Relevante Ziele im Jahr 2020

Relevante Ziele im Jahr 2020

Eine flatterhafte Gesellschaft und die sich selbst beschleunigende Technik ergeben einen Problemcocktail, dessen Wirkung, Folgen und entsprechende Maßnahmen kaum noch mit herkömmlichen Analysen und entsprechenden Managementmethoden hinreichend erfasst und demzufolge gesteuert werden können.[1]

Meine Antwort: Eine Denk–Pause einlegen

Warum Problembewältigung, und damit verbunden neue Lösungsansätze und Ziele, eine Denk-Pause benötigen, möchte ich Ihnen in diesem letzten Artikel von 2019 näherbringen.

Die Weihnachtsfeiertage können eine stimmige Grundlage geben, sich gezielt aus dem Arbeitsalltag herauszunehmen, das Geschehen der Welt für 2 Wochen lang nicht nur aus einer wirtschaftlich ausgerichteten Brille heraus zu betrachten und gedanklich entsprechend zurecht zu rücken. Zwei Themen sind es Wert, dahingehend genauer unter die Lupe genommen zu werden:

  • Illusionen, Wunschvorstellungen über das, was die Welt bewegt und wie die Welt in Bezug auf die Wunschvorstellungen reagieren sollte. Man stellt Meinungen als richtig und zielführend hin, die man jedoch (unbewusst) stimmig oft mehr zu den eigenen Vorstellungen hin zu manipulieren sucht, als bereit ist wirklich umfassende Lösungen für Herausforderungen zu entwickeln. Eigentlich veruntreut man so gesehen Wissen …

  • Gewohnheiten, eine ebenso wie Illusionen viel zu wenig beachtete Macht, die jedoch oft die Entscheidungsfäden zieht, und aufgrund derer auch Wunschvorstellungen unabänderlich wie ein Fels in der Brandung dastehen. So ist es fast nicht möglich, widersprechende, nicht zu den eigenen Auffassungen passende Meinungen zu akzeptieren, stattdessen werden diese geschickt überblendet, negiert oder gar als falsch abgeurteilt …

Doch UnternehmerInnen, EntscheiderInnen verblendetes Denken und komfortverwöhntes Nestverhalten zu unterstellen, mag sicher nicht das sein, womit man sich zu Weihnachten in der Pause konfrontieren möchte – wo es doch um Besinnung, Ruhe vom Alltag, um Innehalten und Durchatmen geht.

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Und dennoch passt genau diese Zeit, die Weihnachtsfeiertage, um sich und die eigenen Vorstellungen von der Welt, das Wissen über das Weltgeschehen und die damit verbundene Haltung zu hinterfragen. Das verstehe ich als Innehalten, zur Ruhe kommen, eine Pause einlegen vom gewohnten Denken und dem darauf beruhenden Handeln. Besinnung heißt für mich, das was man tut, aktiv kritisch zu beleuchten, in Verbindung mit dem was man folglich entscheidet.

  • Wie wäre es jetzt zum Einstieg des Hinterfragens Ihrer beruflichen Ziele, Motivationen, Entscheidungen für 2020, wenn Sie als Versuchsfeld zum Innehalten und Reflektieren das Weihnachtsfest selbst herziehen, und dieses ehrlich kritisch, aber nicht feindselig, widerstrebend, sondern mit kindlich naiver Neugier, beleuchten?

Manche von Ihnen tun das vermutlich ohnehin, jedes Jahr aufs Neue, weil es irgendwie mit Weihnachten nicht so läuft wie man sich das eigentlich wünscht. Deutlich schwieriger wird es beim Hinterfragen von Themen, mit denen man täglich konfrontiert ist, von deren Existenz man abhängig ist, durch deren Wirkungskreis man sich selbst bestätigt und anerkannt fühlt – beispielsweise die Wirtschaft und die wirtschaftliche Leitkraft, den Kapitalismus.

All die mit der Wirtschaft verbundenen Leitsätze und Meinung aus einer anderen Perspektive heraus zu analysieren, ist vermutlich deutlich schwieriger als das Weihnachtsfest selbst, wie es heute im Jahr 2019 meist gefeiert wird, einen gedanklich kritischeren Blick zu zuwerfen. Deshalb starten wir jetzt lieber mit Weihnachten, und hinterfragen offen und ehrlich:

  • Welchen Sinn hat Weihnachten für Sie heute im Jahr 2019?

  • Welchen Sinn hatte Weihnachten vor rund 2000 Jahren gehabt? Feierte man überhaupt schon Weihnachten? Was könnte damals der tieferliegende Beweggrund gewesen sein?

  • Welchen Sinn könnte Weihnachten in der Zukunft im Jahr 2050 haben? Viel kann bis dahin passieren, möglicherweise könnte der ursprüngliche Sinn wieder relevant werden, oder Weihnachten der Sinn gänzlich verloren gehen? Was könnte dann für 2050 an Weihnachten wichtig werden?

  • Vielleicht können Sie sich vorstellen, Weihnachten einmal ganz anders zu feiern, Weihnachten eine ganz neue Bedeutung zu geben, oder Weihnachten gar abzuschaffen?

Wie dem auch sei, diese gedankliche Auseinandersetzung mit Weihnachten mag für manche relativ leicht von der Hand gehen. Deutlich schwieriger wird es mit Themen, mit Handlungsfeldern, in denen man sich täglich bewegt, auf die man täglich vertraut, durch die man Belohnung und Anerkennung erfährt. Diese Felder, beispielsweise das Feld Wirtschaft, einer Denk–Pause zu unterziehen und einen Mindjump durchzuspielen, sprich Zielvorstellungen, Produktionszuwächsen, Marktanteilsicherung, Digitalisierungsprozesse, Fusionierungsgedanken, Stakeholder-Value, … mit ganz anderen Ansichten zu untermauern, ist ein Kraftakt – emotional und rational. Probieren Sie es aus, …

  • beispielsweise das festgelegte Credo von Wachstum in Frage zu stellen, und mit einer anderen Disposition zu belegen. Das ist vermutlich für viele in der Wirtschaft schwer vorstellbar – eigentlich eine Utopie, eine Illusion, möglicherweise meinen Sie, es sei sogar ein gezielt ausgerichteter Manipulationsversuch von welcher Seite her auch immer …

Doch so abwegig oder gar feindselig sollte man den Fingerzeiger, das Wachstumsstreben zu hinterfragen, nicht mehr abtun. Der vor kurzem veröffentlichte Artikel, die 20 Big Ideas von 2020, von Sara Weber, Redaktionsleitung LinkedIn Deutschland und Niederlande, fordert sogar dazu heraus einen Mindjump zu machen, beispielsweise den Kapitalismus als einzig wahre Wirtschaftsform in Frage zu stellen.[2]

Mag sein, dass Sie diese Gedankenspiele für die Wirtschaft und deren Zukunft gänzlich absurd halten. Doch genau mit dieser Haltung wird es in einer hochkomplexen digital fluiden Zeit gefährlich: Man überschätzt das Wissen und die damit verbundene Meinung über das, was die Welt bewegt, und unterschätzt das Nicht-Wissen, konkreter das Nicht-Wissen-Wollen, die Bagatellisierungskraft. Das hat zur Folge, dass immer mehr Entscheidungen nicht den Kern der Sache treffen bzw. nicht treffen wollen.

Nach Prof. Michael Braungart, versteht man nicht oder will nicht verstehen, das richtige zu tun. Stattdessen lässt man sich vom Effizienz- und Gewinnstreben blenden, übersieht jedoch, dass man sich durch diese geistige Begrenztheit für die Zukunft das eigene Bein stellt.

Menschen wollen jedoch, wie es scheint trotz bestem Wissen, um jeden Preis das als Real ansehen, was sie glauben, um das was sie tun als richtig und nachahmenswert zu positionieren. Man hält fälschlich die konstruierten Landkarten im Kopf für das Territorium. Diese, bloß auf rationaler Ebene, auf einem Reißbrett wahrgenommene Erfassung der Problemlage führt jedoch wie schon Braungart dazu sagt, die Herausforderungen, sei es Digitalisierung, Klimaerwärmung, Phosphatmangel, Ressourcenwettkämpfe, … nicht ernsthaft leibhaftig genug ein- und damit zu unterschätzen.

