Illusionen
ZUKUNFTSOPTIMISMUS – ODER ALLES NUR EINE ILLUSION?

ZUKUNFTSOPTIMISMUS – ODER ALLES NUR EINE ILLUSION?

Niemand kann und wird abstreiten, dass das Jahr 2020 Politik, Wirtschaft, Gesellschaft in kaum vorstellbarer Weise aufgerüttelt hat – manche mit ungeahnten Gewinnen, andere mit ungeahnten Geschäftseinbußen.

Der Druck, aber noch viel mehr der Wunsch der Unternehmen, trotz Corona erfolgreich das neue Jahr 2021 zu starten, versetzt vermutlich viele zum Jahresende in einen zwangsoptimistischen Aktionismus. Der Zukunftsoptimismus, eine so ausgerichtete Strategie mag durchaus Sinn machen, motivieren, Sicherheit geben, aber vielleicht genau deshalb an der Realität, und damit auch an der Zukunft vorbei zielen.

Warum, weil ich glaube, wir müssen in Zukunft weit mehr aufpassen, uns nicht von Wunschbildern und Vereinfachungen täuschen zu lassen. Solche Wunschbilder und einfachen Lösungen machen uns unflexibel, uneinsichtig, sogar träge. Und genau damit verbauen wir uns die Zukunft – einerseits, weil wir als Unternehmen das komplexe wirtschaftliche Beziehungsgefüge unterschätzen, die dadurch notwendig zu setzenden Veränderungen übersehen, und andererseits, weil wir die im Untergrund schmorenden Krisen, Klimakrise, EU-Krise, Flüchtlingskrise noch immer klein reden, es verabsäumen uns zeitgerecht darauf vorzubereiten.

Die Forschung untermauert sehr deutlich, dass wir allzu gerne Illusionen, Wunschbildern erliegen.[1] Der heikle Punkt ist jedoch weniger das Wunschbild selbst, die dadurch verzerrte Realität, sondern der Glaube daran, dass Wunschbilder gleichzusetzen sind mit Wahrheit. Und keines der Wunschbilder ist fähig, in komplexen Strukturen zu denken.

Egon Zeimers, Systemdenker, sieht die größte Herausforderung unserer Zeit dahingehend, sich endlich wirklich richtig der Komplexität zu stellen – was wir aber nicht tun, weil das Angst macht.[2] Und genau damit schließt sich der Kreis, wir feiern weiterhin Lösungen, die bei genauer Betrachtung keine adäquaten Lösungen sind. Diese Verzerrung der Realität, nach Zeimers ein Wahrnehmungsproblem, wirkt auf 2 Ebenen:[3]

Zum einen wirkt es als individuelle Wissensillusion, mit der jeder und jede persönlich versucht bestmöglich zu überleben – meist in der Weise, komplexe Sachverhalten zu zerstückeln und kleine isolierte Lösungen zu finden. Das Problem entsteht dann, wenn wir vom Kleinen auf das Große schließen, ohne zu berücksichtigen, dass das Weltgeschehen komplex miteinander verwoben agiert, und Teilerkenntnisse mit spezifischen Lösungen nicht direkt auf das Ganze einfach so umgelegt werden können.

Zum anderen erliegen wir der Gruppenillusion, mit den gleichen Herausforderungen wie auf der individuellen Ebene. Hier wirkt der Mechanismus, dass man meint, wenn eine große Gruppe von Menschen bzw. ein System, wie beispielsweise Politik oder Wirtschaft durch die ExpertInnen bestärkt, Herausforderungen scheinbar durchschaut und Lösungen findet, dann wird das schon für das gesamte System passen.[4] Nach Zeimers ist das jedoch nicht der Fall. Im Gegenteil, die Coronakrise verdeutlicht, dass man nicht imstande ist, angemessen auf komplexe Phänomene als Gruppe zu reagieren. Man konzentriert sich aktuell in der Coronakrise auf Leben retten, und zerstört gleichzeitig wirtschaftliche und persönliche Existenzen. So ein Handeln kann man nach Zeimers in keiner Weise als erfolgsversprechend bezeichnen – das ist eine illusionierte Wahrnehmung von Erfolg.[5]

Das Ziel sollte vielmehr sein, mit Komplexität in Zukunft besser fertig zu werden, differenzierte Herausforderungen zu analysieren, mit dem Blick für das Ganze. Das heißt, Probleme so zu lösen, dass mit den Lösungen nicht gleichzeitig zusätzliche Probleme geschaffen werden – was aktuell in der Coronakrise als Negativbeispiel leider global Furore macht.[6]

