Ki, Charisma und charakterlicher Integrität

Teil 3 aus dem Zyklus: „Wirksam Führen wie ein Samurai“

Was genau ist es, was charismatische Menschen so kraftvoll wirken lässt?

Den Samurai haftet oft ein Irrglaube an, dass sie nur blutrünstige Krieger gewesen sein. Sie waren aber auch eine Elite, die Tugenden entwickelte und pflegte, die sie zu hochgeachteten Vorbildern für die Gesellschaft machte. Mit Hingabe konzentrierten sie sich auf die jeweils vor ihnen liegende Aufgabe und entwickelten durch tägliches Üben ihre eigene Persönlichkeit.

So wie ein Samurai, gibt es Menschen, die wie ein Magnet die Blicke auf sich ziehen, sobald diese einen Raum betreten. Es gibt Menschen, die einen tief berühren, wenn man ihnen begegnet oder man sie reden hört. Es gibt Menschen, die Unglaubliches bewirken können, wie z.B. Martin Luther King, Mahatma Ghandi, Jesus, …

Diesen ist gemein, dass sie charismatisch auf die jeweilige Lebenssituation geantwortet haben, und die angestandenen notwendigen Veränderungen couragiert eingeleitet haben. Ihnen war gemein, dass sie in einer aufgewühlten, problembehafteten Zeit lebten und fühlten, dass Grenzen im Denken verschoben und neue Wege gegangen werden müssen.

Wo stehen wir heute? Stehen wir nicht wieder vor sehr großen Herausforderungen, die auf neue Lebenseinsichten warten, um gelöst werden zu können?

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  • Was genau ist es, was charismatische Menschen so kraftvoll wirken lässt?

  • Inwiefern hilft Charisma und Ki – Herausforderungen, Chaos und auch Niederlagen erfolgreich zu meistern?

  • Können und wollen Führungskräfte ihr Charisma bzw. Ki stärken, ohne Missbrauch zu betreiben?

Aktuell, jetzt in der Weihnachtszeit, werden wir ob wir wollen oder nicht, jedes Jahr aufs Neue mit dem Leben und Wirken von Jesus konfrontiert. Ein Leben, das umstritten ist und doch so besonders war, dass es über Jahrhunderte hinweg seine Spur hinterließ. Das kann in der Weise nur ein Mensch mit Charisma. Wer Jesus auch immer war, er muss eine besondere Ausstrahlung gehabt haben. Im Verständnis der Samurai war Jesus ein Kampfkünstler wie sie selbst.

Lt. Richard Wiseman, Professor an der Universität Hertfordshire, verfügen charismatische Menschen über 3 Eigenschaften: [1]

  1. Emotionen werden von ihnen sehr stark empfunden.

  2. Sie sind in der Lage, auch andere Menschen derart starke Gefühle erleben zu lassen.

  3. Und sie sind resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich keine charismatische Führungspersönlichkeit aus der Wirtschaft genannt habe. Vielleicht war es mir noch nicht vergönnt, eine meinem Empfinden nach charismatische Führungspersönlichkeit kennenzulernen. Tut mir leid, ich will damit niemanden der Führungskräfte in ihrem Wirken herabsetzen. Ich sehe auch keine Schuld bzw. Unfähigkeit in den einzelnen Menschen, sondern das System, die Bildung, die Erziehung und Sozialisierung ist so aufgebaut, dass das charismatische Potential der Menschen dabei nicht gefördert, sondern vielmehr unterdrückt wird.

So gesehen ist es viel mehr ein Wunder, wenn man hier und da noch charismatische Menschen treffen kann. Viele Führungspersönlichkeiten sind sehr gut. Charisma zu haben muss auch nicht das Ziel des Lebens sein, sondern ist einfach nur ein Lebensaspekt, der jedem Menschen offen steht. Mit entsprechender Unterstützung kann jeder sein Charisma und Ki stärken. Es braucht jedoch etwas Mut, um sich auf seine eigene natürliche Kraft einzulassen. Mut deshalb, weil die meisten von uns es nicht mehr gewohnt sind, das Leben aus ganzheitlicher Sicht, mit den unerklärlichen Aspekten, wie z.B. der Lebenskraft des Herzens anzunehmen.