Die Forschung untermauert sehr deutlich, ob man es wahrhaben will oder nicht, dass wir alle Wissensillusionen erliegen, weil wir unser Wissen manipulieren, ohne das selbst so überhaupt wahrzunehmen.[3]

Der heikle Punkt ist jedoch weniger die Unwissenheit selbst, sondern vielmehr darin zu sehen, dass die Menschen nicht wissen, dass sie unwissend sind, weil sie ihr Wissen überschätzen bzw. passend für die jeweilige Sache zu manipulieren suchen.[4] Dieser Wissensverzerrungsprozess wirkt auf 2 Ebenen:

  • Die individuelle Wissensillusion bzw. die persönliche Annahme der Wahrheit

  • Die Gruppenillusionen bzw. Gruppenwahrheiten

Welches Wissen wahr scheint, besteht oft in Abhängigkeit von einer bestimmten Gemeinschaft, die man repräsentiert bzw. vertreten will. Man wählt ein Umfeld, und schließt sich dem darin existierenden wissenschaftlichen Konsens an.[5] Wirtschaftsmenschen glauben so gesehen vorwiegend nur Wirtschaftsmenschen. TechnikerInnen vertrauen anderen TechnikerInnen, UmweltaktivistInnen anderen UmweltaktivistInnen. KatholikInnen vertrauen der Meinung der Katholischen Kirche, …

Es mag zwar für die meisten so scheinen, und gerade heute in digitalen, global vernetzten Zeiten, dass man offen und frei für anderes Wissen und Meinungen ist, und sich nicht nur rein auf das Fachwissen und die darin kursierende Meinung über die Welt konzentriert – aber an dieser Stelle trügt der Schein. Statt wirklich offen über den Tellerrand zu sehen, und andere Meinungen in gleicher Weise wie die eigenen für Wahr anzusehen, neigt man vielmehr dazu, nur jene Informationen selektiv herauszupicken, die die eigenen Überzeugungen bzw. die Überzeugungen der Gruppe stützen – Beispiel die Notwendigkeit vom Wirtschaftswachstum. Das zu hinterfragen, löst bei vielen in der Wirtschaft ein gedankliches und emotionales Erdbeben aus.

So gesehen mag trotz eifrigem Bemühen zur Offenheit und einem dahingehenden Meinungsaustausch unterschiedlicher Disziplinen, kein ehrlicher Austausch von Meinungen stattfinden. Von Offenheit zu sprechen, ist so gesehen eigentlich ein Schildbürgerstreich – eine Illusion. Denn sobald widersprechende Informationen, die eigene Meinung und Auffassung in Frage stellen, nimmt man die Gegenargumente entweder nicht wahr, redet diese klein oder zieht diese in den Dreck.

Man geht davon aus, dass wenn eine große Gruppe von Menschen bzw. ein System, wie beispielsweise die Wirtschaft, eine bestimmte Denkart hat, die gut und plausibel mit Wissen untermauert ist, muss diese Denkart doch stimmen und die Herausforderungen unserer Zeit zu lösen fähig sein?![6]

Doch die Zahl der populären Irrtümer, die im Alltag kursieren, sind groß. Das negieren wir jedoch schnell. Denn das würde heißen, wir müssten viel öfter unsere Ansichten überprüfen – unser Denken wie das regelmäßige Saubermachen und Entrümpeln regelmäßig durchführen.

  • Aber wer tut das, reinigt und entrümpelt ernsthaft und ehrlich das eigene Denken in regelmäßigen Abständen?

Oft mögen Annahmen wirklich sehr plausibel klingen, wie beispielsweise Latein und Mathematik schulen das logische Denken. Doch Studien belegen eindeutig, dass selbst plausibel und richtig erscheinende Denkansätze falsch sind.[7] Ein konkretes Ereignis, ohne es beim Namen zu nennen, mit verheerenden Folgen kennen Sie, wenn eine ganze Gruppe von Menschen einer idealisierten, zurecht gerückten Wahrheit folgt, …

Es ist jedoch wirklich verdammt schwer, sich dem verzerrten Wahrheitsstreben, den zurechtgerückten Meinungen und damit der eigenen Illusionen über das, was die Welt bewegt, zu entziehen – aus dreierlei Gründen:

  • Unbewusstheit und damit Unwissenheit – schlichtweg zu wenig ehrliche selbstkritische, fachspezifische und fachübergreifende Reflexion, worüber ich schon in Ansätzen geschrieben habe.

  • Angst, Anerkennungsverlust, tiefgreifend wirksam, und doch von vielen als Entscheidungskraft, als Wissens- und Meinungsprägung kaum hinterfragt. Angst gilt als Innovations- und Changekiller schlechthin.

  • Gewohnheit in Verbindung mit einer unzureichenden Fragekultur, die meist nur an der Oberfläche, das Was und ev. noch das Wie in Prozessen zu fragen gewillt ist. Doch das Warum man das tut, wird unter den Tisch gekehrt, bzw. das Warum mit dem Was und dem Wie verwechselt.

Auch wenn das Gehirn und das Denken fast uneingeschränkt zu Veränderungen fähig wäre, besteht ein extrem starker Drang zur Beharrung und zum Festhalten am Gewohnten [8], weil das Gehirn zur Verarbeitung von ungewohnten, neuen Gedanken und damit verbunden neuen Handlungsmöglichkeiten sehr viel Energie braucht – weit mehr als für gewohnte Reaktionen. Das Gehirn will aber nicht viel Energie aufbrauchen, sondern Energie sparen. Und das geht am besten in gewohnten Denkmechanismen.[9] Dann schüttet das Gehirn körpereigene Opiate aus – so genannte Wohlfühldrogen.

Für viele von uns ist es deshalb möglicherweise schon anstrengend, beispielsweise Weihnachten in einer ganz neuen Art und Weise zu denken – nicht am Was und Wie herumzudoktern, sondern Weihnachten ganz neu ins Erleben zu bringen mit neuen Einfällen, neuen Ritualen, neuem Sinn?

  • Was könnte sich an Weihnachten ändern, wenn wir das Warum von Weihnachten neu hinterfragen, einen neuen Sinn suchen und dahingehend Weihnachten anders feiern als gewohnt?

  • Oder wir verzichten gar auf Weihnachten, weil das Warum von Weihnachten, der Sinn ohnehin schon gänzlich verloren gegangen ist?

Wie dem auch sei – an dem Hinterfragen des Weihnachtsfestes mag uns vielleicht schon bewusst werden, wie stark Gewohnheiten, Wunschbilder, Mainstreamkraft uns beeinflussen und uns sogar daran hindern kann, ernsthaft offen und kritisch eine Sache zu hinterfragen. Erst durch einen kaum noch zu ertragenden Leidensdruck, meist durch ein von außen, auf einen selbst einwirkendes, dramatisches Ereignis wagen manche den Sprung in eine fremde Gedankenwelt, wagen den Sprung in das Ungewohnte, akzeptieren Meinungen, die man zuvor vielleicht sogar bekämpft hat.[10]

Neugier ist an dieser Stelle eine helfende Hand. Leider zeigt sich jedoch in vielen Studien, dass gerade die Neugier jenseits des 20. Lebensjahres nachlässt – wenn diese nicht schon während der Schulsozialisierung durch rigide Pläne an Kraft verloren hat.

Ein Hamsterrad, ein Gedankenkarussell, dem man sich schwer entziehen kann, aber …

Man wird immer wieder mit den eigenen Begrenzungen in Bezug auf die Sichtweise der Welt konfrontiert. Wenn wir das jedoch bewusst wahrnehmen und uns dem bewusst stellen, dann ist das die beste Investition in die Zukunft:

  • Dann können wir uns den Herausforderungen couragiert, offen, mit deutlich mehr Innovationskraft stellen.

  • Dann können wir resilient und tragfähig weitreichende Entscheidungen treffen.

  • Dann schult man das, was die essenzielle Kraft in digitalen Zeiten werden wird, das Bewusstsein. Dahingehend werden wir jedem Computer vermutlich noch längere Zeit hinweg deutlich überlegen sein.

Und die Weihnachtszeit, die Zeit der Besinnung kann ein guter Türöffner sein, um Bewusstsein zu stärken, das was man denkt, tut und anderen zu vermitteln sucht, gründlich zu hinterfragen.

RESÜMEE

Was folgt nun konkret aus den Erkenntnissen, dass wir aus unterschiedlichen Gründen in unterschiedlichen Graden Wissensillusionen erliegen bzw. Wahrheiten folgen, die unter Umständen keine Wahrheiten sind, sondern zurechtgeschmiedete Plattitüden auf denen Entscheidungen getroffen werden – möglicherweise Entscheidungen, die rückblickend aus der Zukunft heraus gravierende Folgen mit sich gebracht haben.

Thomas Wilhelm, Didaktikprofessor, setzt an dieser Stelle der Aufklärung auf eine Aufbau- statt auf eine Konfliktstrategie:[11]

  • Wilhelm versucht beispielsweise richtige bzw. andere Vorstellungen zu vermitteln, ohne die Falschen bzw. Eingeschränkten zu aktivieren, und damit eventuell sogar noch zu verstärken.

  • Es geht ihm darum, Wissensillusionen nicht zu verurteilen, sondern die Bedeutung dieser klar herauszustreichen, dass man beispielsweise mit fixierten Meinungen im Alltag relativ weit kommen kann, aber ebenso aufzeigt, dass man genau damit an Grenzen stößt.

Steven Sloman, Professor für Kognitionswissenschaften, Linguistik und Psychologie, setzt auf einen ähnlichen Lösungsansatz:

Er sieht nur eine Chance, Wissensillusionen entgegenzuwirken, indem die Kulturen insgesamt verändert werden, indem man die Gemeinschaften als Ganzes skeptischer macht. Das erreicht man u.a., … [12]

  • indem man einfach ein Gespräch beginnt.