Es ist zwingend notwendig, ein Problem in seinem Kontext zu sehen, sprich im Kontext von anderen Problemen, Aufgaben und Herausforderungen. In hochkomplexen Zeiten ist eine ganzheitliche Betrachtung über einen bestimmte Zeit hinaus gesehen überlebenswichtig. Nur so kann man die Schaffung von Problemen in Kaskaden vermeiden und nachhaltig Lösungen erarbeiten, nachhaltig den Erfolg sichern.[7]

 

RESÜMEE MIT VORAUSBLICK

Krisen gab und wird es immer geben. Nach Zeimers leben wir in einem fortlaufenden Krisenmodus, in einer Krisenkrise. Das blenden wir jedoch genauso gerne aus, wie beispielsweise die uns alle betreffende Klimakrise. Was viele der Krisen eint, ist die bittere Erkenntnis, dass diese Krisen, manche scheinbar vollkommen unerwartet und unvorhersehbar als Schwarze Schwäne aufgetaucht, eben kein Zufall sind.[8]

Weit öfter als gedacht gibt es Vorzeichen oder auch analysierende Konstellationen, die scheinbar zufällige Phänomene zum Leben erwecken können. Insbesondere hochkomplexe, ineinander verflochtene Systeme sind mit vielen Krisen, mit vielen Schwarzen Schwänen schwanger, man weiß nur nicht, wann welcher Schwan gebärt. Je komplexer, verflochtener Systeme sind, desto weitreichender sind auch die Wirkungskreise beim Auftauchen von einem Schwarzen Schwan bzw. einer damit verbundenen Krise.

Mit Corona sind wir aktuell mehr denn je gefordert, komplexe Verflechtungen anzuerkennen, gleichzeitig einzusehen, wie stark die Kraft der Wissensverzerrung solchen komplexen Einsichten und Lösungen im Wege steht. Um 2021 mit mehr Resilienz den Herausforderungen entgegenzutreten, sollten wir die Lockdown-Feiertage nutzen, unser Wissen und unsere Meinungen zu hinterfragen – beginnend mit der Tatsache, dass wir vieles einfach nicht bewusst wahrhaben (wollen).

Es mangelt an ehrlicher, selbstkritischer, fachspezifischer, wie auch fachübergreifender Reflexion. Spezialisierungen, Silomentalitäten täuschen Sicherheiten vor, die aber in einer komplexen Welt nicht unbedingt immer wirken. Zu sehr vertieft und verliebt in die eigene Profession, auf das eigene Fach, überschätzen wir die damit verbundenen Erkenntnisse im Gesamtkontext. Und je nachdem, welche Spezialisierung gerade sehr beliebt ist, wird diese entsprechend auf das Podest gestellt, als relevant und manchmal sogar als universal wirksam anerkannt. Das möchte ich in keiner Weise klein reden, doch zumindest überdenken, was eine solche Konzentration auf einzelne Spezialisierungen für Folgen hat?!

So wie wir Sachverhalte in leicht zu nehmende Happen reduzieren, so eingeschränkt gehen wir auch mit unseren Ängsten um. Das Fatale daran ist, dass wir übersehen, wie weitreichend Angst in unterschiedlichen Schattierungen, aus unterschiedlichen Gründen unsere Entscheidungen beeinflusst. Existenzangst, persönliche Komplexe, verdrängte Minderwertigkeit, Angst, nicht mithalten zu können, Angst vor Konkurrenz, Angst von anderen ausgeschlossen zu werden, Angst, Fehler zu machen, … prägen unbewusst Entscheidungen und Meinungen.

Die Angst im Nacken versuchen wir abzuschütteln, klein zu reden, weil wir unbewusst spüren, dass die Angst uns im Alltag hinderlicher im Weg steht – insbesondere im Umgang mit komplexen Herausforderungen. Angst passt außerdem nicht in das Bild unserer Gesellschaft, die angeblich doch durch bestmögliche Spezialisierung, Kontrolle, bestmöglich Sicherheit kaum noch Anlass gibt, Angst haben zu müssen. So gesehen denken wir fast schon schizophren, und das macht zusätzlich innerlich Druck. Wir versuchen dann mit scheinbar gut untermauerten Strategien der Sache Herr/Frau zu werden. Der Bruder der Angst, der Stress, gibt uns die nötige mobile Kraft, das durchzustehen.