 

Was ist unter Charisma und Ki zu verstehen

Charisma ist der Ausdruck davon, dass Menschen aus dem Ki heraus agieren. Ki (chin. Ch’i) wurde ursprünglich als Grundbegriff der Naturphilosophie im Altertum in China entwickelt. Der Grundgedanke des Ki entstammt der Erfahrung des unmittelbaren Miterlebens mit der Natur.

Im heutigen Japan ist Ki für das traditionelle Verständnis der Einheit von Körper, Geist und Seele einer der wichtigsten Begriffe. So versteht man unter Ki so etwas wie Lebenskraft, Energie, Wirkung, Ausstrahlung. Ki ist in allem enthalten und ist die Kraft, die alles sowohl zusammenhält, wie auch auseinanderdriften lässt. In einer sich ständig verändernden Wirklichkeit stellt das Ki die einzig konstante Größe dar. Im Verständnis von Jesus, wie auch von Buddha und anderen Mystikern kann Ki als Liebe umschrieben werden.

Eines ist gewiss und unumstritten, Menschen, deren Geist und Körper im Einklang sind, können erstaunliche Dinge vollbringen. In Notsituationen entwickeln viele Menschen Kräfte und haben Ideen, von denen im Alltag niemand zu träumen wagt. In diesem Moment sind diese Menschen charismatisch. Man weiß z.B. von Frauen, die Autos anhoben, um verletzte Kinder darunter bergen zu können. Genau genommen agieren wir alle aus dem Ki, aus der Liebe heraus, jeden Moment ohne Ausnahme. Kinder, die noch Kind sein dürfen, agieren aus dem Ki heraus. Wir alle sind Ki-Wesen. Niemand fällt aus dem Ki heraus, und doch gibt es Unterschiede in der Ausdruckskraft vom Ki, wie stark das Ki fließt. Die in Ausnahmesituationen aufkommende Kraft ist Zeichen dafür, dass in jedem von uns Ki vorhanden ist, doch im normalen Lebensalltag verschüttet scheint.

Das ist der große Unterschied zu den charismatischen Menschen, deren Potential (deren Ki) weniger verschüttet ist, und damit mehr Kraft zum Wirken kommen kann. Und eines möchte ich auch noch klarstellen, charismatisch zu sein, heißt nicht, keine Fehler mehr zu machen. All die charismatischen Persönlichkeiten haben auch ihre Schattenseiten. Es sind Menschen wie Sie und ich, mit dem Unterschied, dass sie zumindest phasenweise ihr Leben intuitiver und ganzheitlicher ausgerichtet führen. 

 

Wie können wir das verschüttete Charisma und Ki bergen?

Holen wir uns erneut die von Prof. Wiseman postulierten 3 Eigenschaften charismatischer Menschen, und fragen uns: 

  1. Spüren wir unsere Emotionen, spüren wir unseren Körper und erkennen den endlosen Schwall an Gedanken – jetzt in diesem Moment?

  2. Sind wir in der Lage, uns von den Emotionen, körperlichen Regungen und Gedanken nicht verführen zu lassen, sondern dem Leben zu vertrauen und unsere Kraft zu bündeln? 

  3. Haben wir das Bewusstsein und den Mut, uns von äußeren Einflüssen und Meinungen anderer nicht gleich aus der Mitte, aus unserem Ki werfen zu lassen?

Sein oder nicht sein, sprich fühlen oder nicht fühlen, das ist die Frage und Antwort auf ein charismatisches Leben.  

„To be or not to be: that is the question. “ Shakespeare

Fühlen ist jedoch nur möglich, wenn wir präsent sind. [2] Das heißt, mit den Gedanken und Gefühlen, mit Körper und Geist im Moment, und wirklich nur in diesem jetzigen Moment sein. Ein Samurai, wie auch ein Shaolin-Mönch, trainieren ihren Geist, ihre Emotionen und ihren Körper täglich, um ihre Präsenz im Moment wahrzunehmen, und ihre Präsens immer wieder aufs Neue auf den Moment hin auszurichten. 

Um das Phänomen und die Kraft der Präsenz wirklich zu verstehen, muss man diese aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Die Kraft der Präsenz entsteht, wenn wir:

  • aufmerksam sind

  • nicht be-werten

  • los-lassen

Wir müssen uns jedoch auch die Frage stellen, ob wir überhaupt bereit sind das Charisma und Ki zu re-aktivieren?

  • Wagen wir es, als Führungskraft dem Herzen zu folgen?