  • Indem man darüber aufklärt, wie wichtig es ist, fachübergreifend über Ziele, Konsequenzen und Ergebnisse zu reden.

  • Indem man darauf achtet, dass ExpertInnen echte ExpertInen sind und nicht nur Menschen, die die Macht haben, ihre Meinungen kundzutun.

  • Indem man versucht, die Art und Weise zu ändern, wie MeinungsführerInnen, PolitikerInnen und JournalistInnen kommunizieren – worunter ich als Influencer irgendwie auch zähle.

Als Influencer muss ich mir bewusst sein, dass ich Wissen verbreite – unter Umständen mit meinen Annahmen und meinen Wissensansätzen nicht immer richtig liege. Ich sollte bewusst darauf achten, Illusionen und Verzerrungen im Blick zu behalten und kritisch zu hinterfragen.

Deshalb ist mir der Diskurs so wichtig. Im Diskurs können Irrtümer ans Licht kommen. Aus diesem Grund möchte ich meine Wissensansätze vielmehr als Diskussionsplattform und weniger als Wahrheit ansehen, um darauf aufbauend Ihr und mein Wissen in neue Erkenntnisebenen, zu neuem Bewusstsein führen zu können. Manchmal rüttle ich dabei etwas mehr, manchmal etwas weniger. In meinen Beiträgen und Artikeln, neu im Aufbau in der Zukunftswerkstatt outofbox.space, ebenso in meiner Gruppe zum Leadership Café versuche ich regelmäßig Diskurse anzuregen, über den Tellerrand hinaus zu blicken – mit der Gefahr, hie und da schief angesehen zu werden.

Sloman sagt: Der Trick besteht darin, den sozialen Diskurs so zu ändern, dass ExpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen mehr konsultiert werden, man mehr von diesen hört, wie sie über mögliche Konsequenzen in unterschiedlichen Umwelten reden.[13]

Es gibt nach Sloman, und so sehe ich es auch, jedoch keine Patentlösung. Man muss anerkennen, dass es ein fundamentales menschliches Verhalten ist, dass Menschen sich auf Gemeinschaften und auf das Wissen ihres sozialen Umfeldes beziehen, dieses meist als einzig wahr postulieren möchten – mit der Gefahr, Wissensverzerrungen und Meinungsfixierungen, gegenseitigen Manipulationen zu erliegen. Doch das einfach so hinzunehmen, weil es so menschlich ist, wäre der falsche Ansatz.

Denn was zeichnet den Menschen aus – Bewusstsein – und genau um das geht es in der heiklen Auseinandersetzung mit Wissen, Meinungen, Standpunkten und den damit verbundenen Weltanschauungen. Es geht darum, auch in der Wirtschaft, sich selbst und das Verständnis für die Welt immer wieder aufs Neue bewusst zu beleuchten und dahingehend dazuzulernen, sich weiterzuentwickeln und nicht nur darum, Recht zu behalten bzw. die Welt den eigenen Vorstellungen hin zu manipulieren suchen.

Das ist für mich u.a. ein Aspekt von Weihnachten, sich als Mensch mit all dem was einen ausmacht kritisch zu betrachten, sprich …

  • die eigene Wissensblase, in der man sich wohl fühlt, die man verständlicherweise für vertraut und sicher und damit auch für wahr und richtig hält, immer wieder couragiert verlassen und Blicke über den Tellerrand hinaus machen.

  • Bescheidener werden bzw. anerkennen, dass man unter Umständen mit dem eigenen Wissen ein wenig daneben liegt. An diesem Punkt mag der von mir immer wieder in Artikel und Beiträgen erwähnte Blick der Achtsamkeit, die Schärfung der Wahrnehmung durch Mindfulness in Verbindung mit dem Wissen über die Macht der Gewohnheiten, der Konfrontation mit Bildungs-Allergien und insbesondere die Auseinandersetzung mit Ängsten unterstützend wirken.

Die kommenden Weihnachtsfeiertage sind dahingehend eine stimmige Zeit, Innezuhalten und etwas mehr bzw. tiefgreifender zu reflektieren als gewohnt. Man mag dabei zu Beginn bloß wenige, einzelne Annahmen ernsthaft hinterfragen können bzw. wollen. Doch das ist schon ein großer Schritt, wenn man das schafft, einzelne verzerrte Wahrheiten zu entzerren. Vielleicht hilft Ihnen dabei eine spielerische Übung:

  • Wählen Sie eine Überzeugung, die Ihnen gerade durch den Kopf geht, und von der Sie so richtig schön felsenfest überzeugt sind. Sie fühlen sich vermutlich wohl mit dieser Ansicht, bestätigen damit Ihre Entscheidungen und zukünftigen Ziele, geben sich selbst Kraft und Überzeugung.

  • Und jetzt wagen Sie einen spielerischen Sprung und denken genau das Gegenteil zu Ihrer vorhin gewählten Ansicht – so als ob Sie ein Schauspieler sind, der eine neue Rolle einnimmt.

Versuchen Sie es einmal für ein paar Minuten und prüfen Sie, wie es Ihnen mit den gegenteiligen Überzeugungen geht.

  • Vielleicht sperren Sie sich, das genaue Gegenteil Ihrer Überzeugungen zu glauben?

  • Aber vielleicht finden Sie dieses Experiment, das Gegenteil Ihrer Überzeugungen als Ihre neue Überzeugung anzunehmen und damit gedanklich zu spielen, spannend.

  • Wie fühlen Sie sich mit der neuen Überzeugung?

Wie dem auch sei, in dieser Übung gibt es kein richtig oder falsch. Es geht lediglich darum, die Perspektivenvielfalt wahrzunehmen.

Was Sie mit dieser Übung vermutlich erkennen: Die Auseinandersetzung mit Meinungen führt zu einem selbst zurück, zum eigenen Ego und dem Ego-Tunnel. Das ist für jede und jeden eine Herausforderung der besonderen Art – insbesondere für jene, die es nicht gewohnt sind, sich persönlich mit den eigenen Meinungen kritischer zu betrachten. In manchen Umwelten mag es en vogue sein, kritische Selbsterkenntnis zu üben, aber die Wirtschaft zählt, so meine ich, nicht dazu. Doch genau das, könnte der Wirtschaft gerade jetzt in hochkomplexen Zeiten mit global verstrickten Herausforderungen zum Verhängnis werden.

Deshalb rate ich zu, die Weihnachtsfeiertage 2019 zu nutzen, sich eine Denk–Pause zu gönnen, um sich geistig, emotional und mental entsprechend fit zu machen für die Herausforderungen 2020, für die 20 Big Ideas 2020.

Dahingehend möchte ich meinen letzten Artikel in diesem Jahr 2019 abschließen mit einer Aussage, die meiner Meinung nach den essenziellen Punkt trifft. Die damit verbundene Erkenntnis sehe ich persönlich als ein essentielle relevantes, erstrebenswertes Ziel für 2020:

Bewerten wir unsere Überzeugungen nicht nach ihrer Plausibilität, sondern nach dem Schaden, den diese anrichten können.[14]

Ihr Günther Wagner

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge zu lesen, können Sie mir auch auf LinkedIn, Xing und Twitter folgen. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer.

 

Informationsquellen: 

[1] http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/katastrophen-die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html. Am 2017-10-17 gelesen.
[2] https://www.linkedin.com/pulse/big-ideas-2020-klima-amazon-netflix-und-mehr-themen-die-sara-weber/. Am 2019-12-11 gelesen.
[3] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[4] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[5] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[6] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/39375-mythen-der-kuechenpsychologie.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[7] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/39375-mythen-der-kuechenpsychologie.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[8] Häusel, Hans-Georg: Think Limbic! Die Macht des Unbewussten verstehen und nutzen für Motivation, Marketing, Management. 2. überarb. Aufl.. Haufe Mediengruppe. Freiburg, Berlin, München: 2002.
[9] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[10] http://www.stern.de/gesundheit/loslassen-lernen-warum-uns-veraenderungen-so-schwerfallen-3926206.html. Am 2017-09-26 gelesen.
[11] https://www.psychologie-heute.de/leben/39043-wir-naiven-welterklaerer.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[12] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[13] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[14] Taleb, Nassim Nicholas: Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. 2. Auflage. München: DTV GmbH. 2010.

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2020 wird Agilität ein Muss für alle Unternehmen

2020 wird Agilität ein Muss für alle Unternehmen

Stimmig zu meinem gerade im Schreibprozess befindlichen Artikel „Agilität reloaded“ wurde ein Beitrag über die 20 Big Ideas für 2020 von Sara Weber, Redaktionsleitung LinkedIn Deutschland und Niederlande, veröffentlicht. Darin ist u.a. zu lesen:

Im kommenden Jahr 2020 müssen selbst die konservativsten Unternehmen endlich verstehen, dass sie flexibler agieren müssen.[1]

Die von Andreas Weck, Karriere-Ressortleiter des t3n-Magazins, angesprochene, jedoch noch bei vielen Unternehmen fehlende Flexibilität bezieht sich keineswegs nur auf eine flexiblere Arbeitsweise, sondern greift deutlich weiter – nämlich:

Gefordert wird eine veränderte Haltung den Herausforderungen, der Agilität gegenüber

Agilität wird viel zu eng aufgefasst, meist effizient heruntergebrochen auf eine strukturelle, organisatorisch veränderte, flach hierarchische Arbeitsweise.