Stress, der Bruder der Angst, die 2. Seite der Medaille mobilisiert die Kraft, um trotz Angst auf der Bühne selbst handlungsfähig zu bleiben, anzugreifen oder zu fliehen. Manchmal mag der Bruder Angst klein sein, unbedeutend erscheinen und man könnte glauben, es macht beispielsweise nur das Zuviel an Arbeit Stress. Ja, mag sein, und doch zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass Stress oft mit Angst Hand in Hand das Geschehen lenkt, Realitäten verzerrt, weitreichende komplexe Verknüpfungen übersieht und damit viele neue Probleme schafft.

Und dann haben wir neben Unbewusstheit, Angst, Stress noch fehlende Vorstellungskraft, fehlende Phantasie, womit das, was auf der Welt geschieht, zusätzlich noch eingeschränkter gesehen wird. Würden wir mit etwas mehr Offenheit und Phantasie die Ereignisse der Welt betrachten, würden wir vielleicht sehen, dass es deutlich mehr Verbindungen zwischen den Systemen gibt, deutlich mehr Abhängigkeiten – aber vielleicht damit auch mehr Unsicherheiten. Und genau deshalb versuchen wir die Komplexität aufzulösen. Die Komplexität macht Angst, und dieser wollen wir entrinnen, in kontrollierbare Einheiten stecken, die man getrennt voneinander zu beherrschen sucht. Das mag sogar eine Zeit lang halbwegs funktionieren, aber auf Dauer ist das keine erfolgsversprechende Strategie. Abgesehen davon verliert man mit einer solchen Taktik Energie, brennt aus.

Thomas Wilhelm, Didaktikprofessor, setzt an dieser Stelle der Aufklärung auf eine Aufbau- statt auf eine Konfliktstrategie:[9]

Wilhelm versucht beispielsweise richtige bzw. andere Vorstellungen zu vermitteln, ohne die Falschen bzw. Eingeschränkten zu aktivieren, und damit eventuell sogar noch zu verstärken, um sich nicht die Blöße von Angst, Stress oder fehlender Reflexion geben zu müssen. Ich persönlich positioniere diese Strategie mit der Methode der Idiolektischen Gesprächsführung.

Wilhelm wie auch mir geht es darum, Illusionen, Täuschungen nicht zu verurteilen, sondern die Bedeutung dieser klar herauszustreichen, dass man beispielsweise mit eingeschränkten, fixierten Meinungen im Alltag relativ weit kommen kann, aber ebenso aufzeigt, dass man genau damit an Grenzen stößt. Deshalb ist mir ein offener, respektvoller Diskurs so wichtig. Im Diskurs können verzerrte Realitäten, Elfenbeintürme, Perspektiveneinschränkungen, verdrängte Ängste, negierter Stress vertrauensvoll identifiziert werden, in eine gesunde Balance zur Realität gebracht werden. Damit versuche ich die leider viel zu wenig beachtete Resilienz, neu ins Bewusstsein zu holen, um die nächsten Herausforderungen statt mit Stress, negierter Angst und Realitätsverzerrung, mit mehr Weitblick und einer stabilen emotionalen Kraft durchzugehen.

Genau das war auch der Grund, warum ich mich in diesem Jahr, im Coronajahr 2020, über längere Zeit mit meinen Social Media Aktivitäten stark zurückgenommen habe. Ich hatte das Gefühl, es macht gerade keinen Sinn, durch die Maßnahmen von Corona alle Aktivitäten einfach nur ins Netz zu verlagern. Ich versuchte viel mehr weitreichend die Chancen und Herausforderungen zu verstehen, ganz im Verständnis von Zeimers, Krisen im Kontext seiner Umwelten zu fühlen. 

Der weihnachtliche, über das Neujahr gehende Lockdown ist dahingehend ebenfalls ein guter Zeitpunkt, um eine tiefgreifende Ist-Analyse und neue Sicht auf das Jahr 2021 zu machen. Ich weiß, dass ist alles andere als das, was die meisten von uns wollen. Doch es ist das, was Dir im kommenden Jahr 2021 helfen wird, Deine Kraft besser zu bündeln, resilienter zu werden, Stress und Ängste anzuerkennen und die damit verbundenen Blockaden, Realitätsverzerrungen systematisch aufzudecken – bei Dir selbst wie auch in Deinem Team.