  • Wenn ja, wann wollen wir beginnen diese Präsenz zu üben?

  • Wenn nein, dann fühlen sie gerade etwas, vielleicht Angst. Und damit sind Sie gerade mitten drin im Leben, in Ihren Gefühlen, …

So oder so, es kann in keiner Weise schaden, die Aufmerksamkeit, das Nicht-Bewerten und Loslassen als ergänzendes Führungs-Tool in Ihren Berufsalltag zu integrieren. Es hilft Ihnen die Herausforderungen der heutigen Zeit stressfreier zu meistern, und möglicherweise bessere Lösungen zu finden. Im Anschluss möchte ich die 3 Aspekte der Präsenz näher erklären. Vielleicht fühlen Sie sich von der einen oder anderen Gedankenanregung motiviert, und versuchen diese in Ihrem Berufsalltag hier und da versuchsweise einzubauen.

 

Aufmerksamkeit

Die Herausforderung der Aufmerksamkeit ist es, diese ungeteilt wirken zu lassen, sprich dass wir bewusst wahrnehmen, was tatsächlich jetzt, in diesem Moment, passiert.

  • Das heißt u.a., dass wir erkennen, wann die Gedanken z.B. während eines Gespräches oder Meetings abschweifen.

  • Das heißt, dass wir unsere Emotionen und körperlichen Regungen z.B. während eines Telefonates wahrnehmen. 

  • Das heißt, dass wir unsere inneren und äußeren Ablenkungen und Saboteure bewusst erkennen, spüren und auch akzeptieren und nicht wegschieben.

Das klingt plausibel und eigentlich sehr normal, so dass wir meinen könnten, dass wir ohnehin unentwegt so agieren. Aber das ist schon der erste große Trugschluss in unserem Verständnis von Präsenz. Die allermeisten von uns handeln im Modus der geteilten Aufmerksamkeit. Das heißt, die vielen Gedanken, die ständig durch den Kopf schwirren, fesseln uns, verführen uns und lassen uns von dem was im Moment ist in Sekundenschnelle abschweifen.

Die Folge davon ist, dass wir dann auch das Gespür für die Emotionen, und damit den Zugang zu unserem Ki, verlieren. Wir interpretieren die Wirklichkeit anders als diese tatsächlich ist. Wir kreieren in unseren Köpfen eine Art von Wirklichkeit, die so in der Weise gar nicht existiert, und manipulieren unsere Emotionen. Das passiert auch den Shaolin-Mönchen, und damit waren auch die Samurai wie ebenso Jesus konfrontiert. Doch diesen ist gemein, dass sie dieses Phänomen der Verführung durch Gedanken immer wieder aufs Neue erkannten. Der große Unterschied dieser zu anderen ist, dass sie dieses Phänomen durchschauten, und die Kraft aufbrachten, die oft so schönen, verführerischen, erfolgsversprechenden Gedanken und damit zusammenhängenden Emotionen immer wieder aufs Neue losließen.

Und da wären wir beim nächsten Punkt der Kraft der Präsenz und einer charismatischen Ausstrahlung – beim:

 

Los-Lassen

Auch hier verfallen wir meist einem Trugschluss. In diesem Fall der Täuschung darüber, dass wir meinen gut loslassen zu können, obwohl wir in Wirklichkeit gar nicht loslassen, und unsere Gedanken ein Loslassen bloß vortäuschen. Hier und da ist es uns sogar bewusst, dass wir lieber in der erträumten Wirklichkeit leben als in der Realen. Das ist nicht schlecht, das ist menschlich normal. Auch die Samurai, und selbst Jesus waren damit konfrontiert, aber sie konnten die Kraft aufbringen ihre Gedanken frei zu lassen, sich von diesen nicht täuschen, und sich von den aufkommenden Emotionen, wie z.B. Angst, nicht fortspülen zu lassen.

Die wichtigste Eigenschaft des Samurai ist die Freiheit von Furcht.

Genau an diesem Punkt, beim Aufkommen der Emotionen, übernimmt gerne der Saboteur die Führung. Es sind aufkommende unangenehme Gedanken und aufkommende unangenehme Emotionen wie Angst, Trauer, Wut. Ein charismatischer Mensch wagt es zu fühlen, wagt es unangenehme Emotionen bewusst zu spüren, nicht zu bewerten und in Liebe anzunehmen – eine in der Überlieferung große Stärke von Jesus wie auch von Buddha oder den Shaolin-Mönchen. In diesem Verständnis gibt es für charismatische Menschen auch keine Niederlagen.

