Self-Tracking steigert die Leistung

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Self-Tracking steigert die Leistung

Dank smarter Technik und bunter Gamification, statt langweiliger Excel-Sheets lässt sich Wissen und Leistung scheinbar einfach verbessern. Das fasziniert viele ManagerInnen – zum Nutzen für sich selbst und ebenso zur Leistungssteigerung ihrer MitarbeiterInnen.

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Self-Tracking wird nicht mehr nur im sportlichen oder gesundheitlichen Bereich genutzt, sondern findet auch im Arbeitsalltag Anwendung.[1] So kombiniert die Eigenvermessung zwei Megatrends der Leistungselite: Permanente Optimierung und Technikbegeisterung. Thomas Rabe, Leiter des Bertelsmann-Konzerns, ist von dieser neuen Weise das Leistungsniveau anzuheben und zu verbessern, überzeugt.[2] Mag sein, dass diese neue Art der Leistungssteigerung mehr die junge Managergeneration motiviert, aber besser zu sein und zu werden, spricht vermutlich alle Führungskräfte an. Doch das offen zuzugeben, das sogar gutzuheißen, sorgt interessanterweise für Empörung – ungern scheint man zugeben zu wollen, ein Optimierungs-Fan zu sein. Und so frage ich Sie: Wie stehen Sie zum Ehrgeiz, und damit verbunden zur Leistungsoptimierung?

  • Versuchen Sie alles, um Ihre Performance als Führungskraft zu perfektionieren?

  • Wollen Sie 100 Prozent und mehr Leistung erbringen, und dabei keine Fehler machen?

  • Wollen Sie auch im Beruf sportlich, aktiv und attraktiv wirken?

  • Ist es Ihnen wichtig, was andere von Ihnen denken?

  • Wollen Sie zu jenen gehören, die sich mit Ihrem Stress rühmen und zeigen, dass Sie trotz Stress alles bestens im Griff haben?

Mit diesen Vorgaben befinden Sie sich in guter Gesellschaft und in bester Konkurrenz. Mit Hilfe von Bulletproofexec [3], Quantified Mind, Fitbit oder Zeo, ebenso mit Hirn-Stimulanzien, u.a. versuchen immer mehr das Wissens- und Leistungspotential täglich zu verbessern.[4] Die Zahl der Möglichkeiten, Selbstoptimierung und Gehirnupgrades durchzuführen, steigt von Tag zu Tag. Der Drang leistungsstark und erfolgreich zu sein, ist mittlerweile endemisch, sprich zur Krankheit geworden. Doch das ist so normal und scheinbar nicht schlimm, dass viele keine Notwendigkeit sehen, das zu hinterfragen.[5] So begründet eine Meta-Analyse den Zusammenhang zwischen dem Neoliberalismus und einem gewachsenen Perfektionismus. Die verschiedenen Dimensionen des Perfektionismus überlappen sich in der Realität, weil Erwartungen von außen auch das Produkt eigener Perfektionsansprüche sein können. Man denkt, es werde viel von einem erwartet, weil man es selbst tut.[6] So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.

Perfektionismus prägt den Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde, dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann/will sich ihm entziehen.[7]

Perfektionismus gilt sogar als lohnenswertes Ziel, und viele kokettieren sogar häufig mit ihrem Streben nach dem Optimum. Man rühmt sich, ein Perfektionist zu sein. Raphael Bonelli spricht hier vom attraktivsten Laster unserer Zeit. Perfektionismus wird belohnt. SelbstoptimiererInnen gelten als HeldInnen und Vorbild. Doch dieses Heldentum hängt an einem Punkt – an der Faust im Nacken, so schreibt es Reinhold Ruthe, Psychotherapeut. Anders als Menschen mit einem gesunden Maß für gute Leistungen, werden PerfektionistInnen von einer Art innerem Richter begleitet, der bei nicht Erfüllung der Leistungen und Erwartungen schnell verärgert reagiert. Er lässt Neid aufkommen, wenn die anderen es besser machen und schürt die Angst, man würde alles verlieren, wenn man die Anforderungen nicht erfüllt.[8]

