Wachstum und Gewinne sichern Zukunft?!

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Wachstum und Gewinne sichern die Zukunft?!

  • Unternehmen brauchen Wachstum, um investieren zu können, MitarbeiterInnen zu beschäftigen, global mit der Konkurrenz mithalten zu können, Innovationen zu tätigen, …

  • Viel wird getan, um die Gewinne zu forcieren, um das Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten, um die Konkurrenz abzuhängen.

 

Doch irgendwo hakt es

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Der Markt erscheint mir manchmal wie ein Formel 1 Rennen. Jeder will als erster ans Ziel, oder zumindest bei den Ersten sein. Das bringt Anerkennung, das bringt Geld und damit die Möglichkeit, noch besser zu werden. Das klingt plausibel und verständlich. Nach außen hin scheint alles zu passen, alles gut zu laufen. Aber irgendetwas nagt im Inneren, so als ob langsam, ungesehen eine Krankheit im Anmarsch ist. Man spürt vielleicht hie und da, dass irgendetwas nicht ganz in Ordnung ist, aber es zeigt sich noch nicht konkret was. Das Erfolgsstreben macht weiter, so als ob nichts wäre. Aber dann, plötzlich, meldet sich ein Zellhaufen namens Krebs, dessen Drang zu wachsen naturgegeben groß ist. Das Krebsgeschwür tut das, wofür es von der Natur her zu leben bestimmt ist. Dem Krebsgeschwür darf keine Schuld gegeben werden. Vom Standpunkt der Krebszelle ist uneingeschränktes Wachstum legitim, sogar überlebensrelevant. Doch die Krebszellen zahlen dafür einen Preis. Irgendwann einmal haben die Krebszellen ihren/ihre WirtIn aufgefressen, und dann dürfen sich alle, die Krebszellen gemeinsam mit ihrem/ihrer WirtIn, vom Leben verabschieden.

  • Genau an diesem Punkt möchte ich jetzt eine kurze Denkpause machen.

  

Mag sein, dass einige unter Ihnen den Vergleich, manches in der Wirtschaft agiere wie eine Krebszelle, zu weit hergeholt sei und nicht stimmt. Unter Umständen ist dieser Vergleich von mir wirklich an den Haaren herbeigezogen, doch eines ist Gewiss: Die Wirtschaft steckt immer wieder in Krisen und Krankheiten, die es zu meistern gilt. Und dafür braucht es Einsichten und neue Strategien zur Wahrnehmung der Symptome, um die Krisen erfolgreich zu bewältigen. Deshalb möchte ich jetzt mit Ihnen ein kleines Gedankenexperiment durchführen:

Vielleicht wollen Sie sich für einen kurzen Augenblick vorstellen, dass ein Unternehmen, es muss nicht Ihres sein!!!, als Krebszelle agiert. Dieses Unternehmen ist hoch erfolgreich, erzielt weltweit Gewinne, kauft andere auf, investiert in die Forschung und Entwicklung, wird noch besser, überholt die Konkurrenz von allen Seiten, … Die ManagerInnen werden gehypt, werden mit Anerkennung überschüttet, sehen sich im Licht der Erfolge, … Die Krebszelle Unternehmen wächst und gedeiht. Die ManagerInnen unterstützen das, sie wollen den Erfolg für sich ernten, streben nach Anerkennung, Belohnung, … Das Unternehmen wird weltweit geachtet, als das Unternehmen im 21 Jhdt. gerühmt.

  • Was löst das bei Ihnen aus?

  

Auch ich stelle mich jetzt diesem Gedankenspiel, und ich muss sagen: Die Vorstellung, manche Unternehmen könnten Krebszellen sein, beunruhigt mich. Ich persönlich möchte nicht erleben, was es heißt, wenn die Krebszellen zu stark werden, und die anderen Zellen vernichten. Die Krebszellen trifft nicht die Schuld, sie wachsen unaufhörlich und uneingeschränkt, weil es ihre Lebensbestimmung ist. Aber es hat Folgen. Spiele ich das Gedankenexperiment durch und sehe manche Unternehmen wie Krebszellen agieren, dann erblicke ich unweigerlich Folgen für andere Unternehmen, aber auch für ganze Gesellschaften und Staaten, für die ganze Welt. Die Krebszellen streben nach immer mehr, sie selbst wachsen und gedeihen, die anderen verlieren aber, werden schwach. Im übertragenen Sinn könnte das heißen, dass die Mittelschicht der Gesellschaft schwach wird. Damit reduzieren sich die Steuerzahlungen. Der Staat verliert deutlich an Steuereinnahmen, beginnt noch mehr zu sparen. Das hat unangenehme Folgen für die öffentliche Sicherheit (Polizei und Militär), die Infrastrukturen verschlechtern sich, die Ausbildungen leiden, es kommt zum FacharbeiterInnenmangel, die medizinische Versorgung muss Einschränkungen hinnehmen, … Die Energiewende kommt ins Stocken, der Klimawandel ist nicht mehr zu stoppen, …

