Weg vom Spezialisten hin zum Generalisten

 

Weg vom Spezialisten hin zum Generalisten

Ein höheres Bildungsniveau ist nicht nur erforderlich, sondern dank der neuen Technologien auch möglich.[1] Doch genügt das, um Lernen, Fort- und Weiterbildungen tatsächlich erfolgsversprechend zum Wirken zu bringen? Wann ist es überhaupt notwendig, eine Fortbildung anzusetzen? Und welche Bildungsmaßnahmen sind wirklich erfolgsversprechend?! Diese Fragen möchte ich in diesem Beitrag etwas genauer unter die Lupe nehmen.

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Es beginnt bei dem Punkt, dass sich die Geister scheiden, was die Kompetenzen und damit das Wissen der Führungskräfte und CEOs betrifft. Außenstehende würden sagen, dass das Management – heute im Jahr 2018 – einiges zu Lernen hat. Das Management selbst sieht das vielleicht nicht ganz so. 

Am Beispiel der digitalen Kommunikation zeigt sich, dass Deutschlands Management doch einiges an Wissenserweiterung notwendig hätte. Im Social-Media-Ranking steht Deutschland, gemeinsam mit Russland, weltweit auf dem letzten Platz.[2] Den einzigen Dax30-CEO, den man auf Twitter findet, ist Bill McDermott von SAP.[3] Der Ökonom Thomas Straubhaar meint, in Kinderzimmern findet sich mehr digitale Kompetenz als in den Chefetagen der Wirtschaft.[4] Ich möchte heute aber weniger die Kompetenzen und was gelernt werden sollte ansprechen, sondern vielmehr das Lernen als solches betrachten – insbesondere im Management. 

Prof. Dr. Gunter Dueck – Philosoph, Mathematiker, Autor und Gewinner des Wirtschaftsbuchpreises 2006 – beleuchtet kritisch die Lehrpläne der Universitäten und fragt sich, wie die Universitäten damit leben, dass StudentInnen in vielen Disziplinen vom gelernten Stoff später im Beruf „nichts“ gebrauchen können.[5]

Leider zeigt sich neben der oft unpraktisch vermittelten Wissensbildung, später nach Abschluss der Universität, zusätzlich noch eine Art Lern-Allergie. Viele ergreifen die Flucht, wenn es um Weiterbildung im Beruf geht, oft nicht einmal bewusst. Zum einen aus einer gewissen Überheblichkeit heraus, zum anderen jedoch aufgrund negativer Erfahrungen während des Bildungsweges. Bei manchen ist die Überheblichkeit, man wüsste schon alles, eine Not-Strategie, um der Lernmüdigkeit bzw. den Lernkrämpfen aus früheren Zeiten nicht mehr ausgeliefert sein zu müssen.[6] Das ist jedoch nur ein Aspekt in Bezug auf die oft nur beschränkte Weiterbildungsmotivation – zumindest ist das meine Erfahrung. Was ich vielmehr feststelle:

Es wird so getan, als ob man fleißig Weiterbildungen im Beruf anstrebt – meist sind es jedoch Weiterbildungen, die rein rational ausgerichtet sind. Hier greift noch ein gewisses Bestreben, das Wissen zu erweitern. Aber sobald es über den rationalen Bereich hinaus, in emotional verbundene Lerngebiete und um Verhaltensänderungen geht, werden Weiterbildungen zur Seite geschoben bzw. als nicht notwendig erachtet.

Lernen beginnt jedoch mit der Einsicht bzw. einer urteilsfähigen Selbstführung, indem man sich eingesteht, dass mit dem Lernen auch unangenehme Aspekte in Bezug auf das Erlernte wach ruft – sei es dem Eingeständnis, man ist gar nicht so gut wie man meinte, oder man spürt in Bezug auf das neu zu Erlernende eine weitreichende Wirkung, der man sich eigentlich nicht aussetzen mag.