Das radikale Wettbewerbsdenken soll lt. Aussage einer Metastudie den Perfektionismus regelrecht anhimmeln.[9] Für PerfektionistInnen sind Leistungsvergleiche das tägliche Brot, und dabei gibt es nur perfekt oder schlecht. Deshalb kennen PerfektionistInnen mit sich und anderen auch keine Gnade.[10] Das mag hart klingen, aber erscheint für viele nicht so hart, weil es schon so alltäglich und normal ist. Das kann man zwar anklagen, aber ändern wird sich dadurch nichts. Abgesehen davon ist Perfektion als Handlungsmotivation weitaus älter als der Neoliberalismus.

Eines kann man jedoch annehmen: Man kommt nicht als mustergültige/r PefektionistIn zur Welt, sondern man wird u.a. dazu gemacht. Es beginnt im Elternhaus, mit den Erwartungen der Eltern in Bezug auf die Leistungen ihrer Kinder.[11] Es setzt sich weiter fort in der Schule mit den Belohnungen, wenn die Leistungen gut sind, und den Enttäuschungen, wenn man es nicht gut macht bzw. nicht entsprechend der Norm zu leisten vermag. Irgendwann als Kind hört vermutlich jeder/jede – sicher auch mit Ausnahmen: „Bemühe Dich, ansonsten wirst Du keinen guten Beruf bekommen.“ „Streng Dich etwas mehr an, Du kannst es besser, das weiß ich, …“ Es gibt noch unzählig mehr Motivationssätze, die allesamt nicht so hart gemeint sind, sondern vielmehr aus einer unbewussten Angst heraus wirken. Die Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Und genau das führt direkt in den Weg der Perfektionierung, in einen Förderwahn – beginnend im Kindergarten, später in der Schule, im Freundeskreis, an der Universität und ebenso im beruflichen Kontext. Perfektion hat einen hohen Stellenwert und eine unglaublich starke Attraktivität, ausgelöst durch die damit verbundene Anerkennung.[12] Wer verzichtet schon freiwillig auf die mit der Perfektion verbundenen Boni und Lobpreisungen?!

  • Was wäre, wenn Sie in Ihrer Position als Führungskraft nicht nach Perfektion streben, sondern sich mit einer Mittelmäßigkeit zufriedengeben? Können Sie sich das vorstellen? Was macht das mit Ihnen?

Eines zeigt sich jedenfalls: Steigt der Perfektionswahn, bekräftigt sich der Zwang nach Selbstoptimierung, Lügenkonstrukte bauen sich auf, um den Glanz perfekter Leistungen zu wahren. Der Managementguru Reinhard Sprenger befürchtet durch Self-Tracking im Management die explosionsartige Vermehrung der unseligen KPIs (Key Performance Indicators) [13]. Er warnt hier sehr eindringlich: Alles, was über die Zukunft eines Unternehmens entscheidet, das ist Kreativität, Innovation, Vertrauen – und diese Aspekte sind nicht messbar.[14]

Auch der Tübinger Professor Bernhard Pörksen, 2008 als Professor des Jahres ausgezeichnet, steht der permanenten Selbstoptimierung kritisch gegenüber. Er beobachtet, dass in vielen Unternehmen der Zwang zur Daueroptimierung und ein Effektivitätsdenken besteht. Das führt seiner Meinung nach dazu, Hektik mit Engagement zu verwechseln und eine entschleunigte Nachdenklichkeit als Zeitverschwendung zu stigmatisieren – obgleich es gerade diese Phase braucht, um kreative Prozesse in Gang zu setzen.