Das Los-Lassen geschieht konkret durch:

  • ungeteilte Aufmerksamkeit

  • beharrliche Flexibilität

  • verständnisvolles Annehmen von dem was ist, und

  • nicht bewerten der aufkommenden Gedanken, Emotionen und Regungen

Und auch dieser Punkt, das „Nicht be- Werten“ ist eine weitere große Hürde am Weg zu einem charismatischen Leben. Das Nicht-Bewerten ist für die Shaolin-Mönche und Samurai, ebenso für Jesus ein wesentlicher Aspekt, um sich nicht im Wirrwarr von Gedanken und Gefühlen zu verlieren. Erst durch das Nicht-Bewerten können die Kampfkünstler dieser Welt ihre Kraft bündeln, und in vollem Ausmaß zur Wirkung bringen.

 

Nicht Be-Werten

Doch gerade wir, die wir in der westlichen Zivilisation sozialisiert sind, messen Be-Wertung einen hohen Stellenwert bei – beginnend in der Schule mit den Beurteilungen der Leistungen in Form von Noten, bis hin zu den unzähligen Ranking-Listen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kunst und Kultur.

Diese Bewertungen und die daraus gründenden Vorurteile, welche in der Regel nicht einmal unsere eigenen sind, beeinflussen unsere Gedanken, unser vegetatives Nervensystem, unser Hormonsystem und schlussendlich unsere Emotionen. Durch dieses unentwegte Bewerten können wir eine Situation nicht mehr neutral annehmen und im Jetzt bleiben, sondern verfallen sofort, unbewusst, in ein Reiz-Reaktions-Muster. So verfehlen wir den jetzigen Moment mit all den Möglichkeiten, die in diesem Augenblick für uns bereit stehen.

Charismatische Menschen haben den Mut, das Leben in seiner ganzen Tiefe, mit Haut und Haaren, mit Emotionen und mystischen Aspekten anzunehmen. Die sich daraus entwickelnde Kraft beeindruckt andere Menschen, das kann nicht bestritten werden. Vielleicht deshalb, weil doch einige spüren, dass das Leben mehr ist, als das was sie meinen vom Leben verstanden zu haben und im Leben tun.

 

Welche Rolle spielt Charisma im Zusammenhang mit charakterlicher Integrität?

Jetzt möchte ich noch der letzten Frage in diesem Blog nachgehen, was denn Charisma mit charakterlicher Integrität zu tun hat?

Meiner Meinung nach sehr viel, denn wie ich schon einmal kurz im Blog angeführt habe, Charisma schützt nicht davor, Fehler zu begehen und die aus dem Charisma heraus wirkende Kraft sogar missbräuchlich zu nutzen. Dies zeigt sich auch darin, dass es immer wieder Zeiten gab, in denen sich Menschen starken charismatischen Führern unterordneten. Hierzu gehören viele Diktatoren, aber natürlich auch autokratische Unternehmensführer.

Das Charisma in reiner Form, ohne Nebenwirkung gibt es nicht – außer vielleicht bei erleuchteten Menschen. Unterdrückte Gefühlsaspekte werden das Charisma und Ki als Trittbrettfahrer immer auch zu nutzen versuchen, um von den damit zusammenhängenden Unbefriedigtheiten erlöst zu werden. Und um das zu erkennen, braucht es zum Einen charakterliche Integrität, das Bewusstsein dafür, welche Folgen das eigenen Handeln für andere hat. Zum Anderen braucht es mehr charismatische Menschen, die sich durch das Charisma von anderen nicht so leicht verblenden lassen.

Aber genau das, führt zu einem ganz neuen Aspekt in der Führung. Wenn mehr Menschen ihr Charisma verstärkt zum Ausdruck bringen würden, wären diese resistenter gegenüber der Meinung und möglicher Unterdrückungen anderer. Die Selbstbestimmheit der Menschen würde zunehmen, und das Führen dieser Menschen muss in ganz neuer Weise erfolgen.

  • Löst das etwas in Ihnen aus?