Agilität umfasst deutlich mehr:

Agilität heißt, anpassungsfähig und dynamisch auf Rahmenbedingungen zu reagieren, die permanent im Fluss sind [2] – und dazu zählen u.a. auch die in den 20 Big Ideas für 2020 erwähnten Punkte, wie Klimaerwärmung, veränderte Fleischproduktion, neue Mobilitätskonzepte, ein kompetenter Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Gesichtserkennung, ebenso wie neue Geldanlagen, die 4-Tage-Woche, selbst das Infragestellen des Kapitalismus, …

Diese, über die unternehmerische Kernkompetenz hinausgehenden Themen mögen vielleicht auf den ersten Blick für eine wirksame Agilität im Unternehmen vollkommen unrelevant erscheinen – im Gegenteil, die Komplexität sogar noch erhöhen, statt zu senken. Aber gleichzeitig untergräbt man mit einer zu einseitig ausgerichteten Agilität die Wirkungskraft dieser. Agilität ist nicht bloß ein neues Regelwerk, sondern eine leibhaftig spürbare, sensitiv offene Haltung im Umgang mit Herausforderungen.

Solange man Agilität auf vorwiegend technisch strukturell organisatorisch mechanistisch abzuarbeitende Maßnahmen herunterbricht, wird man nicht agil agieren können. Man mag zwar aus einer solchen agilen Ausrichtung heraus ein wenig mehr arbeitstechnische Flexibilität anregen, aber das umfasst nicht das, was Agilität umfassen sollte – nämlich: in hoch komplexen Zeiten breit gestreut wendig, offen, flexibel, intuitiv mit fluiden Umwelteinflüssen und Bedingungen umgehen können.

Agilität so zum Wirken zu bringen, ist jedoch nicht das was Unternehmen von Agilität nutzen wollen bzw. von Agilität erwarten. Unternehmen wollen meist nur jenen Aspekt von Agilität für sich nutzen: eine effizientere, schnellere, flexiblere, eigenverantwortlichere Arbeitsweise zur Effizienz- und Optimierungssteigerung, ohne sich über den Tellerrand hinaus auch noch für indirekt auf die Unternehmen einwirkenden Themen interessieren zu müssen.

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Manche merken vielleicht, dass es auf diese Weise mit der Agilität auch wirklich klappt. Doch anstatt Agilität breiter, offener zu sehen, unterstellt man dieser lieber, dass Agilität nur für bestimmte Branchen umsetzungsfähig sei. So heißt es, dass Agilität im Finanzwesen, bei Banken nicht sinnvoll wäre.[3] Doch gleichzeitig versucht die ING Bank genau das, was andere in dieser Branche als falschen Weg bezeichnen. Diesen angeblich nicht sinnvollen Schritt von Agilität in einer Branche, die angeblich dafür nicht geeignet scheint, möchte ich heute näher beleuchten. Das scheint mir deshalb so relevant, weil durch die ständige Konfrontation mit dem Wort Agilität, Agilität schon so bekannt zu sein, so vertraut und alltäglich scheint, dass man meint, man wüsste bereits alles darüber – obgleich durch die Massenbeschallung sogar das Gegenteil passieren kann.

Man verliert Wissen, weil man nur noch oberflächlich schnell hinsieht bzw. sogar darüber hinwegliest, weil man doch ohnehin schon alles über Agilität weiß. So liest nur noch das Etikett, ohne sich mit dem Inhalt zu beschäftigen.

Also versuchen wir jetzt an dieser Stelle uns in die Lage zu versetzen, wir wissen noch nicht viel über Agilität. Beginnen wir bei dem Punkt, weshalb Agilität aktuell überhaupt notwendig scheint, um die Herausforderungen im 21. Jhdt. angemessen lösen zu können. Diese Analyse bzw. Festlegung erklärt Agilität selbst noch nicht. Aber genau an dem Punkt wird es bereits heikel in Sachen Agilität – warum? U.a. deshalb, weil man die Ziele, warum man agil werden sollte, mit agilem Handeln verwechselt.

Reloaden wir das Thema Agilität, was, wer, warum, wie agil werden sollte …

Die digitale Befähigung der MitarbeiterInnen

Die digitale Befähigung der MitarbeiterInnen setzt in der Regel nicht von „selbst“ ein. Dahingehend sind sich vermutlich alle einig. Dabei gilt, dass jeder/jede MitarbeiterIn, als auch jede Führungskraft individuell ist und jeder für sich seinen/ihren eigenen Sinn und individuellen Mehrwert in einer agilen Arbeitswelt finden muss. Das erfordert schon deutlich mehr Arbeit und Einsatz im agilen Changeprozess – meist deutlich mehr als das, was man bereit ist für die entsprechende Veränderung einzusetzen.

Das führt gleich zur nächsten Baustelle, an der man eifrig werkt, aber scheinbar nicht genau weiß, was genau dabei wirklich entstehen soll bzw. wenn man es weiß, nicht das nötige Werkzeug zur Verfügung hat, um das geplante Projekt auch durchführen zu können.

Die digitale Befähigung der Teams

Dahingehend zur digitalen Befähigung der Teams spüren vermutlich ebenfalls die meisten Führungskräfte, dass klassische Projektorganisationen sich nicht auf virtuelle und digital-soziale Strukturen übertragen lassen.

Für ein Team-Management auf kollaborativen Plattformen braucht es eine neue Art der Führung und Moderation. Die digitalen Medien, die digital-soziale Kollaboration erweitern den Handlungs- und Aktivitätsraum deutlich. Damit soll angeblich die Motivation, das Engagement steigen, weil man von einer größeren Community durch eine erhöhte Projekttransparenz gesehen und gemeinsam Leistungen vollbringen kann, die man bisher so nicht für möglich halten konnte.

Gleichzeitig kann aber die ganze Sache mit der kollaborativen Plattform auch scheinbar aus dem Ruder laufen. Eine unbewusste Angst vieler Führungskräfte ist, das ein Projekt eine ganz neue Richtung nimmt, die nicht mehr dem angepeilten vorgefassten Ziel entspricht. Dann stellt sich die wachrüttelnde Frage, wie agil man als Führungskraft damit umgeht?

Die digitale Befähigung der Organisation

Um Ziele in freien Arbeitsstrukturen irgendwie gemanagt zu bekommen, scheint es notwendig, spezielle Rahmenbedingungen zu setzen. Es bedarf neben der digitalen Befähigung der MitarbeiterInnen und Teams einer Diskussion über die Ausgestaltung der Rahmenrichtlinien für die digitale Arbeitsorganisation, wie beispielsweise Absprachen über klare Arbeitszeit- und Mitbestimmungsmodelle, und ebenso die Entwicklung zeitgemäßer Zukunftspläne.

  • Gestaltet man die Rahmen zu eng, erwürgt man die Agilität bevor diese überhaupt zum Laufen kommt,

  • setzt man die Rahmen hingegen möglicherweise doch zu weit, dann mag zwar Flexibilität, Eigenverantwortlichkeit, fluides Arbeiten funktionieren, aber vielleicht auch so sehr ausufern, dass man im Chaos endet.

Deshalb ist eine von allen mitgetragene, leibhaftige Vision der Zukunft des Unternehmens äußerst relevant. Doch wenn ich mich umsehe, sehe ich wenige Visionen, die wirklich Visionen sind und Agilität als das sehen, was es sein kann und diese auch entsprechend zu tragen im Stande sind.

Man soll fliegen, aber darf es eigentlich nicht!

Es scheint mir fast so, als ob man aus Angst vor der umfassenden Kraft der Agilität, diese irgendwie zu domestizieren versucht, so dass man die Kraft unbewusst besser zu kontrollieren scheint – vergleichbar mit einem Raubvogel, den man die Flügel stutzt, um diesen im eigenen Garten halten zu können. Dieser Raubvogel, ein König der Lüfte, ist mit gestutzten Flügeln noch immer ein Raubvogel. Aber das was diesen ausmacht, das umfassende Potential, die Kraft des Fliegens und die damit verbundenen Einsichten und das damit verbundenen Potential gehen verloren. Ein Flugvogel mit gestutzten Flügeln mag zwar irgendwie überleben, aber vermutlich nur noch in einem künstlich erschaffenen Raum, in einem Tierpark – in der freien Natur wird es für diesen schwierig.