Gerade im oberen Management zeigt sich in Bezug auf das Eingeständnis, die eigenen Kompetenzen könnten unter Umständen etwas Auffrischung benötigen, eine Art Taub- und Blindheit. Das darf jetzt auch nicht verurteilt werden, es ist genau genommen eine menschliche Reaktion. Es hat u.a. etwas mit dem Machtgefüge, und den damit verbundenen menschlichen Reaktionen zu tun. Macht verändert die Psyche und damit die Persönlichkeit.[7] Das wiederum wirkt auf das Selbstverständnis und auf die persönliche Urteilsfähigkeit, dass es unter Umständen an Wissen mangelt – selbstverständlich mit Ausnahmen.

 

70 Prozent der Old-School-ManagerInnen verbringen 70 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, ihre bisher erreichte Macht abzusichern anstatt Neues zu Lernen.[8]

Gerade heute in der digitalen Revolution ist jedoch die Kompetenzerweiterung nicht bloß im rationalen, technischen Fach, sondern auch im kreativen, intuitiven, emphatischen, mitfühlenden, universalen Bereich notwendig. Satya Nadella ist ein Vorbild darin, ebenso wie Jack Ma, der sehr eindringlich beim World Economic Forum 2018 über neue Wissenskompetenzen sprach. Dueck redet ebenfalls immer wieder davon, dass heute in VUCA-Zeiten eine neue Intelligenz bzw. eine neue Art der Bildung entwickelt werden muss. Dueck meint, es sei auf allen Ebenen notwendig, sich mit der Aufmerksamkeitsökonomie auszukennen, sowie eine Attraktionsintelligenz- und professionelle Medienkompetenz zu entwickeln. Ebenso müssen wir die emotionale Intelligenz couragierter anzugehen. Das Wissen im Kopf allein reicht nicht mehr aus.[9]

Es geht kein Weg mehr daran vorbei, man muss wieder zum Studium Generale zurückkommen.[10] Das ist die Meinung von Chris Boos, Hidden Champion des digitalen Zeitalters. Die von seiner Firma Arago entwickelte künstliche Intelligenz-Plattform Hiro setzt Maßstäbe. Auch Boos ist der Meinung, dass das mathematische, physikalische und technische Verständnis zwar notwendig ist, aber alleine nicht reicht. Man müsse, um in der digitalen Zeit weiterhin erfolgreich zu sein, auch wissen, wie die Gesellschaft funktioniert, sich der Werte bewusst sein, die die Gesellschaft zusammenhält. Denn wenn wirtschaftliche Entwicklungen menschliche Ethik zerstört, dann richtet es Schaden an.[11]

Bildung neu lernen

Wir müssen uns von der Spezialisierung verabschieden und auf ein breitgefächertes, weit über das rein rational technische Wissen hinausgehende einlassen.

An dem Punkt möchte ich Sie einladen, nicht nur einen Vorausblick zu wagen, was Bildung in der Zukunft verlangt, sondern auch einen Schritt in die Vergangenheit zu setzen. Denn dort finden wir in Bezug auf das Streben der Menschen nach Wissen interessante Ansätze. In einer bedeutenden griechischen Tragödie aus dem Jahr 458 v. Christus, in der Orestie, heißt es, dass in Bezug auf Wissen Zeus die Menschen auf den Weg zum richtigen Denken und zur Einsicht in das Ganze geführt habe. Die anderen sind daran gescheitert. Das göttliche Gesetz von Zeus beschreibt: Durch leiden lernen.[12] Genau das wollen wir jedoch nicht, aber gerade der Leidensaspekt, wenn dieser das Maß des Erträglichen überschreitet, ist der Auslöser, um etwas zu lernen bzw. zu verändern.

Der Leidensaspekt gehört zum Lernen, und dient als Sprungbrett zu neuem Wissen. Genau an diesem Punkt spielt Demut, Selbstreflexion und ein gnadenlos ehrlicher Blick in den Spiegel[13] eine wichtige Rolle. Wissenserwerb ist eben nicht bloß das Erweitern von rationalen fachlichen Komponenten, sondern beinhaltet neben der spezifischen Fachkomponente auch ein breitgefächertes Know-how. Genau das fordern gerade die IT-Spezialistinnen. Genau jene, wo man meinen könnte, Fachwissen sei das Um und Auf. Aus den Reihen der IT-SpezialistInnen ist zu hören, dass das Lernen viel zu einseitig und vor allem faktenbezogen betrachtet wird.[14] Das Lernen ist weit komplexer als das, was man oft unter Lernen versteht. Einige von Ihnen werden das auch so sehen. Manchen mag aber dieses komplexe Lernverständnis übertrieben erscheinen. Das kann ich gut nachvollziehen, denn für die meisten heißt Lernen, Informationen rational erfassen und bei Bedarf darauf zurückgreifen. Wissen und die darauf begründete Kompetenz braucht jedoch mehr.