Mit dieser Frage möchte ich diesen Blog beenden. Ich weiß, ich habe Sie diesmal zeitlich wie vermutlich auch mental oder sogar emotional gefordert. Entspannen Sie jetzt, lassen Sie all das los, was Sie soeben gelesen haben, und genießen einfach den Moment.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Charisma.
[2] Peter Senge, et al: „Presence – Exploring Profound Change in People, Organizations, and Society” (2004).

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Chaos und Komplexität

Teil 2 aus dem Zyklus „Wirksam Führen wie ein Samurai“

Der Krieger klagte nicht über die Unsicherheit und das Chaos auf dem Schlachtfeld, sondern begrüßte sie als Quell der Inspiration.

Ein Samurai auf dem Schlachtfeld war ebenso mit chaotischen und komplexen Situationen konfrontiert wie die Führungskräfte von heute. Unsicherheit und damit Chaos war für ihn keine beiläufige Störung, sondern die Folge der Unbestimmbarkeit der Ereignisse auf dem Schlachtfeld.

In der Dynamik des Gefechtes musste er immer wieder zwischen einer Vielzahl von gegensätzlichen Optionen hin- und herwechseln und die potenziellen Vorteile abschätzen. Es war ein ewiges Wechselspiel gegensätzlicher Vorstellungen von der Wirklichkeit.

Wenn in einer gegebenen Situation weder Verteidigung noch Angriff unzweifelhaft richtig waren oder weder Überraschung noch Beharrlichkeit unter bestimmten Bedingungen eindeutig zu empfehlen waren, so hätte ein Festhalten an vorgefassten Handlungs- oder Denkweisen keine vernünftige Entscheidung ermöglicht.

Dieser begrenzten Sichtweise trat der Samurai entschieden entgegen, schulte intensiv seine Intuition, sein Bewusstsein über die Wirkungsmechanismen des Lebens und versuchte die quantenphysikalischen Lebensspielereien ganzheitlich zu erfassen – geistig, emotional und körperlich. Der Krieger klagte daher nicht über die Unsicherheit und das Chaos auf dem Schlachtfeld, sondern begrüßte sie als Quell der Inspiration.

Der Samurai hat intuitiv einen Aspekt der modernen Physik verstanden:[1]

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Die Welt funktioniert nicht nur nach Ursache und Wirkung. Das Leben mit all dem was das Leben ausmacht ist ständig in Veränderung – mit und ohne Ursache auf allen Ebenen.

So gibt es genau genommen auch keine streng nach Plan, Richtlinien und Regeln ausgeführte Wirtschaft. Immer wird es unzählige Ausnahmen, Unvorhersehbarkeiten, Schwarzen Schwäne, äußere und innere Beweggründe geben, wodurch die Wirtschaft und Wirtschaftsprognosen wackeln, und das Chaos in unterschiedlichsten Ausprägungen die Unternehmen herausfordert.

Vielleicht werden sie jetzt skeptisch den Kopf schütteln und sagen, dass Vorgaben sehr wohl eine Wirkung haben. Ja, das auch, und gleichzeitig auch nicht. Aber genau dieses „auch nicht“ vergessen wir Menschen gerne, bzw. schauen darüber hinweg und tun so, als ob es funktioniert. Doch jetzt stehen wir vor einem Punkt, wo wir nicht mehr so tun können, als ob alles weiterhin in alter Weise zu managen wäre.

Für den Samurai war es daher nicht hilfreich, sich starr an genaue Handlungsanweisungen zu halten, sondern das Quantenfeld mit den unzähligen Möglichkeiten zu begrüßen, seine Intuition, die Verbindung von sich selbst und dem Quantenfeld, zu entwickeln.

Ein Samurai war sich der Vielzahl von unvorhersehbaren äußeren und inneren Beeinflussungen bewusst, hat das äußere und innere Chaos und seine Komplexität als gegeben hingenommen und versucht, die potenziellen Vorteile einiger Optionen abzuschätzen. Der Samurai bewegte sich im Wechselspiel unterschiedlichster Möglichkeiten von Wirklichkeiten. Ganz so, wie es die Quantenphysik nach meinem aktuellen Wissensstand zu beschreiben versucht. 

Mag sein, dass diese Ansicht von mir bei manchen von Ihnen jetzt Irritation oder gar Ablehnung auslöst. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Mag sein, dass Sie sich auch die Frage stellen, was die Quantenphysik und Intuition mit Ihrer Führung und der Überwindung von Chaos zu tun hat? Eine auch mich persönlich ansprechende Frage, insbesondere dahingehend, mit diesem Wissen neue Wege und neue Führungsmöglichkeiten für die Wirtschaft zu finden.