Ähnlich betrachte ich den Umgang mit Agilität. Man stutzt die Agilitätsflügel, macht diese scheinbar brauchbarer, effizienter und verliert gleichzeitig an Kraft und weitreichender Wirkung. Doch genau das erkennt man nicht gleich. Das führt in Folge dazu, dass man scheinbar unbedeutende Randthemen als unrelevant für den agilen Prozess im Unternehmen zur Seite schiebt, ohne die weitrechenden flexibel dynamisch fluiden Einflüsse daraus ebenfalls im Auge zu haben – wie etwa der Klimaschutz, der 2020 zu einem der 20ig größten Ideas zählt.

Auch wenn jetzt im Moment niemand davon ausgeht, dass in Bezug auf Klimaschutz tatsächlich gravierend etwas passiert, was Sie als Unternehmen treffen könnte und worauf Sie agil reagieren müssten – sicher sollte man sich auch nicht sein. In digitalen Zeiten mit neuen Technologien kann sich deutlicher schneller als bisher die Ausgangslage ändern. Möglicherweise wird durch die Erzeugung von künstlichem Fleisch ein ganzer Wirtschaftssektor umgekrempelt, deutlich schneller als man das ebenfalls für möglich hält, … Und genau diese Themen zeigen, dass Agilität ohne gestutzte Flügel gefordert ist.

Durch eine zu enge Sicht auf das, was möglich scheint, verkommt Agilität zu einer viel zu eng gefassten Strategie. Man orientiert sich an scheinbar agil ausgerichteten Zielen und vergisst dabei das, was Agilität eigentlich ist: Agilität ist kein Ziel, das es zu erreichen gilt, sondern eine offene, sensitiv breitgefasste Haltung den komplex ineinander verschränkt wirkenden Herausforderungen gegenüber.

Klar die Ziele, weshalb Agilität wichtig ist, sind relevant, aber die Umsetzung dahingehend läuft nicht nur über konkrete Ziele, sondern über die Erkenntnis der Haltungen in Bezug auf die komplexen Rahmenbedingungen. Und genau das ist der Grund, warum Agilität so oft scheitert, in eine Sackgasse führt, ohne es jedoch zu merken, weil die Sackgasse zu Beginn Erfolge verspricht und der Weg tatsächlich anfangs attraktiv scheint. 

Doch die fehlende Einsicht ist nicht nur auf die Unternehmen hin zu diagnostizieren, sondern dahingehend zu orten, dass die meisten Aus- und Weiterbildungen die neuen Kompetenzen wie Agilität, die damit verbundene Haltung, die ausschlaggebend ist für ein leibhaftiges Verständnis von Agilität, nicht im Lehrplan explizit durchnehmen. Die Unternehmensberatungen sind davon genauso betroffen, und deshalb leider aktuell im höchst fluiden Umgang mit Veränderungen und Herausforderungen auch nicht unbedingt up to date.

So gesehen kann man dem Management in Bezug der scheinbar fehlenden Kompetenzen, insbesondere was Agilität und auch andere neue Skills in Verbindung mit Digitalisierung betrifft, wirklich keinen direkten Vorwurf machen. Das System als Ganzes hängt. In diesem Zusammenhang möchte ich gleich einen weiteren Punkt anführen, der als neue Managementaufgabe bzw. Kompetenz kaum Erwähnung findet, aber gerade in der Implementierung neuer Arbeitsweisen außerordentlich wichtig ist:

Die Befähigung des Managements Effektivität, Optimierung und Flexibilität nicht in Selbst- und Fremdausbeutung rutschen zu lassen

Dahingehend habe ich vorhin schon kritisch bemerkt, dass eine Optimierung der Agilität, das Flügel stutzen, Agilität für Unternehmen anfangs handhabbarer macht, aber damit Agilität viel an Potential und Wirkung verliert. Es geht mir an dieser Stelle jedoch auch nicht darum, den Optimierungsgedanken zu verurteilen, sondern ein gesundes Maß von Optimierung zum Einsatz kommen zu lassen.

  • Egal wie man aktuell die Lage betrachtet, es ist außerordentlich schwierig. Man muss agil denken, handeln, visionär wirken, aber genau damit wird es nicht leichter, sondern noch komplexer, noch schneller, noch weniger kontrollierbar.

  • Aber mit den klassischen Methoden, mit Effizienz und Optimierung ist es ebenfalls nicht möglich in einer multidimensional wirkenden Welt sich noch über Wasser zu halten. Das Dilemma versuchen zwar viele nicht so direkt auszusprechen, sondern reden lieber von Teilerfolgen – was die Situation nicht unbedingt zum Besseren hin löst.

Agilität scheint in dieser hochgradig dynamischen Zeit jedoch noch immer die wirksamste Haltung und damit Form zu sein, um sich dem Wandel unserer Welt entsprechend anzupassen – sofern man der Agilität nicht zu sehr die Flügel stutzt. In 20ig Jahre kann das auch wieder ganz anders aussehen. Aber jetzt ist Agilität noch immer das beste Werkzeug – so sieht es zumindest die ING-Bank, obgleich gerade von den Banken dahingehend ein skeptischer Wind weht.

Die ING-Bank analysiert für sich, dass es nichts hilft, dagegen zu reden. Die hochkomplexe Welt mit ihren umfassenden Herausforderungen ist aktuell das Maß der Dinge – und nicht mehr nur die Quartalszahlen und Strategien, mit denen man die Gewinne zu sichern sucht. Und genau deshalb wagt es die ING-Bank trotz Kritik, binnen 18 Monaten sämtliche Teams auf agile Strukturen und Prozesse umzustellen nach dem Vorbild von Spotify:[4]

  • Die einst 7 Hierarchiestufen wurden auf 2 reduziert,

  • in ING arbeitet man in Tribes,

  • in Centers of Expertise und

  • in multidisziplinären Squads von maximal 9 MitarbeiterInnen, die eigenverantwortlich und in 2-Wochen-Rhythmen Projekte erarbeiten.

Die Erfolgs-Zwischenbilanz der kompletten Umstellung zu agilen Arbeitsweisen zeigt sich bei ING so:[5]

  • Die Zahl der BewerberInnen im IT-Bereich ist um 50% gestiegen. Man ist attraktiv, und ob man will oder nicht, IT-Fachkräfte sind in Zukunft jene, deren Kompetenz, deren Innovationskraft maßgebend den Erfolg von Unternehmen mitgestalten werden. Dahingehend ist es außerordentlich wichtig, gute IT-Leute zu bekommen, attraktiv für diese zu werden.

  • Die Banking to Go APP der ING wurde früher mit 2 Sternen bewertet, heute zwischen 4,5 und 4,7 Sternen – ein ebenfalls äußerst wichtiger Punkt.

  • Früher brachte ING alle 4 Monate App-Updates heraus. Heute geschieht das hingegen im Schnitt alle 4 Wochen.

Das hört sich fürs Erste tatsächlich erfolgsversprechend an, aber der Weg dorthin ist nicht so einfach, wie man sich das wünschen würde, wenn man Agilität ohne gestutzte Flügel zu integrieren sucht. Bei der ING spürte man die Konfrontation mit dem neuen ungebremsten Wind, und die MitarbeiterInnen-Zufriedenheit ist sogar fürs Erste von 81% auf 57% abgerutscht. Und genau das ist u.U. einer der Gründe, warum in vielen Unternehmen agile Arbeitsweisen, noch bevor diese überhaupt richtig in Fahrt kommen, im Keim ersticken. Der Umstieg ist hart und verlangt viel von allen, von den MitarbeiterInnen, von den Führungskräften und dem Unternehmen selbst.

  • Das liegt einerseits daran, dass eigenverantwortlich arbeiten scheinbar nicht für jede und jeden was ist.

  • Abgesehen davon fühlt sich auch nicht jede und jeder dabei wohl, wenn die Leistung und die persönlichen Belange für alle sichtbar sind. Dahingehend zeigt sich die Problematik, dass man zwar bemüht ist, agil zu arbeiten, aber neben den neuen agilen Strukturen die alten hierarchischen subtil auch noch weiterführt. Man soll fliegen, aber darf es eigentlich nicht. Das sorgt für sehr viel Unzufriedenheit.

  • Darüber hinaus ist es schwer auszuhalten, dass man etwas unternimmt, dass man zuvor nicht mit allen anderen abgesprochen hat und von dem man nicht 150% sicher sein kann, wie es ausgehen wird.[6]

Der Haken an der Sache ist, dass Agilität umfassend gedacht, nicht in handhabbare kontrollierbare 12-Erfolgsschritte heruntergebrochen werden kann, die jedoch angeblich umfassend agiles Arbeiten ermöglichen sollen – sprich fliegen können trotz gestutzter Flügel. Doch genau das versucht man so zu vermarkten, verständlicherweise, um Agilität attraktiv werden zu lassen. Würde man ehrlich davon sprechen, dass Agilität viel Arbeit, viel Schweiß, viel Betroffenheit auslöst, dann weiß ich schon jetzt, wie viele Unternehmen schon vor dem Testlauf meinen, das sei nicht die richtige Methode.