Ich könnte das Gedankenexperiment noch weiter führen, aber ich setze jetzt bewusst ein Stopp. Vielleicht sind Ihnen meine Gedanken, und die Verknüpfung der Wirtschaft mit dem Wachstum von Krebszellen zu theatralisch, unrealistisch und wirtschaftsfremd. Diese Meinung kann ich nachvollziehen, aber mich drängt etwas dazu, Sie zum Nachdenken anzuregen: Mich drängt der Gedanke, dass unter Umständen meine Töchter, mein Sohn und meine 3 Enkelkinder eine Zukunft haben, in der die Balance zwischen den sozialen Schichten kippt, es unter Umständen sogar zu einem Verteilungskrieg kommt. Ich habe Sorge, dass meine 4jährige Tochter und meine Enkelkinder beruflich kaum noch frei wählen können, was sie gerne machen möchten, weil aufgrund der rasant voranschreitenden Digitalisierung sich viele Berufe in Luft auflösen. Es mag sein, dass einige neue Berufe hinzukommen. Aber glaubt man den Sozial- und ZukunftsforscherInnen zumindest in Ansätzen, dann können diese neuen Berufssparten das Manko der sich im Auflösen befindlichen Berufe bei weitem nicht auffüllen. Mich drängt die Sorge, dass die Parteienlandschaft aufgrund der allgemeinen anwachsenden Unsicherheit immer mehr nach Rechts drängt. Das verengt den Blick noch weiter. Denn ich möchte meinen Kindern und Enkelkindern einen freien Blick in das Leben ermöglichen, und keinen eingeschränkten, verängstigenden Anblick, …

Und so frage ich mich, ob Ihnen als Führungskraft, Ihnen als Mensch die Zukunft Ihrer Nachkommen nicht wichtig ist?! Macht es Ihnen keine Sorge, wenn Unternehmen wie Krebszellen das Weltgeschehen beeinflussen, Gewinne maximieren, damit unbewusst Ängste auslösen, dadurch möglicherweise einen Rechtsruck anregen, …?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will niemanden beschuldigen. Aber mich drängt die Sorge, dass die Zukunft der nächsten Generationen unter Umständen deutlich schlechter wird, als unsere es war. Mag sein, dass meine Sorgen ungerechtfertigt sind. Wenn dem so ist, dann akzeptiere ich das mit einem erleichternden „Entschuldigen Sie bitte, ich lag falsch mit meinen Prognosen bzw. Ansichten“.

  • Was ist, wenn jedoch ein Funken Wahrheit in meinen Befürchtungen liegt?

  • Was ist, wenn die Krebszellen in der Wirtschaft weiter wachsen und ihre Gewinne auf Kosten anderer maximieren?

  • Was passiert, wenn die soziale Mittelschicht tatsächlich schwächer wird?

  

Eines ist Gewiss: Ich bin nicht der einzige, der diese Sorgen schon mit sich trägt. Nicht grundlos veröffentlichen Medien unter den Namen, „Panama Papers“ und „Paradise Papers“, das Verhalten von bestimmten Unternehmen. Manche meinen, das sei doch ein Journalisten-Anerkennungs-Trip und Neidspiel. Mag sein, aber gleichzeitig zeigt sich leider auch, dass zwar das Handeln der Unternehmen in Bezug auf deren Gewinnmaximierungen und Steuerzahlungsumgehungen legal sind, aber auf Dauer sicher nicht zum Vorteil vieler Menschen gereicht. Diese „legale“ Steuervermeidung führt so zu einer Konzentration des Reichtums. So verabschieden sich einige Promis und Reiche, GeschäftsführerInnen und Politikerinnen, sowie Unternehmen aus der Solidargemeinschaft auf Kosten der Allgemeinheit. Dabei brauchen wir gerade jetzt, in Zeiten des Umbruchs, wo sich die alten Strukturen der Industriegesellschaft auflösen und wir in das Digitale Zeitalter eintreten, eine gut funktionierende Infrastruktur, die allen Mitgliedern der Gesellschaft Bildung, öffentliche Sicherheit, medizinische Versorgung, Einkommen zur Sicherstellung einer angemessenen Lebensweise, Altersversorgung, … ermöglicht. Doch wenn sich Unternehmen wir Krebszellen aus dem Solidarprinzip verabschieden, dann hat das Folgen, die wahrscheinlich gravierender sein werden als das, was wir lax als Zweiklassengesellschaft bezeichnen.