Der leider zu früh verstorbene Prof. Peter Kruse hat in einem Interview sehr gut herausgearbeitet, dass ein Paradigmenwechsel, ein Quantensprung im Denken und Handeln ansteht.

 

Chaos und Komplexität in der Wirtschaft

Neben dem Vordenker Prof. Peter Kruse beschäftigen sich auch andere Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen mit dem Thema, wie wir der Komplexität Herr werden, und im Wirtschaftsleben weiterhin handlungsfähig bleiben bzw. wieder werden. Auf „Neulands Campus 2016 – Vom klugen? Umgang mit Komplexität“ , an dem ich teilnehmen durfte, gab es u.a. einen Vortrag von Prof. Theo Wehner mit dem bezeichnenden Titel:

Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln in komplexen Situationen – Reicht da wirklich Klugheit?“

  • Die Antwort lautet: NEIN !

Um in komplexen Situationen besser Entscheiden und besser Führen zu können, führte Wehner aus, muss man:[2]

  • Informationen ignorieren

  • Mut zur Einfachheit und Transparenz aufbringen

  • Eine positive Fehlerkultur etablieren – eine Kultur des Scheiterns statt defensiven Absicherns

  • Bauchentscheidungen zulassen und

  • Seiner Intuition vertrauen

 

Intuition entwickeln 

Intuition entwickelt sich durch das Zulassen von Bewusstsein über die Einheit und Wechselwirkung von Körper, Gehirn und Psyche. Im Unternehmensalltag wird jedoch diese Art von Wissen bzw. Intelligenz fast vollständig ignoriert und ausgeblendet. Es wird so getan, als ob die Wirtschaft bloß nach rationalen Aspekten funktioniert, und entsprechend geplant und ausgeführt werden kann. Ja, das auch, wie wir wissen. Aber oft auch nicht, und jetzt spüren wir sehr konkret die Grenzen dieser beschränkten Sichtweise. So schlägt Gerhard Roth einen Dreischritt vor:[3]

  1. Die Sachlage rational überdenken

  2. Den Entschluss aufschieben und

  3. Am Ende dem Gefühl folgen

Für die Wirtschaft gilt es endlich auch einmal, sich mit der Dualität des Denkens zu beschäftigen und diese aufzubrechen – ein Vorgehen, dass in der Quantenphysik schon lange passiert ist.

Wenn wir das Leben in unseren Organisationen und die Entscheidungsfindung in diesen verändern wollen, müssen sich zuerst unsere starren Denkweisen ändern. Doch dieses eingeschränkte Denken ist sehr bequem, und enthebt uns von der oft quälenden Auseinandersetzung mit der vieldeutigen Wirklichkeit.

Wir sind es nicht gewohnt, uns intuitiv auf dem Unvorhersehbaren, auf Zufällen, auf Quantenfeldern zu bewegen. Wir sind ungeübt im Umgang mit Polaritäten. Wir sehen die Polaritäten als einander widersprechend an, und entscheiden uns dafür, alle Möglichkeiten bis auf eine einzige „auszuschalten“. Bei dieser Art zu denken muss immer etwas negiert werden. Diese eingeschränkte Art zu denken wird uns Menschen irgendwann in den Wahnsinn und Burnout treiben. In meiner täglichen Arbeit höre und erlebe ich immer öfter Beispiele wie:

  • Sei kreativ, aber überschreite nicht die Grenzen der Norm.

  • Entscheide selbst, aber stimme dich vorher mit den anderen ab.

  • Arbeite mit Teamgeist, aber sei der Beste.

  • Geh Risiken ein, aber mach nichts falsch.

  • Sag deinem Chef die Wahrheit, aber nichts Schlechtes.

Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht mit der Bequemlichkeit des Entweder-Oder-Denkens unserer Kultur lösen, sondern nur mit den Geheimnissen der Paradoxie. Im Paradox negieren sich die Gegensätze nicht – sie verbinden sich zu einem kohärenten Ganzen. Das Paradox bricht die Polarität zwischen Logischem und Geheimnisvollem.

Die Lösung liegt in der Akzeptanz der Paradoxie, mit der die Intuition bestens umgehen kann.