Lernen ist das Wechselspiel von eigenem Wissen, eigener Visionen und Emotionen in Verbindung mit dem Wissen und den Visionen und Emotionen der anderen.

Der Erfolg von Google, Facebook und Co begründet sich nicht auf deren technisches Super-Know-How, sondern darauf, dass sie ein elementares menschliches Grundbedürfnis stillen, das Bedürfnis nach Information und Kommunikation.[15] In gewisser Weise nutzen Google und Co die kindliche Art des Lernens, die spielerische Weise sich neues Wissen anzueignen. Kinder lernen aus Leidenschaft, mit Körper und Emotionen. So braucht es eigentlich LehrerInnen/ ProfessorInnen/ TrainerInnen/ Coaches, die keine vorgefertigten Lernschemata abwickeln, sondern rational und emotional erkennen, was jemand noch nicht weiß bzw. nicht wissen möchte, und dies ehrlich und respektvoll anzusprechen wagt. Die eindringliche Aufforderung von Dueck heißt, dass aktuell in die professionelle und persönliche Entwicklung sehr viel mehr Energie gesteckt werden muss.[16]

6 Bildungs-Tipps

Zusammenfassend und den Text ergänzend möchte ich Ihnen 6 Tipps mitgeben, um Ihre persönliche Fort- bzw. Weiterbildung, sowie die Ihrer MitarbeiterInnen erfolgsversprechend anzugehen.

  1. Ergründen Sie ehrlich, ob eine Weiterbildung ansteht oder nicht. Wenn Widerstand hochkommt, dann haben Sie unter Umständen eine Kompetenzschwäche erkannt. Wagen Sie es, sich mit Ihren und den von Ihren MitarbeiterInnen aufkommenden Bildungswiderständen auseinanderzusetzen. Das wird vieles klären, und eine vertrauensvolle Lernbasis schaffen. Selbsterkenntnis, ein ehrlicher Blick in den Spiegel, und ein gutes Stressmanagement gehört zum Lernmanagement dazu.

  2. In diesem Zusammenhang ist Mindfulnesspraxis sehr hilfreich. Zum einen hilft es, Stress zu mildern, Lernwiderstände zu erkennen, und unbewusst Ängste in Bezug auf das zu Erlernende und die damit verbundenen Folgen aus dem Weg zu räumen. Zum anderen hilft die Praxis von Mindfulness die neu geforderten Kompetenzen, wie die Aufmerksamkeitsökonomie und Attraktionsintelligenz bestmöglich zu entwickeln. Achtsamkeit soll eine der wichtigsten Strömungen der Gegenwart und Zukunft werden – auch in der Wirtschaft.[17]

  3. Prüfen Sie die Weiterbildung auf Sinnhaftigkeit/Motivation. Lernen ohne Sinn ist bloß wie ein Windhauch. Er kommt und geht, ohne etwas tiefgründig und nachhaltig zu hinterlassen. Im Moment des Windhauchs mag dieser für manche erfrischend sein, aber sobald dieser weg ist, ist alles beim Alten. Der Sinn und die Motivation begründet sich in der emotionalen Berührtheit von dem zu Erlernenden. Dazu gehören nicht bloß die Freude und der Spaß, sondern unter Umständen auch Frust, Ärger oder sogar Traurigkeit. Gerade in diesem Zusammenhang ist die vorhin erwähnte Achtsamkeitspraxis äußerst hilfreich. Aus dem heraus kann in Folge für das zu Erlernende sehr viel an zusätzlichem Wissen und Innovationen gewonnen werden.