Es geht mir nicht darum, den Optimierungsgedanken gänzlich fallen zu lassen, sondern ein gesundes Maß von Optimierung zum Einsatz kommen zu lassen. Es geht darum, den Optimierungsgedanken mit der unbedingten Wertschätzung des Individuums zu verbinden. Dieses Individuum muss in seinen Eigenheiten, seinen besonderen Talenten, aber manchmal eben auch in seiner Gebrechlichkeit und den Momenten fehlender Souveränität vorkommen dürfen – das ist nach Pörksen so etwas wie das erste Gebot in Zeiten des Effektivitätswahns.[15]

Maßnahmen um den übertriebenen Perfektionismus und Optimierungswahn gesünder zu managen

Ob man will oder nicht, wenn man sich der Perfektion stellen will, dann sollte man sich unter anderem seinen Ängsten stellen. Die zeigen sich natürlich nicht einfach so. Das braucht Feingefühl und Verständnis. Aber gerade in den Führungsetagen zählt die soziale Kompetenz, worunter auch die Auseinandersetzung mit den eigenen wie ebenso fremden Gefühlen zählt, nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen – ohne das jetzt anklagen zu wollen. Es hat selbstverständlich Gründe, die weit zurückreichen in das Aus- und Weiterbildungssystem. Systemisch betrachtet ist Angst so komplex, wie das Streben nach Perfektion und Selbstoptimierung komplex ist. Um die damit verbundenen Ängste adäquat steuern und regulieren zu können, muss mindestens auf dem gleichen Komplexitätsgrad gearbeitet und gehandelt werden.[16] Solange jedoch die mit der Perfektion verbundenen Ängste verdrängt werden, kann man die übertriebene Perfektion nicht in stimmige Chancen überführen.[17] Mit Angst im Nacken läuft man zwar schneller, aber nur ein kurzes Stück. Die Mär, dass der Mensch unter Druck geistige Großtaten vollbringt, ist gefährlich. Das Gegenteil ist der Fall.[18]

Der Dauerdruck und die anhaltende Missstimmung sabotieren die Fähigkeit des Gehirns, sein Bestes zu geben, weil die im Angstzustand ausgeschütteten Botenstoffe Synapsen blockieren.[19]

Perfektionismus darf jedoch nicht nur negativ betrachtet werden. Ein gesundes Maß an Perfektionismus tut der Arbeit gut. Aber wohin die Gesellschaft mit dem Perfektions- und Selbstoptimierungswahn aktuell hinzusteuern scheint, das stimmt in keiner Weise positiv. Pörksen spricht vom Dilemma, vom Spannungsfeld der Professionalität und Menschlichkeit.[20] Doch es gibt gedankliche Geländer und Reflexionswerkzeuge, um mit der Perfektion und dem damit verbundenen Spannungsfeld in einer angemessenen Weise im Arbeitsalltag entgegenzutreten. Das dient einem doppelten Ziel: Der Selbstklärung und der Situationsklärung. Denn wer sich selbst begreift, kann Verführungen, worunter auch die Perfektion fällt, besser widerstehen bzw. auf diese in gesunder Weise reagieren. Und wer die Logik der Situation und die aktuellen Herausforderungen zu entziffern vermag, der kann situativ angebracht handeln – ohne in Hektik, in Kleinreden, Angst und Notlügen, … abzugleiten.[21] Achtsamkeit ist hierfür ein gutes Instrument, um mit dem Perfektions- und Optimierungswahn adäquat umgehen zu können, ohne diese verurteilen zu müssen. Achtsamkeit fördert die Selbstwahrnehmung, rational und emotional, hilft Ängste in Chancen zu überführen, Stress zu reduzieren, ein gesundes Maß zu finden und gleichzeitig die Empathie, das Mitgefühl zu fördern.