Quantenphysiker und Kampfkünstler wie der Samurai wissen längst, dass Veränderung dann stattfindet, wenn Polaritäten integriert werden. Denn es gibt immer einen dritten Weg, und der ist keine Kombination der anderen beiden Wege. Es ist ein anderer Weg.

Von den Samurai können wir lernen, diese Spannung zwischen den Gegensätzen als kreative Dehnung zu erfahren. Diese Dehnung kann aufbrechend wirken, so dass Geistesgröße und -flexibilität als eine geschmeidige Kraft aufspringen kann.

  • Der Weg des Samurai ist gekennzeichnet von pragmatischem Handeln und körperlicher Übung unter Einbeziehung des Unbewussten.

  • Der Weg der Kampfkunst zeigt sehr klar, wie relevant das leibliche Bewusstsein im Lebensalltag und im Bewältigen von Veränderungsprozessen und den damit oft zusammenhängenden Konflikten ist.

  • Es ist vergleichbar mit einem Kapitän eines Segelschiffes, der das Boot trotz Stürme, Flauten, u.a. durch das Meer zu steuern vermag. Es geht darum ein Gespür zu entwickeln für sich selbst, für das Boot, für die Mannschaft und für die Natur, für das Umfeld, in dem man sich gerade befindet.

Der Leib dient eben nicht nur als Transportmittel für den Kopf, sondern spielt beim Lernen, Denken, Entscheiden, im Selbstmanagement und Management, eine maßgebliche Rolle. Resilienz, Stress-, Widerstands- und Konfliktfähigkeit ist ohne leibhaftiges Wissen nicht möglich. Diese Arbeit mit der leibhaftigen Vernunft bezeichnen wir Embodiment.

Die Quantenphysik hat sich der Welt der Paradoxien geöffnet, die Wirtschaft hält die Türen noch geschlossen. Mal sehen, wann es Führungskräfte wagen, ihre Intuition zu nutzen und neue Wege zu gehen? Ich freue mich auf dieses Abenteuer, und versuche selbst täglich aufs Neue das Leben in seiner Ganzheit leibhaftig und nicht nur verkopft wahrzunehmen. 

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] Freie Interpretation der Aussage von Stephen Hawking.
[2] Theo Wehner: Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln in komplexen Situationen – Reicht da Klugheit?  Neulands Campus 2016.
[3] Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten; Klett-Cotta.

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Wirksam Führen wie ein Samurai …

Der Samurai steht für die hohe Kunst, Führung und die der Führung zugrundeliegenden Kompetenzen nicht bloß am Papier festgelegt zu haben, sondern der Samurai hat die Kompetenzen körperlich, geistig und seelisch verinnerlicht.

Wirksam führen wie ein Samurai

… auch in Zeiten hoher Komplexität wie im Digitalen Zeitalter

Gemäß einem Axiom der Kommunikation von Paul Watzlawick kann man nicht nicht kommunizieren. Da Führung hauptsächlich auf Kommunikation beruht, kann eine Führungskraft auch nicht nicht führen. Sie führt immer.

Die Frage ist nur, wie die Führungskraft bis dato geführt hat und in einem sich rasant veränderten Zeitalter weiterhin führen wird?

Der Samurai steht für die hohe Kunst, Führung und die der Führung zugrundeliegenden Kompetenzen nicht bloß am Papier festgelegt zu haben, sondern der Samurai hat die Kompetenzen körperlich, geistig und seelisch verinnerlicht. Und er hat diese in der Arbeit, wie auch Privat, zur leibhaftigen Wirkung gebracht.

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Wie sieht es bei den Führungskräften von heute aus?

  • Haben die Führungskräfte die notwendigen Führungskompetenzen mit Körper, Emotionen und Verstand verinnerlicht, so dass ihre Kompetenzen auch „tat“sächlich in der Kommunikation zur Wirkung kommen?

  • Oder sind die aufgestellten Kompetenzlisten für Führungskräfte nur körperlose, emotionslose, im Netz herumschwirrende Wortmeldungen, wie die folgende Auflistung an Kernkompetenzen von Führungskräften im digitalen Zeitalter?