  4. Entwickeln Sie deshalb ein ganzheitlich ausgerichtetes Weiterbildungsprogramm inkl. Ergründung des individuellen Lerntyps gemeinsam mit dem Management und qualifizierten, erfahrenen BeraterInnen. Zum Lernen gehört Achtsamkeit, Leidenschaft, Emotion und Körperlichkeit – der rationale Aspekt wird sich dann fast von selbst manifestieren bzw. im Hirn als Erinnerung abspeichern. Das entwickelte Lernprogramm sollte so individuell wie möglich ausgerichtet bzw. adaptierfähig sein. Man sollte die unterschiedlichen Lerntypen mit dem Fortbildungsprogramm erreichen können.

  5. Geben Sie sich selbst und Ihren MitarbeiterInnen Zeit zum Üben, und schaffen Sie eine positive Fehlerkultur. Fehlermachen gehört zum Lernen dazu. Reflektieren Sie mit anderen über das zu Erlernende. Das Sprechen hilft, das neue Wissen besser, tiefgründiger und weitreichender zu verstehen, und darüber hinaus auch noch mögliche Blockaden oder gar Sinnfragen zu klären. Ebenso hilft es, ein handschriftliches Weiterbildungs-Tagebuch zu führen. Das Tippen in das Tablet/PC bringt kaum etwas.[18] Das kognitive und emotionale Erfassen der Zusammenhänge sind für das zu Erlernende unglaublich wichtig. Nur dann kann das neue Wissen wirklich greifen und sinnvoll wirken.

  6. Nutzen Sie Erinnerungshilfen – in Form von Gegenständen, inneren Bildern oder auch durch KollegInnen und MitarbeiterInnen. Das neue Wissen geht in der Hektik vom Arbeitsalltag leicht wieder verloren. Allzu leicht lässt sich das Neue durch negative Gedanken wieder einschüchtern und verschwindet im Hintergrund. Gleichzeitig dient die Erinnerungshilfe auch unserer Gedankenkontrolle.

Lernen wird heute die wichtigste Arbeit in der Arbeit werden – auch im Management. Davon wird die erfolgreiche Zukunft von einem selbst als Führungskraft und von Unternehmen abhängen.[19]

Ihr Günther Wagner

 

PS.: Vielen Dank für Ihr Interesse. Wenn Sie persönlich über zukünftige Beiträge informiert werden wollen, dann melden Sie sich einfach über diesen Link an.

 

Literaturquellen:

[1] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[2] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[3] https://www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/social-media-ranking-deutsche-ceos-auf-dem-letzten-platz_132_419690.html. Am 2017-08-01 gelesen.
[4] https://christinaboesenberg.de/2016/10/29/aufsichtsrat-4-0/. Am 2017-08-01 gelesen.
[5] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[6] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[7] http://www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/die_schattenseiten_der_macht/. Am 2017-06-26 gelesen.
[8] http://blog.anneschueller.de/warum-die-alten-von-den-jungen-nicht-lernen-und-in-alten-strukturen-verharren/. Am 2017-08-01 gelesen.
[9] https://www.huffingtonpost.de/marco-englert/digital-life-entwicklung-gunter-dueck_b_15339024.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[10] https://www.karrierefuehrer.de/digital/chris-boos-ki-interview.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[11] https://www.karrierefuehrer.de/digital/chris-boos-ki-interview.html. Am 2018-05-02 gelesen.
[12] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.
[13] www.ilwis-hr.com/news-detail/article/Buchtipp-die-stille-revolution/. Am 2018-02-20 gelesen.
[14] https://blog-wagner-consulting.eu/digitalisierung-wird-unterschaetzt/.
[15] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5225660/Selbstfuehrung-in-einer-komplexen-Welt. Am 2017-08-01 gelesen.
[16] http://archiv.omnisophie.com/downloads/10.1007_s00287-011-0581-4.pdf. Am 2017-08-01 gelesen.
[17] https://blog-wagner-consulting.eu/slowness-trend-wirtschaft/.
[18] http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-11/Manfred-Spitzer-Lernmythen. Am 2017-08-02 gelesen.
[19] http://karrierenews.diepresse.com/home/ratgeber/management/5233453/Lernen-statt-leiden. Am 2017-08-01 gelesen.

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