Ich rate Dir wirklich, die Lockdown-Feiertagen als Reflexionszeit zu nutzen. Wenn Du das tust, dann versuche vielleicht für den einen oder anderen Tag auf Dein Handy komplett zu verzichten, darüber hinaus darauf zu achten, wie oft Du in Deinen Gedanken Dich nur in einem eingeschränkten Feld bewegst, und auf bestimmten Meinungen fixiert beharrst. Wenn Du merkst, dass dem so ist, dann mag ein kleines Gedankenspiel eine nette Abwechslung bringen mit vielleicht sogar erstaunlichen Ahas:

Wähle eine Überzeugung, die Dir gerade durch den Kopf geht, und von der Du so richtig felsenfest überzeugt bist. Diese Ansicht mag Dir sehr wichtig sein, bestätigt Deine Entscheidungen und zukünftigen Ziele.

Und jetzt wagst Du einen spielerischen Sprung und denkst genau das Gegenteil zu Deiner vorhin gewählten Ansicht – so als ob Du ein/e SchauspielerIn bist, der/die eine neue Rolle einnimmt.

Versuche es einmal für ein paar Minuten und prüfe, wie es Dir mit den gegenteiligen Überzeugungen geht:

Vielleicht sträubst Du Dich innerlich dagegen, das genaue Gegenteil Deiner Überzeugungen zu glauben?

Aber vielleicht findest Du dieses Experiment, das Gegenteil Deiner Überzeugungen als Deine neue Überzeugung anzunehmen und damit gedanklich zu spielen, spannend, vielleicht sogar erleichternd. Möglicherweise kannst Du mit einer anderen Ansicht entspannter atmen und lächeln, weil plötzlich ein Druck von Dir weicht …

Wie dem auch sei, in dieser Übung gibt es kein richtig oder falsch. Es geht lediglich darum, die Perspektivenvielfalt wahrzunehmen, u.a. auch zu merken, dass man mit einer anderen Überzeugung andere Kräfte in sich mobilisieren kann, möglicherweise keine Angst, keinen Stress spürt. Vielleicht merkst Du, dass Du sogar andere Entscheidungen treffen würdest, plötzlich mehr Ideen hast, wie Du ein bestimmtes Problem lösen könntest. Was auch immer Du im Gedankenspiel erfährst, es ist auf jeden Fall eine Auflockerung, eine Stärkung, und Bewusstseinserweiterung, die wir aktuell so gut wie alle brauchen können.

Ich wünsche Dir, uns allen, einen realistischen Optimismus, Resilienz stärkende Tage, und ich freue mich, gemeinsam mit Dir das kommende Jahr 2021 mit neuen Ideen und spannenden Erkenntnissen gestalten und bereichern zu können, ohne dabei die nächsten großen Krisen negieren bzw. klein reden zu müssen.

Günther

 

PS: Um meine zukünftigen Beiträge, insbesondere News im Umgang mit der Corona-Krise mitbekommen zu können, folgen Sie mir auf LinkedIn, Xing und Twitter. Darüber hinaus finden Sie in der Gruppe „Leadership Café …“ neben meinen Beiträgen ebenso Beiträge anderer HR Influencer. 

 

Informationsquellen:

[1] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[2] https://www.grenzecho.net/41989/artikel/2020-09-15/jede-krise-ist-eine-krise-des-systems-im-kontext-seiner-umwelt. Am 2020-12-22 gelesen.
[3] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/38993-die-leute-wissen-nicht-wie-unwissend-sie-sind.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[4] https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/39375-mythen-der-kuechenpsychologie.html. Am 2018-10-02 gelesen.
[5] https://www.grenzecho.net/41989/artikel/2020-09-15/jede-krise-ist-eine-krise-des-systems-im-kontext-seiner-umwelt. Am 2020-12-22 gelesen.
[6] https://www.grenzecho.net/41989/artikel/2020-09-15/jede-krise-ist-eine-krise-des-systems-im-kontext-seiner-umwelt. Am 2020-12-22 gelesen.
[7] https://www.grenzecho.net/41989/artikel/2020-09-15/jede-krise-ist-eine-krise-des-systems-im-kontext-seiner-umwelt. Am 2020-12-22 gelesen.
[8] https://www.grenzecho.net/41989/artikel/2020-09-15/jede-krise-ist-eine-krise-des-systems-im-kontext-seiner-umwelt. Am 2020-12-22 gelesen.
[9] https://www.psychologie-heute.de/leben/39043-wir-naiven-welterklaerer.html. Am 2018-10-02 gelesen.