RESÜMEE

Die Form, die Rituale und die Praktiken zu imitieren, ohne die Essenz darin und die Logik dahinter zu begreifen, ist wirkungsloser Cargo-Kult – das ist Theater ohne Wirkung.[7]

Das ist eine harte Aussage, aber bringt es auf den Punkt, weshalb Agilität so oft scheitert – was ich in dem 2019 meist gelesenten Artikel von mir, agile Prinzipien sind zum Scheitern verurteilt, mit rund 90 000 LeserInnen zu analysieren suchte, und heute in diesem Artikel, Agilität reloaded, auf andere Weise erklären möchte.

Sie sollten für sich selbst ehrlich ernsthaft analysieren, ob Sie mit Agilität bloß Cargo-Kult betreiben, der Agilität die Flügel stutzen, um Agilität für Sie, Ihre MitarbeiterInnen und das Unternehmen kontrollierbarer und so scheinbar leichter gemanagt zu bekommen.

Wenn Sie jetzt merken, Sie versuchen der Agilität die Flügel zu stutzen, um Agilität so fügig zu machen und die Belange zu kontrollieren, dann sind Sie jetzt der Agilität gerade näher als vielleicht jemals zuvor. An dem Punkt können Sie beginnen, Agilität couragiert in die Augen zu sehen, und das Flügelstutzen sein zu lassen. Genau an der Stelle in diesem Prozess hin zu mehr Agilität ist es außerordentlich wichtig zu klären, …

  • wer welche Gewinne aus der Implementierung von agilen Arbeitsweisen erhält, wenn gleichzeitig mit diesem Prozess viele, insbesondere sogar die Führungskräfte, Sie selbst, manches der hart erkämpften Privilegien, Macht, Einfluss, Status, Prestige, ev. sogar damit verbunden Boni, neu definieren bzw. in Frage stellen müssen?

So gesehen ist es eigentlich fast schon widersinnig, Agilität zu fordern, wenn gleichzeitig damit jene, die es umzusetzen im Stande sein müssen, ihren eigenen Status, ihre eigenen Arbeitsregeln und Wirkungskräfte damit zum Teil ad acta legen sollten. Man engagiert sich für eine Sache, und löst damit gleichzeitig die eigene Position, aus der man heraus den Prozess anzutreiben sucht, auf – eigentlich schizophren.

So gesehen ist es sehr verständlich, warum man der Agilität die Flügel stutzt. Nichtsdestotrotz aber blockiert das leider den Veränderungsprozessen in vollem Umfang. Es braucht, auch wenn das außerordentlich schmerzhaft ist, den ehrlichen Blick in den Spiegel – den ehrlichen Blick für sich selbst in der Rolle der Führungskraft und den ehrlichen unternehmerischen Blick in Bezug auf das, was in der Welt umfassend passiert, beginnend beim Klimawandel, …

Wenn dann ein „Ja, aber …“ kommt, dann können Sie sicher sein, Sie sind betroffen. Und dann braucht es viel Mut, die Flügel nicht zu stutzen. Dann braucht es intuitives Geschick, Einfühlungsvermögen und auch neue echte Visionen. Ohne neue Visionen, ohne einen neuen Sinn in all dem, was da umfassend wirkt, wird man nicht genug Kraft aufbringen können sich den Herausforderungen zu stellen, und wird unweigerlich unbewusst aus scheinbarem Selbstschutz heraus der Agilität die Flügel stutzen. Dahingehend ist es wichtig, für sich selbst in diesem Prozess Klarheit zu finden, dahingehend …

  • Womit können Sie als Führungskraft motiviert werden, sich auf eine neue Führungskultur mit einer neuen Managementidentität, mit neu definierten Aufgaben und Einflussnahmen einzulassen?

  • Was bräuchten Sie als Motivationsschub, um es zu wagen Ihre Position und die damit verbundene Macht und Annehmlichkeiten neu auszuhandeln, auf Kontrolle zu verzichten, eventuell sogar einige Boni aufzugeben?

Gleichzeitig müssen Sie sich als Führungskraft ebenso dahingehend die Frage stellen, in welcher Weise Sie Ihr Unternehmen und Ihre MitarbeiterInnen darin unterstützen können, den ehrlichen Blick in den Spiegel zu wagen:

  • Welche Rahmenbedingungen könnten Sie schaffen, um die anstehenden Veränderungen so anzugehen, dass diese nicht gleich mit Widerstand, mit Ja, aber … boykottiert werden, sondern engagiert mit offenem Blick in die Zukunft sehen und neue Ziele definieren ohne diesen die Flügel zu stutzen?

Ron van Kemenade sieht in Agilität die einzige Chance, um mit den Herausforderungen fertig zu werden – sofern man Agilität nicht zu sehr die Flügel stutzt. Die IT ist dabei ein zentraler Punkt. Kemenade hält dahingehend auch nichts von einer IT der zwei Geschwindigkeiten und formuliert das eindeutig:[8]

Ein Idiot bleibt auch mit einem guten Werkzeug ein Idiot, und dass bedeutet, dass die Werkzeuge nicht entscheidend sind, sondern der Umgang mit ihnen.

Kemenade spricht von Agilität dahingehend, dass es im Banking nicht mehr darum geht, Produkte anzubieten, sondern darum, was die Menschen mit den Produkten tun können. Es geht um Kooperationen. Deshalb baut die ING-Bank eine Open-Banking-Plattform auf, die sich global skalieren lässt, und auf der auch externe Anbieter Dienstleistungen anbieten können. Gleichzeitig ist die ING-Bank mit eigenen Services auch auf fremden Plattformen vertreten [9] – ganz im Sinne von WeQ und weniger im IQ-Wirkungsverständnis.

Kemenade freut sich, wenn durch mehr Agilität die MitarbeiterInnen ihm auch widersprechen, Fehler zugeben und damit offen kreativ gemeinsam Lösungen suchen. In diesem Sinne lassen Sie uns jetzt gemeinsam diesen Artikel über Agilität damit enden, Agilität neue Flügel wachsen zu lassen, indem wir gemeinsam …

Ihr Günther Wagner

 

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Informationsquellen:

[1] https://www.linkedin.com/pulse/big-ideas-2020-klima-amazon-netflix-und-mehr-themen-die-sara-weber/. Am 2019-12-11 gelesen.
[2] https://www.haufe-akademie.de/blog/themen/fuehrung-und-leadership/moderne-arbeitswelt-agile-fuehrung/. Am 2017-05-30 gelesen.
[3] https://www.springerprofessional.de/agile-methoden/bankvertrieb/agiles-arbeiten-ist-kein-heilsbringer-fuer-banken/16974362. Am 2019-12-13 gelesen.
[4] Willenbrock, Harald: OAWOW? In: brand eins 12/19. Schöne Bescherung. Brand eins Medien AG. Hamburg.
[5] Willenbrock, Harald: OAWOW? In: brand eins 12/19. Schöne Bescherung. Brand eins Medien AG. Hamburg.
[6] Willenbrock, Harald: OAWOW? In: brand eins 12/19. Schöne Bescherung. Brand eins Medien AG. Hamburg.
[7] http://fuehrung-erfahren.de/2017/05/form-ohne-funktion-theater-ohne-wirkung/. Am 2017-05-30 gelesen.
[8] https://www.cio.de/a/ing-bank-cio-setzt-auf-agile-entwicklungsmethoden,3576220. Am 2019-12-12 gelesen.
[9] https://www.cio.de/a/ing-bank-cio-setzt-auf-agile-entwicklungsmethoden,3576220. Am 2019-12-12 gelesen.

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NEIN zu der gehypten Authentizität – warum, das erfahren Sie jetzt …

Gehypt wird aktuell der Grundsatz: Es gibt keinen besseren Weg erfolgreich zu sein, Probleme zu lösen, als authentisch zu sein. Doch Niermeyer sagt NEIN zur Authentizität!

Die Heilsversprechungen, wie man die Digitalisierung erfolgreich durchläuft, schießen wie die Pilze aus dem Boden. Die einen setzen intensiv auf technisches Know-how, darauf, dass digitales Equipment die Veränderung entsprechend richtig zu bewegen vermag. Andere meinen, Empathie, Kreativität, Softskills wären essenziell, um die Prozesse erfolgsversprechend anzuregen und durchzugehen. Gehypt wird aktuell der Grundsatz: Es gibt keinen besseren Weg erfolgreich zu sein, Probleme zu lösen, als authentisch zu sein.[1]

In Befragungen zeigt sich, dass über 60% Authentizität als die wichtigste Führungseigenschaft nennen – noch vor Begeisterungsfähigkeit und Belastbarkeit. Der ideale Chef soll echt sein, mit Ecken und Kanten, unverfälscht, aufrichtig, ehrlich integer – so formulieren es PersonalerInnen in Stellenanzeigen.

