrolle in einer letztlich unkontrollierbaren Welt zu behalten.[19] Achtsamkeit hilft, das verständnisvoll und verantwortungsbewusst anzunehmen, und aus diesem Verständnis heraus andere, neue Entscheidungen zu treffen.

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquellen:

[1] https://www.transform-magazin.de/slowness/. Am 2017-06-12 gelesen.
[2] https://www.transform-magazin.de/slowness/. Am 2017-06-12 gelesen.
[3] https://www.transform-magazin.de/slowness/. Am 2017-06-12 gelesen.
[4] https://www.transform-magazin.de/slowness/. Am 2017-06-12 gelesen.
[5] http://se.linkedin.com/pulse/unser-immer-schnelleres-leben-schreit-danach-sich-wieder-sara-weber. Am 2017-06-01 gelesen.
[6] http://se.linkedin.com/pulse/unser-immer-schnelleres-leben-schreit-danach-sich-wieder-sara-weber. Am 2017-06-01 gelesen.
[7] https://blog-wagner-consulting.eu/berge-versetzen-im-management/.
[8] https://blog-wagner-consulting.eu/erfolgstool-nr-3/.
[9] Tan, Chade-Meng: Search Inside Yourself. Das etwas andere Glücks-Coaching. 1. Auflage. Verlagsgruppe Random House GmbH. München: 2012. S.36.
[10] https://www.linkedin.com/pulse/bist-du-ein-segmentor-oder-integrator-gilbert-dietrich. Am 2017-06-12 gelesen.
[11] Tan, Chade-Meng: Search Inside Yourself. Das etwas andere Glücks-Coaching. 1. Auflage. Verlagsgruppe Random House GmbH. München: 2012. S.10.
[12] Tan, Chade-Meng: Search Inside Yourself. Das etwas andere Glücks-Coaching. 1. Auflage. Verlagsgruppe Random House GmbH. München: 2012. S.29.
[13] Mannschatz, Marie: Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihren Alltag verändern. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. München. 2007.
[14] Mannschatz, Marie: Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihren Alltag verändern. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. München. 2007.
[15] Mannschatz, Marie: Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihren Alltag verändern. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. München. 2007.
[16] Mannschatz, Marie: Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihren Alltag verändern. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. München. 2007.
[17] Bayda, Ezra: Zen sein – Zen leben. Wilhelm Goldmann Verlag. München: 2003.
[18] Mannschatz, Marie: Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihren Alltag verändern. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. München. 2007. S.155.
[
19] Bayda, Ezra: Zen sein – Zen leben. Wilhelm Goldmann Verlag. München: 2003.

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Lügen im Management – das ist die Regel

Lügen im Management - das ist die Regel

In diesem Artikel möchte ich mich einmal mit der Thematik „Lüge“ auseinandersetzen. Ich vermute, dass dieses Thema nicht ganz unumstritten sein wird. Das Image der ManagerInnen droht national wie international immer tiefer im moralischen Morast zu versinken: Finanz- und Bankkrisen, Baulügen allerorts, Korruption in der Fifa wie auch der VW-Abgas-Skandal, um nur einige Beispiele zu nennen.[1]

Die Wahrheit des Lügens ist allgegenwärtig

Der Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer meint, dass alle lügen, und dies die Regel sei. Im Durchschnitt lügen die Menschen zweimal am Tag. Pfeffer meint, er könnte Topmanager für Topmanager durchgehen und ihre Lügen aufzeigen, angefangen bei Steve Jobs. In der Softwarebranche lügen einfach alle, dafür wurde sogar eigens ein Begriff „Vaporware“ geschaffen.[2] Die meisten Menschen lügen aus Höflichkeit, aus Scham, Angst, Unsicherheit oder Not. Aus einer kleinen Schwindelei oder einer zurecht gebogenen Wahrheit kann eine handfeste Lüge werden, bis hin zum kaltblütigen Betrug – die Übergänge sind fließend. Kleine Flunkereien bleiben oft lange verborgen, können in ihren Auswirkungen jedoch genauso desaströs sein wie ein Betrug.[3]