Achtsamkeit heißt, die Egozentrik des alltäglichen Ich-Bewusstseins zu überwinden, indem die egoistischen, emotionalen Antreiber wahrgenommen werden.[22]

Achtsamkeit ist meiner Erfahrung nach ein sehr guter Türöffner, um gelassener und damit gleichzeitig leistungsfähiger, wie auch konzentrierter zu agieren. Aber was ich in Bezug auf Achtsamkeitstrainings aktuell wahrnehme, das stimmt mich leider auch nachdenklich. Achtsamkeit wird von manchen in missbräuchlicher Weise genutzt, um gerade damit die Optimierung und das persönliche Leistungspotential zu erhöhen. An diesem Punkt ist Vorsicht geboten. Genau an dieser Stelle nehme ich wahr, dass etwas fehlt. Dieser fehlende Teil ist mir erst durch meine Verbindung von Achtsamkeit und Kampfkunst so richtig bewusst geworden. Im Aikido-Training, wenn mir ein/e PartnerIn (Gegner) gegenübersteht, wird mir bewusst, wie Achtsamkeit in Verbindung mit dem Du wirkt. Was Achtsamkeit eigentlich heißt. Es bedeutet zu fühlen, geistig und körperlich zu verstehen, dass der Gewinn über einen anderen keinen Fortschritt bedeutet. Es geht nicht darum, besser zu sein, mächtiger zu sein, schneller zu sein, optimierter zu handeln, …

Es geht um das Wahrnehmen und Spüren, um die daraus entstehende Erkenntnis, woran man selbst und der andere gerade leidet, welche emotionalen Befindlichkeiten in einem selbst und beim anderen das Miteinander blockieren.

Wenn man das zu fühlen im Stande ist, dann kann aus dem Perfektionsstreben und dem Optimierungswahn ein interessanter Tanz mit spannenden Einsichten werden. Dann öffnet sich das Feld der Kreativität, einer erfolgreichen Führung mit einer nachhaltig orientierten, verantwortungsbewussten Ausrichtung für die Zukunft.

Ihr Günther Wagner

 

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Literaturquellen:

[1] https://business24.ch/2014/04/28/mit-self-tracking-tools-die-arbeitsleistung-steigern/. Am 2018-01-24 gelesen.
[2] http://www.spiegel.de/karriere/self-tracking-im-job-die-besten-self-tracking-apps-fuer-manager-a-964940.html. Am 2018-01-23 gelesen.
[3] http://www.spiegel.de/karriere/self-tracking-im-job-die-besten-self-tracking-apps-fuer-manager-a-964940.html. Am 2018-01-23 gelesen.
[4] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/das_vermessene_selbst/. Am 2018-01-23 gelesen.
[5] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[6] www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/selbstoptimierung-sportpsychologen-warnen-vor-folgen-15403685.html. Am 2018-01-23 gelesen.
[7] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[8] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[9] www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/selbstoptimierung-sportpsychologen-warnen-vor-folgen-15403685.html. Am 2018-01-23 gelesen.
[10] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[11] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[12] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/muss_ich_perfekt_sein-1/. Am 2018-01-23 gelesen.
[13] https://www.everbill.com/kpi-abkuerzung/
[14] www.spiegel.de/karriere/self-tracking-im-job-die-besten-self-tracking-apps-fuer-manager-a-964940.html. Am 2018-01-23 gelesen.
[15] www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/wissenschaftler-poerksen-fuehrung-braucht-kein-befindlichkeitsgelaber-13251897.html. Am 2018-01-24 gelesen.
[16] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[17] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5110557/Dahinter-kommen-gut-gegen-Angst. Am 2017-09-12 gelesen.
[18] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[19] https://berufebilder.de/2016/angst-digitaler-transformation-falsche-glaubenssaetze-besiegen-groessten-innovationskiller/. Am 2017-09-12 gelesen.
[20] www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/wissenschaftler-poerksen-fuehrung-braucht-kein-befindlichkeitsgelaber-13251897.html. Am 2018-01-24 gelesen.
[21] www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/wissenschaftler-poerksen-fuehrung-braucht-kein-befindlichkeitsgelaber-13251897.html. Am 2018-01-24 gelesen.
[22] https://www.researchgate.net/publication/317097836_Mindfulness
. Am 2017-07-24 gelesen.

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