Kernkompetenzen von Führungskräften im digitalen Zeitalter

Selbstverständlich ist es nicht möglich, diese Liste an Kompetenzen wirklich zu erfüllen. Es stellt einen Idealtypus dar. Doch all diese aufgelisteten Kompetenzen bloß als Wortschmuck, ohne leibhaftige Anteilnahme und Auseinandersetzung ins Netz zu stellen, ist auch nicht der Weg. Denn eines zeigt sich heute bei Führungskräften sehr deutlich:

 

Um die Reputation der Eliten steht es nicht gut

Die Führungskräfte von heute müssen mehr tun, als bloß die von ihnen erwarteten Kompetenzen brav aufzulisten. Es bedarf Führungskräfte, die wirklich mit Leib und Seele ihren Beruf leben – wie beispielsweise die Samurai dies getan haben. Gerade im digitalen Wandel gibt es einige Kompetenzen der Samurai, die für die Führungskräfte von heute äußerst relevant sein können, wie beispielsweise:

  • Mut, Willenskraft und Entschlossenheit, auch außergewöhnliche Ziele anzustreben

  • emotionale, körperliche und mentale Stärke, das heißt auch, sich der Intuition anvertrauen

  • soziales Zusammenwirken verstehen und fördern

Da Führungskräfte nicht als solche geboren werden, müssen sie das notwendige Handwerkszeug erlernen, und sich als eine Führungspersönlichkeit entwickeln. Und genau das zeigt der Weg des Samurai. Ein Samurai hat für seine Profession den Körper, die Emotionen und den Verstand entsprechend vorbereitet und trainiert.

 

Kampfkunst als Vorbild

Obwohl Führungskräfte nicht gegen Kunden kämpfen, sondern Herausforderungen des Marktes bewältigen, Probleme der Kunden lösen und Mitarbeiter führen, nutzen erfolgreiche Führungspersönlichkeiten die gleichen mentalen Prinzipien wie beispielsweise ein Kampfkünstler. Sie brauchen die gleiche Geisteshaltung.

Die Samurais entwickelten auf den Schlachtfeldern Erfolgsprinzipien, welche Führungskräfte heute auf dem „Schlachtfeld des Marktes“ nutzen können. Die Mentalität und Werte der Samurais sowie der Kampfkünste weisen Führungskräften im modernen Geschäftsleben einen möglichen Weg zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen.

Sicher lässt sich nicht alles, was in Japan gelebt wird, eins zu eins auf unsere westliche Kultur übertragen. Es geht mir vielmehr um die Bereitschaft, sich dieser Kunst zu öffnen und Fähigkeiten nicht nur rational als Worthüllen ins Netz zu stellen, sondern Fähigkeiten und Fertigkeiten rational, emotional und körperlich zu erfassen, zu begreifen und im Tun wirken zu lassen.

In der Kampfkunst geht es nicht alleine um einen Kampf gegen einen äußeren Gegner, sondern um die Auseinandersetzung mit den inneren Herausforderern, mit den inneren Antreibern wie den Emotionen, Gedanken und körperliche Regungen. Das ist ein Weg der Praxis, der konstanten Selbst-Kultivierung durch Handeln, Trainieren und Sammeln von Erfahrungen. Es ist ein ganzheitlicher Weg, der jedoch alles Tun im Außen bestimmt, weit mehr als wir das oft glauben wollen.

Was könnte es also für eine Führungskraft bedeuten, die körperliche, emotionale und mentale Intelligenz zu integrieren und im Beruf entsprechend zu „praktizieren“, anstatt einfach nur einen Job zu machen?

Mit dieser Frage möchte ich mich die nächsten Wochen beschäftigen, und Ihnen mögliche Antworten und Wege aufzeigen.

 

Zyklus „Wirksam Führen wie ein Samurai“

Im Zyklus „Wirksam Führen wir ein Samurai“, werde ich die nächsten Wochen u.a. folgende Themen aufgreifen, und vielleicht die eine oder andere Diskussion und Auseinandersetzung anregen:

Dieser Zyklus ist geprägt durch meine eigenen Erfahrungen und Studien, sowohl als Führungskraft als auch Kampfkünstler, und damit auch durch meine verschiedenen Lehrer, die mich auf diesem Weg begleitet haben. An dieser Stelle möchte ich mich bei all ihnen bedanken, die mich inspiriert, konfrontiert, motiviert und geformt haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen spannenden Start auf der Reise zu den Samurai und Ihnen selbst.

 

Ihr Günther Wagner

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