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Das spannende am Lügen ist, dass für das Lügen selbst niemand bestraft wird. Solange Lügen keine Sanktionen zur Folge haben, wird das Lügen akzeptiert. Die CEOs in der Finanzbranche logen in der Krise über ihre Bilanzen und darüber, ob sie neues Kapital benötigen.[4] Die Glaubwürdigkeit von CEOs ist in der Gesellschaft entsprechend niedrig bei etwa 37%. Nur Regierungschefs haben einen noch schlechteren Glaubwürdigkeitswert mit bloß 29%.[5] Doch niemand der Verantwortlichen, der die Finanzunternehmen an die Wand gefahren hat, hat persönlich Schaden davon genommen.[6]

Mehr noch, nach Meinung von Pfeffer wollen Menschen bis zu einem gewissen Grad sogar belogen werden. So heißt es in einem Lied von Fleetwood Mac: „Tell me sweet little lies“. Zum Lügen gehören zwei Personen. Die einen, die lügen, und die anderen die die Lügen glauben wollen. Pfeffer stellt die Annahme in den Raum, dass Lügen vielleicht bestraft werden sollten, damit das Bewusstsein für das Lügen und die entsprechenden Folgen geschärft werden?[7] Niccoló Machiavelli, der Philosoph der Macht, schreibt:

Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so leicht dem Zwang des Augenblicks, dass der, welcher betrügen will, stets einen finden wird, der sich betrügen lässt.[8]

Das ist meiner Meinung nach eine starke Aussage. Beim Lügen geht es um Macht, um Machterhalt und Machtsicherung. Mit dem entsprechenden Handwerkzeug zum Lügen kann jeder versuchen seine/ihre Macht zu sichern – und das scheint sozial scheinbar voll akzeptiert zu sein. Den Glaubwürdigen wird dabei unterstellt, dass sie sich betrügen lassen wollen bzw. nicht fähig sind, die Täuschungen und die Betrügereien zu erkennen.[9] Sicher entgeht niemanden, dass mit der Ära Donald Trump das Lügen als Machtinstrument so deutlich und offen wie selten zuvor genutzt wird. Fact-Checker wiesen alleine in einer einzigen seiner Wahlkampfreden 71 Lügen nach.[10] Trump nutzt gerne die Social Medias, um seine Offenbarungen zu veröffentlichen. Aber gerade die Medien, die Trump gebraucht, sind gleichzeitig auch die Aufdecker der Lügen. Irgendwann kommt die Lüge im Netz ans Tageslicht und verbreitet sich in ungeahnter Weise. Doch selbst das scheint sozial akzeptiert zu sein. Es wird zwar geschimpft, aber mehr scheint auch nicht zu passieren.

Dabei geht es nicht nur um die kaum zu erfassenden verbalen Lügen, sondern auch um die Täuschungen durch Bilder oder dramatische Inszenierungen, wie den Auftritt von Colin Powell am 5. Februar 2003 vor den Vereinten Nationen, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen.  Wenn ich lese, dass man im Vietnam-Krieg nicht „gut“ genug im Fälschen war und Nixon deshalb die Wahl verloren hat, dann hat das Lügen meiner Meinung nach eine Dimension erreicht, die man doch ernsthaft und couragiert hinterfragen sollte. Interessant daran ist, dass gerade in Amerika, wo Glaube und Kirchentreue noch relativ tief verwurzelt sind und Wahrheit ein hochmoralischer Begriff ist, dennoch und vielleicht gerade auch deshalb die Wirklichkeit verfälscht wird, um möglicherweise den hohen moralischen Anforderungen irgendwie Gerecht zu werden. In Europa, in dem Säkularisierung und damit die Aufbürdung kirchlicher Normen sukzessive abnimmt, ist Lügen keine Gebotsverletzung.[11]

Wenn ich das so schreibe, dann blicke ich etwas trocken oder vielleicht auch resigniert auf das Thema. Ich beschäftige mich damit, als ob das Lügen so wie Professor Pfeffer schreibt, ganz normal und in Ordnung sei. Aber das erschüttert mich schon ein wenig! Es gibt vermutlich Lügen, die wirklich zum Schutz von anderen oder einem selbst dienen. Aber ich nehme an, abgeleitet von mir selbst und meinen Beobachtungen von mir selbst, dass viele Lügen eher aus Bequemlichkeit, überzogenem Egoismus bzw. Anerkennungs- und Machtsucht oder blockierter Angst heraus entstehen. Diese Lügen sind zwar akzeptiert, doch ganz gesund würde ich das nicht bezeichnen. Das erscheint mir so, als ob ich es bejahe mit einem übersäuerten Magen zu leben, obgleich das auf längere Sicht hin nicht gut ist und negative Folgen haben wird. Doch das nehme ich in Kauf bzw. verdränge die möglichen Konsequenzen für mich, wie auch für meine Familie und die Gesellschaft. Es zeigt sich bereits, wenn immer mehr Lügen die Wahrheit im Management ersetzen, dass dies zu größeren Vertrauensverlusten, und in der Folge zu ökonomischen Verlusten führt.[12] Eines kann man aus der Geschichte heraus sehr eindeutig ableiten:

Wird das Lügenkonstrukt zu groß, dann bricht das System in sich zusammen.[13]

Das löst in mir die Frage aus, wo die Wirtschaft in Bezug auf Ihr Lügenkonstrukt aktuell steht? Ist das Konstrukt von Lügen und Täuschungen schon so groß, dass es bald zu kippen droht, oder kann das Management noch einiges an Lügen bzw. Täuschungen in die Welt setzen, ohne bald zusammenzubrechen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will in Bezug auf Lügen und Täuschungen wirklich niemanden zu Recht weisen. Das Lügen gehört zu unserem Leben. Ich selbst bin davon nicht ausgeschlossen, und würde mir in keiner Weise anmaßen zu behaupten, nicht zu lügen. Viele ManagerInnen leisten wirklich gute Arbeit. Ich möchte jedoch ein wenig wachrütteln, mich selbst und andere, um Lügen etwas besser in den Griff zu bekommen.

Es geht nicht darum, nicht zu lügen, sondern bewusst abzuschätzen, welche Folgen Lügen mit sich bringen – für einen selbst, für MitarbeiterInnen und die Gesellschaft.

Es geht beim Thema Lügen um Verantwortungsbewusstsein, Selbsterkenntnis und Weitblick. So gesehen möchte ich jetzt weniger vom Lügen sprechen, sondern viel mehr von meinem und Ihrem Verantwortungsgefühl.

  • Kann ich mir, ohne mich gleich selbst zu verurteilen, die Frage stellen, ob ich in Bezug auf eine Entscheidung in Bedrängnis komme und damit ein Lügenkonstrukt als Abwehr aufbaue?

  • Möchte ich gerne als ein strahlender Erfolgsheld im Unternehmen gesehen werden, der alles gut im Griff hat und versuche mit entsprechenden Worten dieses Erfolgsbild zu untermauern – ähnlich wie der Lügenbaron Münchhausen in seinen Geschichten?

  • Ich kann dann noch einen Schritt weitergehen und mich zusätzlich fragen, ob ich mir der Folgen einer durch ein Lügenkonstrukt getroffenen Selbstdarstellung und den entsprechenden Entscheidungen bewusst bin?

Es war von mir nicht geplant, diesen Artikel in der jetzt vorliegenden Version zu schreiben. Die Auseinandersetzung mit dem Themenfeld „Lüge“ hat sich im Laufe des Schreibens für mich als so sensibel, mehrschichtig und tiefgreifend herausgestellt, dass ich selbst ins Wanken geriet. Sicher fehlen dem einen oder anderen von Ihnen konkretere wissenschaftliche Grundlagen, das ist mir bewusst. Ich kann Ihnen heute auch kein greifbares Rezept, keine Tipps und keine Werkzeuge im Umgang mit der Herausforderung Lüge in die Hand geben. Ich kann Sie vielleicht nur dazu motivieren, Ihr Verhalten in Bezug auf Lügen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Lüge ist nicht nur eine Lüge nach außen, sondern auch eine Lüge nach innen.

Nach Emanuel Kant ist die Selbsttäuschung fast noch schlimmer als die Täuschung gegen andere.[14]

Ihr Günther Wagner

 

 

Literaturquellen:

[1] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[2] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[3] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[4] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[5] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[6] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[7] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/alle-luegen-das-ist-die-regel-a-1149860.html. Am 2017-06-07 gelesen.
[8] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[9] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[10] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[11] Leyendecker, Hans: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. 1. Auflage. Rowohlt Verlag GmbH. Hamburg: 2004.
[12] https://blog.zhaw.ch/humancapital/2017/03/16/luege-und-wahrheit-im-management/. Am 2017-06-07 gelesen.
[13] Küng, Hans: Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht. Piper Verlag GmbH. München: 2010.
[14] http://www.seneca-vision.de/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/21-l%C3%BCgen-am-abgrund-baron-m%C3%BCnchhausens-wilde-kapriolen-im-management.html. Am 2017-06-07 gelesen.

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