Aber das Erfolgsrezept Authentizität mag mehr über manche Probleme hinwegschummeln, als Probleme lösen – und das hat einen ganz bestimmten Grund, den Rainer Niermeyer, Psychologe, scharf zum Ausdruck bringt: Niermeyer sagt unbeirrt klar NEIN zu der gehypten Authentizität. Im Unternehmen geht es nicht darum, sich selbst authentisch zu repräsentieren.[2]

Authentisch sein, ehrlich ausdrücken, was einen bewegt, welche Ziele, Visionen, Intuitionen in einem wirken, mag andere beeindrucken, motivieren, aber u.a. dahingehend kippen, dass man nur noch die eigenen, (un)bewusst sehr persönlich ambitionierten Gefühle und damit verbundenen Ziele im Blick hat, und das große Ganze, die Aufgaben und die damit verbundenen umfassenden Verantwortlichkeiten übergeht.

Donald Trump mag authentisch sein, aber ob er damit wirklich die USA erfolgsversprechend durch die Herausforderungen zu führen vermag – das wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, dass einige jetzt einwerfen, Trump sei nicht authentisch, sondern narzisstisch. Als Narzisst bzw. als narzisstisch veranlagte Persönlichkeit kann man ebenfalls authentisch unterwegs sein – so, wie auch depressive Menschen authentisch ihre depressiven Verstimmungen in den Arbeitsalltag einbringen können, ebenso traditionsbewusste, rebellische, … Alle diese sind möglicherweise sehr authentisch unterwegs. Aber ob diese damit die Aufgaben, die sie im Unternehmen zu erfüllen haben, auch entsprechend durchführen können/wollen, das ist nicht unbedingt mit dem authentischen Ansatz gewährleistet.

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Ich mag jetzt niemanden in seiner authentischen Arbeitsweise kritisieren, und den aktuell gehypten authentischen Erfolgsweg schlecht reden. Ich will vielmehr auf die blinden Flecken aufmerksam machen, die eigentlich so gut wie überall zu finden sind. Diese blinden Flecken, die Schatten, die gehören einfach dazu. Das ist ein ganz normales Phänomen. Man kann eben nicht alles sofort und in umfassender Weise erfassen. Deshalb gibt es ExpertInnen, fachlich und geisteswissenschaftlich, um dieses Problem der ungesehenen Seiten, und die damit verbundenen Folgen aufzudecken.

Authentizität scheint ein vielversprechendes Mittel zu sein, um in komplexen Situationen emotional wie auch kognitiv nicht zu überhitzen. Doch die Gradwanderung bis wohin das Authentisch-Sein gut ist, und ab wann es in eine Verzerrung der Realität, in eine zu egozentrierte Wahrnehmung führt, ist schmal.

Wenn man aus dem Blick verliert, welche Rolle man im Unternehmen einnimmt, und was mit dieser Rolle an Verantwortung für das Unternehmen verbunden ist, dann hilft Authentizität nicht, um die Herausforderungen gelöst zu bekommen. Im Gegenteil, bei unbewusst ausagierter Authentizität können sogar noch mehr Probleme entstehen.

Niermeyer warnt eindringlich davor, dass es aktuell an Rollensouveränität kombiniert mit einer adaptiven Authentizität mangelt [3] – und damit verstrickt man sich unheilvoll in Lösungsansätze, die scheinbar sinnvoll und menschlich ansprechend klingen, aber in der Art und Weise wie diese instruiert werden, nur an der Oberfläche kratzen, die Tiefenwirkung übersehen und damit aber Folgen verursachen, die u.U. nicht dorthin führen wo man eigentlich hin will.

Es mag empathisch gewinnend, Team stärkend sein, sich authentisch zu verhalten. Aber das kommt nur dann wirklich positiv für einen selbst und für die anderen zur Wirkung, wenn ich aus einem sehr bewussten Geist, einem selbstkritischen und selbst erkennenden umfassenden Zustand heraus, neben meinen Gefühlen auch meine Position, meine Rolle und die damit verbundene Verantwortlichkeiten im Unternehmen ernsthaft in den Fokus nehme. Doch ich bezweifele, dass dies in einer solchen umfassend reflexiven Art und Weise getan wird – ohne das schlechtreden zu wollen. Bisher war es einfach nicht so relevant, sich selbst und die Softskill-Fähigkeiten derart offen aufs Tablet zu legen, um damit die Herausforderungen besser händeln zu können.

Um aus einem bewussten, selbsterkennenden Blick heraus agieren zu können, braucht es eine starke Grundmotivation, dahingehend, den Sinn der Arbeit, die persönliche Motivation des Tuns und der mit der Position verbundenen Tätigkeit im Unternehmen zu hinterfragen. Dann wird man unweigerlich sozial-psychologisch tiefer gehen müssen – und genau das obliegt nicht allen, und ist auch gar nicht in der Wirtschaft dahingehend verlangt und so ausgerichtet.

Und selbst wenn man bereit ist, sein eigenes Tun in Verbindung mit der Position, der Rolle, die man Inne hat, etwas genauer zu hinterfragen, wird man aufgrund von Zeitnot, Veränderungsdruck, etc. sich auf fast jeden Lösungsansatz stürzen, der auf den ersten Blick fachlich und menschlich einleuchtend, motivierend und scheinbar auch wirkungsvoll klingt. Der Lösungseifer ist überall zu sehen, aber der Lösungsprozess hängt aufgrund der allzu oberflächlichen Herangehensweise.

Sie sehen, die Auseinandersetzung mit erfolgsversprechenden Strategien im Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit, sind eine Herausforderung für sich selbst. Verständlich, dass man das in kritischen Phasen, in Zeitdruck, in Erfolgsdruck, in Veränderungsdruck, die Dinge nicht hinterfragen kann und will. Aber so tun, als ob die Herausforderungen nicht so tiefgreifend sind und mit einem Schuss Authentizität in Verbindung mit etwas mehr technischem Rüstzeug gelöst werden können, ist eine Illusion, vor der ich ebenfalls warnen möchte.

Wenn ich ehrlich bin, so muss ich sagen, dass sich die Wirtschaft mitten in einem Handlungsdilemma befinden. Es scheint zwar notwendig, dass man sich durch die Digitalisierung, durch Künstliche Intelligenz (KI), durch Quantencomputer, durch Klimaerwärmung, … intensiver als jemals zuvor mit fachübergreifender Reflexion, mit umfassenden neuen technischen Know-how wie auch mit sozial-psychologischer Bewusstseinsarbeit extern wie auch intern auseinandersetzen muss. Das wird auch zu entwickeln gesucht. Aber gleichzeitig sehe ich, dass viele für diesen Schritt noch nicht bereit sind – verständlicherweise. Denn durch eine neue Betrachtung von dem, was da alles auf jeden von uns zurollt, was verändert werden sollte, wird vieles von dem, woran man geglaubt und wovon man auch profitiert hat, zu Nichte gemacht.

So gesehen ist der Erfolgshype, authentisch zu agieren, zwar gut gemeint, aber dafür braucht es eine stark gewollte fachbezogene, fachübergreifende und zusätzlich Softskill bestrebte Bewusstheit und Offenheit darüber, was aktuell weitreichend technisch, sozial, individuell abläuft, was man selbst als Mensch in diesem Prozess zu bewirken vermag, welche Verantwortung man trägt, und was das in Folge heißt – für einen selbst und für die anderen.

  • Als Führungskraft sollte man sich neben der emotionalen Befindlichkeit ernsthaft fragen, welche Position, welche Rolle man im Unternehmen erfüllt, was an Erwartungen und Aufgaben dabei ausgefühlt werden sollten,

  • aber auch, ob man die Position, die Rolle bewusst dafür nutzt, um die persönlichen Ansprüche, Ziele, Bedürfnisse befriedigt zu bekommen.

Wenn ich beispielsweise ein stark ausgeprägtes Machtbedürfnis habe, dann versuche ich mich im Leben und in der Arbeit so zu positionieren, dass ich mich mächtig fühlen kann. Diese Haltung mag ich dann sogar authentisch übermitteln können, aber ob das mit der jeweiligen Position im Unternehmen stimmig und richtig einhergeht, das muss nicht sein – es kann auch ins Gegenteil kippen.

So paradox es klingt: Nach Rob Goffee und Gareth Jones, Experten für Organisation an der London Business School, müssen gute Unternehmer bzw. Manager ihre Authentizität sogar unter Kontrolle bringen. Sie müssen ihre Authentizität sorgsam aufbauen und vorsichtig damit umgehen.[4]

Es mangelt aktuell an der notwendigen tiefgreifenden bewussten Auseinandersetzung mit den heißen Themen, es mangelt an einem bewussten Rollenverständnis und den damit verbundenen weitreichenden Verantwortlichkeiten. Man spricht viel über die Menschen in den Unternehmen, von Führungs- und Mitarbeiterpersönlichkeiten, von den individuellen Fähigkeiten und Skills. Das ist selbstverständlich hoch anzurechnen. Aber ein Aspekt rückt damit in den Schatten, der jedoch Gewicht hat und Sinn macht – die Rolle und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten, Erwartungen und Kompetenzen.

Es mangelt an Bewusstheit über die Rolle, die man eingenommen hat, als man Ja gesagt hat für ein bestimmtes Unternehmen in einer bestimmten Position tätig zu werden. Man mag vielleicht authentisch als Führungskraft wirken, aber immer weniger ist einem im Arbeitsalltag noch konkret bewusst, was genau eigentlich die Rolle als Führungskraft zu verantworten hat?