Diese legalen Strategien zur Steuervermeidung sind ein Teil unseres heutigen Wirtschaftssystems, welches der Ökonom und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit einer „Zeitbombe“ vergleicht. Nach seinen Worten hat das kapitalistische System einen Hauptfehler: Die Konzentration des Reichtums. Daher fordert Yunus ein weltweites Umdenken und ruft dazu auf, unser Wirtschaftssystem auf neuen Werten aufzubauen. „Der Mensch ist nicht nur egoistisch, er ist auch altruistisch“, betonte er. „Wir müssen Unternehmen schaffen, die auf die Probleme der Menschen reagieren, und nicht nur wie Krebszellen Geld für sich selbst erwirtschaften.“[1] Heiner Geißler drückte es so aus: „Es ist eine moralische Krise, die wir heute erleben, wo die Gier nach Geld die Hirne dieser Menschen regelrecht zerfressen hat.“[2] Reinhold Messner spricht von einer Krise des Sattseins.[3] Und ich spreche von einer Sinnkrise, davon, dass Menschen die Bedeutsamkeit von dem was sie tun in der leibhaftigen Form des Erlebens und den positiven Gewinn ihrer Handlungen für sich und andere verloren haben.

Doch kann man sich wirklich vorstellen, dass sich ein/eine FondsmanagerIn beispielsweise auf der Apple Hauptversammlung hinstellt und folgende Aussage trifft: „Lieber Tim Cook, wir möchten, dass Apple ab sofort mehr Steuern zahlt!“[4] Eher nicht. Und so könnte es kommen, dass die Krebszellen in der Wirtschaft immer mehr wachsen und gedeihen, Ihr Leben und mein Leben irgendwann deutlich spürbar beeinflussen.

Eine Lösung kann ich Ihnen jetzt im Moment nicht konkret nennen. Das hat einen Grund: Es braucht eine ehrliche Einsicht, Demut darüber, dass tatsächlich etwas schief liegt und man was tun sollte. Solange man jedoch mit dem, wie es, ist zu leben bereit ist, sich damit arrangiert, hilft keine Intervention. Die Macht der Gewohnheiten ist stark, und es braucht wirklich viel Reflexion für die Bereitschaft, die eigenen Komfortzonen zu verlassen und neue Wege zu gehen. Das ist tatsächlich eine sehr, sehr große Herausforderung. Deshalb kann es niemandem übel genommen werden, sich lieber mit Krebszellen zu arrangieren, als das Krebszellensystem zu verlassen bzw. neue Lösungen zu finden. Ich selbst werde auch hin und her geschleudert! Das gehört jedoch meiner Erfahrung nach dazu, das ist der Transition-Prozess wie er leibt und lebt. Man hängt am und im Alten, auch wenn es einem gar nicht so gut tut. Man wünscht sich was Neues, etwas Gesundes, aber das Gesündere ist scheinbar nicht greifbar, und so hält man weiter fest am Alten, am Ungesunden – bis zum nächsten Änderungsversuch.

Ihr Günther Wagner

 

Literaturquellen:

[1] https://www.welt.de/newsticker/news1/article170423375/Friedensnobelpreistraeger-Yunus-kritisiert-Zeitbombe-des-Finanzsystems.html gelesen am 19.11.2017.
[2] Geißler, Heiner in: ARD, hart aber fair. 24.10.2011.
[3] Messner, Reinhold: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. München: BLV Buchverlag GmbH & Co.KG. 2010. S. 62.
[4] http://www.fondsprofessionell.at/news/meinung/headline/steuervermeidung-nagelprobe-fuer-nachhaltigkeitsinvestoren-138678/ gelesen am 19.11.2017.

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