Phänomenale Change-Erfolge

Phänomenale Change-Erfolge

© flickr.com: LE WEB PARIS 2013 – CONFERENCES – PLENARY 1 – SATYA NADELLA

Microsoft ist wieder der König der Tech-Industrie. Die Microsoft-Aktie verzeichnete ein Plus von 240 Prozent in weniger als 5 Jahren. Der kranke Tech-Riese hat sich erholt, und das mit tiefgreifender Substanz.[1]

  • Wie war das möglich? Durch eine radikale Umorientierung.

  • Das ist doch ohnehin klar, werden Sie jetzt denken. Jeder Misserfolg löst Umorientierung und einen Change aus.

  • Ja, das stimmt. Aber viele Veränderungsprozesse greifen trotz Ziel und Plan bei weitem nicht so stark, wie beispielsweise der Change bei Microsoft – das sollte zu denken geben.

read more

Was hat Microsoft konkret gemacht, dass der Change ein Plus von 240 Prozent erbringen konnte?

Beginnen wir mit dem Fakt, dass 70% der Changeprozesse scheitern oder ihre Ziele weit verfehlen.[2] Ob man das als Unternehmen so akzeptieren will oder nicht, das ist eine Realität in Veränderungsprozessen. Microsoft hat den Change jedoch vorbildhaft gemeistert. Satya Nadella hat das zu Wege gebracht, was viele versuchen und rückblickend nicht wirklich schaffen, auch wenn man versucht es gut darzustellen. Nadella ist es hingegen gelungen, Microsoft tatsächlich wieder zu einem Liebling der AnlegerInnen zu machen. Mit seiner Art den Change durchzugehen, konnte er das Image so weit verbessern, dass ehrgeizige EntwicklerInnen und ForscherInnen wieder bereit sind, lieber zu Microsoft zu gehen, als zur Konkurrenz.[3]

Nadella hat den Change so erfolgreich geschafft, weil er 2 kraftvollen Aspekten couragiert ins Auge blickte:

  • Das Alte [zer]stören – sprich gewohnte Arbeits- und Denkweisen überdenken und ändern, und nicht bloß zum Schein am Papier zum Verändern aufrufen.

  • ABER dieses [Zer]stören von alten Arbeits- und Denkgewohnheiten hat Nadella mit menschlicher Behutsamkeit, mit Empathie, Fingerspitzengefühl und Intuition, mit Mitgefühl und Respekt ausgetragen.

Nadella nutzt für seinen Changeerfolg das, was die Forschung als evolutionäre Begabung zur Empathie bezeichnet, die auf unvorhersehbare Weise eingesetzt werden kann. In den letzten Jahrzehnten haben WissenschaftlerInnen zahlreiche Indizien für die These gesammelt, dass soziale Gefühle ebenso tief in jeder Biologie verwurzelt sind wie der Egoismus.[4] Abgesehen davon kann jeder/jede gefühlsmäßig nachvollziehen, was man auf längere Sicht mit einem bestimmten Verhalten gewinnt oder verliert.

Eine Weisheit, die im breiten Volksmund bekannt ist, bringt es auf den Punkt: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.[5] Den Spruch kennen vermutlich die meisten. Manche wagen es vielleicht dem zu widersprechen. Aber ich gehe davon aus, dass im Stillen viele einen Funken Wahrheit darin vermuten. Der Funke wirkt, wann, das weiß man nicht genau, aber irgendwann zahlt man den Preis für sein tun – direkt oder indirekt. Nur das wird im Businessalltag jedoch meist vergessen. Nadella verdrängt das jedoch nicht. Soziale Gefühle können nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden, auch wenn die Faktenlage im Business das wünscht, um bestimmte Ziele schneller, effektiver, kostengünstiger, … erreichen zu können.

Nadella stellt die Kompetenz „Mitgefühl“ in das Zentrum

Das hat ihm einen messbaren Erfolgsvorsprung im Vergleich zu Changeprozessen in anderen Unternehmen erbracht. Er verstand es, das meist brachliegende Feld namens Mitgefühl zu nutzen.