Im Unternehmen handeln Menschen, die sich ganzheitlich einbringen wollen, aber nichtsdestotrotz sollte man die Rolle, in der die Menschen im Unternehmen tätig sind, nicht ganz außen vorlassen. So nimmt man unweigerlich in all dem Tun immer auch eine damit verbundene Rolle ein, im Unternehmen die Rolle des Unternehmers, Managers, Kollegen, …, wie ebenso privat, Vater, Mutter, Ehepartner, …, gesellschaftlich TrainerIn/FunktionärIn im Sportverein, Schöffe, …, und ganz spezifisch auch für sich selbst, für das eigene Ich.

Alle diese Rollen der Persönlichkeit stehen nicht wie die Säulen der Akropolis unverrückbar nebeneinander, sondern befinden sich in reger Interaktion miteinander. Das kann sich positiv auswirken, wenn die Rollen harmonieren und sich gegenseitig unterstützen. Es kann jedoch auch anstrengend und mühsam sein, wenn sich die Bedürfnisse, Erwartungen und Anforderungen der Rollen ins Gehege kommen, sich widersprechen, sich nicht miteinander vereinbaren lassen und sich gegenseitig schwächen.

Problematisch wird es konkret dann, wenn man die mit der Rolle verbundenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu radikal Rollen fixiert unbewusst ausagiert, oder umgekehrt nur noch sich selbst gefühlsbezogen wahrnimmt und die Rolle, die man Inne hat, aus dem Blick verliert. Folgt man aus einer unreflektierten Haltung Stimmungen, Meinungen, Machtbestrebungen, … verschwimmen die Aufgaben, die Verantwortlichkeiten, die Ziele und Visionen. Deshalb ist es erforderlich …

  • sich zu bemühen, die Rollen, die man Inne hat, sauber auseinanderzuhalten.

  • Rollen, die sich verheddert haben, auseinander zu dröseln, und

  • sich der Vorbildwirkung in Verbindung mit der Position bewusst zu sein.

Die Fähigkeit zwischen den verschiedenen Rollen zu trennen ist wichtig, nicht nur um ein Rollen-WirrWarr zu vermeiden, sondern eben auch um sich den Kopf frei zu halten und situationsspezifisch klar und eindeutig handlungsfähig zu bleiben.

Kommt es zu Rollen-Verwirrungen und zu keiner klaren Trennung beispielsweise zwischen Ich-Rolle und der Rolle als Führungskraft, werden Entscheidungen verblendet getroffen und Fehlentscheidungen sind die Folge. Dann mag man vielleicht authentisch bei den anderen wahrgenommen werden, aber die Lösungskompetenz im umfassenden Sinn steht damit nur eingeschränkt zur Verfügung.

Spannend ist, dass gerade ein Ort, den man vielleicht sogar in Verbindung mit Rollenverständnis und Authentizität nicht gleich im Fokus hat, ein virtuelles Büro, vielleicht deutlich dazu beitragen kann, dass man wieder bewusster die mit der Position verbundenen Aufgaben wahrnimmt, sich wirklich absichtsvoll und authentisch mit seiner Rolle, vertreten durch einen persönlich erstellten Avatar auseinandersetzt. Sobald der Avatar in Aktion geht, der im virtuellen Büro stellvertretend für die eigene Person agiert, setze man sich vielleicht deutlich bewusster mit den Aufgaben auseinander, erfüllt die Arbeit souverän und adaptiv authentisch – so wie es Niermeyer fordert.

Gleichzeitig kann aber unreflektiertes Umstrukturieren, digitales Arbeiten von zu Hause bzw. von irgendwo, Verpflichtung, Verbindlichkeit, ein klares Rollenbild mit den damit verbundenen eindeutig wahrzunehmen Aufgaben zum Wanken bringen. So zeigt sich, dass MitarbeiterInnen, die im Home Office tätig sind, Identitätsprobleme bekommen können, und damit einhergehend die Bindung zum Unternehmen und selbstverständlich die Arbeitsleistung leidet. Wenn man von daheim aus für ein Unternehmen arbeitet, ist es schwerer die Position mit all den damit verbundenen Aufgaben einzunehmen. Daheim wirken eben auch noch andere Rollen auf einen ein, die man nur mit viel Willenskraft während der Arbeitszeit daheim wegzuschieben vermag.

Es braucht vielleicht ein Ritual, um sich wieder stärker der Rolle, die man in einem Unternehmen Inne hat, bewusst zu werden. Es braucht u.U. so etwas wie einen spezifischen Ritus, um trotz Komplexität, Vielseitigkeit und Flexibilität die konkrete Rolle und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten klar und sauber im Blick zu haben neben den wichtigen individuellen menschlichen Aspekten.

RESÜMEE

Wenn die Gesellschaft als Ganzes halbwegs funktionieren will, braucht es neben der Menschlichkeit eben auch die Struktur in Form von Rollen. Das mag manchmal in ein negatives Extrem kippen, wie beispielsweise im Nationalsozialismus, aber aktuell sichert es möglicherweise den Europäischen Frieden, nicht immer nur reibungslos, aber immerhin schon bald 80 Jahre haltend. Würden alle Staaten der EU nur authentisch agieren, ich weiß nicht, ob dann die EU noch wirksam wäre?!

In ähnlicher Weise sehe ich es mit der Authentizität bzw. Identität von Führungskräften und MitarbeiterInnen in Unternehmen. Bei der Rekonstruktion der alltäglichen Identitätsarbeit müssen Identitätszwänge, die aus ihnen folgenden subjektiven Verbiegungen und Beschädigungen ebenso aufgezeigt werden wie die zu gewinnende Handlungsfähigkeit.[5]

Dabei zeigt sich, dass gerade die digitale Zeit die authentisch egoistisch geprägte Arbeits- und Lebensauffassung zu verstärken vermag, mit den Folgen, dass die Bindung zu den Unternehmen deutlich abnimmt. Wenn man als MitarbeiterIn keine spezifische Identität im Unternehmen mehr einnimmt, dann verliert sich damit soziale Bindung. Wenn man im Home-Office, im Co-Working-Space arbeitet, dann stellt sich die Frage, als was arbeitet man konkret dort bzw. welche Rolle nimmt man in Verbindung mit dem Unternehmen ein, wenn man eigentlich für sich selbst irgendwo tätig ist? Ich mag zwar dann im Home-Office authentisch agieren, aber ob ich dann auch noch meiner Rolle und darüber hinaus auch den damit verbundenen verbindlichen Aufgaben im Unternehmen bewusst bin, das fürchte ich, wird nicht so einfach möglich sein.

Spannend ist, dass ein virtuelles Büro diesem Problem der fehlenden Identität im Unternehmen entgegenwirken kann, wie ich bereits im Artikel zuvor beschrieben habe. Dahingehend zeigt sich vielleicht ganz gut, dass authentisch sein allein ohne spezifisches Rollenverständnis nicht die Wirkungskraft hat, die man dieser zuschreiben möchte. Die Welt der Digitalisierung verlangt eindeutiger als jemals zuvor eine klare, sehr bewusste Positionierung und damit auch ein klares, bewusstes Rollenverständnis. Um das gewährleisten zu können, braucht es deutlich mehr Persönlichkeitsentwicklung als das, was aktuell an Persönlichkeitsentwicklung zu fördern gesucht wird.

Die eindringliche Aufforderung von Gunter Dueck heißt, dass in die professionelle und persönliche Entwicklung sehr viel mehr Energie gesteckt werden muss.[6] Die Notwendigkeit der eigenen Weiterentwicklung muss aber von den Unternehmen, vom Management und den MitarbeiterInnen selbst realisiert werden. Das kann nicht einfach so auf Knopfdruck angeordnet werden.[7] Und genau das macht es so schwer, Entwicklung im Bereich von Softskills, Bewusstseinsarbeit anzuregen.

Die meisten verweigern nicht die neuen Gedanken, sondern die mit den neuen Gedanken verbundenen Folgen – genau das verhindert neue Einsichten, genau das braucht viel Verständnis, Menschenkenntnis und Reflexion.

Ihr Günther Wagner

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge zu lesen, können Sie mir auch auf LinkedIn, Xing und Twitter folgen. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer.

 

Literaturquellen:

[1] https://www.linkedin.com/pulse/das-sind-die-herausforderungen-der-authentizit%25C3%25A4t-ingrid-gerstbach/?trackingId=GBWmUEZ0SteGEmBDbNMFxQ%3D%3D. Am 2019-11-19 gelesen.
[2] Bitte nicht authentisch! Rainer Niermeyer
[3] Bitte nicht authentisch! Rainer Niermeyer
[4] Bitte nicht authentisch! Rainer Niermeyer
[5] https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/identitaet/6968. Am 2019-11-19 gelesen.
[6] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[7] https://www.linkedin.com/pulse/agile-prinzipien-sind-zum-scheitern-verurteilt-günther-wagner/.

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