All jene, die bereits den einen oder anderen Beitrag von mir gelesen haben, werden jetzt zum xten Mal mit dem Themenkomplex Gefühle im Management konfrontiert werden. Manche mag das vielleicht sogar schon langweilen. Doch die Medien beschreiben klar und deutlich, dass in Deutschland zwar die Wirtschaft boomt, aber die Herausforderungen trotzdem nicht kleiner werden. Es wäre ein Irrtum zu meinen, es geht weiter wie bisher.

Die bis dato funktionierenden Managementstrategien mögen die letzten Jahre die Schwierigkeiten noch immer ganz gut in eine neue Richtung gelenkt haben. Doch es gibt auch genug Beispiele dafür, dass diese Sichtweise zu kurz greift – insbesondere aktuell in der immer schneller werdenden Zeit der Digitalisierung. In meinem letzten Beitrag habe ich Jack Ma zu Wort kommen lassen, über seine Bedenken, über das was gegenwärtig in der Wirtschaft wie auch Politik übersehen wird. Ma spricht wie Nadella u.a. von den fehlenden sozialen Kompetenzen.[6]

Also betrachten wir zum xten Mal die speziellen Herausforderungen in Veränderungsprozessen – Gefühle – diesmal am Beispiel der Change-Erfolgsgeschichte von Satya Nadella. Vielleicht finden Sie hier einen Ansatzpunkt, der Ihren Change mehr Durchschlagskraft geben könnte.

Ich starte in der Bibliothek von Nadella. Dort finden sich Bücher über viele VordenkerInnen, die über Wirtschaft, Management und Technologie schreiben. Wenn man mit Nadella ins Gespräch kommt, so kann es vorkommen, dass er Friedrich Nietzsche oder Buddha zitiert. Er soll dabei jedoch nicht wie ein Angeber wirken, sondern vielmehr wie ein begeisterter Leser, der es liebt sich mit weitgreifenden Gedanken verschiedener Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Fachrichtungen auseinanderzusetzen.[7] Das ist möglicherweise ein Punkt, warum Nadella die Umorientierung bei Microsoft so erfolgreich gemeistert hat. Nadella bezieht sich nicht nur auf seine hochgradige Fachkompetenz im Bereich der IT, sondern auf ein fachübergreifendes Wissen, berücksichtigt soziologische Betrachtungen, psychologische Einsichten, bis hin zu religiösen Verständnisauseinandersetzungen.

Das alleine genügt aber auch nicht, denn jede Leidenschaft versinkt irgendwann in der Macht der Gewohnheit und wird zum Automatismus. Aus diesem Zustand heraus vernebelt sich der Blick für das was ansteht und für das, was sich erneut in Veränderung befindet. Das weiß Nadella aus eigener Erfahrung wahrscheinlich auch sehr gut. Aber er verurteilt das nicht – zumindest verstehe ich ihn so – sondern es aktiviert in Nadella Achtsamkeit und Mitgefühl. Nadella scheint es verstanden zu haben, der Macht der Gewohnheit und den damit verbundenen Widerständen, Ängsten verständnisvoll entgegenzutreten. An diesem Punkt greift ein relevanter Punkt: Die Kraft von Empathie und Mitgefühl, die jedoch in unterschiedlicher Weise wirken, allerdings von vielen als gleich angesehen werden.

  • Empathie bedeutet, dass man sich mit der Situation und den Gefühlen eines anderen verbindet bzw. bereit ist, sich zu verbinden und zu fühlen, was der andere empfindet. Aber dann belässt man es dabei.

  • Mitgefühl geht weiter und setzt konkrete Handlungsschritte, sprich: Wenn wir für eine Person, die traurig ist, Empathie empfinden, fühlen wir uns selbst traurig. Bringen wir der Person Mitgefühl entgegen, empfinden wir teilnehmende Sorge und die Motivation, ihr Leid zu lindern.

Empathie ist demnach der erste Schritt auf dem Weg zum Mitgefühl.[8] Das ist vielleicht deshalb so relevant, weil würde man nur in der Empathie bleiben, sprich im Fühlen ohne entsprechende Handlungsschritte, dann laugt das aus und bringt Menschen in die Erschöpfung – das belegen auch Studien.[9] Empathie ohne Mitgefühl kostet Kraft, und erst durch das Mitgefühl kann die Empathie in konstruktive Bahnen gelenkt werden. Vielleicht ist das ein Grund, warum Empathie im Business ignoriert bzw. verdrängt wird, weil die Empathie alleine tatsächlich keine Wirkung zeigt stattdessen sogar negativ wirkt und man die Kräfte schwinden spürt.

Mitgefühl ist jedoch im Businessalltag ein Wort, das kaum vorkommt und vermutlich auch missverstanden wird. Mitgefühl galt lange Zeit als etwas, wofür Religionen und spirituelle Traditionen zuständig sind. Viele neuropsychologische Studien belegen jedoch, dass Mitgefühl zur Grundausstattung des Menschen gehört, aber im Laufe des Lebens irgendwie ins Abseits rutscht bzw. im Laufe der Sozialisierung zu wenig Beachtung und Training findet. Mitgefühl ist allerdings nach neueren Studien für das Überleben unverzichtbar, und jeder Mensch ist fähig dazu. Damit widersprechen diese Studien dem Evolutionismus, einer Theorie über Egoismus als Triebkraft, die der englische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer vor gut 150 Jahren propagiert hat.[10]

Nadella hat wie es scheint diese Kompetenz zum Mitgefühl für sich kultiviert, und bleibt damit nicht nur in der Empathie hängen. In seinem Verständnis mag das auch dazu führen, dass er jedem Menschen in Augenhöhe gegenübertreten möchte. In seinem Weltbild ist jeder Mensch einzigartig und bedeutungsvoll ist. Und genau aus diesem Respekt für jeden/jede Einzelne entsteht eine unglaubliche Kraft und Stärke, die Nadella unter anderem auch für Microsoft nutzen möchte.[11] Darüber hinaus möchte Nadella die Konkurrenz am Markt ebenfalls nicht abwürgen, sondern auch der Konkurrenz respektvoll entgegentreten. Es geht ihm in seinem Verständnis nicht um Konkurrenzkämpfe, sondern er möchte Partnerschaften kultivieren – selbst dann, wenn man auf vielen Gebieten hart im Wettbewerb steht.[12] Die Geschichte zeigt neben den negativen Beispielen für fehlendes Mitgefühl auch, dass Millionen von Menschen in erstaunlich kurzer Zeit den Kreis des Mitgefühls auf andere Menschengruppen erweitern können, beispielsweise bei der Tsunamihilfe in Skri Lanka.[13]

Nadella gibt aber auch zu, dass es alles andere als leicht ist, ein Unternehmen mit 120.000 MitarbeiterInnen und weitreichenden Außenbeziehungen zu verändern. Doch er hat es geschafft, mit seiner Überzeugung, Mitgefühl walten zu lassen. Er verstand es scheinbar, die Köpfe und Herzen seiner MitarbeiterInnen zu gewinnen, indem er sich mit der menschlichen Natur im Unternehmen genauso auseinandersetzte wie mit den fachbezogenen Fakten.[14]

Um wirklich etwas zu bewegen, müsse im Verständnis von Nadella der Wandel auf natürliche, menschliche Weise Wurzeln schlagen. Und genau das ist die eigentliche Herausforderung in jedem Change. Und genau dafür gibt es keine Erfolgsformel [15] – sondern nur Mitgefühl mit einem Funken Courage.

Mag sein, dass Nadella durch ein persönliches Schicksal, durch die Gehirnlähmung seines Sohnes Zain, sich mit seinem Wertebild und Lebensverständnis tiefgehender als manche andere auseinandergesetzt hat. Die damit verbundenen Kompetenzen hat er jedoch nicht nur still im Privaten für sich und seine Familie jeden Tag aufs Neue weiterentwickelt, sondern auch in seinen Berufsalltag miteinfließen lassen – zumindest verstehe ich es so, wenn ich mich mit der Biografie von Nadella auseinandersetze. Er sagt sogar, dass die persönlichen Erfahrungen mit seinen Kindern den Kern seiner Vision für Microsoft bilden:[16]

Es geht mit Leidenschaft darum, Mitgefühl ins Zentrum von allem zu stellen, mit dem man sich beschäftigt – egal ob es sich dabei um Produkte handelt, die entwickelt werden, oder neue Märkte, die erschlossen werden sollen, oder ob es um die Zusammenarbeit mit KollegInnen, KundInnen oder PartnerInnen geht.[17]

Nadella vergisst dabei die unternehmerischen Aspekte in keiner Weise. Er ist sich bewusst, dass er eine Balance finden muss zwischen unternehmerischen Hardfacts und menschlichem Mitgefühl. Das verlangt Ehrgeiz, aber auch Forschung und Entwicklung mit langfristigen Visionen. Er spricht auch klar davon, dass die Politik die Kontrolle übernehmen müsse, welche Regeln gelten. Diese dürfen auf keinen Fall den Vorstandsvorsitzenden der Weltkonzerne überlassen sein.

In Anlehnung an einige Worte von Thupten Jinpa, zurzeit lehrend an der Universität Standford, möchte ich diesen Beitrag über Change und die in Change wirksame Kraft, das Mitgefühl, abschließen: Mitgefühl gibt uns die Möglichkeit, auf unangenehme Herausforderungen mit Verständnis, Geduld und Güte zu reagieren anstatt mit Angst und Abwehr. Mitgefühl bietet unserem Geist eine Alternative zur Egozentrierung und den damit verbundenen impulsiven Gemütsverfassungen. Mit Mitgefühl sind wir besser in der Lage, das wirklich relevante eigene Wohlwollen wie auch das Wohlwollen anderer Menschen anzunehmen.[18]

Soziale Gefühle können egoistische Impulse überlagern, zurückdrängen und schwächen, aber nicht auslöschen. Das wäre ein Trugschluss am Weg zu mehr Mitgefühl in der Wirtschaft. Achtsamkeit ist hierfür der Schlüssel, um Empathie und Mitgefühl im unternehmerischen Kontext stärker zu kultivieren, aber die menschlichen Schattenseiten nicht aus den Augen zu verlieren. Man wird kein Heiliger auf Knopfdruck.[19] Es braucht Bewusstsein über den Umgang und das Wirken von Gefühlen. Das verlangt jedoch eine neue Kompetenz im Management – Bewusstseinsarbeit, Mitgefühlspraxis – worauf sich wie es scheint Nadella als Führungskraft mit Herz und Verstand eingelassen hat.

Ihr Günther Wagner

 

PS.: Vielen Dank für Ihr Interesse. Wenn Sie persönlich über zukünftige Beiträge informiert werden wollen, dann melden Sie sich einfach über diesen Link an.

 

Literaturquellen: 

[1] www.handelsblatt.com/my/meinung/kommentare/kommentar-die-phaenomenale-wiedergeburt-von-microsoft/20915332.html?ticket=ST-752044-14b4CzLVbZKZE9JxcMqf-ap2 Am 2018-02-06 gelesen.
[2] http://www.harvardbusinessmanager.de/blogs/a-898305.html. Am 2017-10-30 gelesen.
[3] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[4] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/kooperative_intelligenz_die_logik_der_sozialen_gefuehle/. Am 2018-02-06 gelesen.
[5] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/kooperative_intelligenz_die_logik_der_sozialen_gefuehle/. Am 2018-02-06 gelesen.
[6] https://www.linkedin.com/pulse/das-ausmaß-der-digitalisierung-wird-unterschätzt-günther-wagner/.
[7] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[8] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/mitgefuehl/. Am 2018-02-07 gelesen.
[9] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/mitgefuehl/. Am 2018-02-07 gelesen.
[10] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/mitgefuehl/. Am 2018-02-07 gelesen.
[11] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[12] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[13] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/kooperative_intelligenz_die_logik_der_sozialen_gefuehle/. Am 2018-02-06 gelesen.
[14] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[15] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[16] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[17] https://www.wired.de/article/microsoft-ceo-nadella-innovation-umdenken-management-fuehrungsstil-indien-trump. Am 2018-02-06 gelesen.
[18] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/mitgefuehl/. Am 2018-02-07 gelesen.
[19] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/kooperative_intelligenz_die_logik_der_sozialen_gefuehle/. Am 2018-02-06 gelesen